Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

C/O Berlin

Zur Ausstellung „Invasion – Exiles – Wall“ von Josef Koudelka bei C/O Berlin

„Nachdem ich die Tschechoslowakei verlassen hatte, entdeckte ich die Welt um mich herum. Nichts drängte mich mehr, als zu reisen, um Fotos machen zu können.“ [Josef Koudelka]

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Zur Ausstellung von Josef Koudelka bei C/O Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Prag, Wenzelsplatz, 22. August 1968: Ein Arm stößt ins Bild. Die Uhr am Handgelenk zeigt die Zeit an. In den Tagen zuvor waren Panzer des Warschauer Pakts in die Stadt gerollt, mit dem schrillen Geräusch ihrer auf dem Kopfsteinpflaster quietschenden Ketten.

Dieses Foto von Josef Koudelka gehört chronologisch zu seiner Serie Invasion, in der er den leidenschaftlichen Widerstand seiner Landsleute gegen die Entschlossenheit der Roten Armee zeigt, die demokratische Flamme des Prager Frühlings mit blutigen Mitteln zu ersticken. Es ist aber auch das erste Foto in seinem Buch Exiles, das zwanzig Jahre später von Robert Delpire herausgegeben wurde.

Nachdem Koudelka 1970 mit einem drei Monate gültigen Visum aus der Tschechoslowakei ausgereist war, blieb er im Westen und erhielt in England Asyl als politischer Flüchtling. 1971 wurde er Mitglied der Fotoagentur Magnum und zog 1980 nach Paris. Das Exil hat sein fotografisches Werk maßgeblich geprägt.

In den zwanzig Jahren, die er ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, nur mit einer Kamera ausgestattet unterwegs war, schuf er zahlreiche Bilder von Landschaften, Menschen und dem Alltagsleben in Ländern wie Italien, Spanien, Portugal und Irland mit ihren Traditionen und Riten aus der Vergangenheit. Diese wurden erstmals 1988 in jenem Buch unter dem Titel Exiles veröffentlicht.

Zur Ausstellung "Invasion – Exiles – Wall" von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Zur Ausstellung „Invasion – Exiles – Wall“ von Josef Koudelka bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für seine jüngste Arbeit bereiste Josef Koudelka zwischen 2008 und 2012 Israel und die Palästinensergebiete und dokumentierte die von Israel im Westjordanland errichtete Mauer sowie israelische Siedlungen. Das Ergebnis war eine Serie mit dem Titel Wall. Den Bau dieser Mauer hatte Israel Anfang der 2000er-Jahre eigenmächtig beschlossen, mit der Begründung, sich damit vor Terroranschlägen zu schützen. Eine neun Meter hohe und heute mehr als 700 Kilometer lange Festung aus Stahl und Beton, Stacheldraht und Bewegungsmeldern – fast drei Mal so hoch und fünf Mal so lang wie die ehemalige Berliner Mauer. Koudelkas Panorama-Aufnahmen der monumentalen Sperranlage sind erneut ein persönliches Projekt des Fotografen, der hinter dem Eisernen Vorhang aufwuchs und immer wieder zum Thema der Freiheit zurückkehrt.

Koudelkas Schwarz-Weiß-Fotografien sind intim und zugleich einfühlsam. Sein Interesse gilt ethnischen und sozialen Gruppen, die von Vertreibung oder Aussterben bedroht sind und oft auch Koudelkas eigene nomadische Lebensweise spiegeln. Josef Koudelka zählt zu den wenigen herausragenden Fotografen, deren Bilder die Entwicklung der Fotografiegeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch ihren eindringlichen, bewegenden und authentischen Blick entscheidend beeinflusst haben. [Quelle: Ausstellungsflyer]. Die Ausstellung ist bereits zu Ende gegangen. Zurzeit ist bei C/O Berlin Danny Lyons „Message to the Future“ zu sehen. Ein Bericht folgt.

„William Klein – Photographs & Films“ bei C/O Berlin (bis 7. Juli 2017)

Die Fotografie ist nur eine Verlängerung dessen, was wir fühlen, wenn wir Menschen, Landschaften und Situationen sehen. [William Klein]

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Eröffnung „William Klein – Photographs & Films“, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der 89-jährige Amerikaner William Klein war zur Eröffnung seiner Retrospektive bei C/O Berlin aus Paris, wo er seit 1948 lebt, angereist. Für ihn ist eine Ausstellung auch Gespräch mit sich selbst, denn es gibt Dinge, die man vergisst und durch Fotos wieder daran erinnert wird. Legendär sind seine in den fünfziger Jahren in New York entstandenen Bilder geworden: subjektiv, intuitiv und mit unerwarteten Perspektiven. Die Stadt von Coca Cola, großen Autos und blinkenden Reklametafeln. Das Buch „New York 1954-1955“ mit dem Untertitel „Life is Good and Good for You is New York: Trance Witness Revels“ zeigt die Stadt als einen dunklen, rauen und bedrückenden Ort. So ist der Titel eher eine ambivalente Empfehlung. Später folgten dann Bücher mit Fotos aus Rom (1956), Moskau (1959-1961) und Tokyo (1961).

