Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Tanz auf dem Vulkan ‘An einem Samstag’ (Berlinale VI)

Wie die Menschen in Tschernobyl erbarmungslos
ihrem Schicksal überlassen wurden zeigt “V Subbotu”

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Mit wackelnder Handkamera, extremen Nahaufnahmen und vielen Unschärfen nähert sich der Regisseur Alexander Mindadze mit seinem Wettbewerbsbeitrag “V Subbotu” (An einem Samstag) jener Nacht, die der Explosion im Block Vier des Kernkraftwerkes in Tschernobyl folgte.

Einige Parteigenossen wissen um den Ernst der Lage, andere ahnen etwas und der unwissende Rest trinkt und feiert an diesem Samstag weiter, aber es ist bereits ‘fünf nach Zwölf’. Mindadze versucht, das Gefühl, keine Alternativen zu haben, nicht fliehen zu können oder nicht zu wollen, einfach weiterzufeiern und auf dem Vulkan zu tanzen (im doppelten Sinne) in einen künstlerischen Film/ ein Kammerspiel umzusetzen.

Die TAZ schreibt dazu: “Dabei gibt sich Mindadze wenig Mühe, nachvollziehbar zu machen, warum Valerij, Vera und die wenigen anderen, die begreifen, was geschehen ist, in Hyperaktivität verfallen, ohne je ernsthaft nach einem Ausweg aus der Stadt zu suchen. Fast scheint es, als hätte das alte Klischee von der Irrationalität der russischen Seele eine Halbwertszeit von 25 Millionen Jahren.”

Im Wettbewerb um den Goldenen Bären wirkt der Film für mich deplaziert. In einer anderen, etwas experimentelleren Sektion hätte ich ihn lieber gesehen und werde den Film unter der Rubrik “Die Wege eines Films in den Wettbewerb der Berlinale sind unerfindlich” abhaken. Trotz alledem, der Film zeigt eine wahre Geschichte: Erst 36 Stunden nach der Katastrophe wurde die Stadt evakuiert, viele Menschen starben oder erlitten schwerste Strahlungsschäden. Dieses Geschehen kann nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden.

Samstag, 26. April 1986: Im Kernkraftwerk Tschernobyl ist ein Reaktorturm explodiert. Die Parteileitung wiegelt ab. Aber Valerij Kabysh, früher Schlagzeuger, inzwischen junger loyaler Parteifunktionär, beobachtet die Panik der Verantwortlichen und begreift, dass jede Sekunde zählt … Zusammen mit seiner Geliebten und seinen Musikerfreunden versucht Valerij, die Stadt zu verlassen. Aber das Leben lässt ihn nicht los. Es ist Samstag, die Menschen gehen spazieren, machen Einkäufe, feiern Hochzeiten; Kinder spielen im Freien.

In diesem sorglosen Trubel bleibt jeder Versuch zu entkommen ohne Erfolg. Die Katastrophe ist eine allgegenwärtige, aber unsichtbare Figur in dieser Geschichte. Als wären da Handschellen, die nicht zu öffnen sind. Ein verlorener Pass, ein gebrochener Schuhabsatz, ein verpasster Zug. Eine Hochzeit, auf der zu Ende gespielt werden muss. Dort singt Vera mit ihrer Band, die früher auch Valerijs Band war, und Valerij springt für den betrunkenen Drummer ein.

Lebensgefahr? Tödliche Strahlung? Selbst als Valerijs Band weiß, was wirklich vor sich geht, feiern sie – noch einen Wodka, noch eine Flasche Wein! Für sie bleibt nur, weiterzumachen und glücklich zu werden für den einen Moment … Es ist ein Samstag der Unschuld, und die Menschen sind erbarmungslos ihrem Schicksal überlassen … … (Quelle: Filmbeschreibung)

“Pina” – Tanz in 3D (Berlinale V)

Ist es Tanz, ist es Theater oder einfach nur Leben?

