Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Karlsaue

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (10)

Der japanische Maler und Bildhauer Shinro Ohtake hat eine Sprache entwickelt, die auf Bilder der Massenmedien reagiert. In Kassel hat er im hinteren Teil der Karlsaue, nahe der Fulda, das Hexenhaus „Mon Cheri: A Self-Portrait as a Scrapped Shed“ gebaut. Eine vorgefertigte Hütte hat er um Objekte und Materialien ergänzt, die er in verschiedenen Ländern gesammelt hat (siehe Foto).

"Documenta 13: Das Hexenhaus von Shinro Ohtake", aus der Serie "Pentimenti", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Das Hexenhaus von Shinro Ohtake“, aus der Serie „Pentimenti“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die schreiend kirmesbunte Hütte erinnert an einen japanischen Imbissstand. Alle möglichen Alltagsmaterialien wie Neonschilder, Plakate, Fotos und verschiedene laufende Videos hat Ohtake in, auf und um die Hütte herum platziert. Hinzukommen Geräusche und Töne, die er akustisch eingefangen hat und die nun durch die Besucher, wenn sie um das Werk herumgehen, aktiviert werden. Und hier sehe ich auch endlich das bereits aus zahlreichen Abbildungen bekannte hängende Boot im Baum in Natura (siehe Foto und ein Video). Ob dies eine Erinnerung an einen Tsunami oder die Installation eine „Lebens-Collage“ darstellt, möge jeder Betrachter für sich entscheiden.

"Documenta 13: Shinro Ohtakes Boot im Baum", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Shinro Ohtakes Boot im Baum“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Am Ende des Hirschgrabens, einem der beiden Kanäle, die radial von der Orangerie aus in den Park verlaufen, findet man eine merkwürdig verzerrte Uhr: Obwohl der Betrachter frontal auf das Zifferblatt schaut, erhält er den Eindruck die Uhr stünde um etwa 45 Grad verdreht. „Clocked Perspective“ hat der in Berlin lebende Albaner Anri Sala sein irritierendes Werk genannt. Da die mechanische Uhr zur Ellipse verzerrt ist, muss sie auch ein elliptisches Getriebe aufweisen, so dass die Zeiger beschleunigt und verlangsamt werden. Dadurch zeigt die Uhr trotz der Verzerrungen immer die richtige Zeit an (siehe Foto).

"Documenta 13: Die elliptische Uhr von Anri Sala", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Die elliptische Uhr von Anri Sala“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Zu den Hauptorten der Documenta, dem Fridericianum und der Documenta-Halle am Friedrichsplatz, den Grünflächen der barocken Karlsaue einschließlich der Orangerie und den industriellen Hallen am Hauptbahnhof, gehört auch die Neue Galerie. „Diese ehemals ‚Königliche Gemäldegalerie‘ genannte Einrichtung beherbergte in der Vergangenheit die landgräfliche Sammlung Alter Meister. 1976 wurde sie unter dem Namen ‚Neue Galerie‚ wieder eröffnet und dient nun der Ausstellung von Werken der Plastik, der Malerei und der Neuen Medien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart“ [Katalog].

"Documenta 13: Blick auf Geoffrey Farmers Leaves of Grass", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Blick auf Geoffrey Farmers Leaves of Grass“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Im ersten Stock ist die fantastische Arbeit „Leaves of Grass“ des kanadischen Installationskünstlers Geoffrey Farmer zu bewundern. Er hat fünfzig Jahrgänge des Magazins „Life“ zerschnitten, Einzelteile auf Pappe geklebt und an Schilfhalmen befestigt. Entstanden sind so über tausend Silhouetten, die chronologisch hintereinander gestellt, eine irre und phantasievolle Zeitreise ergeben. Auf der anderen Seite dieser Installation sind die Figuren nach einzelnen Themen wie Fotografie, Geschichte, Prominente etc. angeordnet. Für mich eine der besten Arbeit der diesjährigen Documenta, die auch an einem hervorragenden Ort in der Galerie präsentiert wird (siehe Foto und ein Video).

"Documenta 13: Geoffrey Farmers Leaves of Grass (Twiggy)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Geoffrey Farmers Leaves of Grass (Twiggy)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

www.documenta.de

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (9)

Wir sind zurück im „Künstlerdorf“ in der Karlsaue. Mitten im Landschaftspark, auf der zentralen Sichtachse zwischen der Orangerie und dem Schwanenteich, hat der US-amerikanische Künstler Sam Durant das hoch aufragende Holzkonstrukt „Scaffold“, ein Mittelding zwischen Klettergerüst und Aussichtsplattform, errichtet. Dass es ein Mahnmal gegen die Todesstrafe ist, erkennt man erst bei genauerem Hinsehen (siehe Foto).

"Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Ein Gerüst aus Galgen (Scaffold) von Sam Durant“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Das Gerüst besteht aus einzelnen, ineinander verschachtelten Galgen. Noch deutlicher wird dies, wenn man auf das Gerüst klettert; erst dann sieht man, dass die Plattform keine normale Plattform ist, sondern eine seltsame Form aus Podesten, Toren und hoch aufragenden Pfosten aufweist. Einige Bauelemente erinnern an Falltüren. Größe und Material der einzelnen Galgen sollen so genau wie möglich mit der jeweiligen Originalkonstruktion übereinstimmen. Um den heutigen Bau- und Sicherheitsvorschriften zu entsprechen, waren Anpassungen notwendig. Zur Installation gehört eine chronologische Auflistung zur Verwendung dieser Galgen. Ein bedrückendes aber auch eindrucksvolles Werk.

"Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Das Sanatorium von Pedro Reyes“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der mexikanische Künstler und Architekt Pedro Reyes hat in der Karlsaue ein Sanatorium errichtet (siehe Foto), in dem die typischen Krankheiten der Städter behandelt werden: Stress, Einsamkeit und Angstgefühle. Es gibt acht Behandlungsmethoden, die mit Placebos vorgenommen werden: Der Patient kann also seine Denkweise selbst korrigieren. Eine Behandlung war während unseres Besuches leider nicht möglich, da die behandelnde Ärztin eine typische Krankheit der Städter aufwies: Sie telefonierte ununterbrochen auf der Wiese vor dem Sanatorium (siehe Foto).

"Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Ärztin mit Telefonitis“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Auch den Kompatibilitätstest für Paare machten wir nicht mit: Beide Partner suchen sich jene Obstsorten aus, mit denen sie sich am meisten identifizieren können. Im Mixer werden diese Sorten dann zusammengerührt. Ob man zusammenpasst – das ist dann reine Geschmackssache. Putzig! Kunst mit heilender Sofortwirkung ohne Erfolgsgarantie?

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (4)

Nach den künstlerisch nicht so ganz überzeugenden Eindrücken im Fridericianum und in der Documenta-Halle suchten wir einen Ausgleich in einem Außenbereich der Documenta 13, dem anderthalb Quadratkilometer großen barocken Landschaftspark Karlsaue an der Fulda, der zum ersten Mal als Ganzes in die Documenta einbezogen wurde. Es wurde der längste Kunst-Spaziergang, den ich je machte.

"Documenta 13: Die Karlsaue in Kassel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Die Karlsaue in Kassel“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Karlsaue ist ein um 1570 symmetrisch angelegter Lustgarten mit Perspektivachsen und künstlichen Kanälen. 1785 wurde er zu einem Englischen Garten umgestaltet. Seit 1959 dient er auch als Veranstaltungsort für die Documenta. In der Nähe der Orangerie erblickt man bereits von der „Schönen Aussicht“ aus, einen „toten“ Baum, in dessen Geäst irritierenderweise ein riesiger Granitfindling gestrandet ist (siehe Foto). Erst wenn man sich dem Werk weiter nähert, kann man erkennen, dass der neun Meter hohe Baum aus Bronze besteht. Der schwere Stein muss vom Himmel gefallen sein und erinnert gleichsam an eine Wolke, die sich dort niedergelassen hat. Die Gesetze der Schwerkraft sind überwunden. Das irritiert gewohnte Denkweisen und stellt sie auf den Kopf.

"Documenta 13: Idee di pietra von Giuseppe Penone in der Karlsaue", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Idee di pietra von Giuseppe Penone in der Karlsaue“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
Diese Plastik „Idee di pietra“ (Ansichten eines Steines) des Italieners Giuseppe Penone, einem Vertreter der Arte Povera, war das erste Kunstwerk der Documenta 13, das in der Karlsaue bereits im Juni 2010 eingeweiht wurde. Das Werk könnte als das Symbol der Documenta 13 in die Geschichte eingehen. Am Fuße des Baumes pflanzte Penone eine kleine Stechpalme, die es mit dem Wachsen nicht besonders eilig hat; mal sehen, wie groß sie zur nächsten Documenta geworden ist. Und nun begann ein wahrer Kunst-Parcours durch die Karlsaue. Einige, der über fünfzig Kunst-„Punkte“ möchte ich in den nächsten Tagen vorstellen.
"Documenta 13: Idee di pietra von Giuseppe Penone (Detail)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Idee di pietra von Giuseppe Penone (Detail)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
"Schöne Aussicht oder Landschaft im Dia", Foto © Friedhelm Denkeler 2007
„Schöne Aussicht oder Landschaft im Dia“, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (1)

Das „Museum der 100 Tage„, die dOCUMENTA 13 in Kassel, wurde am 9. Juni 2012 eröffnet. Bevor wir uns in der nächsten Woche selbst „ein Bild“ von dieser dOCUMENTA machen, zeige ich heute eine Impression vom Besuch der letzten documenta aus dem Jahr 2007: „Rahmenbau“ (oder: „Landschaft im Dia“) der ehemaligen Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co. Der Stahlbilderrahmen in der Nähe des Friedrichsplatzes und oberhalb der Orangerie zeigt eine herrliche Aussicht auf die Karlsaue.

Der „Rahmenbau“ wurde 1977 für die documenta 6 errichtet. Vor 1906 stand an dieser Stelle ein Triumphbogen. Diese Außenarbeit und weitere, wie die „Spitzhacke“ von Claes Oldenburg in der Fuldaaue (documenta 7, 1982) und der „Himmelsstürmer“ („Man walking to the sky“) von Jonathan Borofsky vor dem Kulturbahnhof (documenta 7, 1982), befinden sich noch heute im Kasseler Stadtbild; und natürlich wächst und grünt auch das Projekt „7000 Eichen“ von Joseph Beuys mit dem Untertitel „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ (1987 wurde das umfangreiche Projekt zur documenta 8 abgeschlossen).

Die begehbare Stahlskulptur „Rahmenbau“ misst 31 x 17 x 14 Meter (LxBxH). Das Objekt besteht aus zwei Rahmen, einem größeren von 14 x14 Metern und einem kleineren von 2,80 x 2,80 Meter. Dadurch sieht man zwei verschiedene Landschaftsausschnitte, der kleinere bildet einen Ausschnitt aus dem größeren. Symbolhaft kann man dies auch als optische Scharfeinstellung einer Spiegelreflex-Kamera ansehen. Ein Steg erlaubt es den Besuchern, sich vom großen Rahmen kommend, dem kleinen zu nähern. Man verlässt dadurch den Blick durch den großen Rahmen und findet immer wieder eine neue Perspektive und herrliche Aussicht.