Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

HAUS am KLEISTPARK

Jerry Berndt mit „Sacred/Profane“ im Haus am Kleistpark. Monat der Fotografie 2012 in Berlin (7)

Ich bin der Mann der Negative, aber ich mache Positive! [Jerry Berndt]

Foto © Friedhelm Denkeler 2010
Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Der offizielle Titel der Ausstellung „Sacred/Profane“ suggeriert, dass der US-Amerikaner Jerry Berndt (*1943), der jetzt in Paris lebt, hauptsächlich zwei Themenkomplexe in der Ausstellung im Haus am Kleistpark zeigt. Die, für mein Empfinden, schöneren und gefühlvolleren und in einem perfekten „Sound“ abgezogenen Fotos, sind gleich im ersten Raum zu sehen: „Nite Works“ (auch „Nite Side“ genannt). Seit vierzig Jahren fotografiert Berndt in der Morgendämmerung menschenleere Stadträume. Die abgebildeten Objekte, Gebäudeteile, Straßenzüge zeigen mehr oder weniger ihre Geheimnisse und Beziehungen zueinander.

Interessanter sind aber die Empfindungen, die Berndt mit den Nite Works dem Betrachter übermittelt. Beschreibbar sind sie nicht, man muss sie „sehen“: der Fotograf bei der Aufnahme und der Besucher beim Betrachten. Hier trifft die Aussage: „Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen” von Susan Sontag besonders zu. Allein diese neueren Werke (1973-2012) lohnen den Besuch der Ausstellung.

Auch in der Serie „Combat Zone“ (1967-1974) herrscht meistens Dunkelheit: Wir sehen Zuhälter, Prostituierte und Transvestiten im Rotlichtbezirk von Boston. Das erste Foto der Serie mit einem „Amusement-Center“ nimmt den Inhalt der folgenden Fotos bereits vorweg. Berndt geht über einen journalistischen/ dokumentarischen Blick hinaus auf die Einsamkeit und auch das Miteinander der Menschen an diesem Ort. Die im dritten Raum ausgestellten Bilder „Sacred“ (1980-2003)) zeigen eine ähnliche Sehnsuchtswelt der Gläubigen und Bekehrer in ihrem spirituellen Habitus, ihrer Ekstase, Hingabe und Einkehr.

Zur Finissage der Ausstellung gibt es am Sonntag, 16. Dezember, 16 Uhr, eine Künstlerführung durch Jerry Berndt und so kann man sich selbst ein Bild über das Spannungsfeld zwischen den Huren, dem Heiligen und der Nacht machen und einmal mehr einen „neuen“ Fotografen entdecken, den bisher kaum Jemand kannte. Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des “European Month of Photography – EMoP” finden Sie auf meiner Übersicht. www.hausamkleistpark.deAuswahl von Berndts Fotos über Google

Hildegard Ochse (1935 – 1997) im Haus am Kleistpark in Berlin

"Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die in Westfalen geborene Hildegard Ochse beginnt um 1975 in Berlin zu fotografieren. Parallel erwachte zu dieser Zeit das öffentliche Interesse an der Fotografie: Im damaligen Berlin (West) entstand mit der Galerie Nagel die erste kommerzielle Fotogalerie, das fotografische Werk von Heinrich Zille wurde als solches wahrgenommen und in Kreuzberg entstand die von Michael Schmidt geleitete „Werkstatt für Photographie“. Hildegard Ochse nahm dort am Unterricht von Ulrich Görlich teil und besuchte die Workshops US-amerikanischer Fotografen wie Lewis Baltz, John Gossage und Larry Fink.

Der Begriff „Autorenfotografie“ wurde von Klaus Honnef 1979, damals Kurator am Rheinischen Landesmuseum in Bonn, in die Debatte eingeführt. Ein Autorenfotograf verfolgt zeitlebens ein einziges Thema, betrachtet die Wirklichkeit aus einem bestimmten Blickwinkel heraus oder entwickelt eine Bildsprache, die man sofort wiedererkennt. Er realisiert nur seine eigenen künstlerischen Vorstellungen als freier Fotograf, das heißt in der Regel ohne explizierten Auftrag von außen.

