Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Werkstatt für Photographie

Führung mit den Kuratoren durch die Berliner Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ bei C/O Berlin am 10. Februar 2017

Die große Ausstellung über die Geschichte der Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ bei C/O Berlin im Amerika-Haus neigt sich dem Ende zu. Am Freitag, den 10. Februar 2017, um 16 Uhr, führen die Kuratoren Inka Schube (Sprengel Museum Hannover), Thomas Weski (Michael-Schmidt-Stiftung) und Felix Hoffmann (C/O Berlin) noch einmal durch die Berliner Ausstellung. Weitere Informationen unter www.co-berlin.org.

Die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen dieser legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure werden erstmals und zugleich in einer städteübergreifenden Kooperation präsentiert (Berlin, Hannover, Essen). Diese drei Stationen skizzieren die Situation eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt.

 Drei Stationen und eine Publikation

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Diane Arbus", 27.04. bis 22.05.1981
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Diane Arbus“, 27.04.1981 bis 22.05.1981

C/O Berlin arbeitet in seinem Beitrag Kreuzberg – Amerika die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. Hier entstand im Rahmen der Erwachsenen-Bildung ein einzigartiges Forum für zeitgenössische Fotografie. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Ausstellungen amerikanischer Fotografen, die in der Werkstatt oft erstmalig gezeigt wurden und eine enorme Auswirkung auf die Entwicklung einer künstlerischen Fotografie in Deutschland hatten. Die Ausstellung vereint Arbeiten von Dozenten, Hörern und Gästen zu einem transatlantischen Dialog. Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Stephen Shore, Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst. [Quelle: Presseerklärung]

Das Museum Folkwang Essen (noch bis zum 19. Februar 2017) entdeckt unter dem Titel Das rebellische Bild in der eigenen Folkwang-Geschichte die Widerspiegelung des allgemeinen Aufbruchs jener Jahre. Nach dem Tod des einflussreichen Fotolehrers Otto Steinert (1978) herrschte eine offene und produktive Situation der Verunsicherung. Nach und nach wurde Essen zu einem Brückenkopf für den Austausch mit Berlin und zum Kristallisationspunkt für die junge zeitgenössische Fotografie in der Bundesrepublik. Neben Michael Schmidt, der in seiner Zeit als Lehrbeauftragter an der GHS Essen provokante Akzente in der Lehre setzte, gehörte Ute Eskildsen als Foto-Kuratorin am Museum Folkwang seit 1979 zu den wichtigen Akteuren. Die junge Essener Fotografie setzte sich mit Urbanität und Jugendkultur auseinander, sie entdeckte die Farbe als künstlerische Ausdrucksweise, stellte Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen, nach authentischen Bildern und Haltungen und stellte der objektivierenden Distanz der Düsseldorfer Schule einen forschenden, subjektiven Blick entgegen. [Quelle: Presseerklärung]

Katalog zur Ausstellung "Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover,   Buchhandlung Walter König, Köln 2016
Katalog zur Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover

Das Sprengel Museum Hannover (noch bis 19. März 2017) ergänzt beide Ausstellungen um eine Perspektive, in deren Mittelpunkt Publikationen, Institutionen und Ausstellungen stehen, die den transatlantischen Austausch seit Mitte der 1960er Jahre beförderten. Anhand exemplarischer Beispiele erzählt Und plötzlich diese Weite von der Entwicklung jener Infrastrukturen, die die Emanzipation der Fotografie im Kontext des Dokumentarischen vorbereiteten und begleiteten. Das Fotomagazin Camera nimmt dabei eine ebenso zentrale Rolle ein wie die ersten deutschen Fotogaleriegründungen Galerie Wilde in Köln, Lichttropfen in Aachen, Galerie Nagel in Berlin und die Initiative Spectrum Photogalerie in Hannover. Auch der documenta 6, 1977, und den in den ausgehenden 1970er Jahren entstehenden Fotozeitschriften, insbesondere der Camera Austria, sind gesonderte Kapitel gewidmet. [Quelle: Presseerklärung]

Zum gemeinsamen Ausstellungsprojekt erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation „Werkstatt für Photographie 1976–1986“ Herausgegeben von: Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube, Thomas Weski. Mit Texten von: Florian Ebner, Ute Eskildsen, Carolin Förster, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert, Felix Hoffmann, Klaus Honnef, Jörg Ludwig, Inka Schube und Thomas Weski. Koenig Books, 2016, 392 Seiten, 24 x 27 cm, zahlreiche Abbildungen (S/W und Farbe). Euro 39,80 / ISBN 978-3-96098-042-1 (deutsche Ausgabe), ISBN 978-3-96098-043-8 (englische Ausgabe)