Ein Film von Wim Wenders für Pina Bausch

Foto © Friedhelm Denkeler

Foto © Friedhelm Denkeler

Habe ich schon einmal einen reinen Tanzfilm gesehen? Jedenfalls ist es nicht mein bevorzugtes Filmgenre. Aber “Pina”, eine kinematografische Hommage an die Choreografin Pina Bausch von Wim Wenders, in der dritten Dimension zu sehen, war ein bewegender und visueller Hochgenuss. Wenders hat in seinem ersten 3D-Film, der leider außer Konkurrenz vorgestellt wurde, das Medium ohne technische Spielereien fulminant eingesetzt. Im Beisein von Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel, erhielt das Filmteam nach der Premiere begeisterten Beifall.

Wenders ließ das Pina Bausch-Ensemble mit seinen Stücken “Café Müller”, “Le Sacre du Printemps”, “Vollmond” und “Kontakthof” in herrlich skurrilen Locations im Ruhrgebiet agieren. In erster Linie natürlich in Wuppertal, der Heimstatt des Pina Bausch-Tanztheaters. An einer Straßenkreuzung führt ein Paar einen Liebestanz auf und auf der Zeche Hohenzollern bespielt eine Tänzerin den Raum im klassischen Ballettstil. Weitere Außendrehs entstanden in einer fahrenden Schwebebahn (das sieht in 3D fantastisch aus), auf einer alten Abraumhalde und in einem Bergwerksstollen.

“In ‘Pina’ erzählt Wenders von wirklichen Menschen und zugleich von den Rollen, die sie spielen, und er lässt beides so souverän ineinanderfließen, als hätte er nie etwas anderes gemacht als Filme über Tänzer und Tanz, über die Kunst und ihren Preis, das Leben” so die FAZ. Das liegt sicher auch an den visuellen Möglichkeiten der neuen Technik. James Cameron gelang mit “Avatar” zum ersten Mal die überzeugende Einsetzung – und jetzt Wim Wenders mit “Pina”. Durch diese dritte Dimension scheinen die Tänzer fast aus der Leinwand herauszutreten, man ist fast versucht, die Hand auszustrecken, so nahe fühlt man sich ihnen.

“Pina” ist ein Film für Pina Bausch. Der abendfüllende Tanzfilm wurde mit dem Ensemble des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch in 3D gedreht und handelt von der mitreißenden und einzigartigen Kunst der großen, im Sommer 2009 verstorbenen Choreografin. Er lädt die Zuschauer ein auf eine sinnliche und bildgewaltige Entdeckungsreise in eine neue Dimension: mitten hinein auf die Bühne des legendären Ensembles und mit den Tänzern hinaus aus dem Theater in die Stadt und das Umland von Wuppertal – dem Ort, der mehr als 35 Jahre lang für Pina Bausch Heimat und Zentrum ihres kreativen Schaffens war.

Wenders war tief beeindruckt und bewegt, als er 1985 mit „Café Müller“ erstmals ein Stück der Choreografin Pina Bausch sah. Aus der persönlichen Begegnung der beiden Künstler erwuchs eine langjährige Freundschaft und auch der Plan für einen gemeinsamen Film. Doch scheiterte die Umsetzung lange an den verfügbaren Möglichkeiten des Mediums: Wenders spürte, dass er noch keine Form gefunden hatte, Pina Bauschs einzigartige Kunst aus Bewegung, Gestik, Sprache und Musik im Raum adäquat umzusetzen.

Erst “U2-3D”, der 2007 von der irischen Rockband U2 digital produzierte 3D-Konzertfilm, machte Wenders schlagartig klar: “Mit 3D wäre es möglich! Nur so, unter Einbeziehung der Dimension des Raumes, könnte ich mir zutrauen (und eben nicht nur anmaßen), Pinas Tanztheater in einer angemessenen Form auf die Leinwand zu bringen.”  (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden Sie hier. “Pina” startet am 24. Februar 2011 in unseren Kinos.

Wettbewerbsfilm “Les contes de la nuit”

Die Wege eines Films in den Wettbewerb der Berlinale sind unerfindlich

Am gleichen Tag hatte ich bereits nachmittags einen 3D-Film im Wettbewerb gesehen: “Les contes de la nuit” von Michel Ocelot. Warum ein Animationsfilm Scherenschnittfiguren in 3D herstellt, bleibt für mich allerdings rätselhaft. Leben Scherenschnitte nicht von 2D? Auch wie es der Film in den Wettbewerb um den Goldenen Bären geschafft hat, bleibt unverständlich. Er wäre in der Sektion “Generation”, Filme für Kinder und Jugendliche, besser aufgehoben.

