Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Frank Stella

El Lissitzky und Frank Stella mit Chad Gadya in der Neuen Nationalgalerie

Chad Gadya (Ein Zicklein)

Der Vater kauft ein Zicklein für zwei Pfennig.

Da kam ein Kater und fraß das Zicklein,

da kam der Hund und fraß den Kater,

da kam der Stock und schlug den Hund,

da kam das Feuer und verbrannte den Stock,

da kam das Wasser und löschte das Feuer,

da kam der Ochse und trank das Wasser,

da kam der Metzger und schlachtete den Ochsen,

da kam der Todesengel und tötete den Metzger,

und zuletzt kam Gott und tötete den Todesengel.

Ausschnitt aus "El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Ausschnitt aus „El Lissitzky: Da kam der Hund und fraß den Kater, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Als Zusatzpräsentation zu Frank Stellas „The Michael Kohlhaas Curtain“ im Obergeschoss der Neuen Nationalgalerie (siehe mein gestriger Artikel) befindet sich im Untergeschoss die Ausstellung: El Lissitzky / Frank Stella: Chad Gadya.

Es handelt sich um zwei druckgrafische Folgen aus dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, die beide das Kinderlied „Chad Gadya (Ein Zicklein)“ als Grundlage haben. Dieser erste Raum, der momentan von den beiden Künstlern bespielt wird, dient gleichzeitig als Einstieg in die Sammlungspräsentation „Moderne Zeiten“.

Ausschnitt aus "Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
Ausschnitt aus „Frank Stella: Da kam der Hund und fraß den Kater“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

1919 schuf Lissitzky ein Heft mit Illustrationen zu dem jüdischen Kinderlied: „Chad Gadya“. Jedes Blatt illustriert einen Vers des Liedes (siehe oben), in dem eine Folge von Zerstörungen ihren unaufhaltsamen Verlauf nimmt. Jede vernichtende Tat verursacht die nächste Verheerung. Irgendwie erinnert das auch an die Geschichte von Michael Kohlhaas.

Im Mai 1981 sah Frank Stella bei einem Besuch im Tel Aviv diese Blätter. Sie inspirierten ihn zu einer eigenen druckgrafischen Serie „Nach Lissitzkys Chad Gadya „, an der er bis 1984 arbeitete. Für Stella markieren diese Grafiken einen Wendepunkt hin zum ausdrucksvollen Gestus und der barocken Vielfalt, von denen seine späteren Arbeiten gekennzeichnet sind.

Wenn ein Künstler und ein Ingenieur gemeinsam Kunst produzieren …

"Stellas Michael Kohlhaas-Panorama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Stellas Michael Kohlhaas-Panorama“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der amerikanische Maler Frank Stella und der spanische Ingenieur Santiago Calatrava haben gemeinsam ein Kunstwerk geschaffen, das die Neue Nationalgalerie in Berlin, ein bisschen übersteigert vielleicht, als Weltpremiere vorstellt: „The Michael Kohlhaas Curtain“. Wie man auf meinem Photo sieht, hat das Werk im Obergeschoss einen hervorragenden Platz gefunden.

Im Zentrum der Halle steht das kraftvolle, leuchtende Monumentalbild von Frank Stella aus dem Jahr 2008. Als Malgrund diente ihm eine 40 Meter lange Lastwagenplane. Stella ist seit dem Studium mit der deutschen Kultur vertraut, deshalb wählte er als Grundlage für das Bild Heinrich von Kleists Geschichte des „Michael Kohlhaas“. Stella malt rein abstrakt, deshalb muss man schon sehr viel Phantasie besitzen, um eine Geschichte zu erkennen.

Santiago Calatrava hat für das Wandbild eine feingliedrige Architektur aus Stahl entworfen, die das Bild zu einem ringförmigen Panorama in luftiger Höhe werden lässt. Man kann es von beiden Seiten betrachten, also auch aus dem inneren Ring heraus. Michael Kohlhaas, der Rebell griff zur Selbstjustiz und ging daran zu Grunde − in Stella/Calatravas Werk gibt es, bedingt durch das Rund-Panorama, aber weder Anfang noch Ende.

