Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Museum für Gegenwartskunst

Von Angels Trumpets, Cabbages und Tulips –
Cy Twombly im Museum für Gegenwartskunst in Siegen

Willst du’s, soll’s die Liebe sein/ Du, dein Mund, wir sagens nicht/
Schenkst der Rose Schweigen ein/ Bitttrer, so du’s unterbrichst.

"Junge Pflanze", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

„Junge Pflanze“, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

„Das Photo ist wie das Wort: eine Form, die sogleich etwas besagen will“ (Roland Barthes). Das „passt“ sehr gut zu den Photographien von Cy Twombly, die ich in Siegen im Museum für Gegenwartskunst gesehen habe. Twombly ist durch Malen und Schreiben auf Leinwand bekannt geworden. Vor allem die Antike und ihre Mythologien wurden zu Quellen seiner Bilder.

Ab den 1980er Jahren fertigte er auch Skulpturen aus gefundenen Dingen und einfachen Materialien an. Als Photograph war er aber bisher weniger bekannt. Erst zu Beginn der 1990er Jahre trat er mit seinen Photographien an die Öffentlichkeit.

Die Photos, die von Twombly für den Katalog und die vorangegangene Ausstellung im Münchner Brandhorst-Museum selbst ausgewählt wurden, scheinen einen einfacheren Zugang als seine „Kritzeleien“ (wie er sie selbst ironisch bezeichnete) zu ermöglichen: Wir sehen Landschaften, Blumen-Stillleben und Interieurs. Aber diese Hoffnung täuscht: Die Photos sind unscharf, alltäglich, unter- und überbelichtet und scheinen willkürlich ausgesucht worden sein, aber erst auf den zweiten Blick sieht man die herrlich verhaltenen Farben, die Eindrücke und Stimmungen poetisch wiedergeben.

Die Bilder erinnern an die großen Themen der Kunstgeschichte und wirken dadurch altertümlich und zeitlos. Die Poesie der Bilder hängt sicherlich auch mit Twomblys Beschäftigung mit der mediterranen Kultur, den Landschaften und vor allem der Antike und ihrer Mythologien zusammen. Bereits in den ersten Jahren in Italien las er die Gedichte Stéphane Mallarmés, die seine künftigen Arbeiten beeinflussen sollten (siehe Einführungszitat, aus „Rondel“).

Twomblys Arbeiten werden als Verschmelzung von Malerei und Dienstkunst verstanden. Das trifft auf die Werke in Siegen ebenfalls zu. Vielleicht eröffnen sie mir auch einen größeren Zugang zu seinen Hauptwerken. Die Arbeiten im Hamburger Bahnhof in Berlin werde ich mir sicherlich unter diesem Gesichtspunkt noch einmal ansehen.

Die Photos wurden von Twombly mit einer einfachen Polaroid-Kamera aufgenommen und die Unikate mittels Dry-Print-Verfahren vergrößert (ca. 30×30 cm) und in limitierter Auflage vervielfältigt. Durch das nicht mehr gängige Kopierverfahren erhielten die Bilder eine samtene, diffuse Qualität und wirken grobkörniger. Sie erinnern dadurch an die Stilrichtung des Pictorialismus, der um 1900 versuchte, durch künstliche Effekte die Photographie der Malerei im Rang gleichzustellen.

Cy Twombly, der am 1928 in Lexington (USA) geboren wurde und am 5. Juli 2011 in Rom verstarb, ist eine der geheimnisvollsten Künstlerpersönlichkeiten und ein wichtiger Vertreter des abstrakten Expressionismus. Nach dem Kunststudium in Boston, New York und am legendären Black Mountain College, wo er auch einen Kurs in Photographie belegte, reiste er mit Robert Rauschenberg nach Südamerika, Spanien, Nordafrika und Italien.

Ab 1957 lebte Twombly hauptsächlich in Rom und Gaeta. Sechzig seiner Werke sind in der Sammlung Brandhorst in München und auch im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. 1987 wurde Twombly mit dem Rubenspreis der Stadt Siegen ausgezeichnet und 1995 erhielt er den Goslarer Kaiserring. Die Ausstellung seiner Photographien in Siegen läuft noch bis zum 30. Oktober 2011.

Links: www.museumfuergegenwartskunstsiegen.de und eine Foto-Auswahl durch Google