Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Lars von Thrier

Ein Film, zwischen Roland Emmerich und Andrej Tarkowski, in dem die Welt still und leise und sehr schön untergeht

Lars von Triers "Melancholia", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Lars von Triers „Melancholia“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Lars von Triers neuer Film beginnt mit einem fast zehnminütigen Prolog in neun schönen und abgründigen Bildern: Wir erblicken ein Schloss am Meer über dem drei Planeten, groß und hell wie der Mond, zu sehen sind; die Taxusbäume im Garten werfen einen doppelten Schatten, die Sonnenuhr zeigt verschiedene Zeiten an, über dem grünen Rasen schwebt ein kleiner Junge im Anzug zwischen zwei Frauen, eine Frau im Brautkleid versucht zu fliehen, aber dicke, meterlange „Schlingwurzeln“ hemmen ihren Schritt.

In weiteren Stillleben zucken an Lichtleitungen und an den Händen der Frau Blitze in den Himmel; ein Pferd bricht zusammen, tote Vögel fallen vom Himmel und im letzten Bild des Prologs erscheint ein riesiger Planet, genannt „Melancholia“ und kollidiert mit der Erde.

Alle Bilder sind mit einer extremen Zeitlupe gefilmt, sie verheißen Unheil und sind gleichzeitig betörend schön, die Bewegungen sind so langsam, dass man sie kaum wahrnimmt. Wagners „Tristan und Isolde“ untermalen die Bilder.

Dieser Prolog nimmt im Grunde bereits die gesamte Geschichte des Films vorweg: Das Ende der Welt als Zusammenprall zweier Planeten. Die Erzählung besteht aus zwei Kapiteln: „Justine“ (Kirsten Dunst) und „Claire“ (Charlotte Gainsbourg). „Justine“ spielt während der Hochzeitsfeier von Justine und Michael (Alexander Skarsgard), ein mit schwankender Handkamera gefilmtes absurdes Panoptikum aus Familienkrach und Feierlaune (herrlich biestig Charlotte Rampling als Mutter der Braut), während die Braut selbst, in Vorahnung des kommenden Unheils, langsam der Melancholie verfällt.

Im zweiten Kapitel „Claire“ nähert sich der fremde Planet immer weiter der Erde und in der absurden Hoffnung, dass der große Zusammenprall ausbleibt, bereiten sich die Familien im Schloss am Meer, einige Tage nach der Hochzeit auf den alles entscheidenden Tag vor. Begleitet wird dieser Filmteil musikalisch von einem beunruhigenden, niederfrequenten Wummern.

Während bisher Justine im Mittelpunkt stand, so ist es nun ihre Schwester, die einer panischen Angst vor dem möglichen Weltuntergang verfällt. Justine hingegen wird immer gelassener. Sie schöpft aus der Gewissheit des Weltendes neue Kraft – in einer Szene „sonnt“ sie sich nackt im blauen Licht des Unheil bringenden Planeten (siehe hier).

Während die beiden Frauen den Untergang bewusst erleben, hat Claires Mann (Kiefer Sutherland), der analytisch denkende Wissenschaftler, das Ende für sich selbst vorweggenommen. Kirsten Dunst hat übrigens für ihre Darstellung der Justine in Cannes die Silberne Palme bekommen (im Vorjahr erhielt Charlotte Gainsbourg für ihre Rolle in Lars von Triers „Antichrist“ den Preis für die beste weibliche Darstellerin).

Der Film ist virtuos, eine gewiefte Kombination von Genres und Motiven. Elemente des Katastrophenfilms sind vorhanden, auch dessen Mechanismen der Spannungserzeugung, die Ingmar-Bergmansche Neugier am Zerfall von Beziehungen und Selbstbildern fällt ins Auge, ein gewisses Interesse an Satire und Fantastik – all das von einer nervösen Dogma-Kamera beobachtet. Der Film ist größenwahnsinnig und kitschig, subtil und grausam. Also großartig. [DIE ZEIT]

Trailer zu MelancholiaVideo-Filmkritik FAZ