Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Museum für Fotografie

Frühe Porträtfotografie und aktuelle Straßenfotografie aus Indien.
Monat der Fotografie 2012 in Berlin (5)

Seit den ersten Tagen der Kalotypie setzte der eigenartige Dreifuß mit seiner geheimnisvollen Kammer und seinem Messingmund die Einwohner dieses Landes davon in Kenntnis, dass ihre Eroberer auch andere Instrumente als die prächtigen Kanonen ihrer Artillerie erfunden haben, Instrumente, deren Erscheinungsbild vielleicht nicht minder verdächtig anmutete, die ihr Ziel jedoch mit weniger Lärm und Rauch erreichten [Samuel Bourne]

"Selbst im kolonialen Auge", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Selbst im kolonialen Auge“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Thema des 5. Europäischen Monats der Fotografie Berlin „Der Blick des Anderen“ passt auf die beiden Ausstellungen, die ich am vergangenen Wochenende gesehen habe, sehr genau zu: Im Museum für Fotografie in der Jebensstraße sind noch bis zum 21.10.2012 an die 300 frühe Porträtfotografien aus Indien unter dem Titel „Das Koloniale Auge“ (siehe hier) zu sehen und in der Bürogemeinschaft KOMET/ Galerie in der Prinzen-straße, zeigt Dr. Carola Muysers „indianROAD“, aktuelle Fotografien aus Indien von Beate Spitzmüller (siehe hier).

Das Koloniale Auge: Der verbindende Aspekt dieser Porträts aus den Anfängen der Fotografie ist der spezifisch europäische Blick. Die Bewohner sollten im Auftrag von Kolonialherren, Missionaren, Ethnologen und Händlern „inventarisiert und vermessen“ werden. Die Fotos sind in die Rubriken Adel, Jenseits des Adels, Sadhus (=Entsager), Kasten, Berufe und Adivasi (= Ureinwohner) unterteilt. Wir als Besucher sehen nur, was Fotografen wie Samuel Bourne, Sheperd & Robertson und John Burke sehen wollten: die Pracht der Oberschicht, die Inventarisierung der einzelnen Kasten, die schmerzhaften Rituale der Asketen und die Ärmlichkeit der Ureinwohner. Die Ästhetik dieser fast 300 Fotos ist beeindruckend, den geschichtlichen Hintergrund aber sollte man dabei als Besucher nicht vergessen (Video zur Ausstellung).

indianROAD: Beate Spitzmüller hat ihre großen Farbfotografien vom bunten Treiben in den indischen Städten geschickt mit kleineren Schwarz/Weiß-Aufnahmen schlafender Menschen auf öffentlichen Straßen und Plätzen kombiniert. Sie ist durch Indien gereist, nicht als Ethnographin, sondern eher als teilnehmende Beobachterin, die sich ungezwungen und mit vorurteilsfreiem Blick im Land bewegt. Ihre farbigen Arbeiten zeigen oftmals im Hintergrund überdimensionierte, bunte Reklametafeln vor denen die Menschen eher klein wirken und erinnern ästhetisch an sogenannte „Bollywood-Filme“. Die Ablichtungen schlafender Menschen bilden schon rein farblich einen starken Kontrast hierzu und obwohl eine für europäische Verhältnisse sehr intime Szene wiedergegeben wird, sind ihre Arbeiten niemals voyeuristisch.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des „European Month of Photography – EMoP“ finden Sie auf meiner Übersicht.

„Helmut Newton – Polaroids“ im Museum für Fotografie, Berlin

"Tina 2", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990
„Tina 2“, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Nach längerer Pause gibt es zum Wochenende wieder einen Artikel: Nein, ich war nicht auf der Berliner Fashion Week oder bei Bread & Butter unterwegs, sondern habe mich anlässlich der zwei aktuellen Ausstellungen mit Polaroids von Helmut Newton und Sybille Bergemann in Berlin mit den eigenen Polaroid-Fotos, die in den 1980er-Jahren entstanden sind, beschäftigt. Eine Auswahl von 92 Fotos, Polaroids SX-70, ist mittlerweile eingescannt und ein Buch in Vorbereitung.

