Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Am Anfang war es tierisch …

Wie Eric Burdon ein altes Bordell in die Hitparaden bringt
und anschließend der Rockwelt den ‘Krieg’ erklärt

There is a house in New Orleans / They call the Rising Sun / And it’s been the ruin of many a poor boy / And God I know I’m one

"Strandbar unter Palmen bei Nacht", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Strandbar unter Palmen bei Nacht”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In diesem Jahr feierten und feiern sieben Rocklegenden ihren 70. Geburtstag: Bob Dylan, Neil Diamond, Art Garfunkel, Chubby Checker, David Crosby, Charlie Watts und Eric Burdon. Zunächst soll es um Eric Burdon (geb. 11.05.1941) und seine Animals gehen. Nachdem Burdon bereits mit dem Bluesmusiker Alexis Korner aufgetreten war, gründete er 1964 mit dem Organisten Alan Price die ‘Animals’ und gleich im ersten Jahr nahmen sie den Song auf, der ihr größter Erfolg werden sollte und der weltweit die Hitparaden eroberte:

Eric Burdon & The Animals: “House Of The Rising Sun”

Ohne diesen Song wäre die Geschichte der Rockmusik anders verlaufen. Es handelt sich um ein altes Volkslied aus dem 17. Jahrhundert, das bereits frei von Rechten war. Das Haus in New Orleans soll es wirklich gegeben haben. Es gehörte zwischen 1862 und 1874 einer gewissen Marianne LeSoleil Levant (lässt sich auf ‘Rising Sun’ deuten).

Eine Anekdote am Rande: Bob Dylan hatte den Song bereits vor den Animals gespielt. Als er ihn das erste Mal auf der elektrischen Gitarre von den Animals hörte, soll er vor Wut in seine Akustik-Gitarre gebissen haben (oder so ähnlich). Bald darauf schloss er seine Gitarre auch an einen Verstärker an.

Nach weiteren Hits wie “Don’t Let Me Be Miss Understood”, “San Franciscan Night” und “We gotta Get Out Of This Place” gingen die Animals 1966 im Streit auseinander. 1970 schloss sich Burdon der Latino/Funksoul-Combo “War” an. Ihr Debüt-Album “Eric Burdon Declares War” wurde von den Kritikern hochgelobt und der ‘New Musical Express’ bezeichnete sie damals als “beste Live-Band, die wir jemals gehört haben”. Seitdem arbeitet Eric Burdon in wechselnden Formationen bis heute weiter. 1986 schrieb er seine Biografie “I Used to Be an Animal”.

My mother was a tailor / She sewed my new bluejeans / My father was a gamblin’ man / Down in New Orleans

André Kertész – Retrospektive im Martin-Gropius-Bau

Komponierte, poetische Fotografien des Malers mit der Kamera

"André Kertész im Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"André Kertész im Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Letzten Freitag wurde im Martin-Gropius-Bau eine große Ausstellung mit über 300 Fotografien von André Kertész (1894 bis 1985) eröffnet.

Neben der Brassaï-Ausstellung (siehe meine Artikel “Brassaï – Im Atelier und auf der Straße“) ist in Berlin somit ein weiterer Fotograf zu bewundern, der in Ungarn geboren wurde und im Paris der 1920er Jahre berühmt wurde.

Die Gäste der Vernissage folgten André Kertész wechselvollem Leben und durchliefen fünf große Lebensabschnitte, die gleichzeitig auch der Ausstellungseinteilung in fünf Kapitel entsprechen: Ungarn 1894 – 1925, Frankreich 1925 – 1936, Reportage und Illustration, USA 1936 – 1962 und Rückkehr und Neuanfang 1963 – 1985. Es sind fast ausschließlich Original-Abzüge (Vintage-Prints) zu sehen.

Der Tagesspiegel schreibt zu Kertész berühmtesten Foto, “Die Gabel” aus dem Jahr 1928: “Umgekehrt abgelegt auf einem Tellerrand, wirft sie einen Schatten, der Stiel und Zinken genau wiedergibt. Unzählige Male ist dieses Foto reproduziert worden, seit es 1929 erstmals zu sehen war, auf der legendären Ausstellung “Film und Foto” in Stuttgart. Die war auch in Berlin zu sehen, im Kunstgewerbemuseum, das heute Martin-Gropius-Bau heißt. Dorthin ist der Originalabzug jetzt zurückgekehrt.”

