Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Ursula Meier

Ursula Meier mit „L’enfant d’en haut (Sister)“ (Schweiz/Frankreich 2012, im Wettbewerb)

 "Ursula Meier mit Kacey Mottet Klein und Léa Seydoux im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Ursula Meier mit Kacey Mottet Klein und Léa Seydoux im Berlinale-Palast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wieder einmal sahen wir gestern Nachmittag am Marlene-Dietrich-Platz einen handwerklich gut gemachten Film, mit einer rührenden Geschichte und mit blendend schauspielerischen Leistungen, aber gehört der Film wirklich in den Wettbewerb? Für die die Berlinale-Reihe „Generation 15+“ wäre er vielleicht passender gewesen.

Filme zu bekommen, die das Publikum liebt, Kritiker loben lässt und Filmkenner für anspruchsvoll halten, wird scheinbar für die Berlinale immer schwieriger. Das zeigte sich bereits auf der Berlinale 2011. Die großen Filmstars kommen immer gerne nach Berlin, um eine Uraufführung zu präsentieren, aber es kommen nicht unbedingt die Meister der Regie zur Berlinale. Berlin im Februar bei -10 Grad und Schnee ist dann doch nicht Cannes oder Venedig.

Möglicherweise verzettelt sich die Berlinale auch in zu viele Reihen und Sonderprogramme: Neben dem Wettbewerb mit seinen 18 Filmen, gibt es die Reihen Berlinale Special, Berlinale Shorts, Panorama, Forum, Forum Expanded, Generation, Perspektive Deutsches Kino, Retrospektive und Kulinarisches (sic!) Kino mit insgesamt 400 Filmen.

Vielleicht sollte man die Berliner Bären auch nicht unbedingt mit Bedeutung überfrachten. Die Berlinale war und ist ein gigantisches Filmfest für ein internationales Publikum, das erwartungsvoll und interessiert in die zahlreichen Spielstätten strömt. Die Tickets sind innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Ein besseres Lob kann es für ein Filmfest doch eigentlich nicht geben.

Jetzt ist dieser Artikel eine kleine Halbzeitbilanz geworden. Von den bisher gesehenen acht Filmen bleiben in Erinnerung: Stephen Daldry mit “Extrem laut und unglaublich nah“ (allerdings außer Konkurrenz), die Brüder Taviani mit „Cäsar muss sterben„, Spiros Stathoulopoulos mit „Metéora“ und Billy Bob Thornton mit „Jayne Mansfield’s Car“ (Besprechung folgt). Doch zurück zum heutigen Film.

Der zwölfjährige Simon (Kacey Mottet Klein) fährt im Winter mit einer kleinen Seilbahn vom Industriegebiet im Tal, wo er allein mit seiner Schwester Louise (Léa Seydoux) lebt, in das prächtige, höher gelegene Skigebiet. Dort stiehlt er reichen Touristen Skier und Ausrüstung, um sie an die Kinder seines Wohnblocks zu verkaufen. Er erzielt damit ein bescheidenes, aber regelmäßiges Einkommen. Simons Machenschaften nehmen mit der Zeit immer größere Ausmaße an. Louise, die vor kurzem ihre Stelle verloren hat, profitiert davon und wird immer abhängiger von Simon…

Ursula Meier siedelt ihren zweiten langen Spielfilm in einer Touristenhochburg in den Alpen an. Aus der Anonymität der Masse filtert sie die Geschichte eines Kindes, das für sich einen Weg gefunden zu haben glaubt, um seine prekären Verhältnisse zu mildern. Die Studie eines Heranwachsenden zwischen Lüge und dem unstillbaren Bedürfnis nach Liebe und Nähe wird zu einem existenziellen Diskurs über die Widersprüche einer scheinbar wohlhabenden Welt.
[Quelle: Filmbeschreibung]