“Almanya – Willkommen in Deutschland” (Berlinale IV)

Yasemin Samderelis Kinodebüt, eine Einwanderungskomödie, außer Konkurrenz im Wettbewerb

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Während Ulrich Köhlers “Schlafkrankheit” am Nachmittag vom Publikum sehr verhalten aufgenommen wurde, gab es am Abend für die Uraufführung “Almanya – Willkommen in Deutschland” großen Applaus. Der Film könnte der Publikumsliebling der Berlinale werden. Für uns war er eine willkommene Abwechslung zur enttäuschenden “Schlafkrankheit”. Im Film geht es um Integration, also kam auch Bundespräsident Wulff mit Gattin Bettina gerne zur Premiere.

Die aus Dortmund stammende Regisseurin Samdereli erzählt in ihrem doppelbödig inszenierten Film über einen Zeitraum von 45 Jahren, vom Beginn des Wirtschaftswunders bis Anfang der 90er Jahre, die Geschichte der Einwanderungsfamilie Yilmaz aus Anatolien. Es ist ein – im doppelten Sinne – farbenfrohes Integrationsmärchen aus türkischer Sicht geworden. Der Film sprüht vor klugem Witz, ist voller Gefühl für das Aufeinandertreffen zweier Kulturen und zeigt einen eigenständigen Beitrag zur Integrationsdebatte.

Einige der zahlreichen witzigen Einfälle der Samdereli-Schwestern möchte ich gerne vorstellen. Als der Einwanderer Yilmaz am 10. September 1964 in Oberhausen ankommt, wäre er eigentlich der Millionste Gastarbeiter geworden, aber er ließ einem anderen galant den Vortritt, der dann die Ehrung und das Zündapp-Moped erhielt.

Die “Gastarbeiter” konnten bei ihrer Ankunft natürlich kein Deutsch verstehen. Samdereli lässt deshalb zum Ausgleich die Deutschen in unverständlichen Idiomen sprechen, ähnlich dem Heil-Hinkel-Deutsch aus Charlie Chaplins “Der große Diktator” und übersetzt diese eigentümliche Sprache dann per Untertitel.

Oder die Geschichte mit den Müllfrauen: Kaum in Deutschland angekommen, beobachten die Kinder am Fenster die Müllabfuhr für die Yilmaz arbeitet und seine kleine Tochter wünscht sich nichts sehnlicher, als später ebenso als Müllfrau zu arbeiten. Sie ist maßlos enttäuscht, dass es in Deutschland nur Müllmänner geben kann. Jahre später, auf einer gemeinsamen Reise nach Anatolien, traut sie ihren Augen nicht: Es gibt in der Türkei bereits ihre heiß ersehnten Müllfrauen.

Alle, auf beiden Seiten vorhandenen Klischees werden phantasievoll angerissen. Der Weihnachtsbaum wird zum Nadelstrauch, den Deutschen wird sogar Kannibalismus zugetraut, die Blümchenmusterkleider tauchen auf und die bevorstehende Einbürgerung scheint ohne sonntägliches Tatort-Sehen, unmöglich zu werden.

Am 10. September 1964 wurde in der Bundesrepublik der millionste “Gastarbeiter” begrüßt. Der Film der Schwestern Yasemin Samdereli (Regie) und Nesrin Samdereli (Buch) erzählt die Geschichte des Eine-Million-und-Ersten, eines Mannes namens Hüseyin Yilmaz, und seiner Familie. Und das über einen Zeitraum von 45 Jahren. “Wer oder was bin ich eigentlich – Deutscher oder Türke?” Diese Frage stellt sich der sechsjährige Cenk Yilmaz, als ihn beim Fußball weder seine türkischen noch seine deutschen Mitschüler in ihre Mannschaften wählen.

