Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Thomas Struth

„Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010“ in Düsseldorf (3)

Ich verstehe meine Arbeiten als in sich zusammenhängend, wie eine Art Gebäude, das sich graduell ausdehnt und verwandelt; manchmal muss etwas renoviert oder neu durchdacht werden, oder man baut einen neuen Flügel an.

"Bern", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Bern“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Während ich im letzten Beitrag auf die Werkgruppen in der Grabbehalle der „Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20“ eingegangen bin, steht heute die Kleehalle an. Struth ist dort mit seinen Werkgruppen „Museum Photographs“, „Audiences“, „Familienportraits“ und der neuesten Arbeit „Industrieansichten“ vertreten. Die einzelnen Gruppen sind in der Ausstellung nicht entsprechend gekennzeichnet, werden in den Texten zum Teil unterschiedlich bezeichnet und die Übergänge der Serien sind teilweise auch fließend. Diese Hängung ist von Struth beabsichtigt und wird so zu einem „Gesamtkunstwerk“. Anhand eines jeweiligen Beispielbildes möchte ich die einzelnen Gruppen näher vorstellen.

Museum Photographs

Natürlich sind Struths berühmte Museumsbilder aus den Museen der Welt wie dem Prado in Madrid, dem Pergamon-Museum in Berlin oder dem Louvre in Paris in der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen. Die abgelichteten Besucher agieren vor den Kunstwerken und wirken oft künstlich arrangiert. Aber in der Regel hat Struth bei diesen Aufnahmen so lange gewartet, bis die Zuschauer sich „in eine Komposition begaben“, wie er sagte. Beim „Pergamon“-Bild hat das nicht funktioniert, hier hat Struth die „Zuschauer“ selber mitgebracht und angeordnet („Pergamon Museum I Berlin 2001“, siehe hier).

"Zeche Zollverein, Essen", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Zeche Zollverein, Essen“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Audiences

Im Gegensatz zu den „Museum Photographs“ stehen hier ausschließlich die Museums-Besucher als Betrachter von Kunst im Mittelpunkt seines Interesses. Besuchergruppen und einzelne Personen schauen in die Höhe oder an die Wände auf für uns nicht sichtbare Kunstwerke. Diese „spiegeln“ sich lediglich in den Gesichtern der Zuschauer, in ihrem Minenspiel oder ihrer Gestik. Am schönsten fand ich eine Serie von fünf Bildern, die kabinettartig gehängt sind: „Audiences“, Florenz 2004 (siehe hier).

Alle fünf Bilder wurden fast vom gleichen Standpunkt aus fotografiert, aber zu verschiedenen Zeiten und dadurch mit wechselnden Zuschauern. Auch hier sehen wir nicht das zu betrachtende Werk und rätseln, ob es sich nicht um den „David“ von Michelangelo handeln könnte. Angeblich soll er sich schemenhaft in der Brille eines Betrachters abzeichnen. Trotz intensiven Suchens konnte ich dergleichen nicht finden.

Familienportraits

„Die Familienportraits lassen die Fotografien als Rätsel erscheinen, die in uns das Verlangen wecken, Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen und in dem Familienportrait, das wir betrachten, das prägende Zusammenspiel von Genen, Generationen, Psychologie, Kultur und Lebensumständen zu entdecken.“ (Zitat Katalog).

Dass Struth zu Beginn seiner Karriere als Maler arbeitete, merkt man den Familienportraits an; sie stehen den klassischen Kompositionen sehr nahe. Die Anordnung der Dargestellten gibt häufig Aufschluss über Rang und Verpflichtung untereinander, die Kleidung ist aber eher leger und gibt den Bildern eine intime Atmosphäre. Hierzu habe ich das Bild „The Richter Family Cologne 2002“ (siehe hier) herausgesucht. Es handelt sich hierbei übrigens um den Maler Gerhard Richter, Struths erstem Lehrer.

