Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Westfalen

Die Westfälische Mühlenstraße im Kreis Minden-Lübbecke in Westfalen (1). Neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen einige Mauern, andere Windmühlen [Konfuzius, 551-479 v. Chr.]

»Windmühle Bierde«, Mühle Nr. 3 (Wall-Holländer), Biederlo, 32469 Petershagen-Bierde, aus dem Portfolio »Wer zuerst kommt, mahlt zurest! – Die Westfälische Mühlenstraße im Kreis Minden-Lübbecke«

Die Kulturlandschaft in Ost-Westfalen zwischen dem Weserstrom, dem Weser- und Wiehengebirge, dem Stemweder Berg, dem Dümmer-See und dem Übergang zur Norddeutschen Tiefebene ist eine der mühlenreichsten Gegenden Deutschlands. In dem Mühlenkreis Minden-Lübbecke gibt es heute wieder 43 restaurierte Wind-, Wasser-, Ross- und Flussmühlen zu sehen und zu besichtigen. Sie hatten das sogenannte Mühlensterben ab ca. 1920 überlebt; waren nicht mehr im Betrieb, prägten aber nach wie vor das Landschaftsbild auf alteingesessenen, einsamen Höfen und an idyllischen Bachläufen. Ab den 1980er-Jahren wurden sie durch ein Mühlenerhaltungsprogramm nach und nach instandgesetzt.

Während meiner Kinder- und Jugendzeit in den fünfziger und sechziger Jahren waren von den 1910 gezählten 223 Getreidemühlen noch erstaunlich viele Mühlen vorhanden. Sie waren aber oft in einem jämmerlichen, verfallenen Zustand; manchmal auch nur als Ruine zu erkennen. Ich kann mich erinnern, dass ich mit meinem Onkel öfter in der Mühle in Varl war; heute ist sie nicht mehr vorhanden. Wie ringsum das Korn auf den Feldern reifte, wie es geerntet, gedroschen und anschließend gemahlen wurde, ist mir vertraut.

Die Mühlenroute im Kreis Minden-Lübbecke verbindet auf weitgehend verkehrsarmen und einsamen Wegen auf einer Länge von 320 Kilometer alle 43 Mühlen. Zwischen den Jahren 2001 und 2012 habe ich bei zahlreichen Besuchen in Ost-Westfalen alle Mühlen besucht und abgelichtet.

Die Zusammenstellung dieser Fotos ist für mich ein sentimentaler Rückblick auf meine Kinder- und Jugendzeit, auf ein in Deutschland einzigartiges Freilichtmuseum und natürlich auch ein Zeugnis der allerersten Industrialisierung, ein Stück Technikgeschichte. Das Portfolio besteht insgesamt aus 140 Photographien; einbezogen habe ich auch Landschaftsaufnahmen aus der Umgebung der Mühlen und weitere Kulturdenkmale aus dem Mühlenkreis, wie das Scheunenviertel in Schlüsselburg, den Museumshof in Rahden, den Tonnenheider Findling, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica und das Naturschutzgebiet „Großes Torfmoor“.

»Westfälische Landschaft im Morgennebel«, Foto © Friedhelm Denkeler 1979, aus dem Portfolio »Wer zuerst kommt, mahlt zurest! – Die Westfälische Mühlenstraße im Kreis Minden-Lübbecke«

Es gibt Don Quichote, die Wind säen, um mit Mühlen kämpfen zu können. (Stanislaw Jerzy Lec)

Das gesamte Portfolio Wer zuerst kommt, mahlt zuerst aus dem Jahr 2012 besteht aus 140 Photographien 30 x 45 cm. Auf meiner Website Lichtbilder sind 25 Photographien zu sehen. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 166 Seiten im DIN A4-Querformat erschienen (2019).

Aus der Eiszeit direkt nach Ost-Westfalen

Zugegeben: Es ist nicht der Ayers Rock, der Inselberg, der sich 350 Meter über seinem flachen Umland in der zentral-australischen Wüste erhebt, sondern nur der zehn Meter lange, sieben Meter breite und über drei Meter hohe und 350 Tonnen schwere „Große Stein von Tonnenheide“ in Ost-Westfalen, der auf meiner Photographie zu sehen ist.

