Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Edgar Reitz

„Die andere Heimat“ – Ein „Kurzfilm“ von Edgar Reitz

Der Blick durch eine geschliffene Achatscheibe kann die Sicht auf die Welt verändern. Die Kunst des Lesens vermag dies ebenso. Und auch wenn Jakob am Ende des fast vierstündigen Schwarz-Weiß-Films (mit symbolisch-verspielten Farbeinsprengseln) von Edgar Reitz noch immer in Schabbach im Hunsrück lebt, so ist seine Welt nun eine andere. Ein Träumer ist er und in seinem Wunsch denkt er sich nach Brasilien. Das verheißungsvolle Land sucht Handwerker und Bauern auch in der fernen deutschen Provinz, die um 1840 nur ein karges Überleben in Not, Armut und Krankheit bereit hält.

Jakob stürzt sich auf jedes verfügbare Buch über Südamerika; er studiert verschiedene Dialekte und spielt im Geiste die Begegnungen mit Einheimischen durch. Er ist bestens vorbereitet. Aber das Leben spielt ihm nicht nur einen Streich. Er verliert viel und letztendlich ist es sein Bruder, der die ersehnte Reise antreten wird. Jakob bleibt in Schabbach, aber die wirklich großen Reisen finden letztendlich immer im Kopf statt und das hat er erkannt.

Diesen Film zu beschreiben, würde jeden Rahmen sprengen. Nur eine zauberhafte Begegnung zwischen einem Bauern (Edgar Reitz) und Alexander von Humboldt (Werner Herzog) sei noch erwähnt. Hervorragende Schauspieler und eine kameratechnisch betörend aufgenommene Landschaft – unbedingt ansehen!

"Heimat", aus "Selbst: Schatten und Spiegel", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Heimat“, aus „Selbst: Schatten und Spiegel“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wie lang ist eigentlich ein Kurzfilm von Edgar Reitz? 230 Minuten dauert sein neuer Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (2013) und die zogen wie im Fluge vorrüber. Seine bisherige Filmtrilogie aus der Heimat-Reihe „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (1984), „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992), „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004) besteht aus 30 Episoden und hat eine Gesamtlänge von 52(!) Stunden. Hinzu kommen noch der „Prolog: Geschichten aus den Hunsrückdörfern“ (1981) und der „Epilog: Fragmente – Die Frauen“ (2006). Die jetzige „Andere Heimat“ spielt zeitlich vor diesen Filmen in der Zeit der Auswanderungswelle zwischen 1840 und 1843 – natürlich wieder im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach. www.dieandereheimat.de