Pressestimmen zu den drei Ausstellungen zur Geschichte der
“Werkstatt für Photographie” (1976-1986) in Berlin, Essen und Hannover

Weser Kurier: Fotografie als Kunstform – wer heute große Ausstellungen von Cindy Sherman, Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Struth oder Helmut Newton besucht, mag kaum glauben, dass es vor 40 Jahren für solche Arbeiten kein museales Forum gab. Selbst die heute als Klassiker der Fotokunst empfundenen Persönlichkeiten wie Man Ray, August Sander, Karl Blossfeldt oder Walker Evans fristeten ein Schattendasein. Eine Institution, die ab 1976 eine Neubewertung des Mediums Fotografie maßgeblich vorantrieb, steht jetzt im Zentrum einer gemeinsamen Ausstellung des Sprengel-Museums Hannover, des Museums Folkwang Essen und des C/O Berlin im dortigen Amerika-Haus: die Werkstatt für Photographie in Berlin.

Märkische Oderzeitung: Mitten im Kalten Krieg schafften es die Kreuzberger außerdem, Fotos aus den USA in die West-Berliner Enklave zu holen. Amerikanische Fotografen stellten in der Werkstatt am Checkpoint Charlie nicht nur ihre Bilder aus, sondern gaben auch Workshops. Gefördert wurden die künstlerischen Kontakte durch das amerikanische Kulturzentrum im Amerika-Haus am Zoo, heute Sitz des C/O Berlin. Die Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ zeigt einerseits Serien bekannter amerikanischer Fotografen, die damals in Kreuzberg ausgestellt wurden, und andererseits Werke von Angehörigen der Werkstatt – Fotografen, Dozenten und Gäste.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Paul Caponigro", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Paul Caponigro“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Zitty: Als Volkshochschule Bild-Avantgarde war: Das C/O Berlin erinnert an die Werkstatt für Photographie – zusammen mit Sprengel Museum Hannover und Folkwang Museum Essen, die das Aufkommen regionaler Autorenfotografie beleuchten. … Die Zeit war reif. In den zehn Jahren ihres Bestehens sollte sich die Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Ausdrucks-medium in Deutschland vollziehen. Die Werkstatt ist maßgeblich daran beteiligt. …

Die Tatsache, dass die seriöse Fotografie an einer Volkshochschule (VHS) begann, sagt einiges. Noch bis in die 70er-Jahre existiert so gut wie keine Institution, die sich mit der Fotografie als künstlerischem Medium befasst. Bis 1979, als Janos Frecot an der Berlinischen Galerie eine Fotografische Sammlung aufzubauen beginnt, gibt es in Berlin keinen Anlaufpunkt für die Fotoszene – bis auf die VHS in Kreuzberg

RuhrNachrichten: Mit Geschichte und Wirkung der einflussreichen Berliner “Werkstatt für Photographie” befassen sich von diesem Wochenende an drei Foto-Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin. Anlass ist die Gründung dieser Institution der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg vor 40 Jahren. Sie bestand zehn Jahre lang. Laut Sprengel Museum wurde sie “zu einer der folgenreichsten Schaltstellen des Austausches zwischen deutscher und US-amerikanischer Fotografie”. Das Museum Folkwang nennt die Werkstatt “eine künstlerische ‘Luftbrücke’ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben”.

Art Kunstmagazin: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Fotografie-Geschichte kommt ans Licht: In der Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg wurde ab 1976 eine direkte, subjektive und schonungslose Bildsprache entwickelt. … Es ging um die Haltung des Fotografen, nicht um perfekte Technik. … Die Akteure der Werkstatt waren keine Lehrer, aber sie unterrichteten. … Man spürt, dass hier junge Fotografen mutig genug waren, ihren Weltausschnitt selbst zu wählen. Es war eine Rebellion der Subjektivität, gegen die Idee der objektiven Darstellung von Wirklichkeit. Diese Selbstermächtigung der Fotografie fand an einem denkbar unscheinbaren Ort statt: An der Volkshochschule in Berlin-Kreuzberg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung der Düsseldorfer Schule alles andere als ausgemacht. Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte “etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemenz eines Schwerkranken”, wie die “Washington Times” 1984 anlässlich der Ausstellung “Fotografie aus Berlin” bei Castelli Graphics in New York befand.

Der Tagesspiegel: Die „Subjektive Fotografie“ der Nachkriegszeit, bei der die Form stets wichtiger gewesen war als der Inhalt, ließen Schmidt und seine Schüler hinter sich, auch mit dem stärker akademischen Ansatz der Düsseldorfer Fotoschule wussten sie nur wenig anzufangen. Sie wollten das echte Leben in all seiner Pracht und Hässlichkeit zeigen. Vorbilder waren die radikal subjektiven Meister der amerikanischen Straßen- und Porträtfotografie. Einige Idole wie William Egglestone, Stephen Shore und Robert Frank kamen für Ausstellungen und Seminare nach Berlin.