Um Cenk zu trösten, erzählt ihm seine 22-jährige Cousine Canan die Geschichte ihres Großvaters Hüseyin, der Ende der 60er Jahre als “Gastarbeiter” nach Deutschland kam und später Frau und Kinder nach “Almanya” nachholte. Längst ist Deutschland zur Heimat der Familie geworden. Doch eines Abends überrumpelt Hüseyin seine Lieben mit der Nachricht, er habe in der Türkei ein Haus gekauft und wolle mit ihnen in die alte Heimat fahren. Widerworte werden nicht geduldet, und so bricht die ganze Familie in die Türkei auf. Es beginnt eine Reise voller Erinnerungen, Streitereien und Versöhnungen – bis der Familienausflug eine unerwartete Wendung nimmt … (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden Sie hier. “Alemanya – Willkommen in Deutschland” startet am 10. März in unseren Kinos.

“Schlafkrankheit” – Schlaflos in Berlin und Kamerun (Berlinale III)

Ulrich Köhler hat sich mit seinem Wettbewerbsbeitrag verhoben

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ist die Schlafkrankheit eine Erkrankung zum Einschlafen? Oder trifft das Gegenteil zu? Auf den deutschen Wettbewerbs-beitrag von Ulrich Köhler traf jedenfalls beides zu.

Glücklicherweise lief der Film nachmittags, in der Spätvorstellung wäre ich sicherlich eingenickt (wie einige Besucher in meiner Umgebung) oder ich hätte aus lauter Ärger wegen des schlechten Films, der vielleicht Stoff für einen Kurzfilm oder einen Dokumentarfilm bot, nicht einschlafen können.

Das Spannendste am gesamten Film war die Schlussszene, in der ein Nilpferd grunzend durch den nachtdunklen Urwald zog. Es konnte auch nicht schlafen.

Zur Wiedergutmachung und zum Aufwachen sah ich anschließend noch die außer Konkurrenz laufende Einwanderungskomödie von Yasemin Samderreli  ”Almanya – Willkommen in Deutschland”, doch dazu morgen mehr.

Ausschnitte aus dem Film und einem Interview finden Sie hier. Der Film startet am 16. Juni 2011 in den Kinos.

Die Berlinale stellt den Film in ihrem Programm wie folgt vor:

Seit fast 20 Jahren leben Ebbo und Vera Velten in verschiedenen afrikanischen Ländern. Ebbo leitet ein Schlafkrankheitsprojekt. Seine Arbeit füllt ihn aus. Vera hingegen fühlt sich zunehmend verloren in der internationalen Community von Yaounde. Sie leidet unter der Trennung von ihrer Tochter Helen, 14, die in Deutschland ein Internat besucht. Ebbo muss sein Leben in Afrika aufgeben, oder er verliert die Frau, die er liebt. Aber mit jedem Tag wächst seine Angst vor der Rückkehr in ein Land, das ihm fremd geworden ist.

Jahre später. Alex Nzila, ein junger französischer Mediziner mit kongolesischen Wurzeln, reist nach Kamerun. Er soll ein Entwicklungshilfeprojekt evaluieren. Schon lange hat er den Kontinent nicht mehr betreten. Doch statt auf neue Perspektiven trifft er auf einen destruktiven, verlorenen Menschen: Wie ein Phantom entzieht sich Ebbo seinem Gutachter… 

“Margin Call” – Der Tag, an dem die große Finanzkrise an der Wallstreet ausbrach (Berlinale II)

Ein Bankenthriller mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Gestern Morgen beim Studium des Wirtschaftsteils des Tagesspiegels dachte ich für einen kurzen Moment, hier fehlt doch eine Meldung über die Wirtschaftskrise. Der am Abend zuvor gesehene Berlinale-Film im Wettbewerb “Margin Call” von JC Chandor hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Als “Margin Call” wird übrigens in der Finanzwelt die Nachschusspflicht bezeichnet, die bei Verlust der festgelegten Mindest-Deckungshöhe angefordert wird. Oder so ähnlich.

Apropos “Nachschuss”: Die Parallelen zum Western “True Grit” sind verblüffend. In “Margin Call” agiert ein altgewordener 68er mit langer Mähne in bester Westernmanier als CEO einer Investmentbank. Vom Hippie zum Kapitalisten sozusagen. Auf dem roten Teppich trat Jeremy Irons übrigens mit Cowboy-Stiefeln und Fransen-Lederjacke auf. Das “Finanzcasino” wird, und das ist eine weitere Parallele zu “True Grit”, von der Männerwelt beherrscht. Die einzige Frau, Demi Moore, wird am Ende “gefeuert”.

