Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Bode-Museum

"Memento Mori", Chicart Bailly zugeschrieben, um 1520, Elfenbein, Bode-Museum, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Memento Mori“, Chicart Bailly zugeschrieben, um 1520, Elfenbein, Bode-Museum, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Die Gruppe ist ein raffiniertes Beispiel eines Memento Mori („Bedenke, dass du sterben musst!“), einer Darstellung der Unausweichlichkeit des Todes, und zugleich der Aufforderung, sein Leben sinnvoll und sündenfrei zu gestalten. Offensichtlich tut die dargestellte Frau dies nicht: Mit dem rechten Mittelfinger weist sie auf ihre Scham. Die gegensätzliche Darstellung der Frau und des Todes ist eine deutliche Mahnung, dass ein sorgenloses, unkeusches Leben mit Verdammnis bestraft wird.“ [Bode-Museum]. Allerdings, ob keusch oder unkeusch: an der Unausweichlichkeit des Todes ändert das nichts. [FD]

"Gegensatz oder Ergänzung?", Zwei Figuren mit Schale, Warua-Meister, Luba (Kongo), Holz, Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Gegensatz oder Ergänzung?“, Zwei Figuren mit Schale, Warua-Meister, Luba (Kongo), Holz, Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Das Luba-Königtum im südöstlichen Kongo war vom Gedanken der geschlechtlichen Dualität geprägt. Traditionell galten Frauen als Botinnen und Beraterinnen der Könige, was ihre Anwesenheit auf Emblemen männlicher Herrschaft – wie diesem Objekt – erklärt. Weiblich und männlich werden hier im Gleichgewicht gezeigt, als zwei Komponenten eines idealen und positiven Ganzen, als Zeichen einer einzigen Herrschaft, die göttlich legitimiert ist.“ [Bode-Museum Berlin]

"Überlegenheit und Gleichgewicht" (Gedenkfigur mit Zwillingen, Bangwa (Kamerun), 19 Jh., Holz), Foto © Friedhelm Denkeler
„Überlegenheit und Gleichgewicht“ (Gedenkfigur mit Zwillingen,
Bangwa (Kamerun), 19 Jh., Holz), Foto © Friedhelm Denkeler

„Zwillinge galten im Kameruner Grasland als eine Verkörperung von gefährlichen Kräften, die weder gut noch böse waren. Sie betonen hier die hohe Stellung der mittleren Figur, denn der Mann sitzt, während die Zwillinge stehen. Sie Skulptur ist kein Porträt im Sinne einer naturgetreuen Wiedergabe. Sie vermittelt Werte und Charakterzüge, die als die notwendigen Eigenschaften eines Herrschers gelten.“ [Bode-Museum Berlin].

Sie auch Haupt-Artikel „Unvergleichliches – Kunst aus Afrika aus dem Ethnologischen Museum trifft auf Pendants aus der Skulpturensammlung des Bode-Museum„.

Kunst aus Afrika aus dem Ethnologischen Museum trifft auf Pendants aus der Skulpturensammlung des Bode-Museum

"Putto mit Tamburin" (Donatello, Toskana, 1428–1429, Bronze, Reste von Vergoldung) und  "Statuette der Göttin Irhevbu oder der Prinzessin Edeleyo" (Königreich Benin (Nigeria), 16. o. 17. Jh., Kupferlegierung), Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Putto mit Tamburin“ (Donatello, Toskana, 1428–1429, Bronze, Reste von Vergoldung) und
„Statuette der Göttin Irhevbu oder der Prinzessin Edeleyo“ (Königreich Benin (Nigeria), 16. o. 17. Jh., Kupfer), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Der Putto und die Plastik einer jungen Frau aus dem Königreich Benin gehören heute zu den Hauptwerken der Berliner Museen. Der Putto, die Darstellung eines Knaben mit Flügeln, dreht sich im Tanz und erhebt die Hand, um sein Tamburin zu schlagen; der Künstler hat diesen flüchtigen Moment in Metall gegossen. Die Skulptur gehörte zu einer Gruppe, die das Taufbecken der Kathedrale von Siena krönte. Die Figur der Frau war wahrscheinlich ursprünglich Teil eines Erinnerungsaltars. Ihr Künstler hebt ihre Jugend und Schönheit sowie feinste Details wie Haare, Gesichtszüge und Schmuck meisterhaft hervor.

Trotz der Bedeutung in ihrem jeweiligen Originalzusammenhang wurden beide Objekte um 1900 in Berlin sehr unterschiedlich rezipiert. Als Werk des Renaissancekünstlers Donatello erhielt der Putto einen Ehrenplatz im 1904 eingeweihten Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bode-Museum). Die Einordnung der Benin-Figur war hingegen schwerer, denn solche Werke wurden oft als „primitiv“ erachtet. Obwohl 1897 britische Truppen viele Meisterwerke aus Benin entwendeten, war ihr künstlerischer Wert umstritten. Einige Kritiker beurteilten sie als eigenständige künstlerische Errungenschaften und bezeichneten ihre Schöpfer als „eingeborene Künstler“. Andere meinten, dass die Werke einen „barbarischen Eindruck“ machten.“ [Bode-Museum Berlin]

Was haben ein Putto mit Tamburin aus der Toskana und eine Statuette der Göttin Irhevbu aus Benin gemeinsam? Auffällig ist trotz unterschiedlicher Formensprache die Übereinstimmung der Funktion der Werke. Kraftfiguren dienten dem Schutz von Dörfern, ähnlich wie gotische Darstellungen der Schutzmantelmadonna; es geht um die „großen Menschheitsthemen“ wie Schutz, Tod, Geschlecht, Macht.

