Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Lomographie

"Sony-Center", aus "Quadrotura – Lomographien", Foto © Friedhelm Denkeler 2000
„Sony-Center“, aus „Quadrotura – Lomographien“, Foto © Friedhelm Denkeler 2000

Kunst oder Nicht-Kunst – das ist hier die Frage

Der Fotoapparat „Lomography Action Sampler“ ist der Revolverheld unter den Kameras: Ein Schuss – vier Bilder. Bei einer Belichtungszeit von einer Sekunde belichtet der Apparat vier Bilder in Serie auf einem Fotoprint. Alles, was in dieser einen Sekunde passiert oder nicht passiert, wird auf einem 35 mm-Kleinbildfilm festgehalten. Und wenn nichts passiert, bewegt man während der Belichtungszeit einfach die Kamera und das möglichst aus der Hüfte heraus.

Die „Lomo“ hat mit der herkömmlichen Fotografie wenig gemeinsam: Sie versucht zwar mittels Brom und Silber auf vier Bildern, die oft unterschiedlich belichtet sind, die Wirklichkeit festzuhalten. Eine Wirklichkeit, die vierfach existiert, die verwackelt ist, durch Bewegungsunschärfe gezeichnet, durch falsche Farben brilliert, aus unmöglichen Positionen aufgenommen wird und das eigentliche Motiv oft abschneidet. Das alles übt einen besonderen Reiz auf „Künstler“ aus.

Bisher galt es, die schärfsten Fotografien zu machen und mit realistischen Farben wiederzugeben. Mit der Lomographie, wie sie genannt wird, erreicht man genau das Gegenteil. Und da hat die Lomographie etwas mit der Polaroid-Sofortbild-Fotografie gemeinsam. „Bedingt durch die technisch perfekten und überarbeiteten Digitalbilder, gibt es ein neues Interesse an Authentizität und Wirklichkeit, nach Unschärfe und ‚falschen‘ Farben und es geht auch um Nostalgie“ (siehe Neue Aufmerksamkeit für die Polaroid-Fotografie) und das alles trifft auf die Lomographie ebenso zu.

"Lomography Action Sampler", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Lomography Action Sampler“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Anfang der 1990er Jahre begann im Wiener Underground der Siegeszug der Lomographie. Studenten entdeckten die einfach gebaute, mit einer billigen Linse versehene und für den Massenmarkt vorgesehene, russische Kamera LOMO LC-A. Sie gründeten 1992 unter dem Motto “Die Zukunft ist analog” die Lomographische Gesellschaft, die seitdem jedes Jahr neue Lomographische Kameras auf den Markt bringt. Große Ausstellungen in allen Teilen der Welt, bei denen bis zu 100.000 Lomographien gezeigt wurden, haben die Lomographie inzwischen international bekannt gemacht.

Zwischen den Jahren 2000 und 2004 habe auch ich mit der „Lomo“ experimentiert. Die Ergebnisse sind inzwischen anhand von 200 Lomographien in einem Autorenbuch zusammengestellt. Eine Auswahl der Fotos ist auf der Website www.denkeler-foto.de zu sehen. Die Fotos sind in Berlin im Britzer Garten, im Botanischen Garten, im Zoologischen Garten, am Potsdamer Platz, in den Potsdamer Platz-Arcaden, im Sony-Center, am Kulturforum, auf dem Alexander Platz, Unter den Linden sowie in Babelsberg, Linum, Teltow, im Sauerland und auf Malta, entstanden.

Zum Schluss noch die zehn goldenen, aber simplen Regeln der Lomographie:

Nimm deine Kamera überall mit hin!

Verwende sie zu jeder Tages- und Nachtzeit!

Lomographie ist nicht Unterbrechung deines Alltags,
sondern ein integraler Bestandteil desselben!

Übe den Schuss aus der Hüfte!

Nähere dich den Objekten deiner lomographischen Begierde so weit wie möglich!

Don’t think!

Sei schnell!

Du musst nicht im Vorhinein wissen, was dabei herauskommt!

Im Nachhinein auch nicht!

Vergiss die Regeln!

www.lomography.com