Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Hamburg

"Langes Paar", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Langes Paar“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Stephan Balkenhols Holzkörper bringen Kunst auf die Straße – und in Hamburg auch auf das Wasser

Bekannt ist Stephan Balkenhols „Mann mit Giraffe“ vor Hagenbecks Tierpark in Hamburg (siehe hier). Weitere seiner Skulpturen, die er hauptsächlich aus Holz herstellt und die sein Markenzeichen sind, finden sich im Hamburger Stadtraum, so schwimmen einige auf Elbe und Alster. Balkenhols Arbeit „Mann und Frau“ habe ich vor der Zentralbibliothek der Öffentlichen Bücherhallen entdeckt. Scheinbar blicken Balkenhols Figuren emotionslos ins Leere oder auf einen für den Betrachter unbekannten Punkt. Sie bleiben anonym, distanziert und rätselhaft. Balkenhol sagt dazu:

„Meine Skulpturen erzählen keine Geschichten. In ihnen versteckt sich etwas Geheimnisvolles. Es ist nicht meine Aufgabe, es zu enthüllen, sondern die des Zuschauers, es zu entdecken.“

Weitere Werke von Stephan Balkenhol finden Sie hier.

"Speicherstadt", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Speicherstadt“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Speicherstadt

Zwischen den Deichtorhallen und dem Baumwall liegt im Freihafen die hundertjährige Speicherstadt, der größte zusammenhängende Lagerhauskomplex der Welt. Er gilt übrigens gleichfalls als größtes Orient-Teppich-Lager Europas. Wilhelminische Backsteingotik der Gründerzeit wechselt sich ab mit bizarren Giebeln und Türmchen, die sich mit den Schuten in den Fleeten spiegeln. Dort ist auch mein Photo entstanden. Es soll eine „unscharfe“ Verbindung schaffen, zwischen dem Besuch der Gerhard Richter-Ausstellung im Bucerius Kunst Forum und dem Besuch der Ausstellung „Unscharf. Nach Gerhard Richter“ in der Kunsthalle. Bericht folgt.

Revolutionsbedarf zur Walpurgisnacht und zum Ersten Mai 2011

"Unscharfer Revolutionsbedarf", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Unscharfer Revolutionsbedarf“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Zur Einstimmung in die Walpurgisnacht, zum Tanz in den Mai und als Reminiszenz an die vielen Ausstellungen in Hamburg zum Thema „Unscharf“ ist dieses Photo entstanden. Grundlage für mein „Out of Focus“ ist die Arbeit „Revolutionsbedarf“, 2004, aus Diamantkappenlampen von Marcel Bühler, Berlin. Die Arbeit hängt im Eingangsbereich der Hamburger Kunsthalle. Website Marcel Bühler, Interview Marcel Bühler

„Gerhard Richter – Bilder einer Epoche“ im Bucerius Kunst Forum in Hamburg

"Gerhard Richters 'Familie Schmidt' unscharf fotografiert", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Gerhard Richters ‚Familie Schmidt‘ unscharf fotografiert“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der Kölner Galerist Rudolf Zwirner hat, einer Anekdote nach, Ende der 1970er Jahre dem Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin das Werk „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von Gerhard Richter aus dem Jahr 1966 angeboten.

Die Antwort soll gewesen sein: „Ich kaufe keine Photos“. Auch wenn es nicht stimmen sollte, ist es doch ein wundervolles Bonmot, denn Richters großformatig gemalte Bilder sehen von weitem (oder in kleineren Abbildungen) auf den ersten Blick wie Photographien aus.

Und das kommt nicht von ungefähr. Richters Werke sind nach gefundenen, öffentlichen aus Zeitungen und Magazinen entnommenen und auch selbstgeschossenen Photos gemalt. Mit Hilfe eines Episkops überträgt er die Konturen auf Leinwand und stellt sie mit der ihm eigenen Wischtechnik, meist in monochromen gräulichen Farben, dar.

