Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Asghar Farhadi

Szenen einer Ehe – Ein iranischer Film über vernunftbetonte Frauen und ehrverletzte Männer in Teheran

"Roter Teppich vor dem Berlinalepalast", Foto © Friedhelm Denkeler 2008
„Roter Teppich vor dem Berlinalepalast“, Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Es scheint eine ungeschriebene Regel im Berlinale-Palast zu geben, am Nachmittag die eher schwächeren Filme zu zeigen – jedenfalls bis zum sechsten Berlinale-Tag war es so.

Der 123 Minuten lange iranische Wettbewerbsfilm „Jodaeiye Nader az Simin“ von Asghar Farhadi um zwei im Streit liegende Familien, war gefühlte 43 Minuten zu lang. Es handelt sich um eine konservativ gefilmte Story ohne größere Höhepunkte, mit sich wiederholenden Szenen ähnlichen Inhalts und selbst die Schlussszene war vorhersehbar.

Die Berlinale ist dafür bekannt, dass Filme aus politischen Gründen mit Preisen bedacht werden. Das könnte sich dieses Jahr wieder bewahrheiten. Das Mitglied der aktuellen Jury, der Regisseur Jafar Panahi durfte aus dem Iran nicht anreisen, sondern sitzt dort inhaftiert im Gefängnis. Natürlich erhielt der iranische Wettbewerbsbeitrag daraufhin größte Aufmerksamkeit. Auch dem Publikum gefiel, dem Beifall nach zu urteilen, der Film sehr gut. Viele Kritiker sehen das ähnlich. Einige Beispiele habe ich herausgesucht:

FAZ: „Es geht nicht um Politik auf den ersten Blick, aber wir sehen, wie unterschiedlich die Frauen ihre Kopftücher, Schleier und Tschadors tragen, wie die Pflegerin, die nicht weiß, ob sie den alten Mann waschen darf, Rat sucht bei einer religiösen Hotline, wie die Mutter über Grenzen auch der Wahrheit hinweg zu vermitteln bereit ist, und wie die Tochter von Nader und Simin zu begreifen beginnt, was Schuld bedeutet. … Kaum vorstellbar, dass die Jury an diesem Film vorbeigeht.“

DEUTSCHE WELLE: „Jodaeiye Nader az Simin“ ist ein ungeheuer dicht und konzentriert inszeniertes Familiendrama auf engstem Raum. Die Charaktere sind glaubwürdig dargestellt, psychologisch fein gezeichnet, dazu in ihrer Komplexität differenziert und vielschichtig. Kein Handlungsstrang, kein Charakter ist eindimensional angelegt. Es gibt in dem Film kein Gut und kein Böse, kein Richtig und kein Falsch. Der Regisseur zeigt uns eindringlich, wie menschliches Zusammenleben funktioniert – oder auch nicht.“

DIE ZEIT: Der Film „ist ein mühsamer, ein anstrengender Film. Bisweilen ist es frustrierend, ihm zu folgen. Weil man schon ahnt, dass es keine einfache Lösung geben wird. Gerade deshalb ist er der Film auf der Berlinale, der bisher am glaubwürdigsten einen Ausschnitt des wahren Lebens abbildet.“

DIE WELT: „Wenn Asghar Farhadis Film am Samstagabend den Goldenen Bären entgegen nehmen wird …“

TAGESSPIEGEL: „Den Ausweg aus allen Finten, mehr oder weniger moralischen Notlügen und privaten Beichten bei aller öffentlicher Unbeugsamkeit suchen und finden dann die Frauen. … Am Ende ist es auch nicht die iranische Gerichtsbarkeit, vor der sich die heftig streitenden Parteien immer wieder von neuem ohne Anwalt versammeln und die das entscheidende Geständnis erzwingt, sondern ein Schwur auf den Koran. Ein dramaturgischer Coup für die einen, ein zwingendes moralisches Gebot für die andere Seite.“

Simin möchte mit ihrem Ehemann Nader und ihrer Tochter Termeh den Iran verlassen. Alle dafür notwendigen Schritte hat sie unternommen; alle entsprechenden Vereinbarungen wurden getroffen. Doch dann meldet ihr Mann Bedenken an: Er möchte seinen an Alzheimer erkrankten Vater nicht unbetreut zurücklassen – Nader sagt die Reise ab. Simin reicht daraufhin beim Familiengericht die Scheidung ein. Als ihre Klage abgewiesen wird, zieht sie aus der ehelichen Wohnung aus und kehrt zu ihren Eltern zurück. Die kleine Termeh entscheidet sich dafür, beim Vater zu bleiben, hofft aber sehr darauf, dass die Mutter bald wieder nach Hause kommt.

Für Nader ist es nicht einfach, mit den veränderten Lebensverhältnissen zurechtzukommen – schon allein aus zeitlichen Gründen. Für die Betreuung seines kranken Vaters engagiert er darum eine junge Frau. Razieh ist schwanger und übernimmt diesen Job, ohne ihren Ehemann davon in Kenntnis zu setzen. Als Nader eines Tages von der Arbeit nach Hause kommt, findet er seinen Vater allein in der Wohnung vor – darüber hinaus ist der alte hilflose Mann an einen Tisch gefesselt! Als Razieh eintrifft, führt dies zu tragischen Konsequenzen, die nicht nur Naders Leben erschüttern, sondern auch das Bild zerstören, das sich seine Tochter Termeh von ihrem Vater bislang gemacht hat… (Quelle: Filmbeschreibung)