Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Berlinale 2012

"Der Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Der Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Preisträger der 62. Internationalen Filmfestspiele 2012 in Berlin habe ich bereits vorgestellt: „Berlinale XVI: Die Bären sind erlegt„. Die Entscheidung der Jury löste nicht bei allen Kritikern Begeisterung aus.

Deshalb zum Schluss dieser Artikelreihe zur Berlinale 2012 eine persönliche Bilanz. Von den 16 gesehenen Filmen des Wettbewerbs werden in Erinnerung bleiben:

  • Matthias Glasner mit “Gnade”, Deutschland:
    Besser kann Kino nicht sein: Eine Geschichte, die vom Anfang bis zum Ende stimmig ist und mit herrlichen Landschafts-aufnahmen vom Nordkap aufwartet.
  • Spiros Stathoulopoulos mit “Metéora”, Griechenland
    Mit der schönsten Liebesszene, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen war und der entscheidenden Frage: Verzweifeln und Aufgeben oder die Liebe als höhere Fügung akzeptieren.
  • Billy Bob Thornton mit “Jayne Mansfield’s Car”, USA: Süßlich kitschige Farben der 1970er Jahre, der Sound dieser Zeit, Kostüme, Frisuren und Oldtimer ergeben ein rundum stimmiges, humorvolles Familiendrama. 
  • Miguel Gomes mit “Tabu”, Portugal: Die tragische Liebesgeschichte lebt von vielen “verrückten” Szenen: Mitten in der Savanne an einem verfallenen Swimmingpool spielt eine Rock ‘n’ Roll-Band.
  • Stephen Daldry mit “Extrem laut und unglaublich nah”, USA  (lief außer Konkurrenz): Eine Geschichte mit vielen Wendungen, auf spannende und vielschichtige Weise mit exzellenten Schauspielern erzählt, ergänzt durch leicht surreale Momente, ergeben ein perfektes Kino.
  • Paolo und Vittorio Taviani mit “Cäsar muss sterben“, Italien: Durch die Beschäftigung mit der Kunst bekommen die Darsteller, allesamt Strafgefangene im Hochsicherheitstrakt, ein neues Selbstverständnis. Der Film macht Mut auf die Zukunft.
  • Christian Petzold mit “Barbara”, Deutschland: Ein Rätsel – das ist positiv gemeint – bleibt am Schluss des Films: Wie kann man in einem untergehenden System leben, wie in solch einer Atmosphäre Menschen vertrauen? Hat man die Freiheit zu gehen oder zu bleiben überhaupt?
  • Hans-Christian Schmid mit “Was bleibt”, Deutschland: Der schwächere von den drei deutschen Filmen des Wettbewerbs: Wir-treffen-uns-alle-mal-wieder-Heimfahr-Wochenend-Film.

Da die meisten dieser Filme im Laufe des Jahres auch in den Lichtspieltheatern gezeigt werden, kann ich alle acht Filme empfehlen. „Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino“ lautete der Werbeslogan der deutschen Kinos in den 1960er Jahren und mit dem Anspruch des 2012er Jahrgangs wird es ein lohnender Besuch werden.

Zwiespältiger Eindruck bei der Vergabe der Preise der 62. Internationalen Filmfestspiele 2012 in Berlin

Damit hatte wohl keiner gerechnet – die Jury vergab den Goldenen Bär an die Brüder Taviani nach Italien, Kritiker und Festivalteilnahmer sahen den deutschen Beitrag von Christian Petzold mit dem Drama „Barbara“  eher vorn.