Dieses Foto  inspirierte übrigens Wolfgang Vollmer und Ulrich Tillmann 1985 zu ihrer Arbeit “Laslo Mohas: Die Gabel“, die  in den “Meisterwerken der Fotokunst – Sammlung Tillmann und Vollmer” neben weiteren herrlich ironisierenden Arbeiten zu sehen ist.

Meine Fotografie ist eigentlich ein visuelles Tagebuch. […] Für mich ist die Kamera ein Werkzeug, mit dem ich mein Leben ausdrücke und beschreibe, so wie Dichter oder Schriftsteller, wenn sie die Erfahrungen beschreiben, die sie in ihrem Leben gemacht haben. Es war eine Möglichkeit, die Dinge, die ich entdeckt hatte, zu projizieren.

Die von den Berliner Festspielen veranstaltete  Ausstellung ist noch bis zum 11. September 2011 zu besichtigen. Eine Auswahl von Kertész-Fotos finden Sie in der National Gallery of Art und bei der Bildersuche von Google.

Neue Realitäten. FotoGrafik von Warhol bis Havekost

Neue Druckverfahren zwischen Druckgrafik und Fotoprint
im Berliner Kupferstichkabinett

"Die kleine Riesin nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Die kleine Riesin nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Themenausstellung am Kulturforum Potsdamer Platz im Kupferstichkabinett, die 120 Werke von 40 Künstlern präsentiert, widmet sich dem künstlerischen Transfer fotografisch erstellter Bilder in das Medium der Druckgrafik von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart. Die Anfänge liegen in der Ära der Pop Art.

Dabei stellt der Siebdruck eines der ersten Medien beim Umgang mit fotografischen Vorlagen dar. Wenig später dann machen Künstler wie Gerhard Richter und Sigmar Polke mit der Offsetlithografie ein weiteres ‘triviales’ Printmedium für künstlerische Editionen nutzbar. Parallel dazu werden weiterhin klassische Druckverfahren wie der Holzschnitt (Franz Gertsch), die Radierung (Peter Sorge) und die Lithografie (Jasper Johns) verwendet, um fotografische Bilder in eine neue Realität zu überführen.

Seit den 1990er Jahren kommen über die digitale Erstellung und Bearbeitung fotografischer Bilder neue Druckverfahren hinzu, die zu einer Aufweichung der Grenzen zwischen Druckgrafik und dem Fotoprint führen.

Die Adaptation fotografischer Bilder und deren Verfremdung sind inhaltlich vielschichtig: Es ergeben sich unterschiedliche Formen der Medienreflexion und der Analyse sozialer Wirklichkeiten. Angeregt wurde die Ausstellung durch eine bedeutende Schenkung von Editionen Sigmar Polkes durch Wolfgang Wittrock (Berlin) im Jahr 2007 an das Kupferstichkabinett. Die Ausstellung läuft bis noch bis zum 9. Oktober 2011. Quelle: Pressemitteilung.

Eine Ausstellungsbesprechung folgt demnächst. www.smb.spk-berlin.de

Helmut Newton – Polaroids

… in der Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie, Berlin, bis zum 20.11.2011

"Lady In Red", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

"Lady In Red", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1990

Anhand von über 300 Fotografien wird erstmals ein repräsentativer Überblick über Newtons legendäre Polaroids gezeigt. Seit den 1970er Jahren hatte er diese Technik intensiv genutzt, insbesondere während der Shootings für seine Modeaufträge.

Dahinter stand, wie Newton es selbst einmal in einem Interview nannte, das ungeduldige Verlangen sofort wissen zu wollen, wie die Situation als Bild aussieht. Ein Polaroid entspricht in diesem Zusammenhang einer Ideenskizze und dient zugleich der Überprüfung der konkreten Lichtsituation und Bildkomposition.

