Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Sprengel-Museum

Stand der künstlerischen Fotografie seit den 1960er-Jahren. „Photography Calling!“ im Sprengel-Museum Hannover bis zum 15.01.2012

"Fetisch", Foto © Friedhelm Denkeler 2003
„Fetisch“, Foto © Friedhelm Denkeler 2003

„Photography Calling!“ zeigt mit Werken von 31 Fotografinnen und Fotografen auf über 2000 qm erstmals seit der großen Schau „How You Look At It“ im Jahr 2000 eine umfassende Übersicht zum Stand der künstlerischen Fotografie seit den 1960er-Jahren.

Die Ausstellung wird vom Sprengel Museum Hannover in Kooperation mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung durchgeführt und stellt ausgehend von deren europaweit einzigartiger Sammlung von umfangreichen Werkgruppen ausgewählter amerikanischer und europäischer Fotografen die Frage nach der Geschichte und den Perspektiven des ‚dokumentarischen Stils’.

Mit „Photography Calling!“ soll ein weiteres Signal gegeben werden, um Hannover als wichtigen Standort für künstlerische Fotografie im Norden zu etablieren.

Die Ausstellung findet ihre Ausgangspunkte in Werkgruppen von Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Bernd und Hilla Becher, William Eggleston, Lee Friedlander, John Gossage, Nicholas Nixon, Martin Parr und Michael Schmidt. Positionen wie die von Rineke Dijkstra, Paul Graham, Thomas Struth und Fotografinnen und Fotografen folgender Generationen, wie Jitka Hanzlová, Stephen Gill, Jochen Lempert, Elisabeth Neudörfl, Heidi Specker und Tobias Zielony, schreiben die fotografische Erzählung über die Welt mit den Mitteln einer streng dem Medium verpflichteten und doch zugleich höchst subjektiven Fotografie fort.

Max Baumann, Boris Mikhailov, Rita Ostrowskaja und Helga Paris und erweitern die Perspektive um Erfahrungen der biografisch prägenden Konfrontation mit unterschiedlichen politischen Systemen. Laura Bielau, Thomas Demand, Hans-Peter Feldmann, Andreas Gursky, Thomas Ruff, Wolfgang Tillmans und Jeff Wall verwenden Stilmittel des Dokumentarischen im Sinne einer modellhaften Auseinandersetzung mit Wahrnehmung. Viele der Arbeiten sind erstmals ausgestellt. [Quelle: Pressererklärung]

Der amerikanische Fotograf Walker Evans (1903–1975) hat den Begriff des dokumentarischen Stils 1971 geprägt. Als er zum Ende seines Lebens gefragt wurde, ob seine Fotografien Dokumente seien, antwortete er, die Polizei stelle fotografische Dokumente eines Tatorts her. Bei seinen Bildern aber handele es sich um Fotografien im dokumentarischen Stil.

Nicht das Dokument im wissenschaftlichen Sinn ist also Ziel der in dieser Richtung agierenden Fotografen, sondern die subjektive Sicht im Ausdruck des Dokumentarischen. Somit geht es bei den Werkgruppen der in der Sammlung vertretenen Autorinnen und Autoren nicht um eine klassische Form der Dokumentarfotografie, deren Ziel die fotografische Verdoppelung des Motivs ist, sondern darum, eine persönliche Sehweise zu formulieren, die auch das Verhältnis des Fotografen zur Welt zeigt.

Darüber hinaus verbindet die ausgewählten Fotografen ihr Interesse an einer gültigen Bildfindung. Ihre Werke dienen nicht vorrangig der Illustration gesellschaftlicher Themen. Vielmehr reflektieren ihre Arbeiten diese und beziehen ihren Stoff aus der Auseinandersetzung mit ihnen, sind aber als künstlerische Selbstäußerungen zu verstehen, die sich aus dem Dialog mit der realen Situation entwickeln.

In ihren Fotografien formulieren sie einen Glauben an das Kunstwerk als ästhetisches Objekt mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Dabei ist die Darstellung der Realität immer das Resultat des individuellen künstlerischen Vorgehens, die Wirklichkeit in den Bildern als eine Konstruktion von Authentizität, als Vorstellung von Welt zu verstehen. [aus: Thomas Weski „Sammlung unserer Wünsche“]

Die Ausstellung wird kuratiert von Inka Schube, Kuratorin für Fotografie und Medienkunst, Sprengel Museum Hannover, und Thomas Weski, Professor für „Kulturen des Kuratorischen“, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig. Der Titel „Photography Calling!“ erinnert an den Song „London Calling!“ der Punkband „The Clash“ aus dem Jahr 1979. www.sprengel-museum.de