Berliner Morgenpost: Die Fotografen der Werkstatt standen in engem Austausch mit amerikanischen Kollegen. Beide Seiten inspirierten sich gegenseitig und beeinflussten mit ihrem dokumentarischen Ansatz die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. … Später experimentieren Schmidt und die junge Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die die subjektive Sicht des Autors betonen. “Das ist eines der Paradoxe der Werkstatt für Photographie. Beim dokumentarischen Ansatz nimmt sich der Fotograf zurück und bildet die Realität ab. Wenn man die Fotos in Serie betrachtet, wird jedoch eine künstlerische Handschrift sichtbar”, sagt Weski. “Der Begriff des Autorenfotografen entstand im Umfeld der Werkstatt und beschreibt die Herangehensweise der Beteiligten gut.”

Perlentaucher.de: Das hier ist „arme Kunst“. Und viele dieser Künstler sind wahrscheinlich bis heute arm. Nichts würde hier deplatzierter wirken als die überwältigenden Großformate der Becher-Schüler, die neben Nauman und Richter und in den Foyers der UBS hängen wollen, nicht in Fotoausstellungen. Dass es diese Spannung bis heute gibt, zeigt, dass Fotografie nach wie vor keine reine Kunst ist. Ich frage mich, ob nicht zumindest für Schmidt, aber vielleicht auch für einige der anderen Fotografen, das Buch die eigentliche Form ist, seine Fotografie zu denken. Was mir an dem grandiosen Katalog – der eine ganze Periode der deutschen Fotogeschichte revidiert und eine ganze Generation endlich ins Licht stellt – darum fehlt, ist eine Bibliografie ihrer Bücher.

tip Berlin: Dieses Stück Fotografie-Geschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografie-Geschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss. … Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken.

PHOTONEWS: Aber worin besteht die besondere Leistung der “Werkstatt”? Thomas Weski unterstreicht, dass sie “ein Ort der Selbstermächtigung” gewesen sei, Inka Schube spricht vom vorbildhaften “Emanzipationsprozess”. Hier fotografierte man, analysierte seine Arbeit in der Gruppe, setzte sich mit anderen Positionen auseinander, kuratierte Ausstellungen mit den Bildern von Schülern, Dozenten und amerikanischen Gästen, veröffentlichte Kataloge und knüpfte gemeinsam neue Kontakte, so auch zu Fotoszenen in Ost-Berlin.

TAZ: Mit ihrer Mischung aus hochkarätigen Ausstellungen und Workshops, Vorträgen und der künstlerisch orientierten Ausbildung gelang es, Volksbildung auf höchstem Niveau zu betreiben. … Die Liste der Ausstellungen liest sich heute wie ein Who’s who der Fotografie-Geschichte. Selbst so berühmte Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus, Stephen Shore oder Ralph Gibson fanden den Weg in die Kreuzberger Schule, bzw. wurden dort erstmals gezeigt.

DIE ZEIT: Auch William Eggleston, Larry Fink, Lee Friedlander und Robert Frank, all die angesagten Vertreter der Autorenfotografie, kamen in den Jahren bis zum Ende der Werkstatt 1986 nach Kreuzberg, um Vorträge zu halten und zu lehren. Die Fotos dieser Vorbilder aus den USA sind jetzt wieder in Berlin zu sehen, die Entdeckung der drei parallelen Museumsausstellungen in Hannover, Berlin und Essen sind allerdings die Mitstreiter Michael Schmidts, die heute weitaus weniger bekannt sind. … Diese künstlerisch-dokumentarische Fotografie ist es, die heutige Kollegen neu fasziniert.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Larry Clark", 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Larry Clark“, 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Hannoversche Allgemeine (Interview mit Thomas Weski): Damals wurden die großen Traditionslinien der Avantgarde wieder freigelegt, die es vor der Nazizeit gab, und die Wahrnehmung von Fotografie als Kunstform wurde durch weitere Faktoren begünstigt – die ersten Fotogalerien eröffneten, es gab internationale Zeitschriften wie „Aperture“, „Creative Camera“ oder „Camera“, die freies, ungebundenes Fotografieren thematisierten. Und damals begannen auch bildende Künstler, sich für Fotografie als Ausdrucksform zu interessieren, wie 1977 die Documenta 6 in Kassel zeigte. …

Und durchweg ging es außer um Rückbesinnung auch um Selbstvergewisserung der Fotografie als Kunstform, um eine Selbstermächtigung ihrer Akteure. Die haben dabei überdies vom Beispiel von US-Fotografen profitiert. Denn deren Alltag war damals viel selbstbestimmter und souveräner als etwa der deutscher Fotografen, die in der Regel im Auftrag arbeiteten. Autorschaft wurde, in Anlehnung an den Autorenfilm, für diese Fotografen zum zentralen Begriff.

