Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Martin Kippenberger

Im Hamburger Bahnhof in Berlin kippelts noch bis zum 18.08.2013

Jeder Künstler ist ein Mensch. [Kippenberger]

In den Rieck-Hallen des Hamburger Bahnhofs lässt die Kippenberger-Retrospektive die sogenannten Neuen Wilden der 1980er Jahre exemplarisch noch einmal auferstehen. Man feiert sich selbst und es kippelt gewaltig. Gekreuzigte Frösche in vielerlei Farben, Malerei, Fotografie, Zeichnung und Installation; eine bunte Mischung wie aus dem Spielzeugladen erinnert an scheinbar paradiesische Zustände des Künstlerlebens in Berlin, Hamburg und Köln zu dieser Zeit. Die Distanz zur etablierten Kunstszene ist beabsichtigt. Die etablierten Werkzeuge hingegen werden benutzt.

Martin Kipperbergers gekreuzigte Frösche, Foto © Friedhelm Denkeler 2013
Martin Kipperbergers gekreuzigte Frösche, Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Gleich im ersten Raum wagt es Kippenberger, an dem Mythos von Joseph Beuys zu kratzen und spricht dessen 1968 durchgeführte Kunstaktion „Ja ja ja, Nee nee nee nee“ nach. Provokation, eine gute Portion Humor und eine Menge Narzissmus prägen Kippenbergers Arbeiten in den langen Hallen und im Untergeschoss. Kurzweilig ist die Ausstellung und schnell erfassbar. Eine kleine Zeitreise auf den Spuren eines Künstlers, der zu den Neuen Wilden zählte und das Adjektiv wild zu wörtlich für sein eigenes Leben nahm. 1997 starb Kippenberger 44-jährig.

Ein „gefälschtes“ Plakat zur großen Kunstausstellung der Documenta, zu der er nie eingeladen wurde, zeugt entweder von der Sehnsucht nach Anerkennung in internationalen Kunstkreisen oder alternativ von der „Veräppelung“ eben dieser. 1988 nahm er an der Biennale Venedig teil.

Wohltuend reduziert und erst auf den zweiten Blick zu entziffern sind Kippenbergers sogenannte Weiße Bilder von 1991, die im Westflügel des Hamburger Bahnhofs ausgestellt werden. Einen neunjährigen Jungen bat er, Kommentare zu einigen seiner Arbeiten zu verfassen. Diese in Schönschrift verfassten Sätze übertrug Kippenberger in transparenter Lackfarbe auf weiße Leinwände und kommentierte sie lehrerhaft mit „sehr gut/ very good!“. Fugenlos eingespachtelt füllen die 11 Bilder den Raum. Weiß auf weiß dient die eigene Bewertung des Künstlers auch gleichzeitig als Titel der Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Genial oder überschätzt? Die 20 Jahre sind vorbei. Der Mensch Kippenberger wurde sichtbar.

Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet… Ich würde sagen, 20 Jahre ist der Zeitraum. […] Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Ob ich gute Laune verbreitet habe oder nicht. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune! [Kippenberger]

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August 2013 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zu sehen. Siehe auch Wie ein Laufsteg im Museum landete… und  www.hamburgerbahnhof.de

… und als Vorlage für eine neue Fotografie verwendet wurde

Die in der Presse hoch gelobte Ausstellung „Martin Kippenberger: sehr gut | very good“ im Hamburger Bahnhof stand auf dem „Programm“. Heute zeige ich vorab ein Foto, das mit Hilfe einer Bodeninstallation von Kippenberger entstanden ist. Diese unbetitelte Arbeit von Martin Kippenberger entstand 1976 in Berlin. Er schuf sie für die befreundete Mode-Designerin Claudia Skoda. Aus 1.300 Schwarzweiß-Kopien von Fotografien entstand eine Collage für den Boden in Skodas Kreuzberger Loft. Der Boden wurde anschließend versiegelt und diente als Laufsteg bei Modeschauen.

"Kippenberger mit Besucherin" (Martin Kippenberger, Installation für Claudia Skoda, 1976), Foto © Friedhelm Denkeler 2013
„Kippenberger mit Besucherin“ (Martin Kippenberger, Installation für Claudia Skoda, 1976), Foto © Friedhelm Denkeler 2013

Die Collage besteht aus Alltagsszenen der Kreuzberger Modewelt, aus Stadtansichten, Detailaufnahmen von Skodas Strickkleidern, Model-Porträts, Fußboden-Kacheln und durch das Autofenster aufgenommenen Straßenszenen. Skoda verließ 1982 das Loft; die neuen Mieter deckten die Collage mit Bodenplatten ab und sie geriet in Vergessenheit. Während der Sanierung des Hauses konnte die Arbeit 2003 „gerettet“ werden. 1.087 Fotografien wurden restauriert und auf Aluminiumplatten aufgezogen. Entsprechend der ursprünglichen Absicht kann man auch im Hamburger Bahnhof das Werk betreten – allerdings mit Filzpantoffeln.

Kunst wird ja sowieso immer erst im Nachhinein betrachtet… Ich würde sagen, 20 Jahre ist der Zeitraum. […] Was dann die Leute noch von mir erzählen oder nicht erzählen werden, entscheidet. Ob ich gute Laune verbreitet habe oder nicht. Und ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune! [Martin Kippenberger]

Die Ausstellung ist noch bis zum 18. August 2013 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zu sehen. www.hamburgerbahnhof.de