Einen sehr guten Überblick über Richters Foto-Bilder erhalten Sie auf seiner Website hier. Die gesamte Ausstellung im Bucerius Kunst Forum besteht aus rund 50 Leihgaben deutscher und internationaler Sammlungen und ist noch bis zum 15. Mai 2011 in Hamburg zu sehen.

Richters Gemälde aus den 1960er Jahren haben inzwischen Kunstgeschichte geschrieben und gelten aus der Sicht eines Zeugen als Zeitbezug der Epoche, in der sich das Banale und das Böse begegneten. Wir sehen auf den Gemälden schnelle Autos, Freizeitvergnügen, Personen der damaligen Politik und Kultur, persönliche Erinnerungen und Gebrauchsgegenstände des Alltags, aber auch die Beschäftigung mit dem Tod und der Nazi-Vergangenheit. Aber Richter ist kein politischer Künstler, sondern ein Kunstmaler und die Ergebnisse seiner Arbeit sind anziehend und sehenswert.

Ein eigener Raum ist im Kunstforum Richters Zyklus „18. Oktober 1977“ aus dem Jahr 1988 gewidmet. Die Leihgabe des New Yorker Museum of Modern Art besteht aus 15 Werken, die den „Deutschen Herbst“, den Tod der RAF-Mitglieder Ensslin, Baader und Raspe, zum Inhalt haben. „Der politische Gehalt dieser Bilder, den Richter abstreitet, überrascht das Publikum. Sein Malerkollege Georg Baselitz findet die Stücke peinlich. Die politischen Lager wissen nicht genau, auf welcher Seite Richter eigentlich steht. Die Presse weiß auch nicht so recht, was sie davon halten soll und bezeichnet den Zyklus als unfassbar schön, krass und banal – und zwar alles auf einmal“, so der Bayrische Rundfunk.

Das Bucerius Kunst Forum eröffnet mit dieser Schau den Reigen der internationalen Ausstellungen zu Gerhard Richters 80. Geburtstag im nächsten Jahr. Auch in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gibt es 2012 eine Richter-Ausstellung. Aber zunächst sehen wir uns in Hamburg noch die Ausstellung „Unscharf. Nach Gerhard Richter“ in der Kunsthalle an, in der noch einmal 20 Richter-Gemälde und insbesondere Arbeiten von Künstlern, die sich der Technik der Unschärfe bedienen, zu sehen sind. Eine Ausstellungsbesprechung folgt.

www.buceriuskunstforum.de, Interview mit Gerhard Richter, Film Deutsche Welle

Die „Jack Freak Pictures“ in den Hamburger Deichtorhallen

„Wir sind ungesund, mittleren Alters, zotiger Gesinnung, exzentrisch, lüstern, depressiv, zynisch, leer, ausgebrannt, schäbig, hundsgemein, verträumt, ungehobelt, unmanierlich, arrogant, intellektuell, wehleidig, ehrlich, erfolgreich, tüchtig, zuvorkommend, künstlerisch, religiös, faschistisch, blutrünstig, neckisch, destruktiv, ehrgeizig, farbenprächtig, verdammt, stur, pervertiert und gut. Wir sind Künstler.“

"Gilbert & George in der Deichtorhalle", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Gilbert & George in der Deichtorhalle“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

So stellt sich das Künstlerpaar und neuerdings auch Ehepaar Gilbert & George in der Eingangshalle als erstes vor. Und dann sehen wir die umfangreichste Serie, die die beiden je geschaffen haben. Die vor drei Jahren entstandenen leuchtenden, großformatigen Werke aus der Serie „Jack Freak Pictures“, die an viktorianische Glasmalereien erinnern, sind mit 120 von 150 Arbeiten in der kathedralenartigen Architektur der großen Deichtorhalle vertreten.

