Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Sam Durant

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (9)

Wir sind zurück im „Künstlerdorf“ in der Karlsaue. Mitten im Landschaftspark, auf der zentralen Sichtachse zwischen der Orangerie und dem Schwanenteich, hat der US-amerikanische Künstler Sam Durant das hoch aufragende Holzkonstrukt „Scaffold“, ein Mittelding zwischen Klettergerüst und Aussichtsplattform, errichtet. Dass es ein Mahnmal gegen die Todesstrafe ist, erkennt man erst bei genauerem Hinsehen (siehe Foto).

"Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Gerüst besteht aus einzelnen, ineinander verschachtelten Galgen. Noch deutlicher wird dies, wenn man auf das Gerüst klettert; erst dann sieht man, dass die Plattform keine normale Plattform ist, sondern eine seltsame Form aus Podesten, Toren und hoch aufragenden Pfosten aufweist. Einige Bauelemente erinnern an Falltüren. Größe und Material der einzelnen Galgen sollen so genau wie möglich mit der jeweiligen Originalkonstruktion übereinstimmen. Um den heutigen Bau- und Sicherheitsvorschriften zu entsprechen, waren Anpassungen notwendig. Zur Installation gehört eine chronologische Auflistung zur Verwendung dieser Galgen. Ein bedrückendes aber auch eindrucksvolles Werk.

"Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der mexikanische Künstler und Architekt Pedro Reyes hat in der Karlsaue ein Sanatorium errichtet (siehe Foto), in dem die typischen Krankheiten der Städter behandelt werden: Stress, Einsamkeit und Angstgefühle. Es gibt acht Behandlungsmethoden, die mit Placebos vorgenommen werden: Der Patient kann also seine Denkweise selbst korrigieren. Eine Behandlung war während unseres Besuches leider nicht möglich, da die behandelnde Ärztin eine typische Krankheit der Städter aufwies: Sie telefonierte ununterbrochen auf der Wiese vor dem Sanatorium (siehe Foto).

"Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Auch den Kompatibilitätstest für Paare machten wir nicht mit: Beide Partner suchen sich jene Obstsorten aus, mit denen sie sich am meisten identifizieren können. Im Mixer werden diese Sorten dann zusammengerührt. Ob man zusammenpasst – das ist dann reine Geschmackssache. Putzig! Kunst mit heilender Sofortwirkung ohne Erfolgsgarantie?

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (2)

Die Documenta beginnt mit einer visuellen Enttäuschung – der zentrale Friedrichsplatz ist „kunstlos“. Die Documenta-Container für Garderobe, Tickets und WC und ein „besetzter“ Teil des Platzes mit Zelten der Occupy-Bewegung machen den Platz auch nicht schöner. 1992 befand sich hier immerhin Jonathan Borowskys „Himmelstürmer“ und 2007 das „Mohnfeld“ von Sanja Ivekovc.

"Documenta 13: Fridericianum mit Arbeit von Ryan Gander", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Fridericianum mit Arbeit von Ryan Gander“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der Besuch des Fridericianums, das Hauptgebäude einer jeden Documenta seit 1955, steht an und es folgt die nächste Enttäuschung: Die großen Hallen links und rechts des Foyers und jeweils die beiden dahinterliegenden Räume sind vollständig leer (siehe Foto), nur an den offenen Türen weht ein leichter Wind: Zugluft oder Luftnummer? Der britische Künstler Ryan Gander lässt künstlich Wind erzeugen, wie und warum ist leider nicht erkennbar.

Also sehen wir uns die Rotunde an. Dort, wo früher das „Herz“ der Documenta schlug, befindet sich jetzt laut Documenta-Macherin Carolyn Christow-Bakargiev (von allen der Einfachheit halber CCB genannt) das „Brain“ der Documenta 13. Geht es so im Gehirn zu?

"Documenta 13: Baktrische Prinzessin", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Baktrische Prinzessin“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wir sehen ein Sammelsurium von Kunstwerken, Objekten und Dokumenten: Die „Baktrischen Prinzessinnen“ (siehe Foto) aus dem dritten Jahrtausend v.Chr. aus Zentralasien, eine Auswahl von Gegenständen aus Hitlers Wohnung, Man Rays „Object to be Destroyed“, Konrad Zuses Funktionsmodell für einen Computer, eine Marmor-Skulptur, die aussieht wie ein Sack Mehl (siehe Foto) und Artefakte aus dem Nationalmuseum in Beirut, die während der Bombardierungen im Bürgerkrieg miteinander verschmolzen sind; um nur einige Objekte zu nennen.

"Documenta 13: Selbst mit Sack aus Carrara-Mamor (von Sam Durant)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Selbst mit Sack aus Carrara-Mamor (von Sam Durant)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Liegt hier etwa das „Konzept der Konzeptlosigkeit“ von CCB vor? Hoffentlich bringen die nächsten Documenta-Orte mehr Klarheit. Morgen früh geht es in die Documenta-Halle.