Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Michael Schmidt

Siebrand Rehberg in der Collection Regard mit Berlin-Fotografien der frühen Siebzigerjahre. Monat der Fotografie 2014 in Berlin (6)

Die Fotografien … sind eine echte Entdeckung. Sie setzen die Tradition des flanierenden Fotografen fort und lassen uns den Wandel Kreuzbergs in den 70er Jahren nacherleben [TAZ].

Er war einer der ersten Schüler von Michael Schmidt, noch bevor dieser die legendäre „Werkstatt für Photographie“ in Kreuzberg ins Leben rief: Siebrand Rehberg. Rehberg fotografierte in den 1970er Jahren, wie sein Lehrer, zunächst hauptsächlich in seinem Wohnbezirk Berlin-Kreuzberg (das frühere SO 36 wurde auf drei Seiten von der Mauer fast eingeschlossen). Im Gegensatz zu Schmidts damaligen Stadtlandschaften, bewegte er sich auf der Straße zwischen den Menschen und hielt diese einfühlsam in seinen Fotografien fest. Die Originale sind jetzt zum ersten Mal öffentlich in der Collection Regard unter dem Titel „BERLINER. Signale des Aufbruchs – Siebrand Rehberg – Fotografien 1971 – 1976 “ zu sehen.

"Siebrand Rehberg, BERLINER. Signale des Aufbruchs in der Collection Regard", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Siebrand Rehberg, BERLINER. Signale des Aufbruchs in der Collection Regard“,
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Die Alltagsszenen hielt Rehberg in beeindruckenden Bildern fest: Kinder spielen auf einem VW-Käfer-Wrack im Engelbecken-Hof; ein Seil hüpfendes Mädchen spielt an der Mauer am Leuschnerdamm; der für die Urlaubsreise in die Türkei vorgesehene VW-Bus am Fraenkelufer wird bepackt und zusätzlich werden die Koffer mühselig auf dem Dach festgezurrt; eine Kiosk-Besitzerin posiert mit ihren Kunden am Schlesischen Tor oder ein Trupp von Ostberliner Grenzsoldaten repariert, unter Bewachung von Westberliner Polizisten, die Mauer an der Heidestraße.

Bereits in den 1970er Jahren spielte sich ein Teil des Lebens öffentlich in den Straßen Berlins ab. Die Gastarbeiter, wie sie damals genannt wurden, brachten ihre Kultur mit nach Deutschland und insbesondere nach Berlin-Kreuzberg. Die Fotografie „Görlitzer Straße“ hält dies bemerkenswert fest: Zwischen den beiden Hauseingängen, in denen jeweils ein türkisches Ehepaar getrennt sitzt, spielen Kinder und ganz am Rande des Bildes verfolgt eine deutsche Hausfrau das Geschehen hinter der Gardine.

Rehberg zeigt aber auch Berliner Stadtlandschaften in West und Ost: ein riesiges Brennnessel-Feld an der Mauer; ein Zeitungskiosk am Görlitzer Bahnhof, voll gepflastert mit Zeitschriften der Regenbogen-Presse; der Wochenmarkt am Winterfeldplatz, auf dem Wolfgang Menge gerade einkauft; eine neue Hochhaussiedlung an der Lindenstraße; ein startendes Flugzeug über dem Friedhof Neukölln und immer wieder Bilder mit der Mauer und dem Todesstreifen, zum Beispiel an der Oderberger Straße.

Die 1970er Jahren leiten den sogenannten Aufbruch ein und Rehberg zeigt die Zeit vor den kurz bevor stehenden Umbrüchen. Ein Zeitzeugnis, wie wir heute nach vierzig Jahren konstatieren können. Erik Steffens stellt im Katalog fest: „Das Aufkommen neuer sozialer Bewegungen setzt Siebrand Rehberg immer indirekt ins Bild, sein Interesse liegt vor allem an den Menschen. Ihnen begegnet er mit Respekt und Neugier, lässt ihnen ihre Würde.“

Der Sammler Marc Barbey schreibt: „Siebrand Rehbergs Straßenfotografien haben mich auf Anhieb überzeugt, denn er hat es geschafft, einen sehr breiten Teil der Kreuzberger und Berliner Gesellschaft eindrucksvoll und einfühlsam einzufangen. Er liefert uns mit hohem fotografischem Können ein wunderbares Zeitdokument von Menschen aller Schichten, sowohl aus West- als auch Ost-Berlin.“ Kreuzberg wie es einmal war, heute ist es Geschichte.

