Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Neues Museum

Kunstwerke der frühen Moderne bei archäologischen Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus entdeckt

Emy Roeder, "Schwangere", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Emy Roeder, „Schwangere“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Nachdem wir nach der Wieder-Eröffnung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel im Jahr 2009 erstmals den Bau des Architekten und Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler besichtigen konnten, stand jetzt ein erneuter Besuch an.

Das Ziel war, die Sammlungs-Bestände genauer kennenzulernen und die imposanten und behutsam restaurierten Räume ein weiteres Mal genießen zu können. Unter www.neues-museum.de lassen sich herrliche virtuelle Rundgänge durch alle Ebenen und Räume des Gebäudes unternehmen – meist noch ohne davon ablenkende Exponate. Ein weiterer Grund des Museumsbesuches war die Sonderausstellung „Der Berliner Skulpturenfund – ‚Entartete Kunst‘ im Bombenschutt“.

"Griechischer Hof im Neuen Museum" Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Griechischer Hof, Neues Museum“ Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Es war die Überraschung des Jahres, als im Oktober 2010 bei archäologischen Ausgrabungen in der historischen Mitte von Berlin, anlässlich der U-Bahn-Bauarbeiten für die neue Linie U5, verschollen geglaubte Exponate der von den Nazis beschlagnahmten und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigten Werke, gefunden wurden. Diese elf Skulpturen sind momentan im „Griechischen Hof“ des Neuen Museums zu bewundern. Man sollte sie sich allein zu Ehren der damals von den Nazis verfemten Künstler anschauen. Zwei Werke möchte ich näher vorstellen.

Das obere Foto zeigt ein Fragment der Skulptur „Schwangere“ von Emy Roeder aus dem Jahr 1918. Die ursprüngliche Höhe betrug 80 cm. 1920 erhielt sie hierfür den Preis der Preußischen Akademie der Künste. Das Werk aus Terrakotta wurde 1937 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe von den Nazis beschlagnahmt. Emy Roeder nahm 1955 an der ersten „documenta“ in Kassel teil.

„Die stilisierte Halbfigur der ‚Schwangeren‘ kann als eine der eindrucksvollsten expressionis-tischen Frauendarstellungen in der Bildhauerei gelten. Das Besondere ist, dass sie von einer Frau geschaffen wurde. Die junge Künstlerin mag dabei ihre eigene Lebenssituation in der Partnerschaft mit Herbert Garbe thematisiert haben. Über einem vasenartig gestalteten Körper ragt das ernste, schmale Gesicht mit den riesigen Augen auf. Ein Tuch umfängt den Kopf und bestärkt den madonnenhaften Eindruck der Gestalt.“ (aus dem Ausstellungstext).

Marg Moll, "Tänzerin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Marg Moll, „Tänzerin“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das zweite Werk besteht aus Messing und ist die „Tänzerin“ von Marg Moll, um 1930 entstanden.

„Durch ihren Aufenthalt in Paris 1928 lernte Marg Moll die neuesten kubistischen Entwicklungen in der Bildhauerei kennen. Es gab Kontakte zu Alexander Archipenko, Constantin Brancusi und Ossip Zadkine. Anschließend gestaltete Moll Plastiken in stilisierten Formen mit Art Déco-Anklängen, die häufig in glänzendem Messing ausgeführt wurden; dazu gehört die Tänzerin. Die um 1930 entstandenen Skulpturen können als der Höhepunkt ihres Werkes eingeschätzt werden.“ (aus dem Ausstellungstext).

1941 wurde die Skulptur im Spielfilm „Venus vor Gericht“ als Ausstattungsstück verwendet, um eine Kunsthandlung mit „entarteter“ Kunst zu charakterisieren.

Die beiden Werke von Roeder und Moll wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München (1937) und Berlin (ab 1938) gezeigt und galten bisher als verschollen. Neun weitere Skulpturen, mit ähnlicher Geschichte, sind bei den Ausgrabungen gefunden worden und in der Sonderausstellung zu sehen. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie wurde und wird noch immer kontrovers diskutiert, aber allein diese Fundstücke haben ihm schon einen Sinn gegeben.