Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Benjamin Naishtat

64. Berlinale (IV): „Historia del miedo (History of Fear)“ von Benjamin Naishtat, Argentinien

"Der rote Teppich vor dem Zoopalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2014
„Der rote Teppich vor dem Zoopalast“
Foto © Friedhelm Denkeler 2014

Der argentinische Regisseur erzählt in seinem Erstlingswerk keine durchgehende Geschichte, obwohl der Titel des Films dies eigentlich vermuten lässt. Naishtat zeigt einzelne absurde, fast dokumentarische Momentaufnahmen, die in einer Gated Community und ihrem gesellschaftlichen Pendant stattfinden.

In diesen Kunstfilm muss sich der Zuschauer aus den einzelnen Versatzstücken seinen Film quasi selber zusammenstellen, so dass vielleicht jeder anschließend einen anderen Film gesehen hat. Fast alle Szenen werden dominiert von dem Lärm eines über den Anwesen kreisenden Hubschraubers, der lauten Sirene eines Hauses (die aus Versehen losging), dem überlauten Staubsauger der Dienstbotin, dem schrillen Klingeln der Türöffnungsanlage usw.

Nach dem Film ging draußen übrigens der Lärm auf der Baustelle vor dem kürzlich erst neueröffneten Kino „Zoopalast“ am Breitscheidplatz ziemlich real weiter.

Eigentlich passiert in den 79 Minuten nichts: In einer Villa ist der Alarm losgegangen, der herbeigerufene Wachdienst findet nichts. Ein Mann bricht in einer Fastfood-Filiale wie von fremden Mächten besessen zusammen und kaum einer traut sich, ihn anzufassen.

Eine Putzfrau erleidet einen Schwächeanfall; zwei Verliebte waten durch verschmutztes Wasser. Auf der Fahrt durch einen Kontrollpunkt steht plötzlich ein nackter Mann vor dem Auto und schreit wie wild; die Kinder der Reichen werfen zum Zeitvertreib Böller in den sauberen Pool; plötzlich ist ein Loch im Zaun und die Bewohner sehen sich bereits in Lebensgefahr; der Strom fällt aus, eine archaische Angst greift um sich; der Müll, der bisher außerhalb des Zaunes brannte, schwelt nun auf dem eigenen Rasen.

„Als vor einigen Jahren Argentinien von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert wurde, nutzte die Politik Sorgen und Ängste der Menschen aus, um bewusst eine allgemeine Verunsicherung zu schüren. In seinem ironischen Sittengemälde einer Gesellschaft, die sich immer weiter auseinanderdividiert, reflektiert Benjamin Naishtat diese Entwicklung.“ [aus dem Programmheft]. Die Fronten zwischen Reich und Arm sind verhärtet und Gewalt und Angst sind die fast logische Folge. Ein (sur)-realer außergewöhnlicher Film. www.berlinale.de