Industrieansichten

Das beeindruckendste Bild dieser Gruppe ist für mich „Semi Submersible Rig DSME Shipyard, Geoje Island 2007“ (siehe hier). Das monumentale Bild einer Halbtaucher-Bohrinsel an der Küste von Süd-Korea, eines der größten der Ausstellung, muss man „live“ erleben; im Internet oder auch gedruckt sieht man die Brillanz und Farbigkeit des Originals nicht. Auf den ersten Blick könnte man meinen, in dem Foto Struths Lehrer, die Bechers, zu erkennen. Aber ein kleines Detail, der Radfahrer, der sein Rad inspiziert, und natürlich die Farbe machen den Unterschied zu Bechers Fotos deutlich. Bechers hätten abgewartet, bis der Radfahrer verschwunden wäre.

Seit den Anfängen richten sich Struths Werke auf die vier großen Schauplätze: Kunstmuseen, moderne Großstädte, Familien und Natur. Dies habe ich versucht  in den drei Artikeln  vorzustellen (siehe hier und hier). Demnächst wieder mehr zur Kunst in der Hauptstadt: Frank Stella, Santiago Calatrava und El Lissitzky in der Neuen Nationalgalerie. www.kunstsammlung.de

„Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010“ in Düsseldorf (2)

Wenn man im Dschungel stehen bleibt, betrachten einen die Pflanzen nach fünf Minuten als Nahrung!

"Junger Urwald", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Junger Urwald“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Alle Paradiese der Welt, denn es gibt nicht nur eins, scheinen zu Gast in Düsseldorf zu sein. Beim ersten Betreten der Grabbehalle der „Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20“ hat man das Gefühl mitten im Urwald, in den Wäldern von Brasilien, Peru, Australien, China, Japan, Florida und, ja auch in Deutschland, im Bayrischen Wald zu stehen und zwar gleichzeitig (Beispiel Thomas Struth: Paradise 29, Perù, 2005).

Trotz der zwölf Meter (sic!) hohen, aber sehr schmalen und damit schwierig bespielbaren Halle, hat Struth die Räumlichkeiten optimal mit den elf gemäldeartigen Arbeiten aus der Serie „Paradise“, die bis zu  2,5 x 3,5 Meter (sic!) groß sind und den eher „klein“-formatigen (60×80 cm) früheren schwarz/weißen Stadtbildern aus den Städten wie Düsseldorf, New York, Paris, Rom, Neapel, Tokio, Chicago oder Shanghai aus den Jahren 1978 bis 1986 sehr gut in den Griff bekommen.

„Ab 1996 entwickelte sich bei Struth der Plan für die Paradise-Bilder. Sie waren fast von Anfang an als raumgreifende Installation mehrerer, den Betrachter umgebender Werke konzipiert … Die Produktionsmethode dieser Arbeiten unterschied sich stark von derjenigen der ‚Museums Photographs‘, bei denen Struth oft eine große Zahl von Aufnahmen machte, stets in neuer Variation aufgrund der ständigen Bewegung der Menschen, ehe er ein bestimmtes Bild auswählte. Bei den ‚Paradise‘-Bildern konnte er sehr viel ökonomischer Vorgehen, mehr als die Hälfte der Aufnahmen wurden tatsächlich verwendet.“ Zitat Ausstellungskatalog.

"Wedding, Neue Hochstraße", Foto © Friedhelm Denkeler 1977
„Wedding, Neue Hochstraße“, Foto © Friedhelm Denkeler 1977

Auf den Paradies-Bildern ist der Blättervorhang so dicht, dass der Blick unmittelbar auf der Oberfläche des Bildes hängen bleibt. Im Gegensatz dazu stehen Struths zentralperspektivisch aufgebaute, meist menschenleere Straßenschluchten aus den 1970/80er Jahren (BeispielThomas Struth, Crosby Street, New York, 1978). Seine Heimatstadt Düsseldorf richtet Struth nun erstmalig eine Einzelschau aus und die frühen Werke der Serie Düsseldorfer „Straßen“ können auch als Hommage an die Landeshauptstadt betrachtet werden.

Die kleinformatigen und blockweise gehängten Schwarz/Weiß-Straßenfotografien entsprechen den typischen Stadtfotografien der 1970/80er Jahre, als Beispiel seien Michael Schmidt in Deutschland und die Fotografen der „New Topographics“ in den USA genannt. Als P.S.1-Stipendiat setzte Struth diese Serie in New York, und später auch in Münster, Rom, Neapel, Paris und Edinburgh fort.