Berliner Zeitung: Auch war die Fotografie als eigene Kunstform noch nicht vollständig etabliert. Das brachte Freiheit. „Der Mensch als Persönlichkeit ist für mich das Wesentliche, durch ihn erst kann Fotografie entstehen und niemals umgekehrt“, ist in einem Schreibmaschinenmanuskript zu lesen, einem Text, den Schmidt über die Werkstatt geschrieben hat. „Deshalb ist Selbsterkenntnis ein Schwerpunkt unserer Arbeit, ohne dabei in gruppentherapeutisches ‚Psychologisieren‘ abzugleiten.“

Ruhr.speak – Blog für Fotografie:  Da lebt man im Ruhrgebiet und beschäftigt sich mit Fotografie, erntet Missachtung von denen, die mit anderer Kunst (und vor allem ohne Kunst) unterwegs sind, freut sich über kleine Erfolge und plötzlich fühlt man sich im Mittelpunkt einer Bewegung, die weit über die Region, über Deutschland und Europa hinausgeht. Gut, in einem Elfenbeinturm, aber an der Spitze einer Bewegung (heute würde man wohl eher Netzwerk sagen) in der es um nichts anderes ging, als um die Wahrnehmung der Welt, mit eigenen Augen und eigenem Verstand sowie um deren eigenständige Darstellung. So mein Gefühl zur aktuellen Ausstellung im Folkwang – einem Muss für jeden Fotografie-Interessierten im Ruhrgebiet und anderswo.

Radioeins: Die Werkstatt für Photographie erlangt mit engagierter Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und Kurse internationales Niveau und etabliert sich zu einem wichtigen Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs zwischen Kreuzberg, Deutschland und Amerika. Eine einzigartige Pionierleistung!

Dieser Post ist eine aktualisiert Ausgabe des titelgleichen Post vom 15.12.2016. www.co-berlin.orgwww.sprengel-museum.de, www.museum-folkwang.de

Kleine Presseschau zu den drei Ausstellungen zur Geschichte der
„Werkstatt für Photographie“ (1976-1986) in Berlin, Essen und Hannover

RuhrNachrichten: Mit Geschichte und Wirkung der einflussreichen Berliner „Werkstatt für Photographie“ befassen sich von diesem Wochenende an drei Foto-Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin. Anlass ist die Gründung dieser Institution der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg vor 40 Jahren. Sie bestand zehn Jahre lang. Laut Sprengel Museum wurde sie „zu einer der folgenreichsten Schaltstellen des Austausches zwischen deutscher und US-amerikanischer Fotografie“. Das Museum Folkwang nennt die Werkstatt „eine künstlerische ‚Luftbrücke‘ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben“.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Larry Clark", 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Larry Clark“, 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Art Kunstmagazin: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Fotografie-Geschichte kommt ans Licht: In der Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg wurde ab 1976 eine direkte, subjektive und schonungslose Bildsprache entwickelt. … Es ging um die Haltung des Fotografen, nicht um perfekte Technik. … Die Akteure der Werkstatt waren keine Lehrer, aber sie unterrichteten. …

Man spürt, dass hier junge Fotografen mutig genug waren, ihren Weltausschnitt selbst zu wählen. Es war eine Rebellion der Subjektivität, gegen die Idee der objektiven Darstellung von Wirklichkeit. Diese Selbstermächtigung der Fotografie fand an einem denkbar unscheinbaren Ort statt: An der Volkshochschule in Berlin-Kreuzberg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung der Düsseldorfer Schule alles andere als ausgemacht.

Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte „etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemens eines Schwerkranken“, wie die „Washington Times“ 1984 anlässlich der Ausstellung „Fotografie aus Berlin“ bei Castelli Graphics in New York befand.

Berliner Morgenpost: Die Fotografen der Werkstatt standen in engem Austausch mit amerikanischen Kollegen. Beide Seiten inspirierten sich gegenseitig und beeinflussten mit ihrem dokumentarischen Ansatz die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. … Später experimentieren Schmidt und die junge Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die die subjektive Sicht des Autors betonen. „Das ist eines der Paradoxe der Werkstatt für Photographie. Beim dokumentarischen Ansatz nimmt sich der Fotograf zurück und bildet die Realität ab. Wenn man die Fotos in Serie betrachtet, wird jedoch eine künstlerische Handschrift sichtbar“, sagt Weski. „Der Begriff des Autorenfotografen entstand im Umfeld der Werkstatt und beschreibt die Herangehensweise der Beteiligten gut.“

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Paul Caponigro", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Paul Caponigro“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

tip Berlin: Dieses Stück Fotografie-Geschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden.

Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografie-Geschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss. … Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken.

PHOTONEWS: Aber worin besteht die besondere Leistung der „Werkstatt“? Thomas Weski unterstreicht, dass sie „ein Ort der Selbstermächtigung“ gewesen sei, Inka Schube spricht vom vorbildhaften „Emanzipationsprozess“.

Hier fotografierte man, analysierte seine Arbeit in der Gruppe, setzte sich mit anderen Positionen auseinander, kuratierte Ausstellungen mit den Bildern von Schülern, Dozenten und amerikanischen Gästen, veröffentlichte Kataloge und knüpfte gemeinsam neue Kontakte, so auch zu Fotoszenen in Ost-Berlin.

Taz: Mit ihrer Mischung aus hochkarätigen Ausstellungen und Workshops, Vorträgen und der künstlerisch orientierten Ausbildung gelang es, Volksbildung auf höchstem Niveau zu betreiben. … Die Liste der Ausstellungen liest sich heute wie ein Who’s who der Fotografie-Geschichte. Selbst so berühmte Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus, Stephen Shore oder Ralph Gibson fanden den Weg in die Kreuzberger Schule, bzw. wurden dort erstmals gezeigt.

DIE ZEIT: Auch William Eggleston, Larry Fink, Lee Friedlander und Robert Frank, all die angesagten Vertreter der Autorenfotografie, kamen in den Jahren bis zum Ende der Werkstatt 1986 nach Kreuzberg, um Vorträge zu halten und zu lehren. Die Fotos dieser Vorbilder aus den USA sind jetzt wieder in Berlin zu sehen, die Entdeckung der drei parallelen Museumsausstellungen in Hannover, Berlin und Essen sind allerdings die Mitstreiter Michael Schmidts, die heute weitaus weniger bekannt sind. … Diese künstlerisch-dokumentarische Fotografie ist es, die heutige Kollegen neu fasziniert.

Radioeins: Die Werkstatt für Photographie erlangt mit engagierter Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und Kurse internationales Niveau und etabliert sich zu einem wichtigen Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs zwischen Kreuzberg, Deutschland und Amerika. Eine einzigartige Pionierleistung!

www.co-berlin.org

Einladung zur Ausstellungs-Eröffnung “Kreuzberg – Amerika”, 9. Dezember 2016, 19 Uhr, C/O Berlin

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Stephen Shore", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Stephen Shore“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der “Werkstatt für Photographie” in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986).

Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt “Werkstatt für Photographie 1976 – 1986″.

C/O Berlin arbeitet in der Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. In der von Thomas Weski und Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung werden ca. 250 Exponate gezeigt.

Zu sehen sind die Arbeiten von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore.

Diese Auswahl wird in einen Dialog gesetzt mit Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst.

In meinem Beitrag wird eine Auswahl aus dem Portfolio „Photographien” mit Vintage-Prints aus der damaligen Werkstatt-Zeit zu sehen sein. Die Ausstellung wird am 9. Dezember 2016 bei C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße 22 ab 19 Uhr eröffnet. Die Einladungskarte finden Sie hier. Ausstellungsdauer 10. Dezember 2016 bis 12. Februar 2017. www.co-berlin.org

Ausstellungs-Vorankündigung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin (2)

Plakat zur Ausstellung "John R. Gossage – Gardens"  in der Werkstatt für Photographie, 30.10. bis 01.12.1978
Plakat zur Ausstellung „John R. Gossage – Gardens“
in der Werkstatt für Photographie, 30.10. bis 01.12.1978

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der “Werkstatt für Photographie” in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt “Werkstatt für Photographie 1976 – 1986″ (siehe auch hier).

C/O Berlin arbeitet in der Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. In der von Thomas Weski und Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung werden ca. 250 Exponate gezeigt, darunter von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William, Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore.

Diese Auswahl wird in einen Dialog gesetzt mit Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst.

Die Ausstellung wird am 9. Dezember 2016 bei C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße 22 ab 19 Uhr eröffnet. Ausstellungsdauer 10. Dezember 2016 bis 12. Februar 2017. www.co-berlin.org

Ausstellungs-Vorankündigung „Kreuzberg – Amerika“ bei C/O Berlin (1). Dreiteilige Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976 – 1986“ im Dezember 2016 zum Aufbruch der Fotografie in Westdeutschland

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der „Werkstatt für Photographie“ in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt „Werkstatt für Photographie 1976 – 1986“.

