Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Aleksandr Sokurov

Der russische Regisseur Aleksandr Sokurov hat den deutschesten aller Texte, Goethes „Faust“, neu verfilmt und gewann damit 2011 den „Goldenen Löwen“ von Venedig

Gehen wir! / Wohin? / Immer vorwärts! / Was ist dort? / Keine Ahnung!

"Beelzebub", Foto © Friedhelm Denkeler 2009
„Beelzebub“, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

„Seele schreibt man mit zwei ‚e'“ so korrigiert, zumindest im Faust-Film von Aleksandr Sokurov, Faust (Johannes Zeiler) den Vertrag mit Mauritius/ Mephisto (Anton Adasinsky) über den Verkauf seiner Seele.

Sokurov geht mit Goethes Text sehr frei um, nur hin und wieder hört man das Original durch. Er hat den Goethe-Klassiker neu erfunden und dennoch versteht man ihn, auch ohne das Original wortwörtlich zu kennen.

Faust und Mephisto streunen durch biedermeierliche Dörfer, Städte und durch Landschaften, die so romantisch aussehen wie bei Caspar David Friedrich.

„Der Film erweckt den Eindruck, man habe es mit einem schweren, dunklerem, soeben erst aus seiner Starre erlöste, Gemälde zu tun. Seine Bilder sind so ausgewaschen, als stammten sie aus einer Zeit, da Film noch gar nicht möglich war – unerklärliches Teufelswerk, Filmrollen, die man im Schlamm gefunden und mühsam gereinigt hat. Sokurow manipuliert seine Welt mit verzerrenden, bewusst verunreinigten Linsen und Filtern, und er orientiert sich dabei an der Goetheschen Farbenlehre, der zufolge es der Dunkelheit bedarf, um die Farben hervorzubringen“, schreibt DIE ZEIT.

„Sokurows Faust ist allzu menschlich. Auf Erkenntnis pfeift er. Er will nur eines: Gretchen, ein engelsgleiches Objekt der Begierde. Sokurow setzt seine ganze Kunst ein: Stummfilmformat, Licht wie in einem Gemälde, die Bilder eigentümlich verzerrt. Er arbeitet mit speziellen biegsamen Linsen. Realismus ist seine Sache nicht. Sein Film ist eine Vision, ein groteskes Traumbild, mit grandiosen Aufnahmen, die einen großen Sog entfalten“, so der Kommentar auf „3sat“.

Doch der Pakt wird von Faust nicht ernst genommen, denn er glaubt nicht an die menschliche Seele, jedenfalls hat er sie beim Sezieren einer Leiche in der Eingangsszene nicht gefunden. So hat Faust dem Teufel nichts zu verkaufen und schuldet ihm auch nichts. Im Gegenteil: Zum Schluss versucht er, ihn unter Gesteinsbrocken zu begraben, geht auf einen großen Gletscher zu und aus dem Off hört man Gretchens Stimme (Isolda Dychauk): „Wohin gehst du?“ Und Faust ruft: „Dahin! Weiter! Immer weiter!“

Das Eingangszitat dieses Artikels ist übrigens das Ende von Sokurows wunderbarem Film „Russian Ark“ aus dem Jahr 2002, in dem zwei Männer eine Reise durch 300 Jahre russische Geschichte unternehmen, gedreht in einer einzigen Kamera-Einstellung, in der für einen ganzen Tag gesperrten Eremitage mit 2000 Statisten. Für das Ende des „Faust“-Films erscheinen diese Worte noch passender. Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben. Trailer 1Trailer 2