Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Berlinale 2015

Berlinale 2015 (V): „Eisenstein in Guanajuato“ von Peter Greenaway mit Elmer Bäck

Sergej Eisenstein – er machte aus dem Kinofilm eine Kunst („Panzerkreuzer Potemkin“, 1925, „Iwan, der Schreckliche“, 1944) und dazu Peter Greenaway – Kultregisseur der 1980er Jahre („Der Kontrakt des Zeichners“, 1982, „Der Bauch des Architekten“, 1986) und beide gemeinsam in Guanajuato, einer Stadt in Mexiko mit dem berühmten Mumienmuseum (Geburtsort von Diego Rivera).

Aus diesen Zutaten zaubert Peter Greenaway in seinem neuen Film „Eisenstein in Guanajuato“ ein lebenspralles, farbenfrohes und verspieltes Kino, das sich mit Lust und Neugier an den Möglichkeiten der digitalen Post-Produktion berauscht. Das dürfte auch Eisenstein schon gespürt haben, als er die Möglichkeit entdeckte, zwei Bilder an- und übereinander zu montieren und dabei ein drittes Bild entstehen zu lassen.

"Fetisch", aus "Macht zu viel Sex verrückt?", Foto © Friedhelm Denkeler 2003
„Fetisch“, aus „Macht zu viel Sex verrückt?“,
Foto © Friedhelm Denkeler 2003

1931 reist Eisenstein nach Guanajuato, um seinen Film „Que viva México“ zu drehen, den er nie beenden wird, auch weil er Probleme mit seinem amerikanischen Finanzier, dem Schriftsteller Upton Sinclair, bekommt.

Auf der neobarocken Treppe in Guanajuato wird er vom Künstlerpaar Diego Rivera und Frida Kahlo empfangen (und von drei „Bodyguards“ mit vollen Patronengürteln und Gewehren ebenfalls).

Er entdeckt eine fremde, sinnenfrohe Kultur, einen völlig anderen Umgang mit dem Tod und beginnt über seine Heimat und das Stalin-Regime nachzudenken.

Greenaway zeigt, dass Künstlerleben nicht langatmig und historisch korrekt nacherzählt werden müssen, sondern selbst Kunstwerke sein können. Sein Eisenstein ist ein kindisches, aufbrausendes Genie mit wirrem Haar, das sich selbst als traurigen Clown bezeichnet.

Unter seinem neugierigen Blick setzen sich die religiösen und heidnischen Symbole der mexikanischen Kultur neu zusammen. Dazu gehört auch, dass er seine sexuelle Bestimmung finden und ausleben kann.

Bereits beim Einzug ins Hotel findet ein Zimmermädchen Bild-Postkarten, unter anderem mit dem nackten, lasziven Amor von Caravaggio (aus der Berliner Gemäldegalerie).

Wie es der Zufall will, lief am gleichen Tag „Fifty Shades Of Grey“ an, sowohl die US-Amerikanischen als auch die russischen Zensoren dürften mit dem keuschen „Sado-Maso“-Film keine Probleme haben. Die russische Filmförderung hingegen verweigerte die Finanzierung von „Eisenstein in Guanajuato“. Das sagt alles!!

Also: den neuen Greenaway unbedingt ansehen und die Lust am Kino wieder entdecken, die war in den ersten Filme auf der Berlinale schon beinahe verloren gegangen. Ich hoffe, wir haben einen Bärenkandidaten gesehen, allein Elmer Bäck als Eisenstein ist eine Wucht.

Peter Greenaway bringt Leben in die Berlinale |Montagemeister von hinten | Sex, Tod und Triptychon | Rote Fahne im Hintern | Peter Greenaway begeistert Berlinale mit Eisenstein-Hommage | Ein intensives, impulsives Gesamtkunstwerk | Jungfrau, 33, männlich, sucht … [Headlines zum Film]

Berlinale 2015 (IV): „Als wir träumten“ von Andreas Dresen. Ein Techno-Musikfilm mit dem Sound von Marusha

Als wir träumten war der Stadtrand von Leipzig die Welt. Die DDR war weg und wir waren noch da. Pitbull war noch kein Dealer. Mark war noch nicht tot. Rico war der größte Boxer und Sternchen war das schönste Mädchen, doch sie hat mich nicht so geliebt, wie ich sie. Alles kam anders. Aber es war unsere schönste Zeit. [Prolog von Dani in „Als wir träumten“]

Andreas Dresen zeigt eine „filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Jugend und präsentiert zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück“. Und das alles mit viel Techno-Musik und Stroboskop-Geflacker unterlegt. Der Film ist ein paar Jahre nach der Wende angelegt und spielt in Leipzig.

