Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Silberner Bär

Zwiespältiger Eindruck bei der Vergabe der Preise der 62. Internationalen Filmfestspiele 2012 in Berlin

Damit hatte wohl keiner gerechnet – die Jury vergab den Goldenen Bär an die Brüder Taviani nach Italien, Kritiker und Festivalteilnahmer sahen den deutschen Beitrag von Christian Petzold mit dem Drama „Barbara“  eher vorn.

"Der digitale Berlinale-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Der digitale Berlinale-Bär“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Preisträger

  • Goldener Bär für den besten Film: Cäsar muss sterben“, Italien, von Paolo und Vittorio Taviani
  • Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Just The Wind (Csak A Szél)”, Ungarn, von Bence Fliegauf
  • Silberner Bär – Beste Regie: Christian Petzold für “Barbara”, Deutschland
  • Silberner Bär – Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in „Rebelle (War Witch)“, Kanada
  • Silberner Bär – Beste Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in „Die Königin und der Leibarzt“, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung:
    Lutz Reitemeier für die Kamera in “White Deer Plain (Bay Lu Yuan)”, China
  • Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für „Die Königin und der Leibarzt“, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst:
    Miguel Gomes mit “Tabu”, Portugal
  • Sonderpreis – Silberner Bär:
    Ursula Meier mit “L’enfant d’en haut (Sister)”, Schweiz

Die Pressestimmen

  • Der Tagespiegel: „Bärenlese ohne Biss“, „Die Jury lässt das Neue konsequent beiseite“, „Zwei Auszeichnungen für den honorigen, aber konventionell inszenierten dänischen Historienfilm“, „Begeisterung aber löste die Entscheidung nicht aus“, „Ja, fast alles, was ein zweites Leben auch und gerade im deutschen Kino verdient, wurde geflissentlich übersehen“.
  • Welt am Sonntag: „In gewisser Weise sendet dieser Goldene Bär allerdings das falsche Signal über die Berlinale 2012 in die Welt, denn dies war ein Paradelaufen junger Talente im Wettbewerb. Vor langer Zeit, 1959, gab es diese Situation schon einmal, und damals besaß die Jury den Mut, das hoffnungsvollste Talent, den aufregendsten Trend, mit der höchsten Ehrung zu bedenken: „Schrei, wenn du kannst“ von Claude Chabrol, einem dieser jungen Wilden der Nouvelle Vague, erhielt den Goldenen Bären.“ „Wer nun fragt, wo die großen Amerikaner und Engländer und Franzosen bleiben, dem muss beschieden werden: Sie gingen leer aus, weil sie ihre besten Filme nicht geschickt haben.“
  • Die Zeit: „Ein goldener Bär für das politische Festival. Die Berlinale will ihren Ruf als engagiertes Festival manifestieren. Mit den Preisen, die jetzt vergeben wurden, hat es diese Selbstverpflichtung weitgehend eingelöst.“
  • FAZ: „… dass ihr Film (Cäsar muss sterben) eher an Strafvollzugsexperimente der siebziger oder achtziger Jahre erinnert; dass dieses Votum sich beim besten Willen nicht als Aufbruchssignal deuten lässt – all das hat die Jury unter ihrem Präsidenten Mike Leigh offenbar gar nicht gekümmert.“ „Für Christian Petzold, dessen Film … sich nicht nur viele Kritiker, sondern auch zahlreiche andere Festivalbesucher als Sieger gewünscht hatten, blieb da nur der Regiepreis übrig.“ „Nur schwer zu verstehen war, warum die Jury ausgerechnet einen der großen Langweiler im Wettbewerb, Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“, gleich mit zwei Preisen bedachte.“
  • Berliner Morgenpost: „Und dann gab es noch den ungarischen Film „Nur der Wind“, die Aufarbeitung einer realen Mordserie an Roma. Das war zwar nicht der beste Film des Wettbewerbs, wäre aber ein immanentes politisches Statement gegenüber Ungarn gewesen, einem Land, über das das Europaparlament sich ernsthafte Sorgen macht, was Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit angeht.“
  • Der Spiegel: „Die 62. Berlinale hatte alles, was dieses Filmfestival braucht: Starke, politische Filme von jungen, engagierten Filmemachern im Wettbewerb. So kann es Berlin locker mit Cannes und Venedig aufnehmen. Schade nur, dass die Jury unter Mike Leigh ihre Bären so konservativ vergeben hat.“ „Dieses Jahr meckern wir also fast gar nicht über das Festival, dieses Jahr meckern wir zur Abwechslung mal über die Jury – es kommt eben immer anders, als man denkt. Wir freuen uns auf die nächste Berlinale.“
Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das war sie also, die 61. Berlinale. Die Preise sind vergeben und die Enttäuschung über die Filme im Wettbewerbsprogramm bleibt. Bisher glaubte ich, dass das große „B“ auf den Plakaten der Internationalen Filmfestspiele für „Berlin“ steht. Die Berlinale rühmt sich neben Cannes und Venedig das dritte „A-Festival“ zu sein. Wenn das so weitergeht, haben wir in Berlin nur noch ein „B“-Festival. Die Kriterien für die Auswahl der Filme waren nicht erkennbar. Kurz gesagt, der gesamte Wettbewerb war ziemlich dröge und schwerfällig.

Die Entscheidung, die drei wichtigsten Bären (Goldener Bär, Silberner Bär Beste Darstellerin und Bester Darsteller) einzig und allein an den iranischen Film “Jodaeiye Nader az Simin” zu vergeben, ist für mich nicht nachvollziehbar (siehe hier). Es dürfte eine politische Entscheidung gewesen sein, die manchen Kunstfreund grämen wird. Die größte Fehlentscheidung für mich war allerdings, den deutschen Film „Schlafkrankheit“ mit dem Silbernen Bären für die beste Regie auszuzeichnen. Der Film war zum Einschlafen (siehe hier) und drehte sich ausschließlich um sich selbst.

Das Mindeste wäre es gewesen, Miranda July für ihren künstlerischen Film „The Future“ auszuzeichnen. Ihre liebevolle Geschichte über ein Pärchen, das den Sinn des Lebens sucht, war der Jury wohl nicht ernst genug (siehe hier). Dafür erhält „The Turin Horse“ von Béla Tarr, Ungarn, den „Großen Preis der Jury (Silberner Bär)“. Diesen Film habe ich nicht gesehen, aber in den 146 Minuten (sic!) soll keine Handlung stattfinden. Im 45-sekundigen Trailer sieht man 30 Sekunden lang eine Lampe brennen mit anschließender Schwarzblende.

Der STERN urteilt: „Der Preis der Zukunft … geht leider an das Filmfest von Cannes. Die großen Namen unter den Regisseuren werden alle dort vertreten sein. Angeblich weil sie nicht eher fertig geworden sind – die Wahrheit ist aber natürlich das Klima und … Cannes: Terry Malick zeigt endlich seinen „Tree of Life“, Lars von Trier ‚Melancholia‘, Pedro Almodovar ‚The Skin I live in‘, David Cronenberg ‚The dangerous Method‘ und Steven Spielberg ‚War Horse‘.

Den Besuchern in Cannes wünsche ich ein lebhaftes und kontroverses Filmfest, dass Möglichkeiten und Perspektiven künstlerischer Gestaltung aufzeigt und nicht den permanenten Stillstand zelebriert.