Aufschlussreich sind Newtons handschriftliche Ergänzungen an den Bildrändern der Polaroids: Kommentare zum jeweiligen Modell, Auftraggeber oder Aufnahmeort. Diese Anmerkungen, die Unschärfen und Gebrauchsspuren finden sich auch auf den Vergrößerungen der Polaroids innerhalb der Ausstellung; sie zeugen von einem pragmatischen Umgang mit den ursprünglichen Arbeitsmaterialien, die inzwischen jedoch einen autonomen Wert besitzen.

Insbesondere die eigene, unvergleichliche Ästhetik der Polaroids, die die Farbigkeit und die Kontraste des fotografierten Gegenstandes unvorhersehbar verändert, macht die experimentelle Technik auch für den heutigen Betrachterblick interessant. Insofern kommt die Ausstellung einem Blick ins Skizzenbuch eines der einflussreichsten Fotografen des 20. Jahrhunderts gleich. Viele der ikonischen Aufnahmen, die bereits zuvor in den Ausstellungsräumen der Helmut Newton Stiftung gezeigt wurden, werden durch die jetzige Ausstellung in ihrer Entstehung präsent. Quelle: Presseerklärung.

Eine Ausstellungsbesprechnung folgt demnächst.  www.helmutnewton.com

Freiheit für Ai Weiwei

"Freiheit für Ai Wei Wei vor dem Berliner Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Freiheit für Ai Wei Wei vor dem Berliner Gropius-Bau", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

An der Situation des chinesischen Künstlers Ai WeiWei hat sich wenig geändert, nach wie vor sitzt er im Gefängnis (Siehe mein Beitrag “Für die sofortige Freilassung von Ai Weiwei – China setzt ein weiteres Zeichen gegen die Meinungsfreiheit“. In der Kunst-Zeitschrift “Monopol” habe ich dazu noch einen lesenswerten Beitrag gefunden: ”Es war einmal – Ai Weiweis Film zu seinem heute so unwahrscheinlichen Documenta-Auftritt 2007“.

Hauseingang in Olbrichs Welt

Josef Maria Olbrichs Architektur-Träume des Jugendstils
in der Kunstbibliothek am Kulturforum am Potsdamer Platz

Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war, noch jemals sein wird. [Olbrich]

"Ausstellungsankündigung an der Kunstbibliothek", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Ausstellungsankündigung an der Kunstbibliothek”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Vor genau 100 Jahren hat eine Stiftungskommission den zeichnerischen Nachlass des Architekten, Designers und Landschaftsplaners Josef Maria Olbrich (1867 – 1908) erworben. Der Kommission gehörten der Künstler Max Liebermann und der Direktor der Staatlichen Museen Berlin Wilhelm von Bode an. In den Besitz der Berliner Kunstbibliothek gelangte somit die bedeutende Sammlung von 2500 Zeichnungen, wobei in der Ausstellung lediglich 200 zu sehen sind.

Die Ausstellung ist in die fünf Gruppen “Anfänge in Wien”, “Wiener Seccession”, “Mathildenhöfe in Darmstadt”, “Bauten in Berlin” und “Kunsthandwerk” eingeteilt, die auch gleichzeitig die einzelnen Stationen von Olbrichs Schaffensperiode aufzeigen. Bekannt wurde der Künstler vor allem durch sein Gebäude für die Wiener Seccession, seine Bauten für die Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe und seinen letzten Auftrag, das Warenhaus Leonhard Tietz in Düsseldorf.

Die einzelnen Blätter weisen eine einzigartige, farbenfrohe Schönheit wie in einem Bilderbuch auf, es fehlte nur noch, dass die Ausstellung mit “Es war einmal …” begann. Auf dem Blatt, das die Eingangssituation von Olbrichs eigenem Haus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt zeigt, steht der Satz “Hauseingang in meine Welt”. Das kann man auch für die gesamte Ausstellung so sehen. Sie ist nur noch heute und morgen zu sehen.

