Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Paolo Vittorio Taviani

Paolo und Vittorio Taviani im Wettbewerb mit „Cäsar muss  sterben“ (Italien 2011, )

"Paolo & Vittorio Taviani im Berlinale Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Paolo & Vittorio Taviani im Berlinale Palast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

In den neuen, zwischen Dokumentation und Fiktion angesiedelten Film „Cesare deve Morire“ der mittlerweile 80 und 82 Jahre alten Taviani-Brüder muss man sich erst „einsehen“. Dann nimmt der Film einen „gefangen“ und das nicht nur, weil er an einem Originalschauplatz, in einem römischen Gefängnis gedreht wurde.

Die Spannung hält bis zum Ende des Films und gipfelt in dem gleichzeitigen Höhepunkt mit dem Ausspruch eines Gefangenen/ Schauspielers „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden“.

Durch die Beschäftigung mit der Kunst bekommen die Darsteller, allesamt Strafgefangene im Hochsicherheitstrakt, ein neues Selbstverständnis. Der Film macht Mut auf die Zukunft.

Dass die Darsteller Verbrecher sind, stellt der Film deutlich heraus: Alle Akteure werden mit eingeblendeten Taten und Haftzeiten in Großaufnahme vorgestellt.

Shakespeares Drama „Julius Cesar“ von 1599 ist in diesem Film aktueller denn je. Den Tavianis gelingt es, die einzelnen Proben in den verschiedensten Räumen des Gefängnisses, von der privaten Zelle, über Gemeinschaftszellen, Gänge, Speiseräume und dem vergitterten Gefängnishof als Außenbereich, zu verdichten. Die Proben, die den größten Teil des Films einnehmen, werden allesamt in herrlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen wiedergegeben. Anfangs- und Schlusssequenz, die jeweils den letzten Akt der eigentlichen Aufführung zeigen, sind in Farbe.

Überraschender Clou am gestrigen Abend: Der Darsteller des Brutus stand neben dem gesamten Film-Team vor dem Roten Vorhang und konnte den Applaus nach abgesessener Haftstrafe in Freiheit genießen. Auf der Pressekonferenz herrschte die Meinung vor, dass dies die wohl originellste Auseinandersetzung mit Shakespeare sei, die es bisher je im Kino gab. Die Kunst dient dem Leben und das Leben dient der Kunst.

Am Ende von Shakespeares Julius Cäsar werden die Darsteller mit stürmischem Applaus belohnt. Das Licht verlöscht, die Akteure verlassen die Bühne, kehren zurück in ihre Zellen: Es sind Häftlinge, die im Hochsicherheitstrakt der römischen Strafanstalt Rebibbia einsitzen. Einer von ihnen sagt: „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden.“ Sechs Monate lang haben Paolo und Vittorio Taviani den Entstehungsprozess der Inszenierung beobachtet. Sie zeigen, wie Shakespeares universelle Sprache den Akteuren hilft, sich auf den Charakter ihrer Figuren einzulassen, wie sie ins Wechselspiel von Freundschaft und Betrug, Macht, Lüge und Gewalt eintauchen.

Ohne im Detail zu ergründen, welche Verbrechen die Männer in ihrem „wahren“ Leben begangen haben, eröffnet der Film Parallelen zwischen dem klassischen Drama und der Welt von heute, beschreibt das Engagement aller Beteiligten – und wie deren Ängste und Hoffnungen in die Inszenierung einfließen. Als sich nach der Premiere die Zellentüren hinter Cäsar, Brutus und den anderen schließen, fühlen sie sich stolz und auf merkwürdige Weise berührt: Die Kunst hat ihnen einen Blick in die Tiefen der eigenen Biografie gestattet.
[Quelle: Filmbeschreibung]