Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Thomas Olbricht

„Consume, Produce, Die“ im „me Collectors Room“ in Berlin

Ich habe dich zum Fressen gern. | Auge um Auge, Zahn um Zahn. | Zum Anbeißen schön. | Liebe geht durch den Magen. | Auf die Zunge beißen. | Rache ist Blutwurst. | Ich habe einen Narren an Dir gefressen.

"Eat, Shit And Die" von Dan Attoe, 1975", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Eat, Shit And Die“ von Dan Attoe, 1975″, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Ausstellung „Alles Kannibalen?“ im Berliner me Collectors Room, der Privatkollektion des rheinländischen Sammlers Thomas Olbricht, zeigt in 100 Arbeiten von 40 Künstlern, wie sich die Kunst dem Thema Kannibalismus – im erweiterten Sinne – in Form von historischen Gemälden und Zeichnungen, alten Fotografien und Kultobjekten genähert hat. Gleich in der Lounge finden sich zwei Neon-Arbeiten „Consume, Produce, Die“ von Claire Fontaine und „Eat, Shit And Die“ von Dan Attoe (siehe mein Foto) zu diesem Thema.

Die meisten Werke bewegen sich zwischen soziologischer Einordnung und der Sensationsgier nach grauenerregendem oder schönem Fleisch, zwischen Francisco de Goyas anklagendem Grafikzyklus „Desastres de la Guerra“ und den collagierten/ gemalten Bildern der Kenianerin Wangechi Mutu. Die beiden auf Zuckerwatte-Wolken gebetteten nackten Schönheiten verkörpern die Redewendung „Ich habe dich zum Fressen gern“ und Cindy Sherman bietet dem zeitgenössischen Betrachter in „Maria lactans“ analog zur christlichen Ikonographie ihre künstliche Brust dar. Und plötzlich steht man vor einem übergroßen Quader aus ekligem Kunststoff-Fleisch (John Isaacs, 1968).

Der Titel der Ausstellung „Alles Kannibalen“ bezieht sich auf den Text „Wir sind alle Kannibalen. Das einfachste Mittel, sich mit dem anderen zu identifizieren, ist noch, ihn zu essen“ des Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Zur Vernissage soll es übrigens „Rotwein und Gehacktes“ gegeben haben. Die Schau, die vorher in Paris zu sehen war, steht unter der kuratorischen Leitung von Jeanette Zwingenberger und geht morgen zu Ende.

Ich habe das Besucherbuch eben durchgesehen und dabei festgestellt, dass viele der Zeichnungen in diesem Buch den Kannibalismus als sexuellen Akt zur Schau stellen. Wäre das kein Anzeichen dafür, dass Kannibalismus heute beim Sex ausgelebt wird? Eine schockierende Einsicht. Ein Besucher

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