Brassaï – Geheime Kunst von Paris in anonymen Graffiti

Brassaïs “Auf der Straße” und Dubuffets “Les murs” in Berlin

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Bevor das Museum Berggruen im September 2011 für Renovierungsarbeiten seine Pforten schließt, um voraussichtlich im Juni 2012 mit dem neuen Erweiterungsbau wieder zu eröffnen, stehen sich die beiden Häuser der Dependancen der Neuen Nationalgalerie räumlich und inhaltlich nahe wie nie zuvor: Beide sind Prachtbauten von Stüler, beide beherbergen private Sammlungen der Klassischen Moderne und jetzt führt ein Photograph beide noch näher zusammen: Brassaï.

Im Gegensatz zu “Im Atelier” im Museum Berggruen (siehe mein letzter Post Brassaï – Der Photograph mit den vielen Masken) sehen wir im Haus gegenüber in der Sammlung Scharf-Gerstenberg Brassaïs “Auf der Straße”, den zweiten Werkkomplex der Doppel-Ausstellung (bis zum 28. August 2011). Hier finden sich die eingeritzten Kritzeleien an Häuserwänden, die an archaische Höhlenmalereien erinnern. Für Brassaï zeigte sich in diesen Pariser Graffiti der Geist des Surrealismus.

Der Tagesspiegel schreibt: “Drei Löcher in der Wand – Auge, Auge, Mund – mit angedeuteten Haaren, Gesichtskonturen oder nur die Silhouette eines Tieres, einer weiblichen Figur, besitzen eine geradezu archaische Kraft, der Höhlenmalerei verwandt. Der Art-brut-Maler Jean Dubuffet hatte dies erkannt. Einige seiner Bilder, die im Marstall zusammen mit der Graffiti-Serie zu sehen sind, scheinen direkt von den Aufnahmen inspiriert. Der Fotograf hatte im Stadtbild entdeckt, was sich die Surrealisten mühsam erst erarbeiten mussten.”

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit einem Graffiti-Photo von Georg Brassai 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Im Obergeschoss ist das lithografische Werk “Les murs” von Jean Dubuffet aus dem Jahr 1945 zu sehen. Hier nimmt er explizit auf Brassaïs Graffiti-Photographien Bezug. Während die unbekannten Mauer-”Künstler” bei Brassaï ihr Bild direkt in die Mauer und den Putz ritzten, wird bei Dubuffet der Lithostein selbst zur “Mauer”-Oberfläche. Für Brassaï waren die Graffiti von anonymen Kreativen Spiegel unbewusster Sehnsüchte und verdrängter Obsessionen, nichts weniger als “Bestandteile der Mythologie”.

Der Surrealismus meiner Bilder war nichts anderes als die durch die spezielle Sichtweise ins Fantastische gewendete Realität. Es ging mir nur darum, die Realität auszudrücken, denn nichts ist surrealer. Wenn sie uns nicht mehr in Erstaunen versetzt, dann nur darum, weil die Gewohnheit sie für uns banal gemacht hat. Brassaï.

Brassaï hat die Graffiti im Stadtbild entdeckt und über Jahre fotografiert. Er hat sie nie betitelt oder datiert. Die in der Ausstellung gezeigten Graffiti stammen aus den 1930er bis 1950er Jahren und sind originale Silbergelatine-Abzüge aus seinem Pariser Nachlass.

In der Ausstellung sehen wir die beiden Werkgruppen “Begegnungen mit Künstlern” und “Graffiti”. Hierzu ist auch ein Katalog für 33 € erschienen. Einen sehr guten und preiswerten Gesamteindruck über Brassaïs gesamtes Werk erhält man für 9,90 € durch den bei Taschen 2008 erschienenen Bild-Band “Brassaï – Paris”.

Brassaï – Der Photograph mit den vielen Masken

In den Ateliers der Pariser Künstler der 1920er Jahre

"Spiegelung in Brassais 'Lydia Delectorskaya im Atelier von Henri Matisse in der Villa d'Alésia, Paris'", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Spiegelung in Brassais 'Lydia Delectorskaya im Atelier von Henri Matisse in der Villa d'Alésia, Paris'", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In meinem letzten Post habe ich bereits einleitend über die Photo-Ausstellung “Brassaï – Im Atelier und auf der Straße” berichtet. Heute möchte ich zunächst auf den Teil “Brassaï – Im Atelier” im Museum Berggruen, am Charlottenburger Standort der Nationalgalerie, näher eingehen. Hier hat man die einmalige Gelegenheit Brassaïs Photographien von Künstler-Freunden wie Picasso, Matisse, Giacometti, Laurens und Braque, gemeinsam mit ihren Werken und Arbeitsplätzen zu sehen.

