Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Das Paradies liegt im Baumarkt und die Apokalypse bereits hinter uns

“I (don’t) like Mondays” bei Agathe Snows “All Access World”
im Deutschen Guggenheim (bis zum 30. März 2011)

"Doppelbogen mit Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Doppelbogen mit Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Deutsche Guggenheim in Berlin hat seit 1997 insgesamt 16 Auftrags-Arbeiten an zeitgenössische Künstler vergeben. Jeff Koons (2000), Bill Viola (2002), Gerhard Richter (2002), John Baldessari (2004), Jeff Wall (2007) und jetzt die New Yorkerin Agathe Snow gehören zu den Auserwählten. Unter dem Motto “I Like Mondays” ist im Guggenheim jeweils montags der Eintritt frei. Da die Ausstellungen dann meistens sehr voll sind, mag ich das nicht so sehr, aber dieses Mal, bei Agathe Snows “All Access World” ist das anders. Die Ausstellung kommt durch die zahlreichen Besucher erst so richtig zur Wirkung und lebt auf.

Während der monatelangen Vorbereitung dürfte Snow Stammkundin in den Berliner Baumärkten geworden sein. Ihre Skulpturen und Wandcollagen von Bauwerken und Konsumtempeln aus der ganzen Welt hat sie aus unterschiedlichsten Materialien, wie Pappe, Schaumgummi, Luftpolster, Maschendraht, Zweigen, Stoffen und Fellen, Harz oder Zement zusammengebaut.

Für Käufer bietet Snow ihre Werke nach deren Wünschen auch als individuelle Sonderanfertigung an. Wobei die Frage zu klären wäre, ob die in ihren Werken als Kritik angerissene Frage nach der Beliebigkeit und Austauschbarkeit von weltbekannten Bauwerken, nicht dadurch ad absurdum geführt wird. In der Ausstellung selber können Besucher die Objekte, die mit Rollen versehen auf einer Weltkarte stehen, einander neu zuordnen und anfassen. Snow hat den kühlen Raum im Deutschen Guggenheim in ein “Kinderzimmer” verwandelt. Kinder nehmen das schon einmal zu wörtlich und das Aufsichtspersonal ist stark gefordert.

Die aus Korsika stammende Agathe Snow sieht in ihrer Arbeit die Chance, bei Null anzufangen und ihre eigene Gesellschaft zu schaffen. Ihre Botschaft lautet, wir brauchen die Apokalypse nicht zu fürchten, sie hat bereits stattgefunden. Sortieren wir also die Welt nach eigenem Belieben neu.

Mein Foto zeigt einen Ausschnitt aus Agathe Snows Werk “Arches, Memories Collection, Artist at 10″. Auf Berlin-Woman finden Sie eine weitere Ausstellungsbesprechung. Einen Film (16 min.) mit einem Porträt der Künstlerin Agathe Snow und das Entstehen ihrer Arbeit “All Access World” finden sie hier.

Kompass – Zeichnungen aus dem MoMA New York

Eine Bestandsaufnahme der “Arbeiten auf Papier” aus dem Museum of Modern Art im Martin-Gropius-Bau, Berlin

"Akt auf Papier", Foto © Friedhelm Denkeler 1982

"Akt auf Papier", Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Ein wenig skeptisch bin ich zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend in den Martin-Gropius-Bau gegangen. Wollen die Kuratoren wie bereits im Sommer 2004 mit dem Etikett “MoMA” einen erneuten Hype entfachen? Die Online-Eintrittskarten sollen für die ersten Tage schon ausverkauft sein. All das alles ließ Schlimmstes für die Vernissage vermuten: lange Schlangen mit ewigen Wartezeiten wie bei Frieda Kahlo.

Aber alles war, wie es sein sollte: Eine rundum gelungene Eröffnung mit fünf kurzen, prägnanten Ansprachen, darunter der amerikanische Botschafter und Kuratoren aus New York, ein angenehm fachkundiges Publikum und – das ist schließlich das Wichtigste – eine sehr gute Ausstellung mit 250 “Arbeiten auf Papier” von 120 Künstlern aus dem Fundus der “Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection“, die mittlerweile dem Museum of Modern Art gehört. Die Nadel des “Kompass” zeigt zwar hauptsächlich gen Westen – New York, Los Angeles, Köln und Düsseldorf sind die Zentren aus denen die meisten Werke stammen – aber man erhält einen sehr guten Überblick über die “Arbeiten auf dem Papier” nach der Zeit des Kubismus, von 1950 bis heute.