Plakat zur Ausstellung "Heinrich Riebesehl" in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977  ", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat zur Ausstellung „Heinrich Riebesehl“ in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977″, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Mit dieser Ausstellung wollen alle drei Institutionen, die bekannt für ihre fotografischen Sammlungen und Ausstellungen sind, die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen der legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure aufzeigen. Ende der 1970er Jahre begann die Geschichte der Werkstatt in Kreuzberg, direkt am Alliierten-Kontrollpunkt ‚Checkpoint Charlie‘, mitten im Kalten Krieg war sie lebendiges Zentrum eines einzigartigen transatlantischen Kultur-Austausches.

Die von Michael Schmidt neu gegründete “Werkstatt für Photographie“ startete eine „künstlerische ‚Luftbrücke‘ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben … Die Werkstatt für Photographie erlangte mit intensiver Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Bildbesprechungen, Diskussionen und spezialisierten Kursen allerhöchstes internationales Niveau“.

Die drei beteiligten Häuser setzen unterschiedliche Schwerpunkte „eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt. Die Ausstellungen entwerfen ein lebendiges, multiperspektivisches Bild der Fotografie der 1970er und 1980er Jahre, das die Geschichte der westdeutschen Fotografie jener Zeit um ein weiteres Kapitel neben der Düsseldorfer Schule ergänzt“.

Die Ausstellungen stehen unter dem Titel „Kreuzberg – Amerika“ (C/O Berlin), „Das rebellische Bild“ (Museum Folkwang, Essen) und „Und plötzlich diese Weite“ (Sprengel Museum Hannover). Zur Ausstellung erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation „Werkstatt für Photographie 1976–1986“. Das Foto zeigt das erste von 35 Plakaten, die zu Ausstellungen der Werkstatt erschienen sind. [Zitate Presseerklärung C/O Berlin]

"Workshop mit Lewis Baltz in der Werkstatt für Photographie", 20. bis 21.09.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Workshop mit Lewis Baltz in der Werkstatt für Photographie“, 20. bis 21.09.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Dies ist eine von 34 Photographien, die im Kunstquartier Bethanien unter dem Titel „Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976-1986“ ab dem 8. April 2016, zu sehen sind. Meine „kleine“ Ausstellung wird gemeinsam mit der „großen“ Ausstellung „Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie“ wird am Freitag, um 19 Uhr, eröffnet. Ausführliche Informationen finden Sie hier.

Einladung zur Vernissage „Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie“

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der „Werkstatt für Photographie“ in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photos unter dem Titel „Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976-1986“ zusammengestellt.

Eine Auswahl von 34 Photographien ist jetzt in der Ausstellung „Bildwechsel – Fotografie nach der Werkstatt für Photographie“ im Studio 1 im Kunstquartier Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin-Kreuzberg, vom 9. bis 17. April 2016, täglich von 14 – 20 Uhr, zu sehen. Zur Vernissage am 8. April 2016, 19 Uhr; zur Führung durch die Ausstellung am 12.04.2016, 18 Uhr; zur Podiumsdiskussion am 14.04.2016, 18 Uhr und zur Finissage am 17.04.2016, ab 18 Uhr, sind Sie herzlich eingeladen.

"Diskussionsrunde in der Werkstatt für Photographie", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Diskussionsrunde in der Werkstatt für Photographie“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Zur Ausstellung erscheint dazu ein Katalog mit zwölf künstlerischen Arbeiten von Teilnehmern des Projektkurses von Peter Fischer-Piel am Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg. Es nehmen teil: Wolf Abraham, Maren Baldeweg, Aline Calmet, Stefan Doß, Peter Fischer-Piel, Bernd Große, Ania Kaszot, Torsten Kröger, Heike Reichenstein, Uwe Schumacher, Frank Seeger und Kirsten Steiner. Die Textbeiträge haben Enno Kaufhold und Peter Fischer Piel verfasst; Thomas Leuner und Ursula Kelm gaben Interviews. Illustriert wird der Katalog mit meinen oben genannten Fotos, den damaligen Ausstellungsplakaten und Dokumenten der Werkstatt.

Hildegard Ochse (1935 – 1997) im Haus am Kleistpark in Berlin

"Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die in Westfalen geborene Hildegard Ochse beginnt um 1975 in Berlin zu fotografieren. Parallel erwachte zu dieser Zeit das öffentliche Interesse an der Fotografie: Im damaligen Berlin (West) entstand mit der Galerie Nagel die erste kommerzielle Fotogalerie, das fotografische Werk von Heinrich Zille wurde als solches wahrgenommen und in Kreuzberg entstand die von Michael Schmidt geleitete „Werkstatt für Photographie“. Hildegard Ochse nahm dort am Unterricht von Ulrich Görlich teil und besuchte die Workshops US-amerikanischer Fotografen wie Lewis Baltz, John Gossage und Larry Fink.