Mein Zitat des Monats und die beiden Ausstellungen mit Polaroid-Fotos passen zur Modewoche in Berlin: Helmut Newton und Sybille Bergemann haben sich mit Mode beschäftigt. Zunächst zu Newton. Die Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Berlin, zeigt noch bis zum 20. November 2011, aus Tausenden von Bildern ausgewählt, 300 Fotos. Zwei Polaroids habe ich herausgesucht: Shooting für die Zeitschrift „Paris Match“, Monte Carlo, 1985 und für den Stern, St. Tropez 1987 sowie ein Video zur Ausstellung mit dem Kurator Matthias Harder.

Für Newton (1920 – 2004) waren die Sofortbilder mit handschriftlichen Ergänzungen eher Skizzen und Schnappschüsse aus seinen Mode-Shootings und dienten der Überprüfung der Bildkomposition und der konkreten Lichtverhältnisse. Diese Vorstudien seiner danach entstandenen perfekten Fotos zeigen eher das Unvollkommene: oft sind sie farbstichig, unscharf, überbelichtet oder verkratzt, aber sie weisen die Patina der Originale auf, eben Polaroids.

In der Ausstellung hängen allerdings nicht die originalen Sofort-Bilder, sondern großformatige, einschließlich des weißen Polaroid-Randes, aufgezogene Prints auf Alu-Dibond als Bildträger. Das charmant Unvollkommene, das Polaroid-Fotos ausmacht, ist aber im Großen und Ganzen erhalten geblieben. Eine Auswahl der „kleinen“ Unikate wird in zwei Vitrinen ausgestellt und lässt sich mit den aufgezogenen Prints gut vergleichen.

Als Newtons Polaroids 1992 erstmals in der Publikation „Pola Woman“ im Schirmer/Mosel Verlag vorgestellt wurden, reagierte die Presse eher verhalten bis ablehnend, heute werden sie auf den großen Kunstauktionen mit einem Preis von bis zu 25.000 Euro gehandelt.

„Auf den Probefotos kann man Eva Herzigova, Nadja Auermann, Monica Belluci und den anderen langbeinigen Superfrauen dabei zuschauen, wie sie zusammen mit dem Fotografen quasi ihre Fingerübungen vor dem eigentlichen Shooting absolvieren: In luxuriös-dekadentem Ambiente, angetan mit High-Heels, ansonsten meist spärlich bis gar nicht bekleidet, präsentieren sie in gewohnt provokantem Newton-Stil selbstbewusst ihre schönen Körper – manchmal mit ironischem Augenzwinkern und manchmal in ihrer Qualität kaum vom späteren Foto zu unterscheiden.“ (FOCUS Online).

„Provokation gehört seit jeher zur Arbeitsweise Newtons, der auch in seinen Auftragswerken stets an die Grenze des Gewohnten führte. Durch seine provokanten und gleichzeitig höchst ästhetischen Motive hat er einen immensen Einfluss auf die Mode- und Aktfotografie ausgeübt, der bis heute ikonografisch nachwirkt.“ (Handelsblatt).

Siehe auch meine Ausstellungsankündigung „Helmut Newton – Polaroids“ am14. Juni 2011.

… in der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Berlin, bis zum 20.11.2011

"Lady In Red", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990
„Lady In Red“, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Anhand von über 300 Fotografien wird erstmals ein repräsentativer Überblick über Newtons legendäre Polaroids gezeigt. Seit den 1970er Jahren hatte er diese Technik intensiv genutzt, insbesondere während der Shootings für seine Modeaufträge.

Dahinter stand, wie Newton es selbst einmal in einem Interview nannte, das ungeduldige Verlangen sofort wissen zu wollen, wie die Situation als Bild aussieht. Ein Polaroid entspricht in diesem Zusammenhang einer Ideenskizze und dient zugleich der Überprüfung der konkreten Lichtsituation und Bildkomposition.