Die Kuratoren haben Brassaïs Photographien geschickt zwischen die Gemälde und Skulpturen der Sammlung Berggruen eingestreut und verteilt über alle drei Stockwerke gehängt. Neben den Portraits von Brassaï lassen sich so die Werke der Sammlung wieder neu entdecken. Wunderbar das Portrait von Matisse mit seinem Modell aus dem Jahr 1939 (siehe oberes Bild): Auf der einen Seite die posierende Nackte und auf der anderen Seite, wie ein Arzt (oder wie Siegmund Freud) im weißen Kittel, der schüchterne Künstler – und als Spiegelung der neuzeitliche Photograph. Oder das Photo, auf dem Georges Braque im Jahr 1949 eine Kuh beschwört (siehe unteres Bild). Im Museum Berggruen kehren Brassaïs Photos zu den Werken ihrer Künstler zurück.

Brassaï war zunächst mit der Kunst, für die er eigens nach Paris gekommen war, nicht zufrieden. Er schrieb nach Hause: “Nun, die Kunst ist tot. […] Nicht nur in ihrer schöpferischen Kraft, sondern auch in den Augen und in den Seelen derjenigen, die sie wahrnehmen und brauchen.”

"Spiegelung in Brassais 'Georg Braque in Varenvelle', Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Spiegelung in Brassais 'Georg Braque in Varenvelle', Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Kuratoren schreiben “Tatsächlich schien das Kunstleben Anfang der 1920er Jahre in der französischen Hauptstadt zu erlahmen. Die historischen Avantgarden hatten sich überlebt und der Surrealismus, dessen erstes Manifest 1924 erschien, steckte noch in seiner literarischen Anfangsphase. Umso attraktiver wurde für Brassaï das gesellschaftliche Leben – sei es in mondänen Kreisen, zu denen er über eine Freundin Zugang erhielt, sei es in Nachtclubs, Bordellen und auf der Straße.”

Aber bereits ein Jahr später konnte er seinen Eltern berichten “Meine Kunst ist vielleicht noch unsichtbar, aber sie existiert”. Und was ihm anfangs lediglich zum Broterwerb diente, geriet ihm zur Kunst. So wurde er zu einem Vorreiter der künstlerischen Photographie, er wurde “Das Auge von Paris”, wie ihn Henry Miller später nannte.

“Viele dieser Fotografien wurden in der surrealistischen Zeitschrift “Minotaure” publiziert; sie wusste den künstlerischen Charakter vermeintlich rein dokumentarischer Aufnahmen besonders zu würdigen, entsprach es doch dem Credo des Chefredakteurs und Hauptes der surrealistischen Bewegung André Breton in besonderem Maße, das Surreale nicht außerhalb, sondern in der Realität selbst zu finden und darzustellen”, so die Pressemitteilung.

Ich habe hundert Gesichter, um mich zu verstecken, und jeder kennt eine andere Maske von mir. Brassaï

Einige Daten zu Brassaï

1899 in der ungarischen Stadt Brassó (heute Brasov, Rumänien) als Guyla Halász geboren; 1920  Berlin, studiert an der Kunstakademie in Charlottenburg, hat Kontakt zu László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky und Oskar Kokoschka; zieht 1924 nach Paris,  Lebensunterhalt mit journalistischen Arbeiten, illustriert mit Fotografien; nimmt 1929 das Pseudonym „Brassaï“ (dt. „aus Brassó“) an und beginnt, selbst zu fotografieren: Auf seinen Streifzügen durch Paris entsteht die berühmte Arbeit “Paris bei Nacht“ und erste Aufnahmen von Graffiti; fotografiert 1932 Alberto Giacometti, Pablo Picasso und deren Werke für die surrealistische Zeitschrift “Minotaure”; 1933 ergeben über die “Minotaure” Kontakte zu André Breton, Salvador Dalí, Henri Laurens, Georges Braque, Henri Matisse, die er in ihren Ateliers fotografiert; ab 1937 arbeitet Brassaï für die amerikanische Zeitschrift Harper’s Bazaar; 1960er–1984: In Europa und den USA finden Ausstellungen zu Brassaïs Werk statt; 1984 stirbt Brassaï in Beaulieu-sur-Mer an der Côte d’Azur und wird auf dem Friedhof Montparnasse beerdigt.