Der Tagesspiegel schrieb „Klein ist für seine schockartige Schwarz-Weiß-Fotografie berühmt, für das Draufhalten der Kamera auf Menschen in weniger als einer Armlänge Entfernung. Oder besser gesagt: Nähe. Nicht der moment décisif eines Cartier-Bresson ist Kleins Methode und Ziel, sondern die chaotische Fülle des Augenblicks, das pralle Leben und seine Situationskomik.“ Systematisch wie ein Sammler hat August Sander im „Antlitz der Zeit“ eine Serie von repräsentativen Portraits quer durch alle Berufs- und Bevölkerungsschichten geschaffen. William Klein dagegen hat seine weitwinkelbestückte Kamera in die Menge „geworfen“; in dieser anonymen Masse werden individuelle Typen für einen Augenblick wie ein „Porträt“ sichtbar.

Eröffnung "William Klein – Photographs & Films", C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017
Eröffnung „William Klein – Photographs & Films“, C/O Berlin, 28. April 2017, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

William Klein wird 1928 in New York als Sohn immigrierter ungarischer Juden geboren. Nach einem Studium der Soziologie und dem Militärdienst reist er 1947 als GI nach Europa und macht Paris zu seinen Lebensmittelpunkt. Er beginnt eine Lehre im Atelier von Fernand Léger und stellt Anfang der 1950er-Jahre erstmals abstrakte geometrische Gemälde aus. Gleichzeitig beginnt er, sich für Fotografie und Film zu interessieren. Er führt ein fotografisches Tagebuch und arbeitet mit Federico Fellini, Pier Paolo Pasolini und Louis Malle an Filmprojekten. Bis 1965 ist er als Modefotograf für die Vogue tätig. Die Titel seiner Fotobücher wie New York 1956, Rom, 1959, Moskau, 1964, In & Out of Fashion, 1994, Close Up, 1989, Paris + Klein, 2002, sind zu festen Bestandteilen der Nachkriegsgeschichte der internationalen Fotografie geworden. Daneben entstehen über 20 Spiel- und Dokumentarfilme.

Führung mit den Kuratoren durch die Berliner Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ bei C/O Berlin am 10. Februar 2017

Die große Ausstellung über die Geschichte der Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ bei C/O Berlin im Amerika-Haus neigt sich dem Ende zu. Am Freitag, den 10. Februar 2017, um 16 Uhr, führen die Kuratoren Inka Schube (Sprengel Museum Hannover), Thomas Weski (Michael-Schmidt-Stiftung) und Felix Hoffmann (C/O Berlin) noch einmal durch die Berliner Ausstellung. Weitere Informationen unter www.co-berlin.org.

Die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen dieser legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure werden erstmals und zugleich in einer städteübergreifenden Kooperation präsentiert (Berlin, Hannover, Essen). Diese drei Stationen skizzieren die Situation eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt.

 Drei Stationen und eine Publikation

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Diane Arbus", 27.04. bis 22.05.1981
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Diane Arbus“, 27.04.1981 bis 22.05.1981

C/O Berlin arbeitet in seinem Beitrag Kreuzberg – Amerika die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. Hier entstand im Rahmen der Erwachsenen-Bildung ein einzigartiges Forum für zeitgenössische Fotografie. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten die Ausstellungen amerikanischer Fotografen, die in der Werkstatt oft erstmalig gezeigt wurden und eine enorme Auswirkung auf die Entwicklung einer künstlerischen Fotografie in Deutschland hatten. Die Ausstellung vereint Arbeiten von Dozenten, Hörern und Gästen zu einem transatlantischen Dialog. Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William Eggleston, Larry Fink, John Gossage, Stephen Shore, Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst. [Quelle: Presseerklärung]

Das Museum Folkwang Essen (noch bis zum 19. Februar 2017) entdeckt unter dem Titel Das rebellische Bild in der eigenen Folkwang-Geschichte die Widerspiegelung des allgemeinen Aufbruchs jener Jahre. Nach dem Tod des einflussreichen Fotolehrers Otto Steinert (1978) herrschte eine offene und produktive Situation der Verunsicherung. Nach und nach wurde Essen zu einem Brückenkopf für den Austausch mit Berlin und zum Kristallisationspunkt für die junge zeitgenössische Fotografie in der Bundesrepublik. Neben Michael Schmidt, der in seiner Zeit als Lehrbeauftragter an der GHS Essen provokante Akzente in der Lehre setzte, gehörte Ute Eskildsen als Foto-Kuratorin am Museum Folkwang seit 1979 zu den wichtigen Akteuren. Die junge Essener Fotografie setzte sich mit Urbanität und Jugendkultur auseinander, sie entdeckte die Farbe als künstlerische Ausdrucksweise, stellte Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen, nach authentischen Bildern und Haltungen und stellte der objektivierenden Distanz der Düsseldorfer Schule einen forschenden, subjektiven Blick entgegen. [Quelle: Presseerklärung]

Katalog zur Ausstellung "Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover,   Buchhandlung Walter König, Köln 2016
Katalog zur Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976-1986”, C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover

Das Sprengel Museum Hannover (noch bis 19. März 2017) ergänzt beide Ausstellungen um eine Perspektive, in deren Mittelpunkt Publikationen, Institutionen und Ausstellungen stehen, die den transatlantischen Austausch seit Mitte der 1960er Jahre beförderten. Anhand exemplarischer Beispiele erzählt Und plötzlich diese Weite von der Entwicklung jener Infrastrukturen, die die Emanzipation der Fotografie im Kontext des Dokumentarischen vorbereiteten und begleiteten. Das Fotomagazin Camera nimmt dabei eine ebenso zentrale Rolle ein wie die ersten deutschen Fotogaleriegründungen Galerie Wilde in Köln, Lichttropfen in Aachen, Galerie Nagel in Berlin und die Initiative Spectrum Photogalerie in Hannover. Auch der documenta 6, 1977, und den in den ausgehenden 1970er Jahren entstehenden Fotozeitschriften, insbesondere der Camera Austria, sind gesonderte Kapitel gewidmet. [Quelle: Presseerklärung]

Zum gemeinsamen Ausstellungsprojekt erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation „Werkstatt für Photographie 1976–1986“ Herausgegeben von: Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube, Thomas Weski. Mit Texten von: Florian Ebner, Ute Eskildsen, Carolin Förster, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert, Felix Hoffmann, Klaus Honnef, Jörg Ludwig, Inka Schube und Thomas Weski. Koenig Books, 2016, 392 Seiten, 24 x 27 cm, zahlreiche Abbildungen (S/W und Farbe). Euro 39,80 / ISBN 978-3-96098-042-1 (deutsche Ausgabe), ISBN 978-3-96098-043-8 (englische Ausgabe)

Pressestimmen zu den drei Ausstellungen zur Geschichte der
“Werkstatt für Photographie” (1976-1986) in Berlin, Essen und Hannover

Weser Kurier: Fotografie als Kunstform – wer heute große Ausstellungen von Cindy Sherman, Candida Höfer, Andreas Gursky, Thomas Struth oder Helmut Newton besucht, mag kaum glauben, dass es vor 40 Jahren für solche Arbeiten kein museales Forum gab. Selbst die heute als Klassiker der Fotokunst empfundenen Persönlichkeiten wie Man Ray, August Sander, Karl Blossfeldt oder Walker Evans fristeten ein Schattendasein. Eine Institution, die ab 1976 eine Neubewertung des Mediums Fotografie maßgeblich vorantrieb, steht jetzt im Zentrum einer gemeinsamen Ausstellung des Sprengel-Museums Hannover, des Museums Folkwang Essen und des C/O Berlin im dortigen Amerika-Haus: die Werkstatt für Photographie in Berlin.

Märkische Oderzeitung: Mitten im Kalten Krieg schafften es die Kreuzberger außerdem, Fotos aus den USA in die West-Berliner Enklave zu holen. Amerikanische Fotografen stellten in der Werkstatt am Checkpoint Charlie nicht nur ihre Bilder aus, sondern gaben auch Workshops. Gefördert wurden die künstlerischen Kontakte durch das amerikanische Kulturzentrum im Amerika-Haus am Zoo, heute Sitz des C/O Berlin. Die Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ zeigt einerseits Serien bekannter amerikanischer Fotografen, die damals in Kreuzberg ausgestellt wurden, und andererseits Werke von Angehörigen der Werkstatt – Fotografen, Dozenten und Gäste.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Paul Caponigro", 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Paul Caponigro“, 1980, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Zitty: Als Volkshochschule Bild-Avantgarde war: Das C/O Berlin erinnert an die Werkstatt für Photographie – zusammen mit Sprengel Museum Hannover und Folkwang Museum Essen, die das Aufkommen regionaler Autorenfotografie beleuchten. … Die Zeit war reif. In den zehn Jahren ihres Bestehens sollte sich die Anerkennung der Fotografie als künstlerisches Ausdrucks-medium in Deutschland vollziehen. Die Werkstatt ist maßgeblich daran beteiligt. …

Die Tatsache, dass die seriöse Fotografie an einer Volkshochschule (VHS) begann, sagt einiges. Noch bis in die 70er-Jahre existiert so gut wie keine Institution, die sich mit der Fotografie als künstlerischem Medium befasst. Bis 1979, als Janos Frecot an der Berlinischen Galerie eine Fotografische Sammlung aufzubauen beginnt, gibt es in Berlin keinen Anlaufpunkt für die Fotoszene – bis auf die VHS in Kreuzberg

RuhrNachrichten: Mit Geschichte und Wirkung der einflussreichen Berliner “Werkstatt für Photographie” befassen sich von diesem Wochenende an drei Foto-Ausstellungen in Essen, Hannover und Berlin. Anlass ist die Gründung dieser Institution der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg vor 40 Jahren. Sie bestand zehn Jahre lang. Laut Sprengel Museum wurde sie “zu einer der folgenreichsten Schaltstellen des Austausches zwischen deutscher und US-amerikanischer Fotografie”. Das Museum Folkwang nennt die Werkstatt “eine künstlerische ‘Luftbrücke’ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben”.