Aufschlussreich sind Newtons handschriftliche Ergänzungen an den Bildrändern der Polaroids: Kommentare zum jeweiligen Modell, Auftraggeber oder Aufnahmeort. Diese Anmerkungen, die Unschärfen und Gebrauchsspuren finden sich auch auf den Vergrößerungen der Polaroids innerhalb der Ausstellung; sie zeugen von einem pragmatischen Umgang mit den ursprünglichen Arbeitsmaterialien, die inzwischen jedoch einen autonomen Wert besitzen.

Insbesondere die eigene, unvergleichliche Ästhetik der Polaroids, die die Farbigkeit und die Kontraste des fotografierten Gegenstandes unvorhersehbar verändert, macht die experimentelle Technik auch für den heutigen Betrachterblick interessant. Insofern kommt die Ausstellung einem Blick ins Skizzenbuch eines der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gleich. Viele der ikonischen Aufnahmen, die bereits zuvor in den Ausstellungsräumen der Helmut Newton Stiftung gezeigt wurden, werden durch die jetzige Ausstellung in ihrer Entstehung präsent. Quelle: Presseerklärung.

Eine Ausstellungsbesprechnung folgt demnächst.  www.helmutnewton.com

Schönheit jenseits des Sichtbaren. Mikro-Fotografie zwischen Wissenschaft und Kunst

"Mikro", Foto © Friedhelm Denkeler 2008
„Mikro“, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Das Museum für Fotografie zeigt eine kleine Geschichte der Mikro-Fotografie mit faszinierenden Bildern der fragilen Welt des Kleinen. Die Spannweite der Fotos bewegt sich zwischen dem naturwissenschaftlichen und künstlerischen Kontext. So sehen wir eine der ersten Mikro-Fotografien, Andreas von Ettingshausens Daguerreotypie von 1840 mit dem Querschnitt durch den Stängel einer Clematis, bis hin zu den Rasterelektronen-Fotografien der Becher-Schülerin Claudia Fährenkemper.

Die Fotografien zeigen die makellose Schönheit der Natur, wie auch Szenarien, die einem Horror-Film hätten entspringen können. Erwähnen möchte ich hier speziell die Arbeiten von Fritz Beill (1904 – 1997). Seine Bilder „Menthol-Kristalle“ (1959) und „Synthetisches Penizillin“ (1961) sehen aus, wie Standfotos eines Science-Fiction-Films.

Faszinierend fand ich ebenso das Mikro-Foto „Komposition“ (um 1950) eines Glassplitters von Hermann Claasen (1899-1989) und Claudia Fährenkempers „Zähne einer Froschlarve“ (2002) in einer 3000-fachen Vergrößerung aus ihrer Serie „Metamorphosis“. Die im Labor von Robert Koch entstandenen Aufnahmen vom Köpfchen-Schimmel hingegen erinnern an blühende Gräser auf einer Wiese.

In einem Video sehen Sie ein Interview mit dem Kurator der Ausstellung Ludger Derenthal und eine Auswahl der ausgestellten Werke. Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Januar 2011 im Museum für Fotografie in der Jebenstraße 2 zusehen und zwar im ehemaligen, jetzt komplett renovierten und umgestalteten Kaisersaal im obersten Stockwerk.

Museum für Fotografie

Portraits von Yves Saint Laurent bis zu den Hells Angels. Die weltweit erste Retrospektive von June Newton/ Alice Springs in der Berliner Helmut Newton Stiftung

Bereits im ersten Raum der Ausstellung in der Berliner Jebenstraße hängen die Fotos, die June Newton in Vertretung für ihren erkrankten Mann, im Jahr 1970 in Paris auf dem Place Vendôme für die Zigarettenmarke Gitanes, machte. Es war der Beginn einer 40-jährigen Karriere von June Newton, die ihre Bilder unter dem Namen Alice Springs veröffentlichte. In der Berliner Ausstellung sind 250 Bilder, hauptsächlich Porträts von Künstlern, Schauspielern, Musikern und Stars der Modeszene zu sehen. Viele Aufnahmen sind im Auftrag von Zeitschriften zwischen Paris und Los Angeles entstanden, andere aus freiem Antrieb.