Was wir zu sehen bekommen, hat die Märkische Allgemeine sehr gut zusammengefasst: “… mit Bleistift Gekritzeltes von Joseph Beuys, Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art Collagiertes von Martin Kippenberger, Foto- und Papiergeschnetzeltes von Sol LeWitt oder Eva Rothschild. Für seinen ‘Honigstand’ benutzte Jörg Immendorff Filzstift und Kugelschreiber. Cy Twombly tropfte 2001 Polymerfarben auf ein ungetiteltes Blatt, Sigmar Polke 2003 ebenfalls, nur gegenständlicher. Cady Noland bevorzugte Kopien von Pressebildern. Robert Crumb pinselte ‘The Complete Fritz the Cat’ mit Tusche. David Hockney fand Grafit für nackte Männer passender. Marcel Odenbach klebte grünstichige Starporträts von Elvis Presley, James Dean oder Marilyn Monroe mit Noten- und Zeitungsfetzen zu einem Birkenwald zusammen und nannte das Ergebnis ‘Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen’.”

Hat es jemals eine Ausstellung mit solcher Fülle an zeitgenössischen Zeichnungen gegeben? Ich kann mich nicht erinnern. Früher galt die Zeichnung eher als Vorstadium für Gemälde, Skulpturen oder Bauwerke. Inzwischen wird sie als eigenständige Bildgattung anerkannt und geschätzt. Dabei wird der Begriff “Zeichnung” zu einengend benutzt. Alle Formen der Collage-Technik, bedruckte Elemente, Fotografien und Materialien werden mit einbezogen. Die Grundlage allein ist der Bildträger Papier, deshalb sprechen wir lieber von “Arbeiten auf Papier”.

Fazit: Eine sehr sehenswerte Ausstellung. Voller Esprit und mit bisher nie gesehenen Arbeiten. Deshalb plane ich einen zweiten Besuch und werde dann gerne auf einzelne Werke, bzw. Künstler, die mir besonders gut gefallen haben, eingehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Mai 2011 im Berliner Martin-Gropius-Bau. Einen kleinen Überblick mit 16 Zeichnungen finden Sie hier.

Robert Mapplethorpe und der Mann im Polyesteranzug

Patti Smith: “Ich war Roberts erstes Modell, sein zweites war er selbst!”

Die C|O-Galerie kann bis Ende 2011 im Postfuhramt bleiben.

Retrospektive Robert Mapplethorpe bis zum 1. Mai 2001 verlängert.

Foto © Friedhelm Denkeler 2005

Foto © Friedhelm Denkeler 2005

“Streng sezierend, radikal reduziert – Robert Mapplethorpes Stillleben und Porträts sind ruhige, formal vollendete Kompositionen in klinischer Reinheit. Bewegungen harmonieren bis ins Detail, makellose Körper werden zu Landschaften und explizit sexuelle Handlungen und Nacktheit zu kühlen, fast unerotischen Körperstudien, bei denen die technische Perfektion im Vordergrund steht. Diese auf die Spitze getriebene Ästhetisierung nimmt dem Inhalt seine Schärfe. Sie isoliert und öffnet den Blick auf das Wesentliche. Genau diese Konzentration und Sachlichkeit verleihen seinen Fotografien noch heute eine Aktualität.”

So kündigte die C/O-Galerie die retrospektive Mapplethorpe-Ausstellung an. Eigentlich ist zu Robert Mapplethorpe (1946 bis 1989) alles gesagt worden. Deshalb habe ich hier nur einige Links zu seinen Bildern Selbstporträt mit einem Knaufstock mit silbernen Totenkopf, Mapplethorpes berühmtes Foto “Der Mann im Polyesteranzug” und Patti Smith und Robert Mapplethorpe in jungen Jahren, gesetzt. In der Ausstellung ist den Portraits von Patti Smith ein eigener Raum gewidmet.

Patti, die zuerst Roberts Geliebte und nach seinem Coming-Out seine Freundin wurde, ist mit dem großartigen und, wie ich finde, ihrem schönstem Portrait zu sehen: Patti mit Anzugsjacke. Dieses Foto ist gleichzeitig auch das Cover-Bild ihrer LP “Horses” aus dem Jahr 1975. Auch das Foto Patti mit zwei weißen Tauben, das dann das Cover der LP “Waves” (1979) zierte, ist ausgestellt. Ein weiteres Portrait von Mapplethorpe zeigt Patti auf ihrer LP “Dream Of Life” (1988).

Die C/O-Galerie sollte ursprünglich die Räume im denkmalgeschützten Postfuhramt zum 31. März 2011 verlassen. Jetzt konnte sie mit dem Investor, einer Immobilien-Entwicklungsgesellschaft (siehe hier), erreichen, das noch bis mindestens zum Ende diesen Jahres der Ausstellungsbetrieb weitergehen kann. Vier weitere Ausstellungen, unter anderem von Fritz Eschen “Berlin unterm Notdach – Fotografien 1945 bis 1955″ (7. Mai bis 19. Juni 2011), können zum Glück noch gezeigt werden.

