Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Deutsche Guggenheim

Zwischen Makro-Ebene und Mikro-Ebene: Der Sammler Gabriel Orozco baut aus Fundstücken eine Collage. Monat der Fotografie 2012 in Berlin (2)

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Sandstars“ von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Nach der Rückkehr aus Kassel von der Documenta fürchtete ich schon „Entzugserscheinungen“, aber dem war nicht so: auch in Berlin gibt es viel „Documenta“ zu sehen. Da ist zunächst der Mexikaner Gabriel Orozco mit seinem Werk „Asterisms“ im Deutsche Guggenheim Unter den Linden.

Die Arbeit erinnert sehr an Tage zuvor auf der Documenta Gesehenes: Kein Wunder, Orozco war bereits auf der Documenta 10 (1997) und Documenta 11 (2002) vertreten. Die aktuelle Berliner Ausstellung besteht aus zwei Teilen: Sandstars und Astroturf Constellation und ist eine Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim.

Sandstars entstand als Reaktion auf den einzigartigen Landschaftsraum der Isla Arena, einem Schutzreservat an der mexikanischen Pazifikküste, deren Gewässer Wale immer wieder als Paarungsgebiet und Friedhof ansteuern. Orozco legte dort vor einigen Jahren bereits ein Walskelett frei… Die gewaltigen Müllmengen am Strand inspirierten ihn bei seinem zweiten Besuch zu einer neuen Arbeit.

Aus aus dem vom Meer angespülten Material fertigte Orozco eine große skulpturale Installation. Auf dem Fußboden ausgebreitet und geordnet bilden die beinahe 1.200 Fundstücke einen monumentalen Objekt-Teppich. Diesen ergänzen zwölf großformatige Fotografien, auf denen Orozco die typologisch nach Material, Farbe und Größe sortierten Objekte im Studio aufgenommen hat…

"Sandstars" von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Sandstars“ von Gabriel Orozco, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Astroturf Constellation erkundet solche Ordnungsmuster auf ähnliche Weise. Allerdings haben die Objekte einen völlig anderen Maßstab: Das Werk besteht aus einer Ansammlung von sehr kleinteiligem Abfall, den Sportler und Zuschauer auf einem Sportplatz in New York City zurückgelassen haben.

Orozco präsentiert diese Fundstücke, wiederum fast 1.200 an der Zahl, auf einem Podest. Wie in Sandstars werden neben den Objekten dreizehn Fototableaus gezeigt, so dass die einzelnen Objekte visuell mit ihrer fotografischen Darstellung korrespondieren.

Die Ausstellung Asterisms stellt diese zwei Installationen, die sich zwischen Makro- und Mikroebene bewegen, einander gegenüber und greift typische Themen von Orozcos Werk auf: poetische Begegnungen mit alltäglichen Materialien, die Präsenz von Erosionsspuren und die stets gegenwärtige Spannung zwischen Natur und Kultur.“
[Quelle: Presseerklärung].

Die Makro- und Mikro-Ebenen verschwinden natürlich auf den Fotografien von Orozco, genau das ist vom ihm auch so gewollt. Meine beiden Fotos zeigen die „Sandstars“, die mehr als die Hälfte der Ausstellungsfläche einnehmen, von beiden Stirnseiten. Eine sehenswerte Ausstellung, deren Konzept wohltuend überzeugend ist.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des “European Month of Photography – EMoP” finden Sie auf meiner Übersicht.

www.deutsche-guggenheim.de

Unter den Linden verschwindet die Kunst in den Wolken – Deutsche Guggenheim vor dem Rückzug

Die Deutsche Bank und das New Yorker Guggenheim schließen den Ausstellungsort Unter den Linden in Berlin zum Jahresende – nach 15 Jahren erfolgreicher Ausstellungsgeschichte. Über einige der Ausstellungen der letzten zwei Jahre habe ich hier im Journal berichtet (siehe hier und hier).