Art Kunstmagazin: Ein vergessenes Kapitel der deutschen Fotografie-Geschichte kommt ans Licht: In der Werkstatt für Photographie an der VHS Kreuzberg wurde ab 1976 eine direkte, subjektive und schonungslose Bildsprache entwickelt. … Es ging um die Haltung des Fotografen, nicht um perfekte Technik. … Die Akteure der Werkstatt waren keine Lehrer, aber sie unterrichteten. … Man spürt, dass hier junge Fotografen mutig genug waren, ihren Weltausschnitt selbst zu wählen. Es war eine Rebellion der Subjektivität, gegen die Idee der objektiven Darstellung von Wirklichkeit. Diese Selbstermächtigung der Fotografie fand an einem denkbar unscheinbaren Ort statt: An der Volkshochschule in Berlin-Kreuzberg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Vor dreißig Jahren aber, als die Fotokunst gerade erst dabei war, sich in Museen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren, war die Vormachtstellung der Düsseldorfer Schule alles andere als ausgemacht. Deutsche Fotografie trat mit rebellischer Härte auf, betonte den subjektiven Blick, warf sich hitzig ins Geschehen, wählte den Ausschnitt statt des Überblicks und provozierte mit exzentrischer Körperlichkeit. Drastisch gesagt: Sie hatte “etwas von der fiebrigen, halluzinatorischen Vehemenz eines Schwerkranken”, wie die “Washington Times” 1984 anlässlich der Ausstellung “Fotografie aus Berlin” bei Castelli Graphics in New York befand.

Der Tagesspiegel: Die „Subjektive Fotografie“ der Nachkriegszeit, bei der die Form stets wichtiger gewesen war als der Inhalt, ließen Schmidt und seine Schüler hinter sich, auch mit dem stärker akademischen Ansatz der Düsseldorfer Fotoschule wussten sie nur wenig anzufangen. Sie wollten das echte Leben in all seiner Pracht und Hässlichkeit zeigen. Vorbilder waren die radikal subjektiven Meister der amerikanischen Straßen- und Porträtfotografie. Einige Idole wie William Egglestone, Stephen Shore und Robert Frank kamen für Ausstellungen und Seminare nach Berlin.

Berliner Morgenpost: Die Fotografen der Werkstatt standen in engem Austausch mit amerikanischen Kollegen. Beide Seiten inspirierten sich gegenseitig und beeinflussten mit ihrem dokumentarischen Ansatz die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen. … Später experimentieren Schmidt und die junge Fotografenszene mit neuen Formen des Dokumentarischen, die die subjektive Sicht des Autors betonen. “Das ist eines der Paradoxe der Werkstatt für Photographie. Beim dokumentarischen Ansatz nimmt sich der Fotograf zurück und bildet die Realität ab. Wenn man die Fotos in Serie betrachtet, wird jedoch eine künstlerische Handschrift sichtbar”, sagt Weski. “Der Begriff des Autorenfotografen entstand im Umfeld der Werkstatt und beschreibt die Herangehensweise der Beteiligten gut.”

Perlentaucher.de: Das hier ist „arme Kunst“. Und viele dieser Künstler sind wahrscheinlich bis heute arm. Nichts würde hier deplatzierter wirken als die überwältigenden Großformate der Becher-Schüler, die neben Nauman und Richter und in den Foyers der UBS hängen wollen, nicht in Fotoausstellungen. Dass es diese Spannung bis heute gibt, zeigt, dass Fotografie nach wie vor keine reine Kunst ist. Ich frage mich, ob nicht zumindest für Schmidt, aber vielleicht auch für einige der anderen Fotografen, das Buch die eigentliche Form ist, seine Fotografie zu denken. Was mir an dem grandiosen Katalog – der eine ganze Periode der deutschen Fotogeschichte revidiert und eine ganze Generation endlich ins Licht stellt – darum fehlt, ist eine Bibliografie ihrer Bücher.

tip Berlin: Dieses Stück Fotografie-Geschichte konnte sich so nur im West-Berlin des kalten Krieges zutragen. Nur im Schatten des historischen Meteoriteneinschlags Mauerfall in Vergessenheit geraten. Um nun, 30 Jahre nach dem Ende, mit gleich drei zusammenhängenden Ausstellungen wiederentdeckt zu werden. Und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die deutsche Fotografie-Geschichte jetzt nicht nur ergänzt, sondern eigentlich umgeschrieben werden muss. … Michael Schmidt, 2014 verstorben, gehört zu den ganz großen unter den deutschen Fotografen. Doch Leute wie Gosbert Adler, Ulrich Görlich, Uschi Blume, Hildegard Ochse, Friedhelm Denkeler und Ursula Kelm sind zu entdecken.

PHOTONEWS: Aber worin besteht die besondere Leistung der “Werkstatt”? Thomas Weski unterstreicht, dass sie “ein Ort der Selbstermächtigung” gewesen sei, Inka Schube spricht vom vorbildhaften “Emanzipationsprozess”. Hier fotografierte man, analysierte seine Arbeit in der Gruppe, setzte sich mit anderen Positionen auseinander, kuratierte Ausstellungen mit den Bildern von Schülern, Dozenten und amerikanischen Gästen, veröffentlichte Kataloge und knüpfte gemeinsam neue Kontakte, so auch zu Fotoszenen in Ost-Berlin.

