Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Hildegard Ochse

Hildegard Ochse in der „18m Galerie“

Neben den bekannten Ausstellungs-Locations gibt es in Berlin immer wieder neue Orte zu entdecken, an denen Fotografen der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Es sind Standorte, die sich im Hinterhof oder im ersten Stock einer Berliner Altbau-Wohnung befinden. Sie liegen meist abseits der üblichen Kunstmeilen und sind teilweise nur an wenigen Stunden in der Woche oder nur nach Vereinbarung geöffnet. Das eigentliche „Event“ ist aber immer die Vernissage, manchmal gibt es noch einen Artist-Talk und oft auch eine Finissage. Vier Kunstorte sollen heute genannt werden:

Das „Fotoatelier Am schönen Berg (FASB)“ in der Nähe der Yorckbrücken (Mansteinstraße 16, 10783 Berlin) wird geführt von einer Fotogruppe um die Dozentin Sibylle Hoffmann. Hier war zuletzt die hervorragende Gruppenausstellung „Flusslandschaften“ mit exzellent geprinteten Fotos (an den Wänden) und selbstgestalteten und -produzierten Künstler-Fotobüchern als Unikate zu sehen.

Die „Galerie im Seitenflügel“ betreibt Guenther Eck von der EDITION-G (Bochumer Str.12, 10555 Berlin-Moabit). Hier stellt zurzeit Wolfgang Ritter seine „Subjektive Fotografien“ aus (demnächst mehr).

Sibylle Hoffmann ist mit der Einzel-Ausstellung „μοιρα – Spuren von Mythos“ in der Galerie „world in a room“ (Brunhildstraße 7, 10829 Berlin-Schöneberg) zu Gast (Besprechung folgt).

Julie August betreibt in ihrer Privatwohnung in der Akazienstraße 30, 10823 Berlin, die „18m Galerie„. Hier zeigt sie, leider nur noch bis heute, eine kleine, feine Auswahl noch nicht gezeigter Vintage-Prints aus dem umfangreichen Fotoarchiv der Autorenfotografin Hildegard Ochse (1935-1997). Ochses Sohn Benjamin hat drei Serien zusammengestellt: „Der Eid auf die Verfassung – Beamte“ (Berlin 1987, hier sind hauptsächlich die Bilder der Beamtinnen zu sehen), „KPM Königliche Porzellan-Manufaktur“ (1987, zu sehen sind insbesondere die bei der Porzellanherstellung anfallenden handwerklichen Arbeiten) und unter dem Titel „Reisefotografie“ Bilder aus Dänemark (1980) und Jerusalem (1996).

"Hildegard Ochse während des Workshops mit Andre Gelpke in der Werkstatt für Photographie", Berlin-Kreuzberg, 06.12.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Hildegard Ochse während des Workshops mit Andre Gelpke in der Werkstatt für Photographie“, Berlin-Kreuzberg, 06.12.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Nach ersten autodidaktischen Versuchen beginnt Hildegard Ochse (1935-1997) ihre fotografische Ausbildung 1979 in der seit einigen Jahren etablierten Werkstatt für Photographie in der Friedrichstraße. Neben dem regulären Unterricht besucht sie die Workshops der Amerikaner Lewis Baltz, John Gossage, Ralph Gibson und Larry Fink. Zur selben Zeit kommt im Zusammenhang mit dem fotografischen Dokumentarismus der von Klaus Honnef eingeführte Begriff der Autorenfotografie auf.

Hildegard Ochse (1935 – 1997) im Haus am Kleistpark in Berlin

"Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die in Westfalen geborene Hildegard Ochse beginnt um 1975 in Berlin zu fotografieren. Parallel erwachte zu dieser Zeit das öffentliche Interesse an der Fotografie: Im damaligen Berlin (West) entstand mit der Galerie Nagel die erste kommerzielle Fotogalerie, das fotografische Werk von Heinrich Zille wurde als solches wahrgenommen und in Kreuzberg entstand die von Michael Schmidt geleitete „Werkstatt für Photographie“. Hildegard Ochse nahm dort am Unterricht von Ulrich Görlich teil und besuchte die Workshops US-amerikanischer Fotografen wie Lewis Baltz, John Gossage und Larry Fink.

Der Begriff „Autorenfotografie“ wurde von Klaus Honnef 1979, damals Kurator am Rheinischen Landesmuseum in Bonn, in die Debatte eingeführt. Ein Autorenfotograf verfolgt zeitlebens ein einziges Thema, betrachtet die Wirklichkeit aus einem bestimmten Blickwinkel heraus oder entwickelt eine Bildsprache, die man sofort wiedererkennt. Er realisiert nur seine eigenen künstlerischen Vorstellungen als freier Fotograf, das heißt in der Regel ohne explizierten Auftrag von außen.