Für die Kunstinteressierten ist dieser Schritt nicht nachvollziehbar: Die Bank verliert mit dem Deutschen Guggenheim ein Alleinstellungsmerkmal und die Linden verlieren ihre wichtigste Kunstadresse. Die Bank will in den Räumlichkeiten weg von Kunst, hin zu „Wirtschaft und Politik“. Aber diese „Dialoge mit der Wirtschaft“ haben wir in Berlin zur Genüge, in unmittelbarer Nachbarschaft alleine Bertelsmann, Allianz und die DG-Bank.

Das Deutsche Guggenheim in Berlin hat seit 1997 insgesamt 16 Auftrags-Arbeiten an zeitgenössische Künstler vergeben. Jeff Koons (2000), Bill Viola (2002), Gerhard Richter (2002), John Baldessari (2004), Jeff Wall (2007), Agathe Snow und in diesem Jahr Roman Ondák. Einen Künstler des Jahres soll es aber weiterhin geben und er soll auch eine Ausstellung erhalten. Roman Ondák zeigt aktuell seine eigens für den Ausstellungsraum konzipierte Arbeit.

"Do Not Walk Outside This Area", aus "Horizonte", Foto © Friedhelm Denkeler 2010
„Do Not Walk Outside This Area“, aus „Horizonte“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Mit seinen Installationen, Performances und Zeichnungen untersucht Ondák die Grenzen zwischen Kunst und alltäglichem Leben. Das beginnt gleich am Beginn der Ausstellung: Das erste Werk, das man erblickt, ist das rote Besetzt-Zeichen einer altmodischen Türklinke. Das Gegenstück ist auf der Rückseite der Ausstellungswand zu finden („Wall Being a Door“).

Der Mittelpunkt der Ausstellung ist jedoch der Tragflügel einer Boing 737 über den man balancieren kann. Und endlich kann man auch den Warnhinweis lesen, den man aus dem Kabinenfenster bisher nicht so richtig zuordnen konnte: „Do Not Walk Outside This Area“. Für die spektakulärste Arbeit dieser Ausstellung ließ Ondák in Holland den riesigen Flügel einer Original-Boeing 737-500 absägen und ihn passgenau in einen Raum der Ausstellungshalle in Berlin einfügen. Wenn man über den Flügel vom ersten in den zweiten Raum geklettert ist, ist die Ausstellung auch schon zu Ende. Ein Zurückgehen ist nicht erlaubt.

Wer kommt eigentlich auf die Idee in 20 000 Fuß Flughöhe auf dem Flügel herumzuwandern? Und was genau macht das „outside“ der schwarzen Linie so verboten? Und noch etwas ist verboten – nämlich das Fotografieren in den Ausstellungsräumen, übrigens zum ersten Mal im Deutschen Guggenheim. Deshalb habe ich ein Foto aus meinem Fundus zum Thema Fliegen herausgesucht. Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. Juni 2012.

„I (don’t) like Mondays“ bei Agathe Snows „All Access World“ im Deutschen Guggenheim (bis zum 30. März 2011)

"Doppelbogen mit Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Doppelbogen mit Brandenburger Tor“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Deutsche Guggenheim in Berlin hat seit 1997 insgesamt 16 Auftrags-Arbeiten an zeitgenössische Künstler vergeben. Jeff Koons (2000), Bill Viola (2002), Gerhard Richter (2002), John Baldessari (2004), Jeff Wall (2007) und jetzt die New Yorkerin Agathe Snow gehören zu den Auserwählten. Unter dem Motto „I Like Mondays“ ist im Guggenheim jeweils montags der Eintritt frei. Da die Ausstellungen dann meistens sehr voll sind, mag ich das nicht so sehr, aber dieses Mal, bei Agathe Snows „All Access World“ ist das anders. Die Ausstellung kommt durch die zahlreichen Besucher erst so richtig zur Wirkung und lebt auf.

Während der monatelangen Vorbereitung dürfte Snow Stammkundin in den Berliner Baumärkten geworden sein. Ihre Skulpturen und Wandcollagen von Bauwerken und Konsumtempeln aus der ganzen Welt hat sie aus unterschiedlichsten Materialien, wie Pappe, Schaumgummi, Luftpolster, Maschendraht, Zweigen, Stoffen und Fellen, Harz oder Zement zusammengebaut.