Wer am höchsten fliegt, sieht am weitesten

"Blick vom Tempelhofer Feld auf Neukölln", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Blick vom Tempelhofer Feld auf Neukölln", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Impressionen vom Tempelhofer Feld (3)

1945 übernahm die US-Air-Force den Flughafen Tempelhof von den sowjetischen Besatzern. Vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 wurden alle Zufahrtswege nach Berlin (West) durch die Sowjets blockiert. Der Flughafen bekam während dieser Zeit eine völlig neue Bedeutung – die Berliner Luftbrücke entstand. Teilweise im 90-Sekunden-Takt starteten und landeten die Flugzeuge (“Rosinenbomber”), um die Versorgung von Berlin sicherzustellen. Ab 1950 wurde der Flughafen auch für die zivile Nutzung freigegeben. Die drei westalliierten Fluggesellschaften Pan Am, BEA und Air France flogen nun regelmäßig Tempelhof an. Mit dem Ende der Teilung Deutschlands und dem Baubeginn des neuen Flughafens Schönefeld endete am 30. Oktober 2008 der Flugbetrieb in Tempelhof.

Seit Mai 2010 ist das ehemalige Flughafen-Gebiet öffentlich zugänglich. Der Volksmund sagt “Wer am höchsten fliegt, sieht am weitesten”, das stimmt sicherlich. Für uns Städter allerdings ist auch der Besuch des Tempelhofer Feldes schon ein Ereignis an sich. Endlich können wir einmal den Horizont wahrnehmen und an die 2.500 Meter weit sehen. Kein Baum, Strauch und oder Gebäude, nichts stört die Sicht. 386 Hektar freies Feld bieten mitten in  der Stadt eine grandiose Fernsicht. In der Mitte des Platzes herrscht praktisch absolute Ruhe und beim Blick von der südlichen Rollbahn gegen Osten auf den Bezirk Neukölln (Foto) bekommt man einen vagen Eindruck von der Größe der Stadt. Fortsetzung folgt.

Nur Fliegen ist schöner

"Nur Fliegen ist schöner", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Nur Fliegen ist schöner", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Impressionen vom Tempelhofer Feld (2)

Die Geschichte des Fliegens auf dem Tempelhofer Feld begann um 1900 mit der Stationierung der militärischen Luftschifferabteilung. Im August 1909 startete hier während einer mehrwöchigen Flugschau der erste Zeppelin und landete anschließend in der Jungfernheide. Der Luftfahrtpionier Orville Wright führte Demonstrationsflüge durch und stellte dabei den Höhenweltrekord von 172 Metern auf. Der Ruf nach einem richtigen Flugplatz wurde immer lauter und es entstand ein erster in Johannisthal. Zu weit von der Stadtmitte entfernt, stellte man bald darauf fest und so begann 1922 der Bau eines Flughafens in Tempelhof.

1923 wurde der Flughafen Tempelhof offiziell in Betrieb genommen. Im ersten Jahr starteten 150 Flüge mit insgesamt 100 Passagieren. Tempelhof entwickelte sich zum wichtigsten Flughafen Europas und wurde auf Dauer zu klein. Planungen für den Zentralflughafen Tempelhof mit der heutigen Bebauung begannen. 1942 wurde der Weiterbau eingestellt. Die Gebäude wurden Teil der von den Nazis geplanten Nord-Süd-Achse für die “Welthauptstadt Germania”. Ingesamt war Tempelhof zu dieser Zeit der größte zusammenhängende Gebäudekomplex der Welt. Fortsetzung folgt.

Unter dem Pflaster liegt der Strand

"Unter dem Pflaster liegt der Strand", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Unter dem Pflaster liegt der Strand", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Impressionen vom Tempelhofer Feld (1)

Zwischen den Orten Schöneberg und Tempelhof lag bis zum 18. Jahrhundert ein Landstück, “Großes Feld” genannt, das von den Bauern als Ackerfläche genutzt wurde. Um 1800 diente dann ein bestimmter Teil des Gebietes dem Militär als Parade- und Exerzierplatz und Manövergelände. Ein anderer Bereich war bei den Berlinern als Naherholungsgebiet beliebt. Hier gab es den kleinen See “Schlangenpfuhl”, in dem die Besucher baden konnten.

