Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Martina Gedeck

Berlinale (VII): Guillaume Nicloux: „Die Nonne“ („La Religieuse“) mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck

"Guillaume Nicloux mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin und Francoise Lebrun" (v.l.n.r.),  Foto © Friedhelm Denkeler  2013
„Guillaume Nicloux mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Louise Bourgoin und Francoise Lebrun“ (v.l.n.r.), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Um 1760 war die Säkularisierung noch weit weg und Denis Diderots Roman „Die Nonne“ eine Kampfansage an die Kirche. Auch als 1966 Jacques Rivette den Diderot-Stoff verfilmte und in Cannes zeigte, gab es einen Skandal.

Heutzutage ist man versucht zu sagen, was hat das alles mit uns zu tun? Angesichts der bekannt gewordenen, sexuellen Übergriffe, die im Schutzraum der Kirche stattfinden, scheint das Thema doch sehr aktuell zu sein. Muss man aber heute, wenn man Frauen zeigt, die gegen Autoritäten rebellieren, unbedingt auf den Diderot zurückgreifen?

Dennoch, der Film bietet eine unerwartete Schönheit: Die Kamera fängt eine wahre Ästhetik wie in der Malerei ein: Halbdunkle Landschaftsbilder, karge klösterlichen Zellen, das Kerzenlicht, zeitlose Stillleben (die Schale Obst, der Teller mit Gebäck) und die reinen, ungeschminkten Gesichter der Novizinnen unter ihrer Nonnenhaube. Das kann man, wie der FR schreibt, auch als „visuelle Propaganda des Verzichts“ sehen. Fazit: Ein zu langer (106 Minuten) und zwiespältiger Film, dessen Ästhetik angesichts der dunklen Machenschaften dennoch überirdisch schön ist.

„Suzanne Simonin erzählt in Briefen ihre Lebens- und Leidensgeschichte: Als junge Frau wird sie von den Eltern gegen ihren Willen in ein Kloster gebracht. Sie soll Ordensschwester werden, da für eine standesgemäße Heirat die nötigen finanziellen Mittel fehlen.

Obwohl sie von einer gütigen und verständnisvollen Oberin in den klösterlichen Alltag eingeführt wird, bleibt ihr Freiheitsdrang bestehen. Als die Oberin stirbt, sieht sich Suzanne mit den Repressalien, Demütigungen und Schikanen der neuen Äbtissin und ihrer Mitschwestern konfrontiert. Für lange Zeit wird Suzanne Bigotterie und religiösen Fanatismus am eigenen Leib erfahren.

Denis Diderots Roman wurde bereits mehrmals verfilmt. Jacques Rivette drehte 1966 mit Anna Karina und Liselotte Pulver eine gewagte und kirchenkritische Adaption, die zeitweise von der französischen Zensur verboten wurde. Guillaume Nicloux konzentriert sich auf das Schicksal einer jungen Frau und auf ihren Kampf gegen ein unerbittliches System, das den Einzelnen zermalmt. Sein Film löst sich zunehmend aus den konkreten Umständen und wird zum zeitlosen Drama.“ [Quelle: Filmbeschreibung]

Neben Martina Gedeck spielen in „Die Wand“ die Natur und Luchs von Kyffhäusersbach die weiteren Hauptrollen

Von Männern ausgeheckte Apokalypsen kennen wir zur Genüge. Mit denen können wir umgehen, die können wir längst schon als Genre abtun. Diese weibliche Apokalypse ist anders. Sie verstört ganz ungewohnt. Und wirkt noch lange nach. [Berliner Morgenpost]

Eine Frau (Martina Gedeck) sitzt in einer einsamen Jagdhütte auf den Bergen fest: Ihre unmittelbare Umgebung ist durch eine unsichtbare Wand von der Außenwelt abgeschnitten. Die Wand ist durchsichtig, aber es ist nichts zu sehen, sie spiegelt auch nichts wieder, lediglich bei Annäherung erfolgt ein dumpfes Dröhnen. Ein Hund namens Luchs, der ihren Freunden gehört, die sich zu einem Ausflug verabschiedet haben, rennt gegen die Wand; dann versucht es die Frau selbst; auch der Versuch mit dem Auto durchzukommen scheitert – es bleibt schwer beschädigt liegen.

Hinter der Wand scheint alles Leben eingefroren zu sein. Der Städterin bleibt nichts anders übrig, als sich mit der Situation zu arrangieren. Eine Kuh und eine Katze werden neben Luchs, dem Hund, zu ihren Leidensgenossen. Die Frau pflanzt Kartoffeln, sammelt Früchte des Waldes, lernt mit dem Gewehr auf Jagd zu gehen um zu überleben. Im dritten Jahr schreibt sie ihre Geschichte auf, bis das Papier zu Ende ist.

"Selbst im Kleingarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Selbst im Kleingarten“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Aus dem Off erzählt die Frau ihre Gedanken, aber eigentlich ist das nicht notwendig, denn Martina Gedecks „Gesicht schreibt seinen eigenen Text“ (FAZ). Es bildet die innere Verfassung der Protagonistin, den seelischen Ausnahmezustand, gut ab. Obwohl die Welt nicht mehr existiert, arbeitet sie weiter um zu leben: Sie mäht Heu, versorgt ihre Tiere, zieht im Sommer mit ihnen auf die Alm, hackt Holz für den Winter und geht auf die Jagd. Das Leben unter dem Glaskubus geht, auch nach einer weiteren Katastrophe, weiter.

Der Film, der auf dem gleichnamigen Roman der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963 beruht, lief bereits unter großem Beifall im diesjährigen Berlinale-Programm „Panorama“. Der österreichische Regisseur Julian Pölsler schaffte sich den Hund, einen sogenannten Bayerischen Gebirgsschweißhund, für die Verfilmung an und trainierte ihn persönlich. Eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, ein Alpenpanorama wie es im Buche steht, ein betörender Sternenhimmel und alle vier Jahreszeiten in eindrucksvollem Cinemascope. Ein Film, der vordergründig eine Hommage an die unberührte Natur zu sein scheint, wird durch Martina Gedeck zu einem Drama, das einem fast den Atem raubt. Sehenswert!

Ich habe die Wand immer als Rettung gesehen. Die Wand ist kein schönes Ereignis, aber es hilft der Frau, zum Leben zurück zu kommen und das ist notwendig, weil sie vorher nicht glücklich war. Die Wand steht für mich für eine tiefe Krise, ein Depression, eine Krankheit oder ähnliches – also auch für eine Chance, sich auf das Wesentliche zu besinnen, neue Prioritäten zu setzen und eine neue Lebendigkeit zu finden. [Martina Gedeck]

Links: Trailer, Film-Website, NDR-Kulturjournal