Die „Paradise“-Bilder (und die „Audience“-Serie) liegen Struth besonders am Herzen. Er weist in den begleitenden Texten darauf hin und auch für mich stellen beide Serien Höhepunkte der Ausstellung dar. Im nächsten Artikel werde ich über Struths Werkgruppen in der Kleehalle, die Museums-Fotografien, die „Audiences“, seine Familienportraits, die Fotos von Kultstätten und die neuen „Industrieansichten“ berichten. www.kunstsammlung.de

„Thomas Struth: Fotografien 1978 − 2010“ in Düsseldorf (1)

Wenn mir jemand sagt, du bist Fotograf, dann ist das nur die halbe Wahrheit!

"Im Felsenmeer", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Im Felsenmeer“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Die Welt, na ja zumindest Europa, ist zu Gast in Düsseldorf − beim Eurovision Song Contest, den die Liebhaber natürlich weiterhin „Grand Prix“ nennen. Dieser war aber nicht das Ziel meines Kurzbesuches in Düsseldorf, sondern die große Retrospektive von Thomas Struth (*1954) in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K20 am Grabbeplatz. Viel gehört und in Kultursendungen gesehen hatte ich schon über die Schau, aber meine Erwartungen wurden mit den gemäldeartigen Großfotografien alle übertroffen.

Während bisher lediglich einzelne Werkgruppen vorgestellt worden sind, gibt es in Düsseldorf und somit erstmals in Europa, einen repräsentativen Überblick über das Gesamtschaffen Struths zu sehen. Beide Hallen, die sehr hohe und schwierig bespielbare Grabbehalle und die riesengroße Kleehalle, die entsprechend der gezeigten Werkgruppen unterteilt ist, sind mit diesen Arbeiten im Großformat vorzüglich gefüllt und großzügig werden die folgenden Werkgruppen gehängt:

In der Grabbehalle finden sich Struths 2,5 x 3,5 Meter (sic!) große „Urwaldbilder“ mit dem Titel „Paradise“ aus den Jahren 1998 bis 2007 und seine eher „klein“-formatigen (60×80 cm) früheren schwarz/weißen Stadtbilder aus Städten wie Düsseldorf, New York, Paris, Rom, Neapel, Tokio, Chicago oder Shanghai aus den Jahren 1978 bis 1986.

 "Jahrtausendblick", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Jahrtausendblick“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

In der Kleehalle sind Struths Museums-Fotografien (1996 bis 2001) aus den berühmtesten Museen der Welt, vom  Pergamon-Museum über den Louvre bis zum Art Institute of Chicago, seine Familienportraits (1996 bis 2008), die Fotos von Kultstätten (1995 bis 2003), wie der „El Capitan“ im Yosemite National Park, der Mailänder Dom oder der Times Square in New York zu sehen, ebenso die Werkgruppe „Audiences“, in der Struth das Museums-Publikum beim Betrachten der Bilder beobachtet und eine neue Werkgruppe „Industrieansichten“ aus den Jahren 2007 bis 2009, die technologische Spitzenleistungen, wie das Kennedy Space Center oder ein Trockendock in Island, zum Inhalt haben.

Thomas Struth hat zunächst Kunst bei Gerhard Richter und dann Fotografie bei Bernd und Hilla Becher studiert (1973 bis 1980). Seine erste Ausstellung hatte er 1978 im P.S.1 in New York, 1992 war er auf der documenta IX in Kassel vertreten und stellte als erster lebender Künstler im Prado in Madrid aus. Die aktuelle Ausstellung, die noch bis zum 19. Juni 2011 in Düsseldorf läuft, war vorher in Zürich zu sehen und wandert weiter nach London und Porto.