Die Ausstellung, die von Antonio Panetta kuratiert wurde,  findet im Rahmen des Monats der Fotografie in Berlin statt. Dieser ist zwar inzwischen beendet, aber viele Ausstellungen laufen bis Januar 2015 weiter. Die Ausstellung von Siebrand Rehberg gehört zu den sehenswerten fotografischen Arbeiten in diesen Wochen in Berlin. Die Ausstellung in der Collection Regard des Sammlers Marc Barbey ist noch bis zum 12.12.2014 zu besichtigen (wird hoffentlich verlängert). Siehe auch meine Übersicht “Der Europäische Monat der Fotografie in Berlin“. Im Nicolai-Verlag ist das Buch von Siebrand Rehberg „Signale des Aufbruchs – Berlin-Fotografien der frühen Siebziger Jahre“ als Katalog erschienen.

Collection Regard | Fotostrecke mit 20 Bildern auf Spiegelonline

Michael Schmidt *6. Oktober 1945, †24. Mai 2014

„Der Fotograf Michael Schmidt, einer der renommiertesten Fotokünstler Deutschlands, ist mit 68 Jahren gestorben. Wie sein Galerist Claes Nordenhake der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag bestätigte, erlag Schmidt am Samstag in Berlin einer langen, schweren Krankheit.“ Berliner Zeitung, 26.05.2014

„Die traurige Nachricht folgte unmittelbar einer guten. Am Mittwoch erst hatte Michael Schmidt in London den Prix Pictet zuerkannt bekommen … begleitet von einer Ausstellung seiner Bilder im Victoria & Albert Museum. Jetzt ist Schmidt … im Alter von 68 Jahren in Berlin verstorben … Es steckte von Anfang an ein tiefer Humanismus in der Arbeit Schmidts, der sich nur durch Schroff- und Kargheit effektiv gegen jede Rührseligkeit zu wappnen verstand.“ Südeutsche.de, 26.05.2014

„Es gilt noch aufzuarbeiten, was Michael Schmidt für die künstlerische Fotografie in Deutschland geleistet hat. Nicht nur mit seiner singulären Bildsprache und seinen schonungslosen Vivisektionen des deutschen Bildgedächtnisses; auch in seinem Engagement für andere. Als die Fotografie noch um ihre Anerkennung als Kunstgattung rang, gründete er 1976 … in Kreuzberg die Werkstatt für Photographie und betrieb dort umfassende Diskurs- und Szenenbildung – mit Ausstellungen US-amerikanischer Klassiker wie Walker Evans oder Paul Strand und Seminaren internationaler Kollegen wie William Eggleston und John Gossage.“ DER TAGESSPIEGEL, 25.05.2014

"Michael Schmidt in einem Gartenlokal in Köln anlässlich der Ausstellung 'Michael Schmidt und Schüler' in der Galerie der DGPh am 2. August 1980", Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Michael Schmidt in einem Gartenlokal in Köln anlässlich der Ausstellung ‚Michael Schmidt und Schüler‘ in der Galerie der DGPh am 2. August 1980“, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

„Bekannt wurde Schmidt mit seinen kompromisslosen Porträts der Mauerstadt. Mit Bildern, über die das Magazin ‚New Yorker‘ schrieb, sie ließen im Vergleich selbst Thomas Struths Arbeiten ‚dekorativ‘ erscheinen. Mit der Serie ‚Waffenruhe‘, die 1988 im Museum of Modern Art gezeigt wurde, feierte Schmidt seinen internationalen Durchbruch. Von 1991 bis 1994 entstand ‚EIN-HEIT‘, eine radikale Collage aus Vorkriegszeit, Mauerzeit und Wendejahren; Honecker, Göring, Adenauer, RAF-Terroristen.“ monopol, 24.05.2014