TAZ: Mit ihrer Mischung aus hochkarätigen Ausstellungen und Workshops, Vorträgen und der künstlerisch orientierten Ausbildung gelang es, Volksbildung auf höchstem Niveau zu betreiben. … Die Liste der Ausstellungen liest sich heute wie ein Who’s who der Fotografie-Geschichte. Selbst so berühmte Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus, Stephen Shore oder Ralph Gibson fanden den Weg in die Kreuzberger Schule, bzw. wurden dort erstmals gezeigt.

DIE ZEIT: Auch William Eggleston, Larry Fink, Lee Friedlander und Robert Frank, all die angesagten Vertreter der Autorenfotografie, kamen in den Jahren bis zum Ende der Werkstatt 1986 nach Kreuzberg, um Vorträge zu halten und zu lehren. Die Fotos dieser Vorbilder aus den USA sind jetzt wieder in Berlin zu sehen, die Entdeckung der drei parallelen Museumsausstellungen in Hannover, Berlin und Essen sind allerdings die Mitstreiter Michael Schmidts, die heute weitaus weniger bekannt sind. … Diese künstlerisch-dokumentarische Fotografie ist es, die heutige Kollegen neu fasziniert.

Plakat der Werkstatt für Photographie: "Larry Clark", 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat der Werkstatt für Photographie: „Larry Clark“, 1981, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Hannoversche Allgemeine (Interview mit Thomas Weski): Damals wurden die großen Traditionslinien der Avantgarde wieder freigelegt, die es vor der Nazizeit gab, und die Wahrnehmung von Fotografie als Kunstform wurde durch weitere Faktoren begünstigt – die ersten Fotogalerien eröffneten, es gab internationale Zeitschriften wie „Aperture“, „Creative Camera“ oder „Camera“, die freies, ungebundenes Fotografieren thematisierten. Und damals begannen auch bildende Künstler, sich für Fotografie als Ausdrucksform zu interessieren, wie 1977 die Documenta 6 in Kassel zeigte. …

Und durchweg ging es außer um Rückbesinnung auch um Selbstvergewisserung der Fotografie als Kunstform, um eine Selbstermächtigung ihrer Akteure. Die haben dabei überdies vom Beispiel von US-Fotografen profitiert. Denn deren Alltag war damals viel selbstbestimmter und souveräner als etwa der deutscher Fotografen, die in der Regel im Auftrag arbeiteten. Autorschaft wurde, in Anlehnung an den Autorenfilm, für diese Fotografen zum zentralen Begriff.

Berliner Zeitung: Auch war die Fotografie als eigene Kunstform noch nicht vollständig etabliert. Das brachte Freiheit. „Der Mensch als Persönlichkeit ist für mich das Wesentliche, durch ihn erst kann Fotografie entstehen und niemals umgekehrt“, ist in einem Schreibmaschinenmanuskript zu lesen, einem Text, den Schmidt über die Werkstatt geschrieben hat. „Deshalb ist Selbsterkenntnis ein Schwerpunkt unserer Arbeit, ohne dabei in gruppentherapeutisches ‚Psychologisieren‘ abzugleiten.“

Ruhr.speak – Blog für Fotografie:  Da lebt man im Ruhrgebiet und beschäftigt sich mit Fotografie, erntet Missachtung von denen, die mit anderer Kunst (und vor allem ohne Kunst) unterwegs sind, freut sich über kleine Erfolge und plötzlich fühlt man sich im Mittelpunkt einer Bewegung, die weit über die Region, über Deutschland und Europa hinausgeht. Gut, in einem Elfenbeinturm, aber an der Spitze einer Bewegung (heute würde man wohl eher Netzwerk sagen) in der es um nichts anderes ging, als um die Wahrnehmung der Welt, mit eigenen Augen und eigenem Verstand sowie um deren eigenständige Darstellung. So mein Gefühl zur aktuellen Ausstellung im Folkwang – einem Muss für jeden Fotografie-Interessierten im Ruhrgebiet und anderswo.

Radioeins: Die Werkstatt für Photographie erlangt mit engagierter Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops und Kurse internationales Niveau und etabliert sich zu einem wichtigen Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs zwischen Kreuzberg, Deutschland und Amerika. Eine einzigartige Pionierleistung!

Dieser Post ist eine aktualisiert Ausgabe des titelgleichen Post vom 15.12.2016. www.co-berlin.orgwww.sprengel-museum.de, www.museum-folkwang.de

„Journal“ empfiehlt den heutigen Artikel „Du musst näher ran“ im Kulturteil des „TAGESSPIEGEL“

"DER TAGESSPIEGEL" vom 6. Janauar 2017 zur Ausstellung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 1980
„DER TAGESSPIEGEL“ vom 6. Janauar 2017 zur Ausstellung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

Diesen Artikel finden Sie Online hier. Das Bild „Trost“ stammt aus meinem Portfolio „Photographien“ aus dem Jahr 1982

Ausstellungs-Vorankündigung “Kreuzberg – Amerika” bei C/O Berlin (2)

Plakat zur Ausstellung "John R. Gossage – Gardens"  in der Werkstatt für Photographie, 30.10. bis 01.12.1978
Plakat zur Ausstellung „John R. Gossage – Gardens“
in der Werkstatt für Photographie, 30.10. bis 01.12.1978

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der “Werkstatt für Photographie” in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt “Werkstatt für Photographie 1976 – 1986″ (siehe auch hier).