"Der digitale Berlinale-Bär", Foto © Friedhelm Denkeler 2012
„Der digitale Berlinale-Bär“, Foto © Friedhelm Denkeler 2012

Die Preisträger

  • Goldener Bär für den besten Film: Cäsar muss sterben“, Italien, von Paolo und Vittorio Taviani
  • Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Just The Wind (Csak A Szél)”, Ungarn, von Bence Fliegauf
  • Silberner Bär – Beste Regie: Christian Petzold für “Barbara”, Deutschland
  • Silberner Bär – Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in „Rebelle (War Witch)“, Kanada
  • Silberner Bär – Beste Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in „Die Königin und der Leibarzt“, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung:
    Lutz Reitemeier für die Kamera in “White Deer Plain (Bay Lu Yuan)”, China
  • Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für „Die Königin und der Leibarzt“, Dänemark (Film nicht gesehen!)
  • Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven der Filmkunst:
    Miguel Gomes mit “Tabu”, Portugal
  • Sonderpreis – Silberner Bär:
    Ursula Meier mit “L’enfant d’en haut (Sister)”, Schweiz

Die Pressestimmen

  • Der Tagespiegel: „Bärenlese ohne Biss“, „Die Jury lässt das Neue konsequent beiseite“, „Zwei Auszeichnungen für den honorigen, aber konventionell inszenierten dänischen Historienfilm“, „Begeisterung aber löste die Entscheidung nicht aus“, „Ja, fast alles, was ein zweites Leben auch und gerade im deutschen Kino verdient, wurde geflissentlich übersehen“.
  • Welt am Sonntag: „In gewisser Weise sendet dieser Goldene Bär allerdings das falsche Signal über die Berlinale 2012 in die Welt, denn dies war ein Paradelaufen junger Talente im Wettbewerb. Vor langer Zeit, 1959, gab es diese Situation schon einmal, und damals besaß die Jury den Mut, das hoffnungsvollste Talent, den aufregendsten Trend, mit der höchsten Ehrung zu bedenken: „Schrei, wenn du kannst“ von Claude Chabrol, einem dieser jungen Wilden der Nouvelle Vague, erhielt den Goldenen Bären.“ „Wer nun fragt, wo die großen Amerikaner und Engländer und Franzosen bleiben, dem muss beschieden werden: Sie gingen leer aus, weil sie ihre besten Filme nicht geschickt haben.“
  • Die Zeit: „Ein goldener Bär für das politische Festival. Die Berlinale will ihren Ruf als engagiertes Festival manifestieren. Mit den Preisen, die jetzt vergeben wurden, hat es diese Selbstverpflichtung weitgehend eingelöst.“
  • FAZ: „… dass ihr Film (Cäsar muss sterben) eher an Strafvollzugsexperimente der siebziger oder achtziger Jahre erinnert; dass dieses Votum sich beim besten Willen nicht als Aufbruchssignal deuten lässt – all das hat die Jury unter ihrem Präsidenten Mike Leigh offenbar gar nicht gekümmert.“ „Für Christian Petzold, dessen Film … sich nicht nur viele Kritiker, sondern auch zahlreiche andere Festivalbesucher als Sieger gewünscht hatten, blieb da nur der Regiepreis übrig.“ „Nur schwer zu verstehen war, warum die Jury ausgerechnet einen der großen Langweiler im Wettbewerb, Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“, gleich mit zwei Preisen bedachte.“
  • Berliner Morgenpost: „Und dann gab es noch den ungarischen Film „Nur der Wind“, die Aufarbeitung einer realen Mordserie an Roma. Das war zwar nicht der beste Film des Wettbewerbs, wäre aber ein immanentes politisches Statement gegenüber Ungarn gewesen, einem Land, über das das Europaparlament sich ernsthafte Sorgen macht, was Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit angeht.“
  • Der Spiegel: „Die 62. Berlinale hatte alles, was dieses Filmfestival braucht: Starke, politische Filme von jungen, engagierten Filmemachern im Wettbewerb. So kann es Berlin locker mit Cannes und Venedig aufnehmen. Schade nur, dass die Jury unter Mike Leigh ihre Bären so konservativ vergeben hat.“ „Dieses Jahr meckern wir also fast gar nicht über das Festival, dieses Jahr meckern wir zur Abwechslung mal über die Jury – es kommt eben immer anders, als man denkt. Wir freuen uns auf die nächste Berlinale.“