Der Begriff „Autorenfotografie“ wurde von Klaus Honnef 1979, damals Kurator am Rheinischen Landesmuseum in Bonn, in die Debatte eingeführt. Ein Autorenfotograf verfolgt zeitlebens ein einziges Thema, betrachtet die Wirklichkeit aus einem bestimmten Blickwinkel heraus oder entwickelt eine Bildsprache, die man sofort wiedererkennt. Er realisiert nur seine eigenen künstlerischen Vorstellungen als freier Fotograf, das heißt in der Regel ohne explizierten Auftrag von außen.

Aber: Der Autorenfotograf ist weder Amateur noch Hobbyfotograf, auch kein unbewusst arbeitender Berufsfotograf. So gesehen sind die Arbeiten von Atget und Zille auch als Werke von Autorenfotografen anzusehen. Sie schaffen mit ihrem Werk eine authentische Realität, da sie dokumentarisch vorgehen; gehen aber gleichzeitig von ihrem persönlichen Bewusstsein aus, indem sie auswählen, wiederholen und verdichten.

Hildegard Ochse hat sowohl in Berlin als auch auf zahlreichen Reisen fotografiert. Im Haus am Kleistpark werden insbesondere ihre Berlin bezogenen Arbeiten anhand von sieben, thematisch zusammengefassten Bildserien vorgestellt:

Stadtvegetation (1979/80): Wilde Natur in der Stadt: Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen auf Parkplätzen, an Rändern der Häuser und auf den noch zahlreichen Ruinengrundstücken. Die Stadtvegetation folgt keinen gesellschaftlichen Regeln und wächst, wie es ihr beliebt. Der Kurator Enno Kaufhold zieht Vergleiche mit der damaligen jungen Generation, die sich aus dem sozialen Reglementieren befreien wollte und das letztendlich gleich der Natur auch umsetzte.

Ganz so politisch sehe ich die Bilder dieser Serie nicht: Sie haben auch etwas Melancholisches, aber eigentlich ist der Inhalt auch unnennbar; etwas von dem Susan Sontag gesagt hätte: Es ist ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. Ähnlich sehe ich die abstrahierenden Bilder der Berliner Mauer, die unmittelbar nach deren Fall entstanden sind: Die Mauer – Metamorphosen (1990). „Gras wird wachsen über den sichtbaren Wunden von Krieg und Vernichtung“ sagte Hildegard Ochse dazu. Nur die später einsetzenden Baumaßnahmen boten der Natur Einhalt.

"Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Aufnahmen aus der Berliner S-Bahn heraus, die vom Spiel mit Schärfe und Unschärfe leben, hat Ochse hingegen noch zu „Mauerzeiten“ fotografiert: S-Bahn – Stadtlandschaften (1983). Beim Blick aus den Fenstern könnte man denken, die Bahn fährt durch unkultivierte Landschaften und fern der Zivilisation. Und irgendwie war es so auch: wilde Natur neben und auf den Gleisen, marode und verlassene Industrieanlagen. Diese drei Serien gehören für mich zu den besten dieser Ausstellung.

Ein Zeitdokument schafft Hildegard Ochse mit dem Café Mitropa (1980), einem angesagten Neon-Cafe in der Schöneberger Goltzstraße (heute Café „M“). Es war das Stammlokal der damaligen Künstleravantgarde, Blixa Bargeld von den „Einstürzenden Neubauten“ ist nur ein Name unter vielen. Auf einem der Fotos liegt die Musikzeitschrift „Spex“ auf dem Tisch unter den Neonröhren in dem spartanisch eingerichteten Café Mitropa. Mit den im selben Ausstellungsraum hängenden Fotos aus Zoologischen Gärten (1983/84) thematisiert Ochse das Eingesperrtsein eigentlich wild lebender Tiere, die entgegen ihrer Natur nun in betongleichen Käfigen gehalten werden.

Die Serien Königliche Porzellan-Manufaktur KPM (1987), in der Ochse die Mitarbeiter der KPM mit ihren manuellen Kunstfertigkeiten in den Vordergrund rückt und auch Der Eid auf die Verfassung – Beamte (1987), eine Porträtserie von Berliner Verwaltungsbeamten, sind besondere Zeitdokumente und weniger künstlerische Arbeiten. Ich gehe davon aus, dass im Werk von Hildegard Ochse, die ich aus der gemeinsamen „Werkstatt“-Zeit kenne, noch weitere „Schätze“ lagern, die entdeckt werden müssen.