Aber: Der Autorenfotograf ist weder Amateur noch Hobbyfotograf, auch kein unbewusst arbeitender Berufsfotograf. So gesehen sind die Arbeiten von Atget und Zille auch als Werke von Autorenfotografen anzusehen. Sie schaffen mit ihrem Werk eine authentische Realität, da sie dokumentarisch vorgehen; gehen aber gleichzeitig von ihrem persönlichen Bewusstsein aus, indem sie auswählen, wiederholen und verdichten.

Hildegard Ochse hat sowohl in Berlin als auch auf zahlreichen Reisen fotografiert. Im Haus am Kleistpark werden insbesondere ihre Berlin bezogenen Arbeiten anhand von sieben, thematisch zusammengefassten Bildserien vorgestellt:

Stadtvegetation (1979/80): Wilde Natur in der Stadt: Kräuter, Sträucher und Bäume wachsen auf Parkplätzen, an Rändern der Häuser und auf den noch zahlreichen Ruinengrundstücken. Die Stadtvegetation folgt keinen gesellschaftlichen Regeln und wächst, wie es ihr beliebt. Der Kurator Enno Kaufhold zieht Vergleiche mit der damaligen jungen Generation, die sich aus dem sozialen Reglementieren befreien wollte und das letztendlich gleich der Natur auch umsetzte.

Ganz so politisch sehe ich die Bilder dieser Serie nicht: Sie haben auch etwas Melancholisches, aber eigentlich ist der Inhalt auch unnennbar; etwas von dem Susan Sontag gesagt hätte: Es ist ein Versuch, das Unsagbare auszudrücken. Ähnlich sehe ich die abstrahierenden Bilder der Berliner Mauer, die unmittelbar nach deren Fall entstanden sind: Die Mauer – Metamorphosen (1990). „Gras wird wachsen über den sichtbaren Wunden von Krieg und Vernichtung“ sagte Hildegard Ochse dazu. Nur die später einsetzenden Baumaßnahmen boten der Natur Einhalt.

"Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Dr. Enno Kaufhold und Benjamin Ochse bei der Führung durch die Ausstellung“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Aufnahmen aus der Berliner S-Bahn heraus, die vom Spiel mit Schärfe und Unschärfe leben, hat Ochse hingegen noch zu „Mauerzeiten“ fotografiert: S-Bahn – Stadtlandschaften (1983). Beim Blick aus den Fenstern könnte man denken, die Bahn fährt durch unkultivierte Landschaften und fern der Zivilisation. Und irgendwie war es so auch: wilde Natur neben und auf den Gleisen, marode und verlassene Industrieanlagen. Diese drei Serien gehören für mich zu den besten dieser Ausstellung.

Ein Zeitdokument schafft Hildegard Ochse mit dem Café Mitropa (1980), einem angesagten Neon-Cafe in der Schöneberger Goltzstraße (heute Café „M“). Es war das Stammlokal der damaligen Künstleravantgarde, Blixa Bargeld von den „Einstürzenden Neubauten“ ist nur ein Name unter vielen. Auf einem der Fotos liegt die Musikzeitschrift „Spex“ auf dem Tisch unter den Neonröhren in dem spartanisch eingerichteten Café Mitropa. Mit den im selben Ausstellungsraum hängenden Fotos aus Zoologischen Gärten (1983/84) thematisiert Ochse das Eingesperrtsein eigentlich wild lebender Tiere, die entgegen ihrer Natur nun in betongleichen Käfigen gehalten werden.

Die Serien Königliche Porzellan-Manufaktur KPM (1987), in der Ochse die Mitarbeiter der KPM mit ihren manuellen Kunstfertigkeiten in den Vordergrund rückt und auch Der Eid auf die Verfassung – Beamte (1987), eine Porträtserie von Berliner Verwaltungsbeamten, sind besondere Zeitdokumente und weniger künstlerische Arbeiten. Ich gehe davon aus, dass im Werk von Hildegard Ochse, die ich aus der gemeinsamen „Werkstatt“-Zeit kenne, noch weitere „Schätze“ lagern, die entdeckt werden müssen.