Der Findling soll während der Eiszeit (Pleistozän/ Saalezeit) vor 200 000 Jahren seinen Weg von Skandinavien bis nach Ost-Westfalen geschafft haben. Dabei hat er „auf dem Rücken“ der Gletschermassen 750 Kilometer aus der schwedischen Provinz Bleckinge zurückgelegt, bis er in Tonnenheide „liegen geblieben“ ist. Der aus Biotit-Granit bestehende Stein entstand vor etwa einer Milliarde Jahren.

"Der große Stein von Tonnenheide", Foto © Friedhelm Denkeler 1985
„Der große Stein von Tonnenheide“, Foto © Friedhelm Denkeler 1985

In meiner Jugendzeit war der Findling nur mit seiner Kuppe zu sehen, der größte Teil lag unter der Erde. Erst 1981, ich war schon lange in Berlin, wurde er freigelegt und auf dem Hofgelände Klasing Nr. 9 in Rahden-Tonnenheide 70 Meter weiter, unter 200 Jahren alten Eichen – eigentlich müsste man jetzt unter jungen Eichen sagen – mit Hilfe eines auf Ketten fahrenden Krans und eines Autokrans transportiert. Zur Bergung musste ein 300 Jahre alter Fachwerkspeicher, der zu nah am Stein stand, um 80 Meter umgesetzt werden.

Der Tonnenheider Stein weist diverse Bearbeitungsspuren, wie Bohrlöcher auf; schätzungsweise zwanzig Kubikmeter wurden bereits früher abgesprengt. Viele andere Findlinge sind auf diesen Wegen ebenfalls durch Zerstörung, Verwitterung und wirtschaftliche Nutzung (Pflastersteine, Schotter) vorzeitig verlustig gegangen. Man schätzt, dass nach der Eiszeit in Ost-Westfalen Tausend Findlinge (die Steine heißen so, wenn sie größer als vierzig Zentimeter sind) pro Quadrat-Kilometer liegen geblieben sind, davon sind heute vielleicht noch zehn je Quadrat-Kilometer übrig geblieben.

"Schneeburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1963
„Schneeburg“, Foto © Friedhelm Denkeler 1963

Eine Schneeburg in Westfalen – im Jahrhundertwinter 1962/63

Nach den eisigen Kriegswintern 1939/40 und 1941/42 sowie dem „Hungerwinter“ 1946/47 ging die kalte Jahreszeit 1962/63 nicht ohne Grund als „Jahrhundertwinter“ in die Geschichtsbücher ein. Aufgrund des harten und langen Winters waren der Rhein und der Bodensee zugefroren. Das seltene Naturschauspiel des kompletten Zufrierens des Bodensees findet statistisch nur alle 70 Jahre statt. Auch Westfalen erhielt Unmengen an Schnee, den wir zum Bau einer Schneeburg nutzten. Nicht überliefert sind die Temperaturen im Inneren unserer Burg.

"Winteridylle in Westfalen", Foto © Friedhelm Denkeler 1963
„Winteridylle in Westfalen“, Foto © Friedhelm Denkeler 1963

Der strenge Winter 1962/1963 in Westfalen

Im Winter 1962/1963 überzog eine sibirische Kälte Deutschland. Als Jugendlicher habe ich in Westfalen diesen strengen Winter erlebt und scheinbar auch genossen, zumindest ergaben sich reizvolle Motive in dieser Zeit. Für den gesamten Winter registrierten die Meteorologen in Westfalen 26 „Eistage“, das sind Tage, an denen das Thermometer auch tagsüber unter dem Gefrierpunkt bleibt. Der Boden war ungewöhnlich tief gefroren und die Wasserleitung zu unserem Haus war zum Ende der Frostperiode eingefroren. Spätestens dann muss auch das Genießen zu Ende gewesen sein.