Aber: Der Autorenfotograf ist weder Amateur noch Hobbyfotograf, auch kein unbewusst arbeitender Berufsfotograf. So gesehen sind die Arbeiten von Atget und Zille auch als Werke von Autorenfotografen anzusehen. Sie schaffen mit ihrem Werk eine authentische Realität, da sie dokumentarisch vorgehen; gehen aber gleichzeitig von ihrem persönlichen Bewusstsein aus, indem sie auswählen, wiederholen und verdichten.

Hildegard Ochse hat sowohl in Berlin als auch auf zahlreichen Reisen fotografiert. Im Haus am Kleistpark werden insbesondere ihre Berlin bezogenen Arbeiten anhand von sieben, thematisch zusammengefassten Bildserien vorgestellt:

Stadtvegetation (1979/80): Wilde Natur in der Stadt: Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen auf Parkplätzen, an Rändern der Häuser und auf den noch zahlreichen Ruinengrundstücken. Die Stadtvegetation folgt keinen gesellschaftlichen Regeln und wächst, wie es ihr beliebt. Der Kurator Enno Kaufhold zieht Vergleiche mit der damaligen jungen Generation, die sich aus dem sozialen Reglementieren befreien wollte und das letztendlich gleich der Natur auch umsetzte.

Ganz so politisch sehe ich die Bilder dieser Serie nicht: Sie haben auch etwas Melancholisches, aber eigentlich ist der Inhalt auch unnennbar; etwas von dem Susan Sontag gesagt hätte: Es ist ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. Ähnlich sehe ich die abstrahierenden Bilder der Berliner Mauer, die unmittelbar nach deren Fall entstanden sind: Die Mauer – Metamorphosen (1990). „Gras wird wachsen über den sichtbaren Wunden von Krieg und Vernichtung“ sagte Hildegard Ochse dazu. Nur die später einsetzenden Baumaßnahmen boten der Natur Einhalt.

"Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Aufnahmen aus der Berliner S-Bahn heraus, die vom Spiel mit Schärfe und Unschärfe leben, hat Ochse hingegen noch zu „Mauerzeiten“ fotografiert: S-Bahn – Stadtlandschaften (1983). Beim Blick aus den Fenstern könnte man denken, die Bahn fährt durch unkultivierte Landschaften und fern der Zivilisation. Und irgendwie war es so auch: wilde Natur neben und auf den Gleisen, marode und verlassene Industrieanlagen. Diese drei Serien gehören für mich zu den besten dieser Ausstellung.

Ein Zeitdokument schafft Hildegard Ochse mit dem Café Mitropa (1980), einem angesagten Neon-Cafe in der Schöneberger Goltzstraße (heute Café „M“). Es war das Stammlokal der damaligen Künstleravantgarde, Blixa Bargeld von den „Einstürzenden Neubauten“ ist nur ein Name unter vielen. Auf einem der Fotos liegt die Musikzeitschrift „Spex“ auf dem Tisch unter den Neonröhren in dem spartanisch eingerichteten Café Mitropa. Mit den im selben Ausstellungsraum hängenden Fotos aus Zoologischen Gärten (1983/84) thematisiert Ochse das Eingesperrtsein eigentlich wild lebender Tiere, die entgegen ihrer Natur nun in betongleichen Käfigen gehalten werden.

Die Serien Königliche Porzellan-Manufaktur KPM (1987), in der Ochse die Mitarbeiter der KPM mit ihren manuellen Kunstfertigkeiten in den Vordergrund rückt und auch Der Eid auf die Verfassung – Beamte (1987), eine Porträtserie von Berliner Verwaltungsbeamten, sind besondere Zeitdokumente und weniger künstlerische Arbeiten. Ich gehe davon aus, dass im Werk von Hildegard Ochse, die ich aus der gemeinsamen „Werkstatt“-Zeit kenne, noch weitere „Schätze“ lagern, die entdeckt werden müssen.

Mehr als 5 000 Schwarz-Weiß-Fotografien umfasst das Werk von Hildegard Ochse. Die Ausstellung zeigt hiervon 190 Originalabzüge aus ihrem Nachlass. Diese erste Retrospektive der Autorenfotografin erlaubt, das Werk neu zu entdecken. Die Ausstellung wurde von Dr. Enno Kaufhold kuratiert. Begleitend zur Ausstellung zeigt Benjamin Ochse, der Sohn von Hildegard Ochse, zwei Videos zu den fotografischen Arbeiten seiner Mutter. Ort: Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6 – 7, 10823 Berlin, Di bis So 10 – 19 Uhr, bis 29. Juli 2012.

www.hausamkleistpark.de, www.hildegard-ochse.de, Video zur Ausstellung mit Enno Kaufhold