C/O Berlin arbeitet in der Ausstellung „Kreuzberg – Amerika“ die Geschichte der Werkstatt für Photographie auf. In der von Thomas Weski und Felix Hoffmann kuratierten Ausstellung werden ca. 250 Exponate gezeigt, darunter von international renommierten Fotografen, die in der Werkstatt ausgestellt haben: Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, William, Eggleston, Larry Fink, John Gossage und Stephen Shore.

Diese Auswahl wird in einen Dialog gesetzt mit Bildern von Fotografen, Dozenten und Gästen der Werkstatt wie Gosbert Adler, Friedhelm Denkeler, Wolfgang Eilmes, Thomas Florschuetz, Ulrich Görlich, Ursula Kelm, Wilmar Koenig, Thomas Leuner, Christa Mayer, Eva Maria Ocherbauer, Hildegard Ochse, Gundula Schulze Eldowy, Michael Schmidt, Hermann Stamm, Klaus-Peter Voutta, Manfred Willmann und Ulrich Wüst.

Die Ausstellung wird am 9. Dezember 2016 bei C/O Berlin im Amerika-Haus in der Hardenbergstraße 22 ab 19 Uhr eröffnet. Ausstellungsdauer 10. Dezember 2016 bis 12. Februar 2017. www.co-berlin.org

Ausstellungs-Vorankündigung „Kreuzberg – Amerika“ bei C/O Berlin (1). Dreiteilige Ausstellung „Werkstatt für Photographie 1976 – 1986“ im Dezember 2016 zum Aufbruch der Fotografie in Westdeutschland

Im Jahr 2016 jährt sich zum 40. Mal die Gründung der „Werkstatt für Photographie“ in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass präsentieren das C/O Berlin, das Museum Folkwang Essen und das Sprengel Museum Hannover im Dezember 2016 ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt „Werkstatt für Photographie 1976 – 1986“.

Plakat zur Ausstellung "Heinrich Riebesehl" in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977  ", Foto © Friedhelm Denkeler 2016
Plakat zur Ausstellung „Heinrich Riebesehl“ in der Werkstatt für Photographie, 24.01.-04.03.1977″, Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Mit dieser Ausstellung wollen alle drei Institutionen, die bekannt für ihre fotografischen Sammlungen und Ausstellungen sind, die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen der legendären Berliner Fotografie-Institution und ihrer Akteure aufzeigen. Ende der 1970er Jahre begann die Geschichte der Werkstatt in Kreuzberg, direkt am Alliierten-Kontrollpunkt ‚Checkpoint Charlie‘, mitten im Kalten Krieg war sie lebendiges Zentrum eines einzigartigen transatlantischen Kultur-Austausches.

Die von Michael Schmidt neu gegründete “Werkstatt für Photographie“ startete eine „künstlerische ‚Luftbrücke‘ in Richtung USA, ein demokratisches Experimentierfeld jenseits traditioneller Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben … Die Werkstatt für Photographie erlangte mit intensiver Vermittlungsarbeit durch Ausstellungen, Workshops, Vorträge, Bildbesprechungen, Diskussionen und spezialisierten Kursen allerhöchstes internationales Niveau“.

Die drei beteiligten Häuser setzen unterschiedliche Schwerpunkte „eines Mediums im Aufbruch, welches – ermutigt durch das Selbstbewusstsein der amerikanischen Fotografie – auf die eigenständige, künstlerische Autorenschaft setzt. Die Ausstellungen entwerfen ein lebendiges, multiperspektivisches Bild der Fotografie der 1970er und 1980er Jahre, das die Geschichte der westdeutschen Fotografie jener Zeit um ein weiteres Kapitel neben der Düsseldorfer Schule ergänzt“.

Die Ausstellungen stehen unter dem Titel „Kreuzberg – Amerika“ (C/O Berlin), „Das rebellische Bild“ (Museum Folkwang, Essen) und „Und plötzlich diese Weite“ (Sprengel Museum Hannover). Zur Ausstellung erscheint in der Verlagsbuchhandlung Walther König die gemeinsame Publikation „Werkstatt für Photographie 1976–1986“. Das Foto zeigt das erste von 35 Plakaten, die zu Ausstellungen der Werkstatt erschienen sind. [Zitate Presseerklärung C/O Berlin]

Foto-Ausstellung in der neu eröffneten Galerie C|O im Amerika Haus. Monat der Fotografie 2014 in Berlin (7)

Ein Fotograf sollte in seinen Bildern nur eine Sache ausdrücken: sein ganzes Selbst.
[Will McBride]

Am 30. Oktober 2014 war die große, komplett überlaufene Eröffnung von C|O Berlin am neuen Standort im Amerika Haus. Zwischen der letzten Ausstellung im Postfuhramt in Mitte und der jetzigen Eröffnung in Charlottenburg im umgebauten und denkmalgerecht instandgesetzten neuen Haus vergingen fast zwei Jahre (siehe C|O Berlin muss das Postfuhramt verlassen und Von der Mitte in den Westen). Zu sehen sind drei Ausstellungen, über die ich nach und nach berichten möchte.