Mehr als 5 000 Schwarz-Weiß-Fotografien umfasst das Werk von Hildegard Ochse. Die Ausstellung zeigt hiervon 190 Originalabzüge aus ihrem Nachlass. Diese erste Retrospektive der Autorenfotografin erlaubt, das Werk neu zu entdecken. Die Ausstellung wurde von Dr. Enno Kaufhold kuratiert. Begleitend zur Ausstellung zeigt Benjamin Ochse, der Sohn von Hildegard Ochse, zwei Videos zu den fotografischen Arbeiten seiner Mutter. Ort: Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6 – 7, 10823 Berlin, Di bis So 10 – 19 Uhr, bis 29. Juli 2012.

www.hausamkleistpark.de, www.hildegard-ochse.de, Video zur Ausstellung mit Enno Kaufhold

Entwicklung der Stadtfotografie anhand des Fotopreises Schöneberg

„Die Voraussetzung für das Begreifen der Welt besteht im Erfassen und Miterleben des Nächstliegenden. Die Welt ist auch nur ein Konglomerat aus Provinzen.“

"Kunst im Kunstamt oder Relikte der Baumaßnahmen zum Brandschutz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Kunst im Kunstamt oder Relikte der Baumaßnahmen zum Brandschutz“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Dieses Zitat von Janos Frecot im Katalog zur Ausstellung drückt das Konzept des Fotopreises Schöneberg-Tempelhof aus – subjektive Stadtgeschichte. Den Preis gibt es seit 1990 und zur ersten Jury gehörte Janos Frecot, der die Fotoabteilung der Berlinischen Galerie aufgebaut hat. Im Haus am Kleistpark nun beginnt die Ausstellung mit einer „Collage“ aus den preisgekrönten Arbeiten aller 22 beteiligten Künstler. Dann aber fällt die Ausstellung für mich in zwei Teile:

Da sind zum einen die eher langweiligen, kleinformatigen, farbigen Fotos, die wenig Feeling aufweisen. Ihnen fehlt das Unsagbare, das ein Kunstwerk ausdrücken muss, damit es über Kunsthandwerk hinausgeht oder wie Susan Sontag sagt „Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen“. Diese Bilder sind eher lieblos angebracht, weisen kein Passepartout auf und sind ohne Rahmen gehängt: C-Print auf Kappa, Inkjet-Prints auf Forex, C-Print auf Plexiglas und dergleichen mehr.

Zum anderen sehen wir Werke mit ordentlichem Passepartout und Rahmen und vor allem auf Barytpapier und als C-Print. Man erkennt sofort, dass die Künstler ihre Werke schätzen und der Zuschauer sie wohlwollend genießen soll. Beispielhaft möchte ich einige Namen nennen:

Ute und Bernd Eickemeyer mit ihren Porträts von Bewohnern des Crelle-Kiezes „Gesichter einer Straße – Der Crelle-Kiez im Wandel“, 1984-1987. Eickemeyers orientieren sich an historischen Vorbildern, wie sie August Sander in den 1920er Jahren schuf. Karl-Ludwig Lange zeigt die Serie „Gasometer, Berlin Schöneberg“, 1980-1981. Seine Bilder weisen mal mehr und mal weniger ihre eigene melancholische Ästhetik auf (auch: „Von den Brücken – Ein großer, ästhetischer Genuss„). Die hervorragend von Lange abgezogenen Baryt-Prints tun ein Übriges, wie die der anderen Künstler auch, und bis auf Thomas Leuner sind übrigens alle Werke in Schwarz-Weiß. Weiter nenne ich die Arbeiten von André Kirchner „Peripherie und Mitte“, 2006, Winfried Mateykas „Briefe von Unbekannten“, 1993, zum Thema Graffiti und Thomas Leuner mit „Der 148er“ aus dem Jahr 1992.