Wir sehen kaleidoskopartige, poppig-sakrale am Computer generierte Bilder mit Medaillen, Orden, Bäumen, Blattwerk, Früchten und dem Stadtplan von East London und natürlich mit Gilbert & George persönlich, die aber oft bis zur Unkenntlichkeit verformt sind. Die Bildmotive, die sie in ihren Bildern verwenden, stammen zumeist aus der Umgebung ihres Wohnortes in East London, wo es ihrer Meinung nach „alles gibt, worum es in der Welt geht“. Verbindendes Symbol in allen Bildern ist der britische Union Jack. Und das ist das Problem. Auf Dauer wirken die Bilder ermüdend, 120 Mal Gilbert & George und 120 Mal der Union Jack sind dann doch des Guten zu viel. Links zu drei Bildern aus der Serie habe ich herausgesucht: hier, hier und hier.

Diesen Arbeiten fehlt gegenüber den früheren Bildern von Gilbert & George das Lebendige, das Einzigartige, der Esprit. Man spürt, dass es sich um computergenerierte Bilder handelt. Sie ähneln sich zu sehr und verlieren sich als Ganzes. Obwohl Gilbert & George auf allen Bildern vertreten sind, handelt es sich nicht unbedingt um Selbstinszenierungen, wir sehen nur ihre Hülle. Zustände der menschlichen Existenz sollen aufgezeigt werden und eine Beschreibung der modernen Welt aus der Perspektive der beiden Künstler.

Union Jack

Die Kuratoren schreiben: „Die Jack Freak Pictures gehören zu den symbolträchtigsten, philosophisch ausgeklügeltsten und visuell schlagkräftigsten Arbeiten, die Gilbert & George jemals hervorgebracht haben. Sie nehmen ihren Platz innerhalb der gesammelten Werke von Gilbert & George als gewaltiger Zusammenschluss der Themen und Gefühle ein, welche die beiden Künstler seit mehr als vierzig Jahren in ihrer Kunst erforschen. Die beiden Künstler sind in ihnen zugleich Opfer und Ungeheuer – Marionetten einer kosmischen Revue, schlaflose Wächter auf leeren Großstadtstraßen und irrblickende Kugelköpfe, wie Michael Bracewell in seinem Katalogessay feststellt“.

Trotz alledem, eine empfehlenswerte Ausstellung, denn in dieser Monumentalität werden wir Gilbert & George nicht so schnell wiedersehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 22.05.2011. In einem Video sprechen Gilbert & George über ihre „Jack Freak Pictures“ in den Deichtorhallen (siehe hier).

www.deichtorhallen.de

„Joe Dallesandro Superstar“ – Der Traummann der 1970er Jahre in den Hamburger Deichtorhallen

"Das liest ganz Hamburg", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Das liest ganz Hamburg“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Nein, soweit ist es noch nicht – mein Blog wird nicht von ganz Hamburg gelesen. Es ist und bleibt ein Blog aus der Hauptstadt.

Nach der Ausstellung Traummänner (siehe hier) und den Traumfrauen der 1970er Jahre, den „Twins“ (siehe hier), folgt jetzt der Bericht über einen weiteren Traummann der 1970er Jahre, Joe Dallesandro, dem eine eigene Ausstellung gewidmet wird.

Francesco Scavullo (1922-2004), US-amerikanischer Modefotograf, fand, dass Dallesandro (geb. 1948) zu den zehn schönsten Männern gehört, die er je fotografiert hat. Sein weltberühmtes Foto von „Little Joe“, wie er in verschiedenen Filmrollen heißt, finden Sie hier.

Die von Andy Warhol produzierten Filme „Flesh“ (siehe Filmplakat hier), 1968, „Trash“, 1970 und „Heat“ unter der Regie von Paul Morrissey machten Dallesandro, insbesondere in der Subkultur, zum Star.

In allen Filmen spielt sich Dallesandro im Grunde genommen selbst. Durch seine enorme Präsenz und sinnlich-maskuline Schönheit wurde er zum größten geschlechtsübergreifenden Sexsymbol der späten sechziger Jahre und der Hippie- und Schwulenbewegung. Er verkörperte Underground, den ungeschönten Blick auf die „Wild Side“ New Yorks und Kunst, die radikal alle Regeln brach. Die Ausstellung, die noch bis zum 22. Mai 2011 zu sehen ist, zeigt neben den Originalbildern weltberühmter Fotografen auch die Filmplakate und Standfotos aus zahlreichen Filmen.