„Als Fotograf war er Autodidakt, als Künstler autonom. Michael Schmidt hat Berlin abgebildet wie es war, den Beton und die Punks … Schmidts Fotografien sind zutiefst persönlich, politisch und poetisch. Ohne narrativ zu werden, öffnen sie den Blick für gesellschaftliche Umbrüche, für Lebensbedingungen in der Stadt und in der Provinz. Sie sind durch vielfache Bezüge in der Fotografie- und Kunstgeschichte verortet und gleichsam völlig eigenständig“ DIE WELT, 25.05.2014

„Im Alter von 20 Jahren begann er, sich das Fotografieren als Autodidakt beizubringen. Er selbst sah sich als neutralen Dokumentaristen. Bekannt wurde er vor allem durch seine umfangreichen Fotoserien, an denen er jeweils mehrere Jahre kontinuierlich arbeitete. 1975 gründete er die Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg, die zum bedeutendsten internationalen Forum für die Diskussion über Fotografie in West-Berlin avancierte. “  SPIEGEL ONLINE, 24.05.2014

„Für die zuletzt ausgezeichnete Serie „Lebensmittel“ hatte er fünf Jahre lang 26 Reisen durch Europa unternommen. In Lachsfarmen, Brotfabriken, Milchviehbetrieben, Schlachthöfen und Gemüsebetrieben nahm er auf, wie Lebensmittel industriell produziert werden … Die Fotoserie war im vergangenen Jahr auch im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.“ Berliner Morgenpost, 25.05.2014

Siehe auch „Fragile – Lato Da Aprire

Von präzise gehängten Gurken, Fischköpfen, Wellpappen und Hackfleisch. Michael Schmidt in der Lebensmitte(l) im Gropius-Bau bis zum 01. 04.2013

Mein erster Eindruck von Michael Schmidts Zyklus „Lebensmittel“ während der Vernissage am 11. Januar 2013 war zwiespältig: Will Schmidt den Besucher „hinters Licht führen“ oder zeigt er uns den „Höhepunkt seines fotografischen Schaffens“? Erste Zweifel kamen im ersten Raum auf (sechs große Räume werden mit den „Lebensmitteln“ bespielt):

Wir sehen fünf Fotos (54×80 cm) einsam an den vier Wänden hängen, davon zweimal Gurken im Karton (fast identisch), ein totes Schwein, ein abgeerntetes Feld und ein Bild auf dem außer Grau nichts erkennbar ist. Hm? Im zweiten Raum sehen wir dann sechs Fotos, 4 davon zeigen Menschen beim Ernten (von hinten). So geht es weiter bis zum sechsten Raum, in dem in einem wahren Crescendo dann 73 Bilder hängen, davon 44 in einem Tableau.

Durch den zweiten Besuch am Wochenende wurde Schmidts monumentale Arbeit, die zwischen 2006 und 2010 auf 30 Reisen in 70 europäische Betriebe der Lebensmittelindustrie entstanden ist, klarer. Nach seinen früheren Arbeiten „Berlin-Wedding“ (1978), „Waffenruhe“ (1987), „Ein-heit“ (1996), „Frauen“ (2000) und „Irgendwo“ (2005), liegt nun die Arbeit „Lebensmittel“ (2012) mit 177 Aufnahmen vor (davon sind 134 im Gropius-Bau zu sehen).

"Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)", Foto © Friedhelm Denkeler 1983
„Nr. 37 (Schweinefleisch süß-sauer)“, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

Schmidt scheint mit seinem neuesten Werk auf dem Höhepunkt seines Schaffens angekommen zu sein. Dabei spielt die Hängung, die Komposition im Gropius-Bau eine wichtige Rolle: Raum für Raum werden die Bilder, in Reihen gruppiert, dichter gehängt. Dabei tauchen verschiedene Motive, oft nur in geringen Abweichungen, mehrmals auf. Und zum ersten Mal hat Schmidt auch einige, meist monochrome Farbfotos, unter die Schwarzweiß-Aufnahmen gemischt. Sehr viele Bilder sind durch Nahaufnahmen, oft unscharf, entstanden. Dieses „Abweichen“ von der konventionellen Fotografie hat schon ein leicht subversives Element, das dann beim flüchtigen Betrachten zu Irritationen führen kann.

Hackfleisch, Tomatenstiegen, abgeerntete Lauchzwiebelfelder, „Vorhänge“ aus Spagetti, Kühe, Fischpumpen, endlose Anbaugebiete, eingeschweißte Hüftsteaks, Wellpappe, Verpackung (auf einer steht die Überschrift dieses Artikels), Schweine, Gewächshäuser, Maschinen, Förderbänder, abgetrennte Fischköpfe, Waschstraßen, Monokulturen, Etiketten und normierte Äpfel sehen wir vordergründig auf den Aufnahmen. Das Ganze ist aber als Gesamtkunstwerk zu sehen; es geht nicht um Einzelbilder, die oft eher belanglos sind, sondern um die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Bildern, die eine neue, verdichtete Ebene erzeugt.

Schmidt zeigt keine drastischen Bilder und provoziert nicht mit Ekel bei der Herstellung der Lebensmittel. Die Herkunft der Bilder lässt auch keine Rückschlüsse auf Länder oder Fabriken zu und der Mensch kommt nur als Rückenfigur vor. Das kann man als Verlust von Verantwortung in der Lebensmittelproduktion sehen. Aber dieser politische Aspekt ist nicht das Anliegen von Michael Schmidt. Wenn, dann entsteht er im Kopf des Betrachters. Unabhängig vom Sujet wirkt bei mir in dieser Ausstellung die äußerst präzise Hängung als Gesamtkunstwerk, als ein Bild mit dem Titel „Lebensmittel“ nach. Meine Begleitung, sonst nicht unbedingt ein Schmidt-Fan, zeigte sich jedenfalls beeindruckt.

In dem zur Ausstellung gehörendem Künstlerbuch, das von Schmidt selbst gestaltet wurde, ist diese Verdichtung naturgemäß nicht so einfach zu realisieren. Hier kommt es darauf an, die Doppel- und die Folgeseiten entsprechend zu gestalten. Dieses Konzept hat Schmidt bereits 1987 mit „Waffenruhe“, umgesetzt: Auch hier gab es das Künstlerbuch und die Präsentation auf der Wand. In der Ausstellung nimmt man die Bilder stärker gleichzeitig war, im Buch entsteht die Dramaturgie durch das Ansehen der Bilder hintereinander. Die Ausstellung geht deutlich über das Buch hinaus und man sollte sie sich deshalb unbedingt noch in dieser Woche ansehen: Am 1. April 2013 endet sie. www.gropiusbau.de

"Michael Schmidt: Frauen", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Michael Schmidt: Frauen“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Berlin Biennale: Der Fotograf Michael Schmidt im öffentlichen Raum

Das war heute morgen nun doch eine Überraschung: Seit Wochen versuche ich Fotos von Michael Schmidt, die öffentlich auf Plaktwänden aushängen sollen, zu finden. Und dann dies: Direkt vor meiner Haustür hängen auf dem S-Bahnhof Steglitz drei große Fotos auf den Reklametafeln. Es handelt sich um einen künstlerischen Beitrag zur 6. Berlin Biennale. Michael Schmidts fotografische Arbeiten werden während der gesamten Dauer im öffentlichen (Plakate) und medialen Raum (Zeitungen und Zeitschriften) an wechselnden Standorten und in wechselnden Medien zu sehen sein. Die Bilder stammen aus Schmidts Fotoserie “Frauen“ (1997–1999). Die Biennale läuft noch bis zum 8. August 2010. www.berlinbiennale.de