Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Berlinische Galerie

Ein riesiges Tableau aus Wandbildern, Tafelbildern und Fotografien

"Die Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit 'Hügel und Zweifel' von Franz Ackermann", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Die Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit ‚Hügel und Zweifel‘ von Franz Ackermann“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Mit dem Vorstellen der zahlreichen Ausstellungen, die wir zurzeit in Berlin sehen, bin ich stark in Rückstand geraten. So bleibt nur, die nächsten Besprechungen in aller Kürze vorzustellen. Der in Berlin und Karlsruhe lebende Franz Ackermann hat die 40 Meter lange und 10 Meter hohe Eingangshalle der Berlinischen Galerie mit seiner raumgreifenden Installation, bestehend aus Wandmalerei und Tafelbildern, optimal bespielt. Diese „Hügellandschaften“ lassen sich in ihrer ganzen Monumentalität beim Eintritt in die Halle gut erfassen (Bild oben) und ein Blick aus dem ersten Stock (Bild unten) zeigt den Detailreichtum der Arbeit, aber auch einige Störelemente, wie dem Istanbuler Stadtviertel, das kurz vor dem Abriss steht und somit die im Titel der Ausstellung genannten „Zweifel“ repräsentiert. In einem Video erklärt Ackermann sein Konzept und man sieht, wie die Installation aufgebaut wurde. Die Ausstellung ging bereits am 31.03.2014 zu Ende.

"Hügel und Zweifel" von Franz Ackermann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Hügel und Zweifel“ von Franz Ackermann, Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Michael Sailstorfer in der Berlinischen Galerie bis 08.10.2012 (Preisträger Vattenfall Contemporary 2012)

Michael Sailstorfer "Forst", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
Michael Sailstorfer „Forst“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten, könnte man sich angesichts der Ausstellung „Forst“ des diesjährigen Vattenfall Contemporary-Preisträgers fragen: Die fünf Tannen und Birken kreisen, kopfüberhängend, durch die zehn Meter hohe Eingangshalle der Berlinischen Galerie. Sailstorfer versteht sich als Bildhauer, der klassische Begriff der Skulptur wird von ihm aber deutlich zu einer „Raumintervention“ erweitert.

Da die Bäume auf dem Boden und an den Wänden schleifen, hinterlassen sie ihre Spuren und verlieren Laub und Äste. Die Eingangshalle ist mit einer massiven Stahlträger-Konstruktion ausgestattet worden und die Bäume werden mit großen Elektromotoren in Bewegung gesetzt. Manchmal wirkt es komisch, wenn die Bäume sich ineinander verhaken und nach lauten Geräuschen wieder frei drehen.

In einer weiteren Arbeit „Schwarzwald“ hat Sailstorfer in einem Waldstück seiner Heimat den Waldboden „schwarz gestrichen“. Der Wald wuchert im Laufe der Zeit das schwarze Quadrat wieder zu. Das Natürliche wird zum Künstlichen und am Ende wird die Kunst wieder zur Natur. Das Ganze kann man sich in der Ausstellung per Live-Stream auf einem Monitor (natürlich im schwarzen Quadrat), der per Internet direkt mit dem Waldstück verbunden ist, ansehen. Video, www.berlinischegalerie.de

Retrospektive in drei Berliner Institutionen: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Berlinische Galerie und Alte Nationalgalerie

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 1)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Alfredo Jaar: ‚1+1+1‘ (Bild 1)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Kunst-Besucher in Berlin müssen, wenn sie die in sechs Werkgruppen gegliederte Retrospektive des in New York lebenden Chilenen Alfredo Jaar komplett sehen wollen, eine kleine Stadtrundreise machen: von der Kreuzberger Oranienstraße und der Jacobstraße auf die Museumsinsel in die Alte Nationalgalerie.

Und die „Rundreise „lohnt“ sich: So kurz nach den wenig überzeugenden „politischen“ und provokativen Veranstaltungen der Berlin Biennale des Artur Zmijewski und der Kasseler Documenta 13 der Carolyn Christow-Bakargiew (CCB) ist Alfredo Jaars politisch und künstlerisch anspruchsvolles Werk wohltuend anzusehen.

Während um die Berlin Biennale viel Tam-Tam gemacht wurde, wurde die von der NGBK erarbeitete Werkschau „The way it is“ über ein fast vier Jahrzehnte künstlerisches Schaffen eher wenig beachtet.