Die Kuratoren schreiben: „Grelle Plastikfarben, dynamische Muster und Strukturen durchbrechen die rigide Strenge des Mies van der Rohe-Baus. Kunst, Literatur und Architektur verbinden sich zu einer energetisch ausstrahlenden Installation, die jenseits aller Kategorien steht.“

Berühmt wurde Frank Stella mit den „Shaped Paintings“ − ausgeschnittenen malerischen Formen, mit denen er in den Raum vorstößt. Fast immer sind die Arbeiten literarisch oder philosophisch begründet. Calatrava nimmt stets eine Form, oft eine tierische oder organische, zum Ausgangspunkt seiner Arbeit. Er schafft gleichfalls als Architekt filigrane Brücken und Bogenbauten, so z.B. in Berlin die Kronprinzenbrücke im Regierungsviertel.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. August 2011 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Den zweiten Teil der Ausstellung, Frank Stellas Mappenwerk aus den 1980er Jahren „Illustrations after El Lissitzky’s Had Gadya“, das gemeinsam mit den Vorbildern, den Lithografien von El Lissitzky im Untergeschoss der Neuen  Nationalgalerie präsentiert wird, werde ich übermorgen vorstellen.

… mit den Künstlern Frank Stella, Santiago Calatrava und El Lissitzky

"Stella- und Calatrava-Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Stella- und Calatrava-Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die wehenden Fahnen vor der Neuen Nationalgalerie Berlin weisen bereits von weitem auf die aktuelle Doppelausstellung hin − zum einen auf die Kooperation zwischen dem US-amerikanischen Maler Frank Stella und dem spanischen Architekten Santiago Calatrava mit ihrem gemeinsamen Werk „The Michael Kohlhaas Curtain“ in der oberen Halle und zum anderen auf Frank Stellas Mappenwerk aus den 1980er Jahren „Illustrations after El Lissitzky’s Had Gadya“, das gemeinsam mit seinen Vorbildern, den Lithografien von El Lissitzky im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie präsentiert wird.

Die Kuratoren schreiben hierzu: „Weltstars sind sie beide: der amerikanische Künstler Frank Stella, der seit den 1960er Jahren Malerei als Medium einsetzt, um in den Raum vorzustoßen, und der spanische Ingenieur und Baumeister Santiago Calatrava, der mit filigranen Brücken und Bogenbauten höchst poetische Raumgebilde geschaffen hat.“

Beide Ausstellungen, die noch bis zum 14. August 2011 in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sind, stelle ich in den kommenden Tagen vor.

Kenneth Noland, Mark Rothko, Frank Stella, u.a. mit „Color Fields“

"Rötliches Farbfeld", aus dem Portfolio "Das Prinzip der leeren Mitte", Foto © Friedhelm Denkeler 1994
„Rötliches Farbfeld“, aus dem Portfolio „Das Prinzip der leeren Mitte“, Foto © Friedhelm Denkeler 1994

Einen Spaziergang Unter den Linden nutzte ich, um mir die zurzeit aktuellen Ausstellungen im Deutschen Guggenheim „Color Fields“ und in der Schering Stiftung „Ein Rentier im Zöllnerstreifenwald“, anzusehen. Zuerst zur Guggenheim-Ausstellung. Die Ausstellungsbroschüre leitet die Ausstellung wie folgt ein:

„In den Fünfzigern und Sechzigern begannen sich viele junge amerikanische Vertreter der abstrakten Malerei vom Kanon des Abstrakten Expressionismus und seiner Betonung des Gestischen und Emotionalen abzukehren. Dabei wandten sie sich neuen Ausrichtungen zu: einer radikal optisch orientierten Ausdrucksweise, die später unter dem Begriff „Color Field Painting/ Farbfeldmalerei“ bekannt wurde, und der „Pop-Art“, die die Bilder der Massenmedien zu einem neuen Stil verarbeitete. Während sich die Pop-Art dabei kontinuierlich auf aktuelle Phänomene bezog, indem sie die Bilder der Konsumgesellschaft neu interpretierte, distanzierte sich die Farbfeldmalerei bewusst von jeglichen gesellschaftlichen Bezügen, um sich ganz auf das emotionale Potential der Farbe zu konzentrieren.“

Namhafte Künstler wie Kenneth Noland, Mark Rothko, Frank Stella und zehn weitere Künstler sind in der Ausstellung vertreten. Ein Video gibt einen kurzen, aber guten Überblick über die Ausstellung. Die nichtgegenständliche Farbfeldmalerei mit ihren großflächigen homogenen Farbfeldern ist nicht unbedingt meine bevorzugte Kunstrichtung. Einige Künstler tränken ihre großformatigen Leinwände mit Farbe, statt sie zu bemalen. Andere malen farbige Streifen auf die Leinwand oder besprühen sie. Am spannendsten fand ich noch Frank Stellas „Harran II“ aus dem Jahr 1967 (siehe hier).

Der Besuch der Ausstellung war von kurzer Dauer. Es ließ sich alles auf den ersten Blick erkennen. Von dem anschließenden Besuch der Schering-Stiftung erhoffte ich mir mehr. Der Bericht folgt morgen.

PS. Das Deutsche Guggenheim bietet jeden Montag freien Eintritt und in der Ausstellung darf fotografiert werden.