Brassaï – Im Atelier und auf der Straße

“Das Auge von Paris” in Berlin, im Museum Berggruen und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, bis zum 28.08.2011

"Still-Leben vor dem Museumscafé", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Still-Leben vor dem Museumscafé", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

In den Außenstandorten der Neuen Nationalgalerie in Berlin-Charlottenburg gibt es im Museum Berggruen (westlicher Stülerbau) und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (östlicher Stülerbau) eine interessante und informative Doppel-Ausstellung des ungarischen Photographen Brassaï zu sehen. Er gehört neben seinem Landsmann André Kertész und dem Franzosen Henri Cartier-Bresson zu den drei Großen der französischen Fotografie der 1930er Jahre.

Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass man in beiden Häusern Brassaïs Photographien im Zusammenhang mit den Werken anderer zeitgenössischer Künstler sehen kann: Im Museum Berggruen werden Brassaïs im Atelier entstandene Fotografien neben den Werken seiner Künstlerfreunde Picasso, Matisse, Giacometti, Laurens und Braque ausgestellt und in der Sammlung Scharf-Gerstenberg sind Brassaïs auf der Straße entstandene Fotografien anonymer Kratzbilder (Graffiti), zusammen mit den Werken Jean Dubuffets zu sehen.

Brassaïs erste Künstlerportraits und Graffiti-Fotografien entstanden in den 1930er Jahren und gehören – neben seinen Aufnahmen von Paris bei Nacht, deren Veröffentlichung ihn 1932 schlagartig berühmt machte – zu seinen wichtigsten Werkkomplexen. Was ihm anfangs lediglich zum Broterwerb diente, geriet später zur Kunst. “Das Auge von Paris”, wie Henry Miller ihn später nannte, wurde zu einem bedeutenden Vorreiter der künstlerischen Fotografie.

In den beiden nächsten Beiträgen werde ich über die Ausstellung ausführlicher berichten.

www.neue-nationalgalerie.de

Die Sonne scheint nicht mehr für John Walker

Walker Brothers: The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore

"The Sun Ain't Gonna Shine Anymore", Foto © Friedhelm Denkeler 1977

“The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore”, Foto © Friedhelm Denkeler 1977

Im letzten Monat starb im Alter von 67 Jahren John Walker, Gründungsmitglied und Frontmann der legendären “Walker Brothers” in seinem Haus in Los Angeles. Die “Walker Brothers” traten 1964 im “Hollywood A Go-Go” in Los Angeles erstmals gemeinsam auf.

Es war jene Zeit, in der die Beatles die USA unsicher machten und sich das kalifornische Trio, Scott ‘Walker’ Engel (voc, b), Gary ‘Walker’ Leeds (dr, voc), John ‘Walker’ Maus (voc, g) im Februar 1965 in die Gegenrichtung auf die Reise nach London begaben, wo sie Mitte der 1960er Jahre eine der beliebtesten Bands Englands wurden.

1966 wurden sie mit ihrem einzigen Welt-Hit und bis heute bekanntesten Song “The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore” auch in Deutschland berühmt. In England erreichten sie Platz 1. Nach drei Alben trennte sich die Band im Mai 1967 zugunsten von Solokarrieren.

1975 kamen die drei noch einmal zusammen und produzierten drei weitere Alben, aber an ihre früheren Erfolge konnten sie nicht mehr anknüpfen. Ihr größter Hit passt zu meinem heutigen Artikel (leider) sehr gut:

Walker Brothers: “The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore”.

Er ist als Klassiker in die Geschichte der Rockmusik eingegangen und wird es immer bleiben.

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