Mit der Eintrittskarte erhalten die Besucher zugleich einen kostenlosen Kurzführer durch die Ausstellung, der einzelne Fotos von Struth und Gemälde aus der Sammlung gegenüberstellt und in Beziehung setzt. Thomas Struth lebt in Düsseldorf und Berlin und arbeitet mit einer Großbildkamera der Marke „Plaubel“. In zwei noch folgenden Artikeln werde ich ausgewählte Werkgruppen ausführlicher vorstellen. Zur Einstimmung habe ich zwei Links mit Filmen zu Struths Arbeiteten herausgesucht: hier und hier.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ist nicht nur im K20 am Grabbeplatz beheimatet, sondern auch im weiter entfernt gelegenen ehemaligen Ständehaus, genannt K 21, in der Ständehausstraße. Zwischen dem K20 und K21 gibt es einen von Mercedes-Benz gesponserten, kostenlosen Busshuttle. Ich nahm die Gelegenheit war, mir im K21 auch noch Ausstellung „Intensif-Station − 26 Künstlerräume“ im Schnelldurchgang anzusehen.

Und auch dieser Besuch war sehr lohnenswert. Bereits der Fahrer des Busshuttles, Herr Hellmann, wies während der Fahrt sachkundig und kompetent auf die Besonderheiten der Ausstellung hin. So hinterließen  die Mitarbeiter, die Ausstellungsgebäude, das Ausstellungsdesign und die editierten Materialien und Kataloge einen hervorragenden Gesamteindruck von der Institution Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Leider war mein Besuch im K21 angesichts der dargebotenen Kunst viel zu kurz, vielleicht ergibt sich diesen Sommer noch ein weiterer Besuch, die Ausstellung läuft noch bis zum 4. September 2011. www.kunstsammlung.de

"Düsseldorf", Foto © Friedhelm Denkeler 1982
„Düsseldorf“, Foto © Friedhelm Denkeler 1982

In einer großen Retrospektive zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mehr als 100 Werke des in Düsseldorf und Berlin lebenden Fotokünstlers Thomas Struth. Die Ausstellung „Thomas Struth – Fotografien 1978 bis 2010“ ist vom 26. Februar bis zum 19. Juni 2011 in K20 am Grabbeplatz zu sehen.

Der 1954 geborene Fotokünstler gehört zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Fotografie. Zahlreiche Ausstellungen während der vergangenen 15 Jahre in Europa, den USA und verschiedenen asiatischen Staaten haben ihn international bekannt gemacht. Während bisher jedoch lediglich einzelne Werk-Gruppen vorgestellt wurden, gibt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen nun erstmals in Europa einen repräsentativen Überblick über das Gesamtschaffen Struths.

Die in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich entstandene Ausstellung ist gegenüber der ersten Station in der Schweiz auf jetzt  mehr als 100 Werke erweitert worden. Ein deutliches Schwergewicht liegt auf Struths Schaffen innerhalb des vergangenen Jahrzehnts. Nur in Düsseldorf werden neueste Arbeiten des Künstlers vorgestellt.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch bisher nie in der Öffentlichkeit gezeigte frühe Werke, die zur Folge der „Straßen“ gehören. Die Schwarz-Weiß-Fotografien Düsseldorfer Straßen sind gemeinsam mit einer Auswahl seiner Dschungel-Bilder, den „Paradises“, als eigene Präsentation in der großen Grabbehalle von K20 zu sehen. Diese raumfüllende Bilder-Installation ist ausschließlich in Düsseldorf ausgestellt und vom Künstler selbst eingerichtet.

Thomas Struth gehört er zu den herausragenden Künstlern, die in der Zeit wahrer Bilderfluten dem Medium Fotografie zu neuer Intensität und Wirkungskraft verholfen haben. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf zunächst bei Gerhard Richter Malerei, ab 1976 bei Bernd Becher Fotografie. Struths Arbeiten waren bereits 1992 auf der documenta IX in Kassel zu sehen. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit steht das präzise Sehen.

Ob das undurchdringliche Dickicht asiatischer Dschungel, ob großformatige Museumsszenen („Audiences“) oder die jüngsten Aufnahmen in technischen Groß-Anlagen: Immer wieder thematisiert Struth in seinen typischen Bild-Folgen das Verhältnis von Betrachter und Betrachtetem und fragt damit nach der Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft. Quelle: Presseerklärung.

Eine Ausstellungsbesprechung erfolgt Mitte Mai 2011. www.kunstsammlung.de