Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Claudia Llosa

64. Berlinale (VI): „La tercera orilla (The Third Side of the River)“ von Celina Murga und „Aloft“ von Claudia Llosa

Heute war der Tag der verlorenen Söhne und der argentinischen und peruanischen Regisseurinnen im Wettbewerb der 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin. In beiden Filmen spielten jeweils Söhne die Hauptrolle: In „Das dritte Ufer“ rebelliert der Sohn gegen den Vater, indem der die Farm und den Pick-up des Vaters niederbrennt und in „Aloft“ hadert der Sohn ein Leben lang mit seiner Mutter, weil sie ihn als Kind verlassen hat und sie sich lieber dem Spirituellen zuwendet hat.

Celina Murgas „La tercera orilla“ war der bisher schwächste Berlinale-Wettbewerbs-Film. Hängt das etwa mit den umfangreichen deutschen und europäischen Fördermitteln zusammen, die der Film erhalten hat? Auch das Martin Scorsese als Produzent genannt wurde, hat dem Film aus meiner Sicht nicht viel genutzt. Der Filmbeschreibung nach hätte es aber ein interessanter Film aus der Perspektive eines Jugendlichen werden können.

Der Vater, ein Arzt in der argentinischen Provinz, führt ein Doppelleben mit zwei Familien. Nicolás, der Sohn der Familie, die vom Vater weniger gut finanziell ausgestattet ist, kümmert sich um die Mutter und die Geschwister. Dann fordert der Vater Nicolás auf, auch Arzt zu werden und ihn während seines Urlaubs auf der Farm zu vertreten. Er soll später die Ranch übernehmen.

Jan Schulz-Ojala schreibt im Tagesspiegel „Mag sein, dass Celina Murga … Kritik an Machismo und Doppelmoral üben wollte; ihr Film beglaubigt das kaum. Viel zu lange hält sie sich mit … dem familiären Alltag auf, viel zu schwächlich entwickelt sie den Vater-Sohn-Konflikt, weshalb denn auch die hochdramatisch gemeinte Explosion in einem letztlich faden Bild verpufft.“ Dass sich eine Katastrophe anbahnt, lässt sich von der ersten Minute des Filmes an in den Augen des Sohnes ablesen. Man fragt sich nur warum? Wenn es um eine feine emotional ausgefeilte Entwicklung gehen sollte, dann wäre in diesem Fall, wohl ein Buch das bessere Medium gewesen.

"Filmplakat 'Aloft'", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Filmplakat ‚Aloft'“, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

In Claudia Llosas „Aloft“ spricht die Mutter zwar viel über Liebe, aber ihr älterer Sohn Ivan hat eher eine zärtliche Beziehung zu seinem Falken Inti. Als bei einem von ihm aus Versehen verursachten Autounfall sein jüngerer Bruder, der unheilbar krank ist, ums Leben kommt, lässt die Mutter den verbliebenen Sohn beim Großvater und zieht als Wunderheilerin durch Kanada. Zur Heilerin wurde sie, als sie aus Zufall ihre Kräfte bei der „Sitzung“ eines Heilers entdeckte. Gemeinsam bauen sie fragile „Strukturen“ aus Zweigen und geben Eltern und ihren kranken Kindern einen Hoffnungsort.

Das alles erfahren wir erst durch Rückblenden. In der Jetzt-Zeit sucht Ivan, zusammen mit einer Journalistin, die sich in Wirklichkeit auch Heilung verspricht, die Mutter in der Einöde Kanadas. Am Ende eines Sees hat diese ihr Zelt aufgeschlagen und empfängt Heilsuchende.

Der rbb schreibt: „Die Geschichte … vertraut auf die Kraft ihrer Bilder und Symbole: die spürbare Kälte, das rissige Eis wird zu einem Sinnbild für die erstarrten Gefühle der Protagonisten, deren Isolation und Einsamkeit aber nie absolut ist, sondern immer wieder aufbricht … Eines der schönsten und wildesten Sinnbilder des Films ist der Flug von Ivans gezähmten Falken. Mit breiten Schwingen stößt er in den Himmel und kreist hoch über der Erde, für Momente herrlich frei. ‚Aloft‘ – weit oben. Tief in uns. “ Nach „La teta asustada“, der 2009 den Goldenen Bären gewann ist dies der zweite Wettbewerbsbeitrag von Claudia Llosa und wieder findet sie gewaltige Bilder für das, was sie sagen möchte. www.berlinale.de