Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Kurt Weill/Bertolt Brecht

1956 – Louis Armstrong: »Mack the Knife«

Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren. Ein Moritatensänger singt eine Moritat. Und das alles an einem Abend im Mai 2012 in der Dreigroschenoper von Kurt Weill/Bertolt Brecht in einer Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater am Schiffbauerdamm. 84 Jahre nach der Uraufführung am selben Ort hat Wilson mit seinen typischen Elementen, den Slowmotion- und Scherenschnittbewegungen der Darsteller und mit Zitaten aus Stummfilmen, der »Oper« seine Handschrift verliehen.

Die Soundeffekte, die raschen Farbenwechsel und das überdeutliche Mimikspiel der prägnant geschminkten Gesichter sind typisch für Wilson, ebenso das minimalistische Bühnenbild: einige Leuchtstofflampen, Bänke, ein Galgen. Das Schauspiel wirkte eher wie ein Tableau vivant als ein Theaterstück und das Bühnenbild erinnerte an Lichtkunst und Installation. Wilson lässt seinen Darstellern, denen er teilweise einen Schuss Drag Queen-Glamour einverleibt hat, dennoch genügend Raum zur Entfaltung.

Da Kurt Weill der Musik Elemente aus Jazz, Tango, Blues und Jahrmarkts-Musik, mit ironischen Seitenhieben auf Oper und Operette, eingefügt hat und durch das zehnköpfige Dreigroschen-Orchester, vergingen die über drei Stunden wie im Fluge.

1956 – Louis Armstrong: »Mack the Knife«, Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler
1956 – Louis Armstrong: »Mack the Knife«, Fotos/Collage © Friedhelm Denkeler

Im Prolog trägt ein Moritatensänger auf dem Jahrmarkt die Ballade vom Gaunerchef Mackie Messer vor. Es ist der wohl bekannteste Song aus dem Stück. Ob ich ihn bereits seit 1956 kenne ist nicht überliefert, aber sicher lief er bereits damals im Radio in einer Fassung von Louis Armstrong. Eine moderne Version habe ich in der Interpretation von Sting gefunden (auf Deutsch!).

 »Das Premierenpublikum benahm sich, wie es sich einem amüsierwilligen Musical-Publikum geziemt: Zwischenapplaus nach jeder Nummer, am Ende brandeten die Ovationen fast zehn Minuten. Berlin hat endlich den Musical-Hit, auf den es so lange gewartet hat« [Der Spiegel] und natürlich nach dem Zitat »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank« gab es auch in der 176. Vorstellung spontanen Beifall.

Die Handlung: »Jonathan Peachum (Jürgen Holtz) betreibt einen äußerst florierenden Handel mit der Ausstattung von Bettlern. Das Geschäft mit den ›Ärmsten der Armen‹ läuft sehr gut. Doch dann erfährt er, dass seine Tochter Polly (Christina Drechsler) heimlich den Gangsterboss Mackie Messer (Stefan Kurt) geheiratet hat. Peachum tobt. Die einzige Lösung: Man muss Mackie an den Galgen bringen. Trotz Pollys Warnung verlässt der frischgebackene Ehemann nicht die Stadt, sondern besucht wieder einmal die Huren von Turnbridge. Eine von ihnen, Jenny (Angela Winkler), liefert ihn prompt ans Messer. Seine Hinrichtung scheint unabwendbar, bis ein ›reitender Bote‹ (Walter Schmidinger) der Königin erscheint und Mackies Freilassung sowie seine Erhebung in den Adelsstand verfügt».

Vier weitere Songs gingen 1956 in meine Rockgeschichte ein: Gene Vincent and His Blue Caps mit »Be-Bop-A-Lula«, Pat Boone mit »I’ll Be Home« und zweimal Elvis Presley mit »Heartbreak Hotel« und »Hound Dog«. »Be-Bop-A-Lula« war die erste Single von Gene Vincent. Er bekam dafür eine Goldene Schallplatte.

Songtext – Louis Armstrong: »Mack the Knife«

Und der Haifisch, der hat Zähne
und die trägt er im Gesicht
und Macheath, der hat ein Messer,
doch das Messer sieht man nicht.

Ach, es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergiesst!
Mackie Messer trägt ’nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest.

An der Themse grünem Wasser
Fallen plötzlich Leute um!
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heißt: Maceath geht um.

An ’nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.

Und Schmul Meier bleibt verschwunden
Und so mancher reiche Mann
Und sein Geld hat Mackie Messer
Dem man nichts beweisen kann.

Jenny Towler ward gefunden
Mit ’nem Messer in der Brust
Und am Kai geht Mackie Messer
Der von allem nichts gewusst.

Wo ist Alfons Glite, der Fuhrherr?
Kommt das je ans Sonnenlicht?
Wer es immer wissen könnte
Mackie Messer weiß es nicht.

Und das große Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer,
den Man nicht fragt und der nichts weiß.

Und die minderjährige Witwe
deren Namen jeder weiß
Wachte auf und war geschändet,
Mackie, welches war dein Preis

Für die geplante Verfilmung fügte Brecht 1930 die folgende Schlussstrophe hinzu:
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.

Anmerkung zur Kategorie »Rock-Archiv»

Alle im Text erwähnten Songs sind als Video oder Audio auf den bekannten Musik-Portalen wie YouTube, Vimeo, etc. zu finden. Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem geplanten Künstlerbuch »Siebzig Jahre – Siebzig Songs«.

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