Mehr als 5 000 Schwarz-Weiß-Fotografien umfasst das Werk von Hildegard Ochse. Die Ausstellung zeigt hiervon 190 Originalabzüge aus ihrem Nachlass. Diese erste Retrospektive der Autorenfotografin erlaubt, das Werk neu zu entdecken. Die Ausstellung wurde von Dr. Enno Kaufhold kuratiert. Begleitend zur Ausstellung zeigt Benjamin Ochse, der Sohn von Hildegard Ochse, zwei Videos zu den fotografischen Arbeiten seiner Mutter. Ort: Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6 – 7, 10823 Berlin, Di bis So 10 – 19 Uhr, bis 29. Juli 2012.

www.hausamkleistpark.de, www.hildegard-ochse.de, Video zur Ausstellung mit Enno Kaufhold

Stephen Shore, der Pionier der Farbfotografie, bei Sprüth Magers

"Lager mit Runddach", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Lager mit Runddach“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Bis in die 1970er Jahre war die Farbfotografie für künstlerisch arbeitende Autoren keine Selbstverständlichkeit. Sie war zu nah an der Ästhetik der Massenmedien und kaum einer der anerkannten Fotografen traute sich an sie heran. Der US-Amerikaner Stephen Shore (*1947) spielte, neben William Eggleston, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Farb-Fotografie in den 1960er und 1970er Jahren. Beide gehören zu den Vorbereitern der „New Color Photography“.

Stephen Shore kenne ich bereits seit 1978 durch eine Gruppenausstellung in der „Werkstatt für Photographie“, Berlin, die Shores Straßenansichten mit den Arbeiten von Frank Gohlke, Joe Deal, Lewis Baltz und Carl Toth konfrontierte. Zwei Jahre später folgte eine Einzelausstellung von Shores „Uncommon Places“ in der von Michael Schmidt geleiteten Werkstatt. Seitdem gehört er zu meinen Lieblingsfotografen. Zu meiner damaligen und noch heutigen Freude habe ich den 1982 erschienenen, inzwischen legendären, Fotoband „Uncommon Places“ und das Original „Twenty-First Street and Spruce Street, Philadelphia, Pennsylvania, June 21, 1974“ erworben (siehe hier).

Aus diesem Grund wollte ich die Ausstellung, die bereits gestern zu Ende ging, mit 80 bisher unveröffentlichten Werken aus Shores Serie “Uncommon Places” bei Sprüth Magers, sehen. Es war mein erster Besuch in dieser Galerie. Sie befindet sich in einem Neubau in der Oranienburger Straße. Shore war in einem unfassbar großen Saal zu sehen, allein die Decke dürfte an die sieben Meter hoch sein. Die hier ausgestellten Werke wirkten gegenüber seinen bereits bekannten Farbfotografien eher schwächer: Der tolle „Farbsound“ fehlt. Auch die zwischen die Fotos gehängten „Road Trip Journals“ (in ähnlicher Größe) empfand ich als störend. Sie hätten besser in eine Ecke „Materialen“ gepasst.

Shores Arbeiten sind mit einer Großbildkamera im Format 20 x 25 cm entstanden. Früher zeigte (und verkaufte) er nur Kontaktkopien (also 1:1-Positive von Negativen) von beeindruckender Schärfe und Farbigkeit. Dagegen sind die, wahrscheinlich dem Markt geschuldeten, 50×60-Vergrößerungen bei Sprüth Magers eher „blass“ zu nennen.

Stephen Shore konnte bereits mit 14 Jahren (sic!) erste Fotos an das Museum of Modern Art verkaufen. Mit 17 lernte er Andy Warhol kennen und wirkte in dessen „Factory“ mit. Mit 24 Jahren hatte er als zweiter lebender Fotograf überhaupt (der erste war Alfred Stieglitz) eine Einzelschau im Metropolitan Museum. Anschließend führten ihn mehrere Reisen durch die Staaten, woraus sich die beiden Serien „American Surfaces“ und „Uncommon Places“ ergaben. Er fotografierte auf ungewöhnliche Weise alltägliche Orte: sein Motelzimmer, den Frühstücksbagel, Autos, Hunde, Straßen mit Ampelanlagen, Landschaften, die Hauptstraßen der meist menschenleeren Dörfer und Einkaufszentren und deren Parkplätze. Durch genaues Hinsehen versieht er diese Orte mit einer bestimmten Aura. Auszüge aus dem jetzt neu aufgelegten und erweiterten Fotobuch „Uncommon Places“ finden Sie hier.

Shores Fotografie schließt das Banale mit dem Mythos Amerika kurz. Darin erinnert sie mehr an amerikanische Literatur denn an Malerei. Im Rhythmus des Films – in Wenders  „Paris, Texas“ oder Adlons „Out of Rosenheim“ – begegnet man diesem Blick wieder. Die Fotografie aber hält die Zeit an. Das steigert die Lesbarkeit der Welt.   Thomas Wagner, FAZ, 04.03.1995