Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Wolfgang Vollmer

Monat der Fotografie 2014 in Berlin (2)

Dass ich mich in meiner Arbeit über die Kunstwelt lustig mache, heißt nicht, dass ich meine Arbeit nicht ernst nehme [Sherrie Levine, Konzeptkünstlerin (Appropriation Art)]

Gestern Abend zitierte Christine Frisinghelli, Graz, die Künstlerin Sherrie Levine am Ende ihrer Einführung zur Ausstellungseröffnung von Wolfgang Vollmer, Köln, in der oca Gallery in der Potsdamer Straße. Und diese Worte charakterisieren die Arbeiten „Meisterwerke der fotografischen Kunst – Die Sammlung Vollmer – 175 Jahre Erfindung der Fotografie“ sehr treffend.

Sherrie Levine wurde mit ihrer aneignenden Arbeit „After Walker Evans“ berühmt: Sie fotografierte aus Evans Bildbänden Fotos ab und stellte sie unter ihrem Namen aus. Inzwischen hat ein Michael Mandiberg (sozusagen ein Appropriationist der zweiten Generation) wiederum Levines Kopien abfotografiert und als „After Sherrie Levine“ veröffentlicht. Das reizte natürlich auch Wolfgang Vollmer: Er schuf ein Foto, das in der Ausstellung wie folgt beschrieben ist: „Unbekannter Fotograf. Original-Reproduktion einer Foto-Arbeit von Louise Lawler, Sammlung Eaine Stuyvsant, 1995 mit „After Walker Evans“ von Sherry Levine, 1981, hier: Walker Evans, Penny Picture Display, 1936, 2014″. Das Original von Walker Evans ist übrigens zurzeit im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

„Will man herausfinden, wie etwas funktioniert, gibt es ein probates Mittel – man zerlegt es. Man versucht ein Drei-Männer-Porträt vor einer weiten Landschaft zu verstehen – man findet drei Männer, eine weite Landschaft und stellt sie wie in der Vorlage auf. (Gemeint ist hier das berühmte Foto „Drei Jungbauern auf dem Weg zum Tanz“ von August Sander. Anmerkung F.D.) Und dann erkennt man, dass einige Elemente Wirkung haben, andere nicht. Am Ende weiß man, wie jedes Detail dieser Fotografie wirkt, weil man jedes Detail in der Hand hatte. Man hat die Szene durchlebt (Reenactment), hat sie sich angeeignet (Appropriation), hat sie nachgeahmt (Mimikry). Will man also herausfinden, wie etwas funktioniert, gibt es ein probates Mittel, man setzt es wieder zusammen“ [Wolfgang Vollmer].

"Wolfgang Vollmer vor 'Fotografien des Committee of Unknown Planes (CUP)' in der oca Gallery", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Wolfgang Vollmer vor ‚Fotografien des Committee of Unknown Planes (CUP)‘ in der oca Gallery“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die „Sammlung Vollmer“ begann vor 30 Jahren als „Sammlung Tillmann und Vollmer“. In der Werkstatt für Photographie in Kreuzberg sahen wir zur Vernissage am 20. September 1985 erstmals diese Bilder. Inzwischen hat Vollmer seine Serie alleine weiter geführt; etwa ein Viertel der ausgestellten Arbeiten stammt noch aus der Ursprungs-Sammlung.

Die Ausstellung läuft nicht offiziell unter dem Logo des Monats der Fotografie in Berlin, aber sie gehört ganz sicher zu den sehenswerten fotografischen Arbeiten dieser Wochen in Berlin. Die Ausstellung in der oca Gallery ist noch bis zum 29.11.2014 zu besichtigen. Siehe auch meine Übersicht „Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin„.

Fotografiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei! [Martin Kippenberger, zitiert von Bernd Dicke in der Zeitung „Meisterwerke der fotografischen Kunst“, die zur Ausstellung erschienen ist.]

Wolfgang Vollmer | oca GALLERY

Komponierte, poetische Fotografien des Malers mit der Kamera

"André Kertész im Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„André Kertész im Gropius-Bau“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Letzten Freitag wurde im Martin-Gropius-Bau eine große Ausstellung mit über 300 Fotografien von André Kertész (1894 bis 1985) eröffnet.

Neben der Brassaï-Ausstellung (siehe meine Artikel „Brassaï – Im Atelier und auf der Straße„) ist in Berlin somit ein weiterer Fotograf zu bewundern, der in Ungarn geboren wurde und im Paris der 1920er Jahre berühmt wurde.

Die Gäste der Vernissage folgten André Kertész wechselvollem Leben und durchliefen fünf große Lebensabschnitte, die gleichzeitig auch der Ausstellungseinteilung in fünf Kapitel entsprechen: Ungarn 1894 – 1925, Frankreich 1925 – 1936, Reportage und Illustration, USA 1936 – 1962 und Rückkehr und Neuanfang 1963 – 1985. Es sind fast ausschließlich Original-Abzüge (Vintage-Prints) zu sehen.

Der Tagesspiegel schreibt zu Kertész berühmtesten Foto, „Die Gabel“ aus dem Jahr 1928: „Umgekehrt abgelegt auf einem Tellerrand, wirft sie einen Schatten, der Stiel und Zinken genau wiedergibt. Unzählige Male ist dieses Foto reproduziert worden, seit es 1929 erstmals zu sehen war, auf der legendären Ausstellung „Film und Foto“ in Stuttgart. Die war auch in Berlin zu sehen, im Kunstgewerbemuseum, das heute Martin-Gropius-Bau heißt. Dorthin ist der Originalabzug jetzt zurückgekehrt.“

Dieses Foto  inspirierte übrigens Wolfgang Vollmer und Ulrich Tillmann 1985 zu ihrer Arbeit „Laslo Mohas: Die Gabel„, die  in den „Meisterwerken der Fotokunst – Sammlung Tillmann und Vollmer“ neben weiteren herrlich ironisierenden Arbeiten zu sehen ist.

Meine Fotografie ist eigentlich ein visuelles Tagebuch. […] Für mich ist die Kamera ein Werkzeug, mit dem ich mein Leben ausdrücke und beschreibe, so wie Dichter oder Schriftsteller, wenn sie die Erfahrungen beschreiben, die sie in ihrem Leben gemacht haben. Es war eine Möglichkeit, die Dinge, die ich entdeckt hatte, zu projizieren.

Die von den Berliner Festspielen veranstaltete  Ausstellung ist noch bis zum 11. September 2011 zu besichtigen. Eine Auswahl von Kertész-Fotos finden Sie in der National Gallery of Art und bei der Bildersuche von Google.