“Margin Call” ist ein verdammt guter, sehr empfehlenswerter Film, einem Kammerspiel gleichend, mit wunderbar agierenden Schauspielern. Aber ich verließ den Berlinale-Palast mit einer gewissen Wut (oder war es Resignation?) im Bauch ob der Skrupellosigkeit der Finanzbranche und deren Brokern. Selbst kleinste Ansätze von Moral gehen in der Gier nach Money, Macht und Besitzstandswahrung auf hohem Niveau unter. Eine Änderung zeichnet sich selbst drei Jahre nach der Finanzkrise nicht ab. In einer gläsernen Welt, hoch in den Wolken und über allem thronend, findet der Kontakt zur Welt der Sterblichen maximal im zufälligen Zusammentreffen mit der Putzfrau im hauseigenen Fahrstuhl statt. Wer hier die Außerirdischen sind, ist wohl klar.

Der Thriller vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise von 2008 spielt in der New Yorker Wall Street – in den Büros einer bedeutenden Investmentbank während jener entscheidenden 24 Stunden, die dem Eingeständnis ihres finanziellen Bankrotts vorangehen. Hier wird dem jungen Analysten Peter Sullivan nach Durchsicht der Akten schlagartig klar, dass die Bewertungen, auf denen das Geschäftsmodell der Firma beruht, fehlerhaft sind, und dass die Aktiva im Hypothekengeschäft nicht jenen Wert besitzen, der in den Büchern ausgewiesen ist. Im Gegenteil: Sie haben das Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht.

Im Laufe der Nacht verbreitet sich diese Einsicht unter den führenden Mitarbeitern, die zusammenkommen, um die Bank zu retten. Zu ihnen gehören der erfahrene Börsianer Sam Rogers, sein Vorgesetzter Jared Cohen, die Risikoanalystin Sarah Robertson sowie der Firmenchef John Tuld, der mit dem Helikopter eingeflogen wird. Er ist es schließlich, der einen Rettungsplan entwirft: Sobald am Morgen die Börse öffnet, sollen sämtliche “toxischen“ Papiere abgestoßen werden. Dies ist ein Schachzug, der nicht nur für die Wall Street verheerende Folgen hat … (Quelle: Filmbeschreibung)

Ausschnitte aus dem Film und der Pressekonferenz finden Sie hier

Der Eröffnungsfilm der Berlinale: “True Grit” von den Coen-Brüdern (Berlinale I)

Ein alter Zausel (Jeff Bridges), ein aufschneidender Ranger (Matt Damon) und ein Mädchen mit echtem Schneid (Hailee Steinfeld)

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der erste Western, den ich seit ewigen Zeiten im Kino gesehen habe, war der Eröffnungsfilm der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin “True Grit” von Ehtan und Joel Coen. Wann lief überhaupt das letzte Mal ein Western im Kino? Das muss Jagdgründe her sein. Eine Welturaufführung war es nicht, der Film läuft bereits mit großem Erfolg in den Staaten.

Karten für die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag zu bekommen, war unmöglich, also sahen wir den Coen-Film gestern Nachmittag in der Wiederholung im Friedrichstadtpalast und auch das nur aufgrund persönlicher Kontakte. Es hat sich gelohnt. “True Grit” ist ein richtig guter,  sehenswerter Film. Ein gelungener Auftakt zur Berlinale, der sich am späteren Abend mit “Margin Call” (Kevin Spacey und Jeremy Irons in den Hauptrollen) fortsetzte (Bericht folgt morgen).

Alle Elemente eines klassischen Western sind in “True Grit” enthalten: Pferde, Pistolen, Goldstücke, ein Marshal und ein Texas-Ranger, Lagerfeuer unterm Sternenhimmel, Bankräuber, weite Prärie, eine Schlangengrube, einsame Holzkaten, winterlicher Wald, Schießereien mit tödlichem Ausgang aus unmöglicher Entfernung und ein weiblicher Racheengel.

