Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Friedrich Seidenstücker

Die 1920er-Jahre – Fotos von Friedrich Seidenstücker und
Chansons von Evelin Förster in der Berlinischen Galerie

"Kirschenverteilung", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Kirschenverteilung“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Friedrich Seidenstücker-Ausstellung wollte ich gerne ein zweites Mal sehen – so bot sich der letzte Freitag an. An diesem Abend „spazierte“ die Sängerin Evelin Förster mit ihren Chansons der 1920er- und 1930er-Jahre unter dem Titel „Zwischen Ku’damm und Krögel oder wie die Berliner so sind“ durch die Ausstellung „Von Nilpferden und anderen Menschen 1925 – 1958“.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Februar 2012 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Entsprechend den fünf Kapiteln der Ausstellung „Straßenfotografie“, „Akt“, „Landschaft“, „Berlin nach 1945“ und „Zoofotografie“ präsentierte Evelin Förster Texte und Chansons passend zu den typischen Seidenstücker-Fotografien im Foyer der Berlinischen Galerie. Die naturgemäß kleinen Original-Fotos wurden dabei stets passend als Dias dem Auditorium vorgestellt.

Der Spaziergang begann mit dem Foto „Feuerwehreinsatz am Potsdamer Platz“ und einem Text aus der Berliner Illustrierten Zeitung von 1926 mit dem Titel „Auflauf“ und dem Lied „Tempo, Tempo“ und endete mit „Aphorismen“, Texten von Erich Mühsam und Frank Wedeking und dem Song „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“, währenddessen der „Akt“ aus dem Jahr 1941 von Seidenstücker zu sehen war.

Seidenstückers Aufnahmen entsprechen, anders als die Fotos seiner Zeitgenossen Umbo oder László Moholy-Nagy, eher dem Geist der Amateurfotografie als der damaligen Neuen Sachlichkeit. Er feilt weniger an seinen Kompositionen, sondern besitzt das Gespür für den richtigen Moment. In seiner produktivsten Zeit, zwischen 1920 und 1930, entstanden auch die berühmten „Pfützenspringerinnen“. Den Sinn für Witz und leicht Anzügliches teilt er mit dem anderen großen Berlinfotografen Heinrich Zille.

„Friedrich Seitenstücker war ein fotografierender Spaziergänger. Von Frühling bis Herbst war er auf den Straßen Berlins unterwegs. Er reagierte spontan auf das, was ihm begegnete und gefiel: schöne Frauen, spielende Kinder, Straßenhändler und Arbeiter, Paare am Wannseestrand. Daneben gibt es aber auch Bilder von Arbeitslosenspeisungen und Bettlern, Streikposten vor der AEG und politischen Kundgebungen. Ihm ging es also durchaus um eine komplexe Stadtbeschreibung.“ (aus dem Ausstellungstext)

Übrigens: Der Krögel stand bis 1935 als Sinnbild für die mittelalterlich enge Stadtbebauung, für die vielfach menschenunwürdigen und unhygienischen Wohnverhältnisse in Berlins Mitte.

Die Berlinische Galerie zeigt ab dem 1. Oktober 2011 Friedrich Seidenstückers Fotografien aus den Jahren 1925-1958

"Großeltern in Lüttgen-Dortmund", Archiv © Friedhelm Denkeler 1926
Großeltern in Lüttgen-Dortmund, Archiv © Friedhelm Denkeler 1926

Diese erste umfassende Retrospektive Friedrich Seidenstückers unter dem Titel „Von Nilpferden und anderen Menschen“ präsentiert rund 200 Originalfotografien.

Beinahe jeder Berliner kennt Seidenstückers Arbeiten. Diejenigen, die sich für die Geschichte ihrer Stadt interessieren, schätzen seine atmosphärischen Aufnahmen vom Berliner Alltagsleben der Weimarer Republik.

Unter den Tier- und Zooliebhabern erwarb er sich mit seinen einfühlsamen Tierstudien einen geradezu legendären Ruf, und für die Historiker sind die eindringlichen Aufnahmen des zerstörten Berlin eine kostbare Quelle.

Auch wenn Seidenstücker als typischer Berliner Fotograf gilt, ist er doch auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt – nicht zuletzt deshalb, weil er sich um eines ganz besonders verdient gemacht hat: Seine Bilder zeugen von Humor, und den findet man in der Fotografie selten.

Aus dieser Haltung heraus hat sich das Werk von Friedrich Seidenstücker entwickelt. Es ist von Optimismus getragen, ohne die Zumutungen und Härten, ohne die Armut und das Elend der Zeit zu verschweigen.

Mit der Retrospektive setzt die Berlinische Galerie ihre sehr erfolgreiche Ausstellungsreihe fort, die darauf ausgerichtet ist, das Werk von großen Fotografen des Zwanzigsten Jahrhunderts wissenschaftlich zu erschließen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Vorausgegangen sind Ausstellungen zu Heinrich Zille, Erich Salomon, Fritz Kühn und Herbert Tobias. Quelle: Presseinformation