Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

CCB

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (11)

"Documenta 13: Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) mit Malteserhund Darsi", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) mit Malteserhund Darsi“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Nach zehn Artikeln ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Oder wird es eine Schlussbilanz? Schon seit Monaten grübelt die Kunstwelt über das Konzept der Documenta 13, bzw. das Konzept der künstlerischen Leiterin Carolyn Christow-Bakargiew (CCB).

Eigentlich sollte das Konzept ja aus dem „Brain“ im Fridericianum hervorgehen (siehe „Viel Wind um nichts„), aber das Durcheinander bzw. die Konzeptlosigkeit setzte sich auch an den anderen Ausstellungsorten fort.

Es fehlen Schwerpunktsetzungen in den Häusern und Außenräumen. Man braucht einen Tag, um zu erkennen, dass es kein inhaltliches und räumliches Konzept gibt (aber das hat CCB ja von Anfang an gesagt!).

Überall geht es durcheinander: Ökologisches, Wellness, Couscous-Köchinnen, Hitlers Handtuch, fair gehandelte Buttermilch, Gruppen-therapeutisches, Feministisches, Wissenschaft, betende Motoren, fühlende Steine, Ameisen, Mangoldzucht auf einer Fähre, Teilchentheorie, Geschichte und Politik. Das war in der Rotunde, im „Brain“, bereits zu ahnen. Mit Malerei und Fotografie kann CCB wenig anfangen. Installationen sind angesagt.

Die Karlsaue ist mit Holzhütten „aus dem Baumarkt“ überschwemmt; teilweise mit banalem Inhalt: Eine Aufklärungsbude zum Thema Nationalsozialismus ist nun wirklich zu einfach gedacht und esoterischer Kram soll doch bitte Privatsache bleiben. CCB und einige Künstler sonnen sich in vermeintlicher politischer Relevanz, die oftmals verbunden ist mit ästhetischer Dürftigkeit. Wenn Politik und Ökonomie scheitern, wie soll es dann die Kunst richten?

"Documenta 13: Pierre Huygues Windhund", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Pierre Huygues Windhund“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

CCB sieht keinen Unterschied zwischen Menschen und Hunden; wir sollten uns mehr in die Wahrnehmungswelt der Vierbeiner hinein fühlen (so etwas Ähnliches hat sie auch über Tomaten gesagt). Dabei ist dann zum Beispiel Brian Jungens (Kanada) Hundespielplatz in der Karlsaue herausgekommen, den man übrigens nur mit einem Vierbeiner betreten darf. Ganz witzig hingegen ist noch der Windhund mit dem rosaroten Bein des französischen Künstlers Pierre Huyghe anzusehen. Aber reicht das für eine internationale Kunstausstellung aus?

Jeder Geschmack ist anders. Es gibt aber einige allgemeingültige Theorien und Kriterien, die nicht einer gewissen Beliebigkeit zum Opfer fallen sollten. Auch „richtige“ Kunst ist in Kassel zu sehen, man muss nur etwas suchen und welche Künstler wirklich Bestand haben, werden die nächsten Jahre zeigen. Ist die Documenta etwa auf den Hund gekommen? Nein, sie ist immer noch eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Und dieses Mal ist eben Darsi immer dabei. Der „Geist der Karlsaue“ von Apichatpong Weerasethakul aus Thailand thront über allem. Was würde Malteserhündin Darsi dazu sagen, wenn sie könnte? Oder liefe sie vor dem Geist davon?

"Documenta 13: Der Geist der Karlsaue von Apichatpong Weerasethakul", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Der Geist der Karlsaue von Apichatpong Weerasethakul“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Morgen Vormittag steht noch einmal ein Besuch in der Karlsaue an. www.documenta.de

Impressionen von der dOCUMENTA 13 in Kassel (2)

Die Documenta beginnt mit einer visuellen Enttäuschung – der zentrale Friedrichsplatz ist „kunstlos“. Die Documenta-Container für Garderobe, Tickets und WC und ein „besetzter“ Teil des Platzes mit Zelten der Occupy-Bewegung machen den Platz auch nicht schöner. 1992 befand sich hier immerhin Jonathan Borowskys „Himmelstürmer“ und 2007 das „Mohnfeld“ von Sanja Ivekovc.

"Documenta 13: Fridericianum mit Arbeit von Ryan Gander", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Fridericianum mit Arbeit von Ryan Gander“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Der Besuch des Fridericianums, das Hauptgebäude einer jeden Documenta seit 1955, steht an und es folgt die nächste Enttäuschung: Die großen Hallen links und rechts des Foyers und jeweils die beiden dahinterliegenden Räume sind vollständig leer (siehe Foto), nur an den offenen Türen weht ein leichter Wind: Zugluft oder Luftnummer? Der britische Künstler Ryan Gander lässt künstlich Wind erzeugen, wie und warum ist leider nicht erkennbar.

Also sehen wir uns die Rotunde an. Dort, wo früher das „Herz“ der Documenta schlug, befindet sich jetzt laut Documenta-Macherin Carolyn Christow-Bakargiev (von allen der Einfachheit halber CCB genannt) das „Brain“ der Documenta 13. Geht es so im Gehirn zu?

"Documenta 13: Baktrische Prinzessin", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Baktrische Prinzessin“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Wir sehen ein Sammelsurium von Kunstwerken, Objekten und Dokumenten: Die „Baktrischen Prinzessinnen“ (siehe Foto) aus dem dritten Jahrtausend v.Chr. aus Zentralasien, eine Auswahl von Gegenständen aus Hitlers Wohnung, Man Rays „Object to be Destroyed“, Konrad Zuses Funktionsmodell für einen Computer, eine Marmor-Skulptur, die aussieht wie ein Sack Mehl (siehe Foto) und Artefakte aus dem Nationalmuseum in Beirut, die während der Bombardierungen im Bürgerkrieg miteinander verschmolzen sind; um nur einige Objekte zu nennen.

"Documenta 13: Selbst mit Sack aus Carrara-Mamor (von Sam Durant)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Documenta 13: Selbst mit Sack aus Carrara-Mamor (von Sam Durant)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Liegt hier etwa das „Konzept der Konzeptlosigkeit“ von CCB vor? Hoffentlich bringen die nächsten Documenta-Orte mehr Klarheit. Morgen früh geht es in die Documenta-Halle.