Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Jörg Sasse;

Die subtile Wirkungsmacht des Visuellen: Jörg Sasse mit „Common Places“ und „Speicher II“ in der C/O-Galerie in Berlin bis zum 28. Oktober 2012. Monat der Fotografie 2012 in Berlin (3)

Was mich interessiert, ist der Punkt, an dem man meint, etwas erkannt zu haben, das sich im nächsten Moment jedoch wieder entzieht.“ [Jörg Sasse]
"Wanddetail im Postfuhramt", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Wanddetail im Postfuhramt“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Zum Ende des Besuchs der Ausstellung im Postfuhramt gab es noch eine Überraschung: Meine fachkundige Begleitung, mit geschultem Blick und gedanklich wohl noch in den Roman „8½ Millionen“ von Tom McCarthy versunken, entdeckte auf einer Fotografie die abblätternde Farbe von einer Wand, ging einige Meter zurück, zeigte auf genau eine Stelle im Ausstellungsraum, die dieselbe Struktur und Farbe aufwies, lief wieder zu dem Foto zurück und während im Roman der Riss in einer Wand eine wahre Lawine an Ereignissen auslöst, war es hier die Freude über eine Entdeckung, denn exakt diese Stelle hat Sasse 2012 fotografiert und in Block 8, „P-12-02-01, Berlin“ mit ausgestellt.

Da das Fotografieren der Fotos in der Ausstellung verboten ist, habe ich genau diese Stelle an der Wand fotografiert, aber das entsprechende Foto sollten Sie nun selber in der sehenswerten Ausstellung finden.

110 Fotos von Gemeinplätzen („Commonplaces“) wie Trophäen, Heizkörpern, Waschbecken, Treppenabsätzen, Polstersofas, Lamellenvorhängen, Topflappen, Plastiktieren, Küchenradios, Stoffen in schrillen Mustern hat Jörg Sasse zu zehn Blöcken, zu gemeinsamen Orten (= Common Places) zusammengefügt. Die Bilder sind streng seriell, wie wir es auch von vielen anderen Becher-Schülern kennen und sie passen ausgezeichnet in die ehemalige Bibliothek des Postfuhramtes, die zu DDR-Zeiten als Basketballhalle genutzt wurde und mit den abgetretenen Spielfeldmarkierungen einen maroden Charme hat.

C/O schreibt zu Sasses Arbeiten: „Die Bilder der Blöcke geben eine ästhetisch perfekte, formal reduzierte Realität wieder, die aber leichte Brüche aufweist. Bei genauerem Hinsehen entstehen Irritationen, die auf Widersprüchen zwischen Alltagserfahrung und -wahrnehmung basieren. Die Objekte und Situationen wirken in den Abbildungen fremd und gleichzeitig vertraut. Die kompositorische Stringenz und Abstraktion sowie flächig-hypnotische Farbigkeit verstärken diesen Effekt zusätzlich. So verhandeln die Abweichungen von der Realität Aspekte von Malerei, loten Farben aus und setzen Formen neu zusammen. Die Ausschnitte sind teils so gewählt, dass sie entweder verschleiern oder fokussieren.“

Jörg Sasse ist ein Sammler, das merkt man insbesondere an seiner Arbeit „Speicher II“, die aus 512 gerahmten Bildern besteht, die man sich, mit Hilfe einer Aufsichtsperson, zu einer eigenen, persönlichen Ausstellung zusammenstellen und aufhängen lassen kann. Der „Speicher“ selbst ist eine drei-dimensionale Skulptur, zugleich Archiv und Datenbank von Fotos, die der Künstler als Amateurfotografien aus dem Ruhrgebiet aus den letzten 60 Jahren gesammelt hat. Die Bilder wurden in 56 Kategorien zusammengefasst und jedes Bild mit mindestens drei Schlagworten versehen, wie Freizeit, Wasser, Porträts, Industrie, Handel, Abstraktes, usw. Der Speicher stellt die Frage nach dem Umgang mit dem Archiv: Das Sichtbare ist immer nur ein Teil des Vorhandenen, dem Zufall und dem subjektiven Geschmack unterworfen.

Der 1962 in Bad Salzuflen geborene und seit 2006 in Berlin lebende Jörg Sasse, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er 1987 Meisterschüler bei Bernd Becher war. Er arbeitete als Professor für Dokumentarfotografie an der Universität Duisburg-Essen/ Folkwang Hochschule. 2005 wurde er für den Deutsche Börse Photography Prize nominiert. Seine Werke wurden u.a. im Musée de Grenoble, in der Kunsthalle Zürich, im ZMK Karlsruhe, im Musée d’Art Moderne, in der Kunsthalle Hamburg und in der Photographers’ Gallery London ausgestellt.

Tatsächlich gefällt mir der Begriff „Anarchie“ im Bezug auf Bilder, nicht im Bezug auf das Tun eines Künstlers. Ich habe an anderer Stelle gesagt, dass es eine „Anarchie der Bilder“ gibt, eine Herrschaftslosigkeit, unorganisiert halt, die ich für das wesentliche Potential halte. Was aber sind die Bilder selbst, wie sehen sie aus, wenn wir uns vom „denkenden Sehen“ lösen und ein sehendes Sehen zulassen? [Jörg Sasse]

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des „European Month of Photography – EMoP“ finden Sie auf meiner Übersicht.