Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Jürgen Vogel

Matthias Glasner mit „Gnade“ (Deutschland/ Norwegen 2012, im Wettbewerb) mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr

"Matthias Glasner, Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im Berlinale-Palast", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Matthias Glasner, Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel im Berlinale-Palast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Aller guten Dinge sind drei: Der gestern gesehene dritte deutsche Wettbewerbsbeitrag „Gnade“ von Matthias Glasner war denn auch der beste von den Dreien (Christian Petzold mit “Barbara”, Hans-Christian Schmid mit “Was bleibt”). Überhaupt war, zusammen mit “Just The Wind“ von Bence Fliegauf am Nachmittag, aus meiner Sicht der Donnerstag der Höhepunkt des Wettbewerbs.

Glasner erzählt eine Geschichte, die vom Anfang bis zum Ende stimmig ist und die, das ist gegenüber den anderen Filmen eher die Ausnahme, deutlich Stellung bezieht. Das ist mutig und provokant, in einer Zeit, wo man sich am liebsten hinter Anwälten versteckt und zu keiner eigenen Stellungnahme fähig ist.

Er führt die Zuschauer von der Dunkelheit ins Licht und dazu sind die herrlichen Landschafts-aufnahmen in der Dämmerung (teilweise aus größerer Höhe gefilmt) einprägsam und absolut stimmig. Selbst die Lichtstimmung im Haus, mit dem Blick aus dem Fenster in die Polarnacht, ist einmalig. Aber das muss man selbst sehen.

Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr sind auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens und mit Henry Stange konnten wir einen weiteren großartigen Kinderdarsteller der diesjährigen Berlinale sehen. Matthias Glasner hat sich in seinem Drama „Der freie Wille“ (Berlinale Wettbewerb 2006) schon einmal ausführlich mit der dunklen Seite der menschlichen Seele beschäftigt. Diesmal allerdings findet er einen versöhnlichen Ausgang, der mit dem Wort „Happyend“ nur höchst unzureichend beschrieben wäre. Seelenfrieden wäre passender. Der Film liefert die Bilder, aber die eigentliche Arbeit findet im Kopf statt. Besser kann man einen Film nicht machen.

Der Film „steuert, ohne jemals zu übersteuern, in die Tragödie – und löst sie in einer stillen, kathartischen Szene auf, wie man sie so makellos im Kino lange Zeit nicht gesehen hat“ schreibt DER TAGESPIEGEL und DIE ZEIT zieht folgendes Fazit: „Gnade ist ein hervorragend gespieltes Psychodrama, und man kann Glasner Anerkennung entgegen bringen für so viel Klarheit in dem Glauben an seine positive Utopie, dass Vergebung auch unter unwahrscheinlichen Umständen möglich ist.“ Besser kann Kino nicht sein und einen Silbernen Bären müsste der Film erhalten, denn der Goldene geht erfahrungsgemäß an einen politisch brisanten Beitrag.

Hammerfest liegt am äußersten nordwestlichen Zipfel von Norwegen am Polarmeer. Zwischen dem 22. November und dem 21. Januar schafft es die Sonne nicht über den Horizont. Zwischen tiefer Nacht und ewiger Dämmerung träumt die Stadt in eisiger Kälte vor sich hin. Hierhin hat es ein deutsches Ehepaar mit seinem Sohn verschlagen. Niels arbeitet als Ingenieur in der größten europäischen Erdgasverflüssigungsanlage auf einer kleinen Insel vor Hammerfest. Maria ist mit ihm gegangen, um ihm seinen Karrieresprung nicht zu versperren. Sie ist Krankenschwester in einem Hospiz für Schwerstkranke.

Nebenher züchten die beiden Schafe. Sie haben sich an die fremde, manchmal irreal erscheinende Welt der Nachtschattenspiele offenbar gut angepasst. Eines Tages wird Maria jedoch auf ihrer Heimfahrt in einen Unfall verwickelt. Sie hat etwas oder jemanden überfahren. Außerstande sich der Situation zu stellen, rast sie in Panik nach Hause. Im Fortgang des Geschehens kommen existenzielle Fragen auf. Kann man ohne Gnade und Vergebung leben? Ein kammerspielartiges Melodram in großen Kinobildern.
[Quelle: Filmbeschreibung] Filmtrailer

Michael Bully Herbig und Jürgen Vogel in Leander Haußmanns Tragik-Komödie „Hotel Lux“

"Roter Stern in Radevormwald", Foto © Friedhelm Denkeler 1984
„Roter Stern in Radevormwald“, Foto © Friedhelm Denkeler 1984

Diese Szene des Films wird immer in Erinnerung bleiben – Walter Ulbricht sitzt mit Lotte Kühn beim Frühstück im Hotel Lux in Moskau und stapelt Würfelzucker zu einer Mauer, darauf Lotte „Was machst du denn da?“, „Nichts! Nur so!“.

Der Komiker und Parodist Hans Zeisig (Michael Bully Herbig) tritt 1938 im Nazi-Berlin in einer satirischen Tanzrevue gemeinsam mit Siggi Meyer (Jürgen Vogel) als Stalin und Hitler auf und macht genau einen Hitler-Gag zuviel.

Er muss mit gefälschten Papieren fliehen. Sein eigentliches Ziel ist Hollywood, da er jedoch einen russischen Pass erhielt, landet er in Moskau im Hotel Lux. Hier erging es ihm, wie heute den meisten Deutschen, er wusste nichts über das Hotel, das ein Hotel voller Kommunisten, ein Gästehaus der Kommunistischen Internationalen war.

Kommunisten, die vor den Faschisten geflohen waren, versuchten hier zu überleben, kamen aber vom Regen in die Traufe. Sie wurden bespitzelt, verhört, nach Sibirien verschleppt oder erschossen.

Im diesem Hotel trafen sich alle. Politiker, Schriftsteller, Künstler und auch im Film tummeln sich Exilanten wie Walter Ulbricht, Georgi Dimitroff, Johannes R. Becher, Herbert Wehner oder Wilhelm Pieck.

Der russische Geheimdienst unter dem NKWD-Chef Jeschow verwechselt Zeisig mit Hitlers Leibastrologen Hansen. Kurz und gut, Zeisig und der aus dem Untergrund wieder aufgetauchte Meyer, fliehen, nun als Stalin und Hitler verkleidet, gemeinsam mit der Frau, die zwischen beiden steht, Frida van Oorten (Thekla Reuten).

Ein sehenswerter Kinospaß, der zur absurden Geschichtsstunde wird. Gekonnt werden die Rollen gewechselt, die Regieeinfälle purzeln nur so, das Zeitkolorit ist authentisch und den Zuschauern hat es gefallen. Spätestens jetzt ist ihnen das Hotel Lux ein Begriff. www.hotel-lux-film.de