Letzterer ist allerdings für einen Western eher unüblich. In der Regel agieren dort nur Männer (die Girls im Saloon einmal ausgenommen), aber in “True Grit” spielt die 14jährige Mattie Ross die Hauptrolle. In der Regel wird auch sehr viel geschossen und wenig geredet, in “True Grit” ist es eher umgekehrt. Die teilweise witzigen Dialoge, bei denen die weibliche Protagonistin meist wortführend ist, machen daher auch einen wichtigen Teil des Films aus.

Arkansas, 1872. Hier beginnt das Indianergebiet, in das sich Tom Chaney geflüchtet hat. Ihm auf den Fersen ist die 14-jährige Mattie Ross, die Tochter des Farmers, den er erschoss. Sie will den Mörder ihres Vaters vor Gericht bringen – mit eisernem Willen. Hilfesuchend wendet sie sich an den Marshal Rooster Cogburn, dem ein legendärer Ruf vorausgeht. Und das zu Recht: Auf 23 Tote in vier Dienstjahren hat er es gebracht – darunter aber, so Cogburn, “keiner, der es nicht verdient hätte“.

Starrsinnig, betrunken, einäugig: Cogburn mit seinem zerzausten Haar, seiner Augenklappe und seinen abgetragenen Klamotten sieht nicht gerade vertrauenswürdig aus. Doch sucht Mattie ja gerade nach der Entschlossenheit, eine Sache bis zum Ende durchzuziehen. Widerwillig lässt Cogburn sich von Mattie überreden, sie auf die Jagd nach Chaney mitzunehmen – quer durch die gesetzlosen Weiten der Prärie. Doch sie sind nicht allein, denn auch der Texas-Ranger LaBoeuf will den Flüchtigen stellen, um eine Kopfprämie zu kassieren. Und schon bald kommt Mattie dem Mörder ihres Vaters gefährlich nah … (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden sie hier. Am 24. Februar startet der Film, der für zehn Oscars nominiert wurde, bei uns in den Kinos.

Der Heilige Wald im Tiergarten

"Heiliger Wald im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Heiliger Wald im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Geheimnis ist keines mehr. Der Schriftzug “Holy Wood” auf einem 53 Meter langen und 14 Meter hohen Gerüst im Tiergarten ist fertiggestellt (siehe hier) und hat leider nichts mit gleichlautender Traumfabrik gemein. Ein Ökostromanbieter ist dieses Jahr Werbepartner der Berlinale und der Berliner Künstler Ralf Schmerberg hat eine Idee hierzu thematisch umgesetzt. Pünktlich zu Beginn der Internationalen Filmfestspiele Berlin am 10. Februar 2011 wird der Schriftzug heute Abend vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der gleichzeitig auch Kultursenator ist, eingeweiht. Als Huldigung an den Baum an sich und an den “heiligen” Wald der Berliner, den Tiergarten, sollen allabendlich Waldbilder darauf projiziert werden. Der Wald im Wald sozusagen. Fortsetzung folgt.

Das letzte Glas ist getrunken – Gary Moore ist gestorben

“So long it was so long ago/ but I’ve still got the blues for you.”

"Das letzte Glas", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

“Das letzte Glas”, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Am Sonntag starb der irische Bluesrocker Gary Moore unerwartet mit 58 Jahren in seinem Hotelzimmer im spanischen Urlaubsort Estepona an der Costa del Sol. Mit

Gary Moore: “Still got the Blues (for you)”

hatte er 1990 einen Welthit.

Der im nordirischen Belfast geborene Moore begann bereits mit acht Jahren, Gitarre zu spielen. Eine erfolgreiche Solo-Karriere und die Zusammenarbeit mit Thin Lizzy, George Harrison, Ginger Baker, Jack Bruce, Rory Gallagher, den Beach Boys, Colosseum II und Ozzy Osbourne zeigen die Bandbreite seines Repertoires. Moore ließ sich nicht auf ein Genre festlegen. Er pendelte zwischen Blues und Hardrock und war deshalb ein begehrter Session- und Studiomusiker.

Mit Blues-Alben wie “Still Got The Blues” feierte er in den letzten beiden Jahrzehnten seine Erfolge. Die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: “Viel mehr als ein Blues-Gitarrist ist Moore ein Alleskönner, der in den 70er Jahren die Standards der Rockgitarre setzte. Wenn es in seinem Spiel einen konstanten Bezug gibt, dann zu dem perfektionistischen, eloquenten und tremoloseligen Klangideal eines Jeff Beck”.

