Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Willy-Brandt-Haus

Vivian Maier: „Street Photographer“ im Willy-Brandt-Haus (nur noch bis 12. April 2015)

Künstler haben es zu Lebzeiten oft schwer, sie werden nicht wahr genommen und nicht anerkannt, denn in der Regel sind sie keine Marketing-Genies. Sie beschäftigen sich mit ihrer Kunst, aber diese muss natürlich an die Öffentlichkeit, damit sie anerkannt wird. Der Begriff „brotlose Kunst“ kommt nicht von ungefähr; Leben und Arbeiten unter prekären Bedingungen lassen sie oft als gesellschaftliche Außenseiter erscheinen. Wenn Bescheidenheit hinzu kommt und das Werk nicht „Mainstream“ ist, wird es ganz schwierig.

Damit ein Betrachter die Werke des Künstlers qualitätsmäßig beurteilen kann, ist oft ein gewisser Abstand nötig. Hinzu kommt, dass, insbesondere bei Photographien, durch die Zeit die Werke neben der Qualität eine “Patina” erhalten, bedingt durch die “äußere” Technik, aber speziell das Aussehen und Verhalten der damals Abgebildeten. Meist erkennt man das Besondere erst mehrere Generationen später. Dass ein Künstler erst nach seinem Tod berühmt wird, passiert immer wieder. Er sollte sich aber nicht auf postume Ehrung verlassen. Eine große Ausnahme ist ganz aktuell die Fotografin Vivian Maier.

"Ausstellung 'Vivian Maier: Street Photographer' im Willy-Brand-Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2015
„Ausstellung ‚Vivian Maier: Street Photographer‘ im Willy-Brand-Haus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2015

Vivian Maier (*1926, † 2009) arbeitete Jahrzehnte lang als Kindermädchen in Chicago und New York. Scheinbar war aber ihre wirkliche Passion die Photographie, ansonsten lebte sie sehr zurückgezogen. Sie soll in ihrem Leben geschätzte 150.000 Aufnahmen, hauptsächlich vom Straßenleben gemacht haben. Ihre Photos hat sie zu Lebzeiten kaum jemandem gezeigt. Im Nachlass fanden sich zudem noch einige tausend unentwickelte Filme. Allein die Geschichte ihres Nachlasses ist eine eigene Geschichte wert.

John Maloof entdeckte die Arbeiten bei einer Zwangsversteigerung, denn Maier konnte ihre Miete nicht mehr bezahlen. Die Geschichte der Suche nach der Person hinter dem Kindermädchen, der Fotografin, hat er im Dokumentarfilm Finding Vivian Maier in Szene gesetzt. Maier fing mit einer zweiäugigen Rolleiflex das urbane Leben auf den Straßen von Chicago und New York ein. Dabei entstanden Straßenszenen und eindringliche Porträts aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Selbstporträts sind in ihrem Fundus zu finden; Maier fotografierte immer wieder ihr Spiegelbild in den Schaufenstern.

Zurzeit tobt ein großer Kampf um die Bildrechte, denn auf einmal fanden sich doch noch entfernte Verwandte. Ein ungutes Gefühl beschleicht einen nun schon, ob der Vermarktung ihres Nachlasses mit all den Fotografien, den daraufhin entstandenen Büchern, Filmen und Ausstellungen. Ein bisschen davon hätte Vivian Maier zu Lebzeiten verdient. Aber so ist das Leben, so ist der Kunstmarkt.

Fotos von Vivian Maier, Website Vivian Maier