Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Tilda Swinton

Jim Jarmusch: „Only Lovers Left Alive“

Here I go/ Going down, down, down/ My mind is a blank/
My head is spinning around and around/
As I go deep into the funnel of love [Wanda Jackson – Funnel of Love]

Nur Menschen mit einer großen Liebe zu Musik und Büchern bleiben am Leben – so könnte man Jim Jarmuschs neuesten Film „Only Lovers Left Alive“ auch beschreiben, denn er lebt zu großen Teilen von der Musik und den Leidenschaften eines Rock-Nerds namens Adam (Tom Hiddleston) und seiner Bücher verschlingenden und überaus gebildeten Gattin Eve (Tilda Swinton). Haben wir nun einen vampiristischen Musikfilm oder einen musikalischen Vampirfilm für Bildungsbürger gesehen? Zunächst soll es um die Musik im Film gehen, die auch inhaltlich einen Schwerpunkt bildet. Mit den klassischen Vampir-Filmen und den neumodischen Teenie-Soaps desselben Themas hat Jarmuschs Film jedenfalls nichts gemein.

"Adams Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2013
„Adams Haus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Musik spielte in seinen Filmen immer schon eine große Rolle (John Lurie, Tom Waits, Iggy Pop). Diesmal hören wir einen wunderbaren Soundtrack, der herrlich stimmig auf Bilder und Handlung Bezug nimmt; eine wilde Mischung aus Country, Sixties Soul, Rock, Garage Punk und Paganinis Geigen. Die moderne Rockmusik, die Adam im Film spielt, stammt von Jarmuschs eigener Band „Sqürl“. Der Film beginnt aber mit einem Track aus dem Jahr 1960 von Wanda Jackson. Die Kamera kreist traumhaft über Adam und Eve, überblendet durch einen Plattenspieler, auf dem sich eine Single dreht:

Wanda Jackson: „Funnel Of Love“

Die Rockabilly- und Country-Sängerin Wanda Jackson (*1937, Oklahoma) war die erste Frau, die „wilde“ Musik in den 1960er Jahren machte (wenn nicht noch schlimmere Ausdrücke damals verwendet wurden) und sie ging mit Elvis Presley auf Tournee. Ihre rauhe Männerstimme kam bei den prüden US-Amerikanern nicht gut an; sie hatte ihre größten Erfolge im Ausland. In Deutschland war der Schlager „Santo Domingo“ (1965) ihr stärkster Triumph. Mein Lieblingssong von ihr aber ist „Let’s Have A Party“ (1958). Anfang der Sechziger war er auf jeder Party ein Muss. Kein Wunder, es war hochkarätiger Rock ’n’ Roll, denn begleitet wurde Jackson durch die Musiker von Gene Vincent.

Filmtrailer, www.wandajackson.com

„Moonrise Kingdom“ von Wes Anderson mit Bill Murray, Tilda Swinton, Bruce Willis, Frances McDormand, Edward Norton und Harvey Keitel

Es geht um große Liebe, um eine neue, junge Liebe, um eine Liebe, die immer wieder durchgeschüttelt und bedroht wird, um das Feuer der Liebe, das niemand löschen kann, aber auch um die uralte Geschichte, dass jeder Mensch geliebt werden will – sogar ein Polizist [Bruce Willis auf der Pressekonferenz in Cannes anlässlich des Eröffnungsfilms “ Moonrise Kingdom“ von Wes Anderson]

Nach The Royal Tenenbaums (2001) und The Life Aquatic with Steve Zissou (Die Tiefseetaucher, 2004), ist der diesjährige Eröffnungsfilm von Cannes Moonrise Kingdom mein dritter Film, den ich von Wes Anderson gesehen habe: Und wieder wurde ich nicht enttäuscht. Keiner inszeniert so künstlich-schöne Filme, mit schrägem Humor, 1960er-Jahre-Feeling, skurrilen Details, Indian-Summer-Farben und künstlerischer Überhöhung wie er – ein „echter Wes Anderson“ eben. Es scheint sein persönlichstes Werk zu sein, zumindest ist es seine Erinnerung an eine Kindheitsphantasie oder er wünschte, dass er das so erlebt hätte.

"Penzance Island", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Penzance Island“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Es geht um die große Liebe zweier zwölfjähriger Außenseiter auf der Schwelle zum Teenager-Alter im Jahr 1965 auf dem fiktiven New Penzance Island vor der Küste Neuenglands. Suzy, die verträumte Außenseiterin und Sam, der Pfadfinder, verlieben sich auf der Schulaufführung der Kinderoper Noahs Sintflut von Benjamin Britten und beschließen, gemeinsam in die Wildnis zu fliehen. Die Ausreißer wollen zur Bucht Moonrise Kindom am anderen Ende der Insel. Hier schlafen sie, eng aneinander gekuschelt, in Sams Zelt ein.

Bald ist ihnen die halbe Inselbevölkerung auf den Fersen, die mit dieser Aufgabe komplett überfordert ist: Suzys neurotische Eltern (Bill Murray, Frances McDormand) mit dem ehrbaren Beruf der Rechtsanwälte, Sams streng gedrillte Pfadfinder-Truppe mit Pfadfinderanführer Ward (Edward Norton), der alte Pfadfinder Commander Pierce (Harvey Keitel), Sams Pflegeeltern, die nicht unglücklich über sein Verschwinden sind, ein melancholischer Polizist (Bruce Willis), das mit Elektroschocks drohende „Jugendamt“ (Tilda Swinton) und eine aufkommende Sturmflut, an deren Ende es die Bucht nicht mehr geben wird.

"Vor dem großen Sturm", Foto © Friedhelm Denkeler 2004
„Vor dem großen Sturm“, Foto © Friedhelm Denkeler 2004

Moonrise Kingdom ist kein Kinderfilm, aber ein Film auch für Kinder. Zwar versteht keiner sich selbst oder den anderen, aber alle reden überzeugend aneinander vorbei. Wes Anderson fehlen oftmals die Worte für die skurrilen Ereignisse, aber die passenden Bilder für das Geschehen hat er allemal.

Angelhaken, die zu Ohrringen mutieren, ein tragbarer Plattenspieler mit Ersatzbatterien, ein Baumhaus auf einem absurd hohen Baum, eine Schere für Linkshänder, ein Koffer mit Lieblings-Büchern, ein Megafon, mit dem die Mutter ihre Familie zum Essen ruft, die kurze Hose und die weißen Socken des Inselpolizisten, der lila Lidschatten der Zwölfjährigen und ein exakt kreisrundes Loch in der Zeltwand, das der Zwölfjähriger hineingeschnitten hat, um abzuhauen, sowie der fokussierende Blick durch das Fernglas spielen liebenswerte Nebenrollen. Viel mehr verraten möchte ich hier nicht, nur so viel: alles wird gut; einfach ein zauberhafter Film. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Trailer Moonrise Kingdom