Geheimnisvolle Schriftzeichen im Tiergarten

"Holy Wood im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Holy Wood im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Entsteht pünktlich zu Beginn der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vom 10. bis 20. Februar 2011 im Tiergarten in der Nähe des Potsdamer Platzes eine Filiale der Traumfabrik aus Hollywood? Der Schriftzug aus den Bergen über Los Angeles wird bereits montiert. Es scheint aber noch Probleme mit der korrekten Schreibweise zu geben. Handelt es sich um einen Werbegag oder um eine, wie der Tagesspiegel berichtete, politische Aktion? Fortsetzung folgt.

Der schwarze Schwan und der (un)perfekte Horror

Natalie Portman in Black Swan zwischen Genie und Wahnsinn

“In dem Psychotriller Black Swan bekommt die junge, aufstrebende Ballerina Nina Sayer (Natalie Portman) die Doppelrolle ihres Lebens: In Schwanensee soll sie sowohl den unschuldigen weißen als auch den dämonischen schwarzen Schwan verkörpern. Während sie die perfekte Besetzung für den weißen Schwan ist, muss sie für den Gegenpart der Figur lernen loszulassen und die dunkle Seite in sich hervorbringen … Ninas Verzweiflung wächst und sie stößt einen ebenso befreienden wie selbstzerstörerischen Prozess an, bei dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Aber ungeachtet aller Gefahren treibt Nina ihre Vorbereitungen für die Premiere des Stücks weiter – denn für sie zählt nur eines: Vollkommenheit.” (so der Pressetext).

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der Verleih kündigt den Film auf dem Filmplakat in einer Unterzeile als “Psycho-erotischen Horror-Thriller” an. Das Wort Horror nahmen wir leider erst direkt vor dem Kino zur Kenntnis! Nina lebt zwischen zwei Welten: rosa Plüschtiere im Kinderzimmer und eine ehrgeizige Übermutter, die wachend davor steht, sowie ein Ballettmeister, der sie zu Höchstleistungen antreibt.

Das Drama zwischen dem weißen und dem schwarzen Schwan, zwischen Gut und Böse müsste hauptsächlich im Kopf stattfinden. Stattdessen hat Regisseur Darren Aronofsky der langsam in den Wahn tanzenden Ballerina einen unnötigen, sehr realistischen Horror ins Drehbuch geschrieben. Und zwar mit der Holzhammermethode, damit auch der letzte Zuschauer begreift, dass er einem faustischen Drama beiwohnt.

Liebe Regisseure: Der Zuschauer ist gebildeter als ihr denkt und würde auch subtile Andeutungen verstehen! Durch diesen Psychothriller-Einschlag verliert der Film gewaltig an Authentizität, und Erotik war weit und breit nicht zu erkennen. Unverständlicherweise weist der zur Verfügung stehende Trailer in keiner Weise auf die bevorstehenden Szenen hin, sondern suggeriert ein klassisches Künstlerdrama zwischen Genie und Wahn.

Mein Fazit: Nicht empfehlenswert, wäre nicht Natalie Portman. “Mit Anmut und feuchten Augen durchmisst Portmans Nina das Martyrium, so glaubhaft – man könnte mit ihr wahnsinnig werden. Wer würde in diesem sich selbst reflektierenden Spiegelkabinett nicht den Blick dafür verlieren, was herbei phantasiert und was real ist, wer Opfer und wer Täter ist? Es ist beeindruckend zu sehen, wie die fragile Unschuld ihre Metamorphose zum stolzen, schwarzen Schwan vollzieht. Natalie Portman ist an dieser großen darstellerischen Aufgabe über sich hinaus gewachsen. Nina Sayers, die alles perfekt machen wollte, zerbricht an ihr, als der Vorhang fällt” so urteilt DIE ZEIT.

DER SPIEGEL schreibt “Sie ist in diesem Jahr das Maß aller Dinge”. Die 29-jährige Natalie Portman hat kürzlich den Golden Globe als beste Drama-Darstellerin erhalten und ist Kandidatin für den Oscar in der Kategorie Beste Weibliche Hauptdarstellerin. Deswegen und vor allem, weil ich ihr Debüt als Zwölfjährige in “Léon – Der Profi” von Luc Besson in bester Erinnerung habe, bin ich überhaupt in diesen Film gegangen.