Später wurde das Feld durch verschiedene Luftfahrtaktivitäten bekannt. Ballonfahrten starteten hier und es entstanden die ersten fotografischen Luftbildaufnahmen. 1897 fand der weltweit erste Flug eines Starrluftschiffes statt. Heute, nachdem der Flugplatz Tempelhof nicht mehr existiert und seine historische Funktion, auf die ich später noch eingehen werde, verloren hat, sprechen wir wieder vom “Tempelhofer Feld”. Für die kommende Zeit plane ich eine kleine Serie mit Impressionen vom heutigen Tempelhofer Feld.

Lyonel Feininger: “Meinen Kubismus nenne ich lieber Prisma-ismus”

Große Retrospektive Lyonel Feininger, Kupferstichkabinett Berlin, bis 15. Mai 2011 (Teil 2: Die Zeichnungen)

"Am Kulturforum am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Am Kulturforum am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Unter dem Titel “Feininger aus Harvard. Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien” hat das Kupferstichkabinett dem deutsch-amerikanischen Maler und Grafiker Lyonel Feininger (1871-1956) eine Doppelausstellung in der Sonderausstellunghalle im Kulturforum ausgerichtet. Zum einen sehen wir Feiningers “Photographien 1928 – 1939″ (über die ich gestern bereits berichtete), zum anderen seine Zeichnungen und Aquarelle. Im heutigen Beitrag gehe ich auf die Zeichnungen und Aquarelle ein.

Die Ausstellung vermittelt einen guten Überblick über Feiningers künstlerische Entwicklung von den Anfängen um 1890 bis zu den Exil-Jahren in den Staaten ab 1937. Die Werke werden in der Ausstellung zeitlich entsprechend gegliedert: “Die frühen Jahre (Natur, Karikatur, Begegnung mit dem Kubismus und Futurismus), “Die Zeit am Bauhaus 1919-1932 und folgende innere Emigration”, “Zeichnungen und Aquarelle des Berliner Kupferstichkabinetts” und “Emigration 1937. Das Spätwerk in New York”.

Von Lyonel Feiningers Zeichnungen kannte ich bisher hauptsächlich die Werke, die das Berliner Kupferstichkabinett besitzt. Wenn ich mir jetzt alle 77 ausgestellten Aquarelle und Zeichnungen ansehe, sind die Berliner eher die schwächeren Werke. Grundsätzlich habe ich mit vielen Werken des Kubismus Probleme. Bei Feininger sieht das anders aus: Seine von ihm selbst so genannte Malweise “Prisma-ismus” empfinde ich als angenehmen und, im positiven Sinne, dem Auge gefälligeren und weiterentwickelten Kubismus. Fazit: Eine sehenswerte Ausstellung, die ich gerne ein zweites Mal sehen möchte.

Die Ausstellung des Harvard Art Museum/ Busch-Reisinger Museum, Cambridge, Massachusetts, entstand in Kooperation mit dem Berliner Kupferstichkabinett und der Staatlichen Graphischen Sammlung, München. Nach dem Ausstellungsende in Berlin wird sie anschließend in der Münchner Pinakothek der Moderne zu sehen sein.

Einen Film mit Feiningers Zeichnungen finden Sie hier. Über die Online-Sammlungsdatenbank des Museums in Harvard sind die Werke öffentlich zugänglich. Das Foto auf dem Plakat am Kulturforum zeigt eine Zeichnung von Feininger, vermutlich mit dem Ort Umpferstedt im Landkreis Weimarer Land. Im Hintergrund ist die St. Matthäikirche nahe des Berliner Kulturforums zu sehen. www.smb.museum

Mein Kubismus … ist genau das Gegenteil dessen, was die französischen Kubisten anstrebten. Er beruht auf dem Prinzip der Monumentalität und Konzentration bis zum Äußersten, auf meinen Visionen … Meinen Kubismus nenne ich lieber “Prisma-ismus”. (Lyonel Feininger 1913)

Ich fühlte mich 25 Jahre jünger, seit ich weiß, dass ich in ein Land gehe, wo Phantasie in der Kunst und Abstraktion nicht als absolutes Verbrechen gelten wie hier. (Lyonel Feininger im Mai 1937, wenige Tage vor seiner Emigration aus Deutschland)

Lyonel Feininger: “Das Fotografieren hat mir das Sehen auf eine neue Art gesteigert”

Große Retrospektive Lyonel Feininger, Kupferstichkabinett Berlin, bis 15. Mai 2011 (Teil 1: Die Fotografien)

"Im Kulturforum am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Im Kulturforum am Potsdamer Platz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Unter dem Titel “Feininger aus Harvard. Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien” hat das Kupferstichkabinett dem deutsch-amerikanischen Maler und Grafiker Lyonel Feininger (1871-1956) eine Doppelausstellung in der Sonderausstellunghalle im Kulturforum ausgerichtet