Im 19. Jahrhundert landeten viele Objekte aus Afrika im Völkerkundemuseum, die aus Europa verblieben in einem Kunstmuseum. Ab 2019 soll diese Trennung in ethnologische Gegenstände und in Kunstwerke im neuen Humboldt-Forum aufgehoben werden. Das Bode-Museum liefert mit 22 „Paarungen“ zurzeit einen kleinen Vorgeschmack auf das Humboldt-Forum. Die Ausstellung läuft wahrscheinlich noch bis Ende 2019.

"Statuette eines nackten Jüngling", 1827 aus Slg. Oddi, Perugia (Italien), Bronze, um 500 v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Statuette eines nackten Jüngling“, 1827 aus Slg. Oddi, Perugia (Italien), Bronze, um 500 v. Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Die Statuette entspricht dem Typus eines griechischen Kuros. Abweichend davon sind die Arme vorgestreckt. Sie kennzeichnen den Mann möglicherweise als Adoranten.“ [Altes Museum Berlin]

„Kuros = moderne Bezeichnung für die Statue eines jungen Mannes in der griechischen Kunst der Archaik. Das weibliche Pendant bezeichnet man als Kore.“ [Wikipedia] „Adorant = stehende oder kniende Gestalt, die mit erhobenen Händen Gott anbetet oder einen Heiligen verehrt in der christlichen Kunst.“ [Duden]

"Verwundete Amazone des Polyklet von Argos", Rom, Quirinal, Marmor, römisch, nach Original 430 v.Chr. (erworben 1869), Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Verwundete Amazone des Polyklet von Argos“, Rom, Quirinal, Marmor, römisch, nach Original 430 v.Chr. (erworben 1869), Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Aus der Antike ist ein Wettbewerb der berühmtesten Bildhauer klassischer Zeit um die Darstellung einer verwunderten Amazone überliefert. Polyklets Werk wurde als bestes erkannt und zu einem der berühmtesten Meisterwerke der Klassik. In römischer Zeit vielfach wiederholt, gehört die Berliner Statue zu den besten Kopien.“ „Die Amazone ist mit doppelt gegürtetem, kurzem Chiton bekleidet und trägt eine tiefe blutende Wunde neben der rechten Brust.“ [Altes Museum Berlin].

"Statue einer jungen Frau im Peplos", Statue 1971, Kopf 1981 erworben, Marmor, römisch, nach Vorbild um 440/30 v.Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018
„Statue einer jungen Frau im Peplos“, Statue 1971, Kopf 1981 erworben, Marmor, römisch, nach Vorbild um 440/30 v.Chr., Foto © Friedhelm Denkeler 2018

„Die Statue ist eine qualitätvolle römische Kopie der frühen Kaiserzeit. Die Frau im schweren Wollgewand (Peplos) hielt eine Früchteschale in der Hand, die wegen des fehlenden linken Unterarms nicht angebracht ist. Dieses Attribut kennzeichnete sie als Opfernde. Stilistisch steht sie Mädchen des Parthenonfrieses nahe.“ [Altes Museum Berlin]

Der 100jährige Streit um eine Wachsbüste: Stammt sie von Leonardo da Vinci oder nicht?

Unabhängig davon, ob sie nun von Leonardo da Vinci oder viel später von einem anderen Künstler geschaffen wurde, die Flora-Büste ist eines meiner Lieblingsobjekte im Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel. Trotz oder gerade wegen ihrer Morbidität strahlt die Abgebildete eine innere und äußere Schönheit aus und das ist natürlich auch von photographischem Interesse.

„In lebensgroßer Halbfigur erscheint die kräftige junge Frau; das mit einem Blumenkranz geschmückte Haupt nach rechts gewendet und leicht gesenkt. Ein leises Lächeln bestimmt ihre klassisch schönen, klassizistisch überarbeiteten Züge. Ein blauer Mantel bedeckt die linke Schulter, fällt am Rücken zur rechten Hüfte herab und betont vorne den Abschluss der Figur.“ [Zitat Sammelblatt Bode-Museum]

Risse durchziehen die Büste, große Teile der Oberfläche sind abgeblättert oder zerschabt; die Unterarme sind abgebrochen. Das Gesicht hingegen ist einwandfrei, wurde aber nachträglich bearbeitet. Woher die Halbfigur kommt, wer sie geschaffen hat, darüber gehen die Meinungen seit dem Erwerb der Büste 1909 durch Wilhelm von Bode, dem Generaldirektor der Berliner Museen, für das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum (heute: Bode-Museum), auseinander.