Die letzte Ausstellung, die ich während meines Hamburg-Aufenthalts in den Deichtorhallen besucht habe, „Gilbert & George – Jack Freak Pictures“, werde ich als nächstes vorstellen.

www.deichtorhallen.de,  www.joedallesandro.com  

„The Twins – A Visual Journey By Gisela Getty und Jutta Winkelmann“ in den Hamburger Deichtorhallen

Wir tragen nicht mehr als Tücher um die Hüften. Freie Kinder sind wir. Gut möglich, dass uns die katholischen Ureinwohner hier gleich steinigen werden. Aber Furcht liegt uns fern, von nun an wird uns nichts Schlimmes mehr passieren, nichts mehr wird uns aus der Fassung bringen. Wir sind unsterblich und heilig in einer an sich heiligen Welt. Nur hat die schusselige Welt das Vergessen.

"Die Zwillinge", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Die Zwillinge“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In der Ausstellung „The Twins“ fand ich dieses Zitat von Gisela Getty in der Nähe des Bildes „Countryside“ (siehe hier), das die beiden 1949 in Kassel geborenen Zwillinge Jutta und Gisela 1973 in Rom zeigt. Das Foto von Robert Freeman ist gleichzeitig das Titelbild der Ausstellung (siehe mein Foto). Beides, Zitat und Foto, führe ich stellvertretend für die Fotografien, die das Leben der Schwestern Jutta Winkelmann und Gisela Getty, die als ideale Verkörperung des Zeitgeistes der 1970er/ 1980er Jahre gelten können, an.

Im Faltblatt wird die Ausstellung so angekündigt: „Die Schwestern aus Kassel waren Groupies, Musen, Göttinnen. Sie trafen Stars wie Bob Dylan, Sean Penn, Dennis Hopper und Roman Polanski, die beide in aufregenden Fotos festhielten. Die Fotos entstanden überall auf der Welt; es sind Bilder einer weiblichen, auch erotischen Selbstentdeckung, eine Bilderrevue der modernen Ahninnen der heutigen, suchenden Mädchen-Generation, die sich wieder neu erfinden will. Eine direkte Linie scheint von diesen Ur-Girls zum Neuen Feminismus einer Charlotte Roche zu verlaufen. Gleichzeitig sind die Bilder Zeugnisse der Anfänge früher deutsch-amerikanischer Popkultur.“

Eine kleine Auswahl der Abgebildeten: Zuerst sind natürlich Gisela, Jutta und Paul Getty zu nennen. Auf weiteren Fotos tauchen Rainer Langhans, Rio Reiser, Ralf Zacher, Uschi Obermeier, Hans Haas, Bommi Baumann, Wolf Wondratscheck, William Bourroughs, Bazon Brock, Mick Jagger, Irm Hermann, Rainer Werner Fassbinder, Bob Dylen, Sean Penn, Dennis Hopper, Paul Morrissey, Leonard Cohen, Werner Herzog, Jack Nickolson, Timothy Leary und Roman Polanski auf. Ein „Who is Who“ jener Epoche.

Fotobuchtipp: „The Twins“, Jutta Winkelmann und Gisela Getty, 2010 bei „Blumen bar“ erschienen, 50 €, ist bereits reduziert für 15 € im Buchhandel erhältlich und für einen Alt-68er ein „muss“. Die Biografie „Die Zwillinge oder: Vom Versuch, Geist und Geld zu küssen“ (Weissbooks, 2008) wurde von den Rezensenten „verrissen“ und wird inzwischen auch reduziert angeboten (12 €). Das Fotobuch habe ich in der Ausstellung erworben und werde es zu gegebener Zeit vorstellen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. Mai 2011.  www.deichtorhallen.de