Meine beiden Begleiterinnen hatten nach dem Kinobesuch aufgrund der Horrorszenen keinen rechten Appetit auf etwas Essbares. Ja, sie wollten sogar ein Drittel des Eintrittspreises zurückfordern, weil sie während dieser Zeit nicht auf die Leinwand gesehen hätten. Nach einer Kaffeepause im Büro eines klugerweise nicht mitgegangenen Menschen entdeckten wir aber den “Jäger und Sammler”, ein neues, schlicht-elegantes Restaurant in der Grundwaldstraße 81 in Schöneberg. Hier gibt es eine kleine, feine Speisekarte mit täglich wechselnden Leibgerichten des Kochs und der Wirt gibt gerne persönlich Auskunft über die ein oder andere Zutat. Das vorzügliche Essen und die schauspielerische Leistung von Natalie Portmann gaben dem Abend einen versöhnlichen Ausklang. Eindrücklich sei noch einmal gesagt, dass Black Swan kein Film für Ballettliebhaber ist!

Das obskure Objekt der Begierde

Die Schöne Helene für 72 Stunden in der Berliner Luft oder
“Eros, C´est la vie”

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Alles ist inzwischen in der Hauptstadt möglich: zum Beispiel direkt nach der After-Show-Party um drei Uhr morgens, ins Museum zu gehen. Die Neue Nationalgalerie hat die obere Halle komplett leer geräumt und zeigt seit dem 27. Januar 2011, 24.00 Uhr, durchgehend für 72 Stunden das Assisted Readymade “Belle Haleine – Eau de Voilette” von Marcel Duchamp.

Es handelt sich um den Parfumflakon “Un Air Embaumé” (Duftende Luft) der Firma Rigaud, den Marcel Duchamp 1921 “modifizierte”, indem er das ursprüngliche Etikett durch den neuen Schriftzug “Belle Haleine – Eau de Voilette” ersetzte. Auf der Rückseite der Verpackung signierte er das Werk in Anspielung auf “Eros, c’est la vie” mit seinem Pseudonym “Rrose Sélavy”.

Belle Haleine oder Schöner Atem verweist auf die Schöne Helene aus der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach und somit auf die schönste Frau der Welt an sich. Auf dem neu entworfenen Flakon-Etikett hat Duchamp zusätzlich ein von Man Ray gemachtes Foto angebracht, das ihn selbst in Frauenkleidern zeigt.

Ob das Parfum noch duftet, konnte ich während meines Besuches leider nicht feststellen. Der Flakon steht unter einem riesengroßen, gläsernen Panzer, der dieselben Maße wie Nofretetes Schutzhaube im Neuen Museum aufweist. Damit wird die Belle Haleine als Ikone der Neuzeit auf eine Stufe mit der schönen Nofretete als Ikone der Antike gestellt.

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Marcel Duchamp entwickelte in den 1910er Jahren sein Konzept der Readymades. Kraft “seines Amtes” erklärte er Serienprodukte, die industriell hergestellt wurden, zu Kunstwerken. Berühmteste Beispiele sind das umgedrehte Urinal und die Fahrradfelge auf einem Hocker. Das Interesse an den nicht-materiellen Anteilen von Kunst, an einem Konzept und das Nachdenken über Originalität und Autorenschaft haben bis heute großen Einfluss auf die nachfolgenden Künstler.

Das Readymade Belle Haleine befand sich zuletzt im Nachlass von Yves Saint Laurent und ist der einzige im Original erhaltene Flakon. Im Februar 2010 wurde er bei Christie’s in Paris für 7,9 Millionen Euro (sic!) versteigert. Der Käufer ist nicht bekannt. Auch Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, verriet den Sammler nicht.

Während die Nofretete im Neuen Museum nicht mehr fotografiert werden darf, dürfen sich die Besucher in der Neuen Nationalgalerie bei freiem Eintritt noch bis heute Abend, 24.00 Uhr, von der Schönen Helene “ein Bild machen”.

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