Das Schweigen, das über der zerbombten Stadt liegt, und die Gruppen armseliger Ruinen, die noch stehen, erzeugen in mir Ehrfurcht vor dem Baustein und der Arbeit, die alles aneinander gereiht und aufgestapelt hat. Nun braucht man neue Träume und ein neues großes Aufstapeln dort, wo die alten Träume im Schutt begraben liegen. [Will McBride]

Aktuell präsentieren viele Ausstellungen das Berlin der Vergangenheit in Photographien. Da sind zum einen die zehn Ausstellungen von Karl-Ludwig Lange (Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!) und Ulrich Wüst (Mitte, Morgenstraße und fremdes Pflaster), die beide die Zeit vor und nach der Wende zeigen; bei Siebrand Rehberg sieht man mit Kreuzberg wie es einmal war … die Zeit in den frühen 1970er Jahren und Will McBride bei C|O Berlin geht noch einmal zwanzig Jahre weiter zurück und präsentiert Berlin in den 1950er Jahren.

Blick aus der Galerie C|O auf den Bahnhof Zoo (Ausstellung Will McBride), Foto © Friedhelm Denkeler 2014
Blick aus der Galerie C|O auf den Bahnhof Zoo (Ausstellung Will McBride), Foto © Friedhelm Denkeler 2014

McBride zeigt das brodelnde Leben inmitten bleierner Nachkriegszeit in Berlin: Wir sehen die Trümmerfrauen beim Steine aufschichten und die Bauarbeiter beim Renovieren der Ruine der Gedächtniskirche (so wie heute auch!!); ein Kriegsversehrter fährt im Rollstuhl an einer Ruinenlandschaft entlang; die Kinder spielen und die Halbstarken kurven auf ihren Mopeds vor dem Strandbad Wannsee herum; Panzer der US-Armee und der Roten Armee stehen sich am Checkpoint Charlie gegenüber; über die provisorische Mauer winken Berliner ihren Verwandten auf der anderen Seite zu und die Häuser im Grenzgebiet zwischen Ost und West sind zugemauert.

Aus der Ruine des Palais Tiele-Winckler im Bezirk Tiergarten sehen uns im ersten Stock links und rechts zwei überlebensgroße Skulpturen mit den Bildnissen von Herrschern an, in der Mitte steht ein zeitgenössischer und lebendiger Mann mit Trommel in der leeren Fensterhöhle. Vor einer riesigen Brandmauer an der Bernauer Straße geht ein einsamer Mensch entlang und versetzt den Betrachter in eine kafkaeske Stimmung.

Aber McBride zeigt uns auch persönliche Fotos von den Festen und Feiern in seiner Wohnung, von seiner Frau und seinen Kumpels beim Raufen. Auch Fotos mit Prominenten wie Horst Buchholz mit Ehefrau oder Willy Brandt, Adenauer und Kennedy vor der Mauer am Brandenburger Tor, sind zu entdecken. Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 war die Leichtigkeit von McBride dahin und er zog nach München.

Will McBride, geboren 1931 in St. Louis, Missouri/USA, studierte Malerei, Illustration und Kunstgeschichte in New York und Philologie in Berlin. Er war als Reportage-Fotograf von Weltruf für deutsche und internationale Magazine tätig und veröffentlichte zahlreiche Fotobücher, darunter das legendäre Aufklärungsbuch „Zeig mal“ (1974). Die Zeitschrift twen veröffentlichte 1960 McBrides Porträt seiner schwangeren Frau Barbara im Profil, was einen Skandal auslöste. Seit Mitte der 1970er Jahre ist er überwiegend als Maler und Bildhauer tätig. Er lebt und arbeitet jetzt wieder in Berlin.

Die Ausstellung „Will McBride – Ich war verliebt in diese Stadt“ ist auch die Erinnerung an ein Jubiläum: 1957 waren McBride-Bilder die ersten Fotos, die je im Amerika-Haus gezeigt wurden. Diese neue Werkauswahl erinnert daran. Die Ausstellung bei C|O Berlin, Hardenbergstraße 22-24, ist noch bis zum 16. Januar 2015 zu sehen. Gleichzeitig laufen die Ausstellungen „Magnum – Contact Sheets“ und „Picture Yourself – Magnum Photomaton“. Dazu demnächst mehr im Journal.

Die Tatsache, dass ich Amerikaner war und studierte, macht aus mir einen Helden, ohne dass ich viel dazu beigetragen habe. Ich verliebt in diese Stadt und in das Leben, das sie mir bot. [Will McBride]

C|O Berlin | Will McBride

Joel Sternfeld – Pionier der künstlerischen Farbfotografie bei C|O. Monat der Fotografie 2012 in Berlin (8)

Die Ausstellung bei C|O zeigt, dass Joel Sternfeld (*1944), neben William Eggleston und Stephen Shore, zu Recht zu den „Big Three“ der amerikanischen Farbfotografen zählt. Da die Ausstellung nur bis zum 13. Januar zu sehen ist, empfehle ich unbedingt noch einen Besuch der Galerie. Die Drei gehören zu den Vertretern der New Color Photography, die seit den 1970er Jahren Farbe in der künstlerischen Fotografie einsetzen. Die Bilder der klassischen Kunstfotografie waren bis dahin eher schwarz-weiß. In der populären Fotografie für Mode und Werbung und auch in der Amateurfotografie war Farbe natürlich schon länger angesagt.