Für Käufer bietet Snow ihre Werke nach deren Wünschen auch als individuelle Sonderanfertigung an. Wobei die Frage zu klären wäre, ob die in ihren Werken als Kritik angerissene Frage nach der Beliebigkeit und Austauschbarkeit von weltbekannten Bauwerken, nicht dadurch ad absurdum geführt wird. In der Ausstellung selber können Besucher die Objekte, die mit Rollen versehen auf einer Weltkarte stehen, einander neu zuordnen und anfassen. Snow hat den kühlen Raum im Deutschen Guggenheim in ein „Kinderzimmer“ verwandelt. Kinder nehmen das schon einmal zu wörtlich und das Aufsichtspersonal ist stark gefordert.

Die aus Korsika stammende Agathe Snow sieht in ihrer Arbeit die Chance, bei Null anzufangen und ihre eigene Gesellschaft zu schaffen. Ihre Botschaft lautet, wir brauchen die Apokalypse nicht zu fürchten, sie hat bereits stattgefunden. Sortieren wir also die Welt nach eigenem Belieben neu.

Mein Foto zeigt einen Ausschnitt aus Agathe Snows Werk „Arches, Memories Collection, Artist at 10“. Auf Berlin-Woman finden Sie eine weitere Ausstellungsbesprechung. Einen Film (16 min.) mit einem Porträt der Künstlerin Agathe Snow und das Entstehen ihrer Arbeit „All Access World“ finden sie hier.

Kenneth Noland, Mark Rothko, Frank Stella, u.a. mit „Color Fields“

"Rötliches Farbfeld", aus dem Portfolio "Das Prinzip der leeren Mitte", Foto © Friedhelm Denkeler 1994
„Rötliches Farbfeld“, aus dem Portfolio „Das Prinzip der leeren Mitte“, Foto © Friedhelm Denkeler 1994

Einen Spaziergang Unter den Linden nutzte ich, um mir die zurzeit aktuellen Ausstellungen im Deutschen Guggenheim „Color Fields“ und in der Schering Stiftung „Ein Rentier im Zöllnerstreifenwald“, anzusehen. Zuerst zur Guggenheim-Ausstellung. Die Ausstellungsbroschüre leitet die Ausstellung wie folgt ein:

„In den Fünfzigern und Sechzigern begannen sich viele junge amerikanische Vertreter der abstrakten Malerei vom Kanon des Abstrakten Expressionismus und seiner Betonung des Gestischen und Emotionalen abzukehren. Dabei wandten sie sich neuen Ausrichtungen zu: einer radikal optisch orientierten Ausdrucksweise, die später unter dem Begriff „Color Field Painting/ Farbfeldmalerei“ bekannt wurde, und der „Pop-Art“, die die Bilder der Massenmedien zu einem neuen Stil verarbeitete. Während sich die Pop-Art dabei kontinuierlich auf aktuelle Phänomene bezog, indem sie die Bilder der Konsumgesellschaft neu interpretierte, distanzierte sich die Farbfeldmalerei bewusst von jeglichen gesellschaftlichen Bezügen, um sich ganz auf das emotionale Potential der Farbe zu konzentrieren.“

Namhafte Künstler wie Kenneth Noland, Mark Rothko, Frank Stella und zehn weitere Künstler sind in der Ausstellung vertreten. Ein Video gibt einen kurzen, aber guten Überblick über die Ausstellung. Die nichtgegenständliche Farbfeldmalerei mit ihren großflächigen homogenen Farbfeldern ist nicht unbedingt meine bevorzugte Kunstrichtung. Einige Künstler tränken ihre großformatigen Leinwände mit Farbe, statt sie zu bemalen. Andere malen farbige Streifen auf die Leinwand oder besprühen sie. Am spannendsten fand ich noch Frank Stellas „Harran II“ aus dem Jahr 1967 (siehe hier).

Der Besuch der Ausstellung war von kurzer Dauer. Es ließ sich alles auf den ersten Blick erkennen. Von dem anschließenden Besuch der Schering-Stiftung erhoffte ich mir mehr. Der Bericht folgt morgen.

PS. Das Deutsche Guggenheim bietet jeden Montag freien Eintritt und in der Ausstellung darf fotografiert werden.