Allein für die letztgenannten Künstler und ihre Werke lohnt sich unbedingt noch der Besuch in der Ausstellung, denn sie ist nur noch bis 7. August 2011 geöffnet. Mehr zum Hintergrund der Ausstellung und zu den beteiligten Künstlern im Artikel zur Ausstellungseröffnung „BERLIN, Blicke“ vom 29.05.2001. Mit der Ausstellung „Berlin, Blicke“ im Haus am Kleistpark verabschiedet sich, nach fast 30 Jahren, Katharina Kaiser als Leiterin des Kunstamtes.

www.hausamkleistpark-berlin.de

Ein Fotopreis schreibt subjektive Stadtgeschichte 1990 bis 2010

"Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg", Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„Stillleben an der Elbe bei Schnackenburg“, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Die heutige Eröffnung der Fotoausstellung im HAUS am KLEISTPARK  kann  ich leider nicht wahrnehmen, weil ich nicht in Berlin bin. Schade, denn die Hälfte der beteiligten Fotografen aus der alten West-Berliner Szene kenne ich gut und hätte gerne gesehen, womit sie sich aktuell beschäftigen.

Der Titel der Ausstellung „BERLIN, Blicke“  wurde in Anlehnung an den Buchtitel von Rolf Dieter Brinkmann „Rom, Blicke“ gewählt. Mit diesem posthum 1979 bei Rowohlt erschienenen Collageband aus Tagebuchtexten und Fotos wurde die Diskussion über Stadtfotografie Anfang der 1980er Jahre nachhaltig angeregt. Eine Ausstellungs-Besprechung werde ich nachreichen, heute  muss der Einladungstext reichen:

„Es gibt Fotos, die sich in das Gedächtnis einschreiben – gerade weil sie nicht versuchen, etwas zu repräsentieren. Sie zeigen das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit in Bildern von Stadträumen, Menschen, Architekturen und Dingen. Solche Fotos sind in dieser Ausstellung und einem begleitenden Fotobuch versammelt. Sie eröffnen den Besuchern neue Blicke auf Berlin und bieten ihnen die Chance, subjektive, poetische, kritische und fremdartige Wahrnehmungen zu machen.

Gezeigt werden Foto-Serien von Preisträgerinnen und Preisträgern eines Fotopreises in Schöneberg und Tempelhof, der seit 20 Jahren ausgeschrieben wird. Dieser in Berlins Bezirken einmalige Preis eröffnet eine sehr subjektive Sicht auf 20 Jahre Bezirks-Geschichte und spiegelt zugleich 20 Jahre Stadtfotografie in Berlin wider. Eine Fachjury – zusammengesetzt aus Experten von Fach- und Hochschulen, Kunstvereinen, Museen sowie aus Fotohistorikern und Journalisten – hat auf zwei Dinge geachtet: Erstens, dass in den prämierten Fotoserien etwas Allgemeines über das urbane Leben am Beispiel von Schöneberger und Tempelhofer Motiven zum Ausdruck kommt und zweitens, dass das Niveau der Arbeiten eigensinnig ist und zugleich auch die aktuellen Debatten zur Fotoästhetik und über das gewandelte Selbstverständnis der Fotografen als Künstler aufnimmt.

Die Themen haben die Foto-Künstlerinnen und -Künstler selbst gewählt und über längere Zeit als Projekte realisiert. Auf diese Weise ist eine Sammlung zusammengekommen, deren Spektrum von der klassischen Autoren- und Architekturfotografie bis zur konzeptuellen Fotografie reicht.“

Die beteiligten Fotografinnen und Fotografen sind: Karine Azoubib, Peter Bajer, Ute und Bernd Eickemeyer, Ludovic Fery, Fred Hüning, André Kirchner, Wolf Klein, Hans-Peter Klie, Natalie Kriwy, Karl-Ludwig Lange, Thomas Leuner, Winfried Mateyka, Michael Nager, Ildar Nazyrov, Jens Oliver Neumann, Lothar M. Peter, Nelly Rau-Häring, Florian Rexroth, Wolfgang Ritter, Orit Siman-Tov, Arnd Weider, Janina Wick. www.hausamkleistpark-berlin.de