Fünf junge „Nachtgestalten“, vor nicht allzu langer Zeit noch Pioniere mit rotem Halstuch, testen aus, was man im wiedervereinigten Land so alles mit der neuen „Freiheit“ anstellen kann. Zwei Ereignisse ragen dabei heraus: die Gründung des (illegalen) Techno-Clubs „Eastside“ und der Kampf mit den Neonazis. Dazwischen werden Autos geklaut, Drogen ausprobiert (einer stirbt daran), eine Boxer-Karriere scheitert, zwischendurch gibt es mal 4 Wochen Jugendarrest und die Sehnsucht nach der großen Liebe, dem schönsten Mädchen von Leipzig, bleibt unerfüllt. Wie schon bei Sebastian Schippers „Victoria“ ist auch hier kein Happy-End in Sicht.

Dresen verfilmte mit „Als wir träumten“ den gleichnamigen Bestseller von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006. „Er würde jedes Festival der Welt zieren. Weil es sich um Weltklassekino handelt“ [FAZ]. Am 26.Februar 2015 kommt der Film dann in die regulären Kinos.

"Verlassene Industriehalle", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Verlassene Industriehalle“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Das Ansehen von „Als wir träumten“ lohnt sich in jedem Fall, allein wegen der Musik, denn es ist auch ein großer Musik-Film. Das beginnt mit der Titel-Melodie Moderat: „A New Error“ und den mir weniger bekannten DJs Trentemøller: „Nightwalker“ und Josh Wink „Higher State of Consciousness“.

Eng war die Zusammenarbeit zwischen Dresens Musikberater Jens Quandt und der DJane (wie man weibliche DJs im deutschen Sprachraum oft nennt) Marusha. Die beiden kannten sich vom Jugendsender DT 64. Zwei Marusha-Tracks sind im Film zu hören: einmal der neuere von 2012 Marusha: „Club Arrest“ und der mehr zeitbezogene Song aus dem Jahr 1992:

Marusha: „Rave Channel“

DJ Marusha (Marusha Aphrodite Gleiß, geb. 1966 in Nürnberg) wurde 1990 mit einer der ersten Techno-Musik-Sendungen „Dancehall“ im DDR-Radio-Sender DT64 bekannt. Ein Jahr später begann sie mit der Produktion von eigenen Musikstücken und 1994 startete ihre Weltkarriere in den Techno-Clubs und den Raves mit dem Titel „Somewhere over the Rainbow“, einer Coverversion des gleichnamigen Songs aus dem Film-Soundtrack „Der Zauberer von Oz“ aus dem Jahr 1939. Die Single verkauft sich über eine halbe Million Mal. Auf Radio „Fritz“ (vom RBB) moderierte Marusha 17 Jahre lang (bis 2007) die Sendung „Rave Satellite“.

Berlinale 2015 (I): „Queen of the Desert“ von Werner Herzog

"Felszeichnung in der tunesischen Sahara" (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999
„Felszeichnung in der tunesischen Sahara“ (nahe Sousse), Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Herzog erzählt die Geschichte der realen Gertrude Bell (Nicole Kidman), die in Oxford studiert hat und als Historikerin, Archäologin, Ethnologin und Schriftstellerin um 1915 nach Teheran reist und nach der tragisch endenden Liebe zu dem Diplomaten Henry Cadogan (James Franco) als Forschungsreisende das zusammen-brechende Osmanische Reich erkundet.

Sie gewinnt mit Mut und Respekt das Vertrauen von muslimischen Würdenträgern und war 1920 als Vermittlerin zwischen dem Orient und dem British Empire entscheidend an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens beteiligt.

Die herrlich weiten Wüstenlandschaften werden im Film zum „Seelenraum“ von Herzogs Hauptfiguren, überdeckt durch das Brüllen der Dromedare, ihre aufgerissenen Mäuler und ihren schaukelnden Gang.

Ein vielleicht zu perfekter Film, ein mit Hollywood-Glanz veredelter, wie man ihn von Herzog nicht erwartet hätte. Und die Kidman bleibt trotz Wüsten-Strapazen den ganzen Film über die schöne Frau, die sogar in der Wüsten-Oase ein Vollbad nimmt.

„Vielleicht macht Herzog, das alte Schlitzohr, auch eines Tages eine Dokumentation über die Dreharbeiten zu ‚Queen of the Desert‘. Die ist dann wahrscheinlich der echte Abenteuerfilm“ [DIE ZEIT], ähnlich wie sein Dokumentarfilm ‚Mein liebster Feind‘ über die Dreharbeiten zu ‚Fitzcarraldo‘ mit Klaus Kinski.