Museum für Fotografie, Berlin
Museum für Fotografie, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

1971 entstand jenes Foto für die Zeitschrift „Dépêche Mode“, das heute ihr bekanntestes und sicherlich bestes Werk ist: Ein Model mit Handtasche geht auf einem Pariser Boulevard wie auf einem Laufsteg entlang. Im Zurückblicken wundert sie sich über die Blicke, die ihr vermutlich nachgeworfen werden: Die Handtasche hebt, wie aus Versehen, den schon kurzen Rock, noch höher hinauf. Das Foto finden sie hier (Cover des Katalogs des Taschen-Verlages).

In die Ausstellung am Bahnhof Zoo ging ich mit einiger Skepsis. Würden June Newtons Aufnahmen neben den Fotografien mit den glamourösen Inszenierungen ihres Mannes bestehen? Ich war angenehm überrascht: June hat gegenüber Helmut einen geradlinigeren Blick auf ihre Modelle. Die Bilder sind humorvoller und ironischer und die Abbildungen werden der Individualität der Dargestellten gerechter. Ihre Porträtfotografie besitzt eine klassische Anmutung.

Die Namensliste der Abgebildeten liest sich wie ein Who’s who der internationalen Kultur- und Modeszene. Im zweiten Raum finden wir zum Beispiel Porträts von Vivienne Westwood, Peter Keeting, Rudi Gernreich, Sonja Rykel, Gianni Versace, Emmanuel Ungaro, Hubert de Givenchy, Christian Lacroix und Robert Mapplethorpe. Im dritten Raum geht es weiter mit den Künstlern Keith Haring, Roy Lichtenstein, Marcus Lüpertz, Gerhard Richter, Elvira Bach, Niki de St. Phalle, Luciano Castelli, Helmut Middendorf, Peter Hujar, David Hockney, Joseph Beuys, Ed Ruscha und Dennis Hopper.

Eine weitere Gruppe von Porträts zeigt Charlotte Rampling, Frederico Fellini, David Byrne, Manuel Alvarez Bravo, Richard Avedon, Sting, Wim Wenders, Grace Jones, Roman Polanski, Graham Greene, William Burroughs und Mario Merz. So, das muss an Namen reichen und dabei habe ich nur diejenigen aufgeführt, deren Namen und Profession ich kenne.

Auf weiteren Fotos zeigt June Frauen mit ihren Babys, das bekannteste darunter ist „Brigitte Nielsen and Son“. Sie finden das Bild hier. Bei ihren Mutter-Kind-Aufnahmen hat sie bewußt das Madonna-Klischee vermieden, Mutter und Kind erscheinen als selbstständige, voneinander unabhängige Charaktere. Weitere Serien zeigen Gruppenporträts von den Hells Angels und elf Aktfotos von „Susi und Lena“, aber für Aktfotos bleibt Helmut Newton doch der Maßstab und da kommt keiner heran.

Die heute 87-jährige June Newton kommt in Melbourne zur Welt. Unter dem Namen June Brunell arbeitetet sie als Schauspielerin für Film und Bühne. 1947 lernt sie Helmut Newton kennen. Gemeinsam ziehen beide 1947 nach Paris und 1981 nach Monte Carlo. Die Ausstellung ist bis auf weiteres im Museum für Fotografie, Helmut Newton Stiftung, in der Jebenstraße 2, 10623 Berlin-Charlottenburg, zu sehen. Die Überschrift trifft auch auf den Schreiber dieser Zeilen zu. Er liegt mit einer Erkältung “darnieder”.

www.helmut-newton.de