Kurz nachdem Bode die Büste zum für die damalige Zeit horrenden Preis von 175.000 Goldmark im Londoner Handel erworben hatte, meldete die Londoner Times das Werk sei nicht von Leonardo (16. Jahrhundert), sondern vom Wachsbildner Richard Cockle Lucas (19. Jahrhundert).

"Florabüste" (aus der Werkstatt des Leonardo da Vinci, Wachs, Hohlguss, Bode-Museum Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016
„Florabüste“ (aus der Werkstatt des Leonardo da Vinci, Wachs, Hohlguss, Bode-Museum Berlin), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

„Alle herstellungstechnischen Erkenntnisse sprechen dafür, dass die Flora-Büste bereits als ruinöses Fragment in die Werkstatt von Richard Cockle Lucas kam und offenbar dort restauriert werden sollte. Lucas Senior hat die Büste mit verschiedenen Materialien von innen befestigt und die Oberfläche an einzelnen Stellen überarbeitet. An diesen Arbeiten dürfte sein damals 18-jähriger Sohn beteiligt gewesen sein. Der weitere Weg der Büste ist nicht rekonstruierbar. Erst im frühen 20. Jahrhundert tauchte sie wieder auf. „[Zitat Sammelblatt Bode-Museum]

Der Streit um die Florabüste ist bis heute nicht entschieden und dessen ungeachtet empfängt die junge Frau weiterhin die Besucher mit einem süffisanten, angedeuteten Mona-Lisa-Lächeln.

Gesichter der Renaissance – Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Bereits vor dem Beginn der großen Sonderausstellung in Berlin wurde um sie ein Hype erzeugt – auch wir ließen uns davon anstecken und besorgten uns rechtzeitig die Earlybird-Tickets. Und das war auch gut so, denn bereits zum Start der Ausstellung waren sie restlos ausverkauft.

Dank der Tickets konnten wir eine Stunde vor der offiziellen Öffnung des Bodemuseums, vorbei an der langen Schlange des Kassenhäuschens, die Ausstellung besuchen.

Zu diesem frühen Zeitpunkt war die „Dame mit dem Hermelin“, bewacht von finster dreinschauendem Aufsichts-personal, noch ganz alleine ihrem Kabinett. Cecilia Gallerani (1473 – 1536), die 16jährige Geliebte des Herzogs von Mailand, konnten wir so in aller Ruhe bewundern.

Mit großer Sensibilität hat Leonardo da Vinci, zehn Jahre vor der berühmten Mona Lisa, sie mit ihrem Lieblingstier, dem Hermelin, gemalt. Nach Ansicht von Zoologen soll es sich allerdings um ein Frettchen handeln. Hermelin klingt aber viel schöner.

Es ist ein außergewöhnliches Porträt geworden: Mit weichem Licht sind die Züge der Celilia vor dem Dunkel des Hintergrundes dargestellt. Dabei scheint es, als wende sie sich über die Schulter einem Gegenüber außerhalb des Bildfeldes zu. Diesem gilt auch die Aufmerksamkeit des gespannten Hermelins auf ihrem Arm. Ist es der Ehemann oder der Liebhaber?

Mach Deine Gestalten immer so, dass der Kopf nicht auf dieselbe Seite gewendet ist wie die Brust, denn die Natur hat uns zu unserer Bequemlichkeit den Hals gegeben, der mit Leichtigkeit den verschiedenen Gelüsten des Auges folgen und sich in verschiedenen Richtungen drehen kann.

"Am Bodemuseum", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Am Bodemuseum“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das schreibt Leonardo da Vinci in seinem „Lehrbuch der Malerei“. Sein Bildnis der Cecilia scheint die praktische Umsetzung dieses Grundsatzes zu sein. Das bedeutet auch, dass sie sich zu ihrem Liebhaber umwendet.

Die „Gesichter der Renaissance“ entstanden in Kooperation der Staatlichen Museen Berlin mit dem Metropolitan Museum of Art, New York. Die Ausstellung mit mehr als 150 Hauptwerken der italienischen Portraitkunst des 15. Jahrhunderts läuft noch bis zum 20. November 2011.

Einen zweiten Besuch der Ausstellung (es soll dank verlängerter Öffnungszeiten noch Tickets für die Abendstunden geben) und einen weiteren Bericht habe ich geplant.

Die Dame mit dem Hermelin (1489/90, 55×41 cm) ist allerdings nur bis zum 31. Oktober zu sehen. Da Vincis Gemälde gehört der Sammlung Czartoryski, Krakau. Berlin ist eine der vorläufig letzten Stationen im Ausland, die das Werk zeigen darf. Anschließend wird es für zehn Jahre in Polen verbleiben. In dieser Zahl und dieser Schönheit werden diese Gesichter sicher nie wieder zusammen kommen.

Leonardo da Vinci: „Die Dame mit dem Hermelin“: Bild, Film, Website