Die Retrospektive zeigt die wichtigsten abgeschlossenen Projekte von Sternfeld. Sie beginnt mit „Nags Head, North Caroline“ (1976). Ohne Farbe würden diese Bilder nicht funktionieren (so wie auch auf meinem Foto). In zwei weiteren Frühwerken „Happy anniversara Sweeetie Face!“ (1970-1978) und „Rush Hour“ (1976) arbeitet Sternfeld in der Tradition der Street Photography. Mit diesen Bildern habe ich Sternfeld in den späten 1970er Jahren kennen und schätzen gelernt.

In der Serie „Stranger Passing“ (1987-2000) hat Sternfeld das menschliche Porträt in den Mittelpunkt gestellt. Aber im Gegensatz zu dem legendären August Sander zeigt er die Menschen nicht ihrer beruflichen Situation untergeordnet, sondern in ihren oft skurrilen (Selbst)-Inszenierungen. In der Summe ergeben sie ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Während einer mehrjährigen Reise mit einem VW-Bus entstand die Serie „American Prospects“ (1978-1986), in der er die Beziehung zwischen den Menschen und der Umgebung zeigt. Im Gegensatz zu den frühen Aufnahmen entstanden diese mit einer Großbildkamera. Die Fotos sind dementsprechend groß abgezogen und man muss sie auch so sehen und genießen.

Im „Oxbow Archiv“ (2005-2007) sind Landschaften in der Einzigartigkeit der Jahreszeiten zu erleben; sie zeigen aber auch die Narben der Zerstörung. In „On This Site“ (1993-1996) werden Schauplätze von Verbrechen abgelichtet. Die Verbrechen selbst werden nicht dargestellt, aber Texte erläutern sie. In „Walking the High Line“ (2000-2001) zeigt Sternfeld eine stillgelegte zwei Kilometer lange Hochbahnstrecke mitten in Manhattan, die von der Natur zurückerobert wurde.

Eine Übersicht von ausgewählten Ausstellungen des „European Month of Photography – EMoP“ finden Sie auf meiner Übersicht.

Ein Weihnachtsgeschenk für C|O – Die Fotogalerie zieht ins Amerika-Haus

In den Song „Go West“, den die Pet Shop Boys auf der Silvester-Party 2012 am Brandenburger Tor ganz sicher spielen werden, werden die Macher von C|O Berlin zweifellos mit einstimmen. Endlich hat Stephan Erfurt, der Direktor und Mitgründer des Ausstellungshauses für Fotografie, kurz vor den Weihnachtstagen ein neues Domizil gefunden: Das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße, direkt am Bahnhof Zoo. Es ist sicherlich kein selbstloses Geschenk des Berliner Senats (Berliner Immobilien-Management GmbH) an das Fotografie-Forum, aber über die Höhe der Miete des auf 16 Jahre geschlossenen Mietvertrages wurde Stillschweigen vereinbart.

"Vom Demonstrationsziel 1968 zum Standort für Fotografie 2013 – Das Amerika-Haus", Foto © Friedhelm Denkeler 2008
„Vom Demonstrationsziel 1968 zum Standort für Fotografie 2013 – Das Amerika-Haus“, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

So entsteht in der Nähe des Museums für Fotografie/der Newton Foundation (Jebensstraße), der Galerie Camera Work (Kantstraße), der Universität der Künste (Hardenbergstraße) und demnächst auch im Bayer-Haus am Kurfürstendamm (siehe hier), ein einzigartiger Kultur-Cluster für fotografische Ausstellungen und Veranstaltungen. Der Einzug und die Eröffnung von C|O im Amerika-Haus mit einer Ausstellungsfläche von 2.000 Quadratmetern (ähnlich wie im bisherigen Postfuhramt) ist nach der Sanierung des denkmalgeschützten Amerika-Hauses für den Herbst 2013 geplant.

Eigentlich wollte man in Mitte bleiben, aber ein dauerhafter Verbleib im Postfuhramt war nicht möglich. Zwei Jahre hat C|O gesucht und jetzt die neue Bleibe gefunden. Zum Schluss wollte man in die Atelierhäuser in den Monbijoupark ziehen. Aber der Bezirk Mitte, dem C|O gerne treu geblieben wäre, machte Schwierigkeiten. Dagegen sind sie in Charlottenburg hoch willkommen: Die Zoogegend wird damit, neben dem neuen Waldorf-Astoria, auch kulturell aufgewertet.

Zurzeit ist bei C|O im Postfuhramt noch bis zum 13. Januar 2013 die Ausstellung „Joel Sternfeld – Retrospektive“ zu sehen. www.co-berlin.com