Auch Jaar möchte die „Welt verändern“, aber was für ein Unterschied: Sein Werk hat Substanz, eine echte Botschaft; er findet die richtige Ästhetik für das, was er ausdrücken möchte und das alles ohne Provokation. Alfredo Jaar hat übrigens an der Documenta 8 (1987) und der Documenta 11 (2002) teilgenommen.

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 2)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Alfredo Jaar: ‚1+1+1‘ (Bild 2)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die NGBK zeigt insbesondere Jaars Frühwerk, das zwischen 1974 und 1981 in Chile entstanden ist.

In der Berlinischen Galerie werden vier Werkgruppen präsentiert: das Pergamon-Projekt „Eine Ästhetik zum Widerstand“; seine Serie über den Völkermord in Ruanda und weitere Afrika-bezogene Arbeiten; Installationen, in denen das Licht und dessen Blendung eine Rolle spielen (wurde auf der Documenta 11 gezeigt) und seine „Press Works“, in denen er sich kritisch mit der Aktualität von Presseberichten und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung auseinandersetzt.

Im Liebermann-Saal der Alten Nationalgalerie ist Jaars Installation „1+1+1“ (siehe Fotos) von der Documenta 8, mit der er vor 25 Jahren internationale Anerkennung fand, zu sehen. Diese Arbeit besteht aus drei Fotos in einem Leuchtkasten, auf dem Boden liegt jeweils ein goldener Rahmen: Auf dem ersten Foto ist der Goldrahmen leer und nur die Füße von Kindern und Erwachsenen aus El Salvador sind verkehrt herum zu sehen, auf dem zweiten Foto ist der Goldrahmen vollständig mit weiteren kleineren Rahmen bedeckt und auf dem dritten Bild sind die Beine, dank eines Spiegels im Goldrahmen, richtig herum. Es ist eine Metapher auf die Realität und die Kunstwelt: „Kunst ermöglicht, die Welt verständlich wahrzunehmen“ (Todorov).

"Alfredo Jaar: '1+1+1' (Bild 3)", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Alfredo Jaar: ‚1+1+1‘ (Bild 3)“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Diese Arbeit und eine ähnliche im Leibl-Saal sind in die Sammlung des 19. Jahrhunderts der Alten Nationalgalerie integriert. Jarrs Anliegen ist die „Politik der Bilder“, jene Macht also, die Bilder haben und zwar diejenigen, die gezeigt werden ebenso wie die, die in den Archiven schlummern und nicht gezeigt werden. Jarr will sich nicht auf die Medien verlassen, er recherchiert lieber selber.

Andrea Hilgenstock schreibt in der Kunstzeitung zu Jaars Arbeiten: „Essays und Übungen über das nicht Darstellbare, nennt er seine Kunst … Es gibt ja nur wenige, die es sich so schwermachen wie er, der zum Beispiel durch Ruanda reiste, ohne nun Elendsbilder zu präsentieren. Kein Larifari, sondern Zusammenhänge. Ein Medien- und Bilderkritiker, der trotzdem Bilder schafft – gut dass es ihn gibt!“

Die Ausstellungen sind noch wie folgt zu sehen:
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) nur noch bis zum 19.08.2012, Berlinische Galerie bis zum 17.09.2012 und Alte Nationalgalerie bis zum 16.09.2012.

Die 1920er-Jahre – Fotos von Friedrich Seidenstücker und
Chansons von Evelin Förster in der Berlinischen Galerie

"Kirschenverteilung", Foto © Friedhelm Denkeler 2011
„Kirschenverteilung“, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Friedrich Seidenstücker-Ausstellung wollte ich gerne ein zweites Mal sehen – so bot sich der letzte Freitag an. An diesem Abend „spazierte“ die Sängerin Evelin Förster mit ihren Chansons der 1920er- und 1930er-Jahre unter dem Titel „Zwischen Ku’damm und Krögel oder wie die Berliner so sind“ durch die Ausstellung „Von Nilpferden und anderen Menschen 1925 – 1958“.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Februar 2012 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Entsprechend den fünf Kapiteln der Ausstellung „Straßenfotografie“, „Akt“, „Landschaft“, „Berlin nach 1945“ und „Zoofotografie“ präsentierte Evelin Förster Texte und Chansons passend zu den typischen Seidenstücker-Fotografien im Foyer der Berlinischen Galerie. Die naturgemäß kleinen Original-Fotos wurden dabei stets passend als Dias dem Auditorium vorgestellt.

Der Spaziergang begann mit dem Foto „Feuerwehreinsatz am Potsdamer Platz“ und einem Text aus der Berliner Illustrierten Zeitung von 1926 mit dem Titel „Auflauf“ und dem Lied „Tempo, Tempo“ und endete mit „Aphorismen“, Texten von Erich Mühsam und Frank Wedeking und dem Song „Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“, währenddessen der „Akt“ aus dem Jahr 1941 von Seidenstücker zu sehen war.

Seidenstückers Aufnahmen entsprechen, anders als die Fotos seiner Zeitgenossen Umbo oder László Moholy-Nagy, eher dem Geist der Amateurfotografie als der damaligen Neuen Sachlichkeit. Er feilt weniger an seinen Kompositionen, sondern besitzt das Gespür für den richtigen Moment. In seiner produktivsten Zeit, zwischen 1920 und 1930, entstanden auch die berühmten „Pfützenspringerinnen“. Den Sinn für Witz und leicht Anzügliches teilt er mit dem anderen großen Berlinfotografen Heinrich Zille.

„Friedrich Seitenstücker war ein fotografierender Spaziergänger. Von Frühling bis Herbst war er auf den Straßen Berlins unterwegs. Er reagierte spontan auf das, was ihm begegnete und gefiel: schöne Frauen, spielende Kinder, Straßenhändler und Arbeiter, Paare am Wannseestrand. Daneben gibt es aber auch Bilder von Arbeitslosenspeisungen und Bettlern, Streikposten vor der AEG und politischen Kundgebungen. Ihm ging es also durchaus um eine komplexe Stadtbeschreibung.“ (aus dem Ausstellungstext)

Übrigens: Der Krögel stand bis 1935 als Sinnbild für die mittelalterlich enge Stadtbebauung, für die vielfach menschenunwürdigen und unhygienischen Wohnverhältnisse in Berlins Mitte.

Die Berlinische Galerie zeigt ab dem 1. Oktober 2011 Friedrich Seidenstückers Fotografien aus den Jahren 1925-1958

"Großeltern in Lüttgen-Dortmund", Archiv © Friedhelm Denkeler 1926
Großeltern in Lüttgen-Dortmund, Archiv © Friedhelm Denkeler 1926

Diese erste umfassende Retrospektive Friedrich Seidenstückers unter dem Titel „Von Nilpferden und anderen Menschen“ präsentiert rund 200 Originalfotografien.

Beinahe jeder Berliner kennt Seidenstückers Arbeiten. Diejenigen, die sich für die Geschichte ihrer Stadt interessieren, schätzen seine atmosphärischen Aufnahmen vom Berliner Alltagsleben der Weimarer Republik.

Unter den Tier- und Zooliebhabern erwarb er sich mit seinen einfühlsamen Tierstudien einen geradezu legendären Ruf, und für die Historiker sind die eindringlichen Aufnahmen des zerstörten Berlin eine kostbare Quelle.

Auch wenn Seidenstücker als typischer Berliner Fotograf gilt, ist er doch auch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt – nicht zuletzt deshalb, weil er sich um eines ganz besonders verdient gemacht hat: Seine Bilder zeugen von Humor, und den findet man in der Fotografie selten.

Aus dieser Haltung heraus hat sich das Werk von Friedrich Seidenstücker entwickelt. Es ist von Optimismus getragen, ohne die Zumutungen und Härten, ohne die Armut und das Elend der Zeit zu verschweigen.

Mit der Retrospektive setzt die Berlinische Galerie ihre sehr erfolgreiche Ausstellungsreihe fort, die darauf ausgerichtet ist, das Werk von großen Fotografen des Zwanzigsten Jahrhunderts wissenschaftlich zu erschließen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Vorausgegangen sind Ausstellungen zu Heinrich Zille, Erich Salomon, Fritz Kühn und Herbert Tobias. Quelle: Presseinformation

Die Berlinische Galerie zeigt „Berlin Work“ noch bis zum 28. März 2011. Nan Goldins Fotografien sind mehr als Bilder ihres Lebens

Mit diesen Fotografien, die teilweise erstmalig öffentlich zu sehen sind, zeigt die Berlinische Galerie (BG), Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, einen guten Überblick über die Werke, die Nan Goldin zwischen 1984 und 2009 während zwei längerer Aufenthalte, teilweise dank eines DAAD-Stipendiums, in Berlin geschaffen hat. In einem Video gibt der Direktor der Berlinischen Galerie, Dr. Thomas Köhler, eine kurze Einführung in die Ausstellung.

"Spitzen-BH", Foto © Friedhelm Denkeler 1999
„Spitzen-BH“, Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Nan Goldins Farbfotografien zeigen in facettenreicher Üppigkeit ihre “Family of Nan“, in Anspielung auf die legendäre Fotoausstellung „Family of Man“ der 1920er Jahre. Berühmt wurde sie durch die Serie „Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit“ aus dem Jahr 1986. Goldin lebte in der Subkulturszene Bostons und New Yorks Lower East Side unter Drag Queens, Transvestiten und Homosexuellen. Und immer wieder finden wir Bilder, die Goldin von sich selbst und ihren Freunden gemacht hat. Mit diesen intimen Nahaufnahmen hat sie die Fotografie revolutionär erweitert.

Nan Goldin spricht davon, dass sie ein fotografisches Tagebuch ihres Lebens vorlegt. Das dürfte nicht der einzige Grund sein. Das machen viele Menschen auf der Welt so. Man sollte Künstlern auch nicht unbedingt alles abnehmen, was sie über ihr Werk erzählen. „Bilder zu machen erlaubt einem ja gerade die Möglichkeit, sich an Dinge zu wagen, denen man sich mit Worten nicht nähern kann oder wollte“ so Wolfgang Tillmans in einem Artikel des ZEITmagazins. Auch mir fehlen die Worte, den Inhalt von Goldins Werk zu beschreiben oder um mit Susan Sontags Worten zu sprechen, „das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen“.

Ihre Berliner Bilder sind zwischen 1984 und 2009 entstanden. Der Bezug zur Berlinischen Galerie stellt sich nicht nur über den Berlin-Aufenthalt der Künstlerin her. Durch eine Schenkung gelangte im Jahr 1996 die Arbeit „Self-portrait in my blue bathroom“ (1992) in die Sammlung der BG. Dieses Bild und weitere acht Fotos finden Sie hier. Auch das umstrittene Foto „Edda and Klara bellydancing“, das wegen Kinderpornografie-Verdachts in Großbritannien schon einmal beschlagnahmt wurde, ist in der Ausstellung zu sehen. Die beiden Töchter der Künstlerin Käthe Kruse tanzen nackt in der Küche. „Wer darin pornografische Züge sieht“, sagt Goldin, „der ist echt krank.“ (Zitat „Der Spiegel“).

„Die Ausstellung zeigt in thematischer und chronologischer Form einen Überblick dessen, was Nan Goldin während ihrer ausgiebigen Aufenthalte realisiert hat. Künstlerporträts, Interieurs, Selbstporträts, Stillleben und Straßenszenen geben Einblicke in das Leben einer Bohème jenseits der Klischees. Ihre Fotografien scheinen mit ihrer Schnappschuss-Ästhetik keinen Wert auf den sorgfältig komponierten und ausgeführten Farbabzug zu legen. Sie erhebt Personen zum Bildgegenstand, die eher Außenseiter-Rollen in der Gesellschaft und ihrer visuellen Kultur belegen“, so die Presseinformation der BG.

Vor fast einem Jahr zeigte die C/O-Galerie die große Nan-Goldin-Ausstellung „Poste Restante. Slide Shows/Grids“ im Berliner Postfuhramt mit Riesenerfolg. Die derzeitige Ausstellung in der BG haben in den ersten sieben Wochen auch bereits mehr als 20 000 Besucher gesehen. Während bei C/O in allen Räumlichkeiten fantastische Dia-Schauen ihrer Fotos liefen, sind jetzt 72 Farb-Fotos zu sehen, die sehr edel präsentiert werden: Sehr gute Farbprints, bestens gerahmt, auf verschiedenen, dunkelfarbigen Wänden gehängt und so perfekt beleuchtet, dass eine meiner beiden Begleiterinnen sie schon als Dias ansehen wollte. Zurzeit eine der besten Fotoausstellungen in der Hauptstadt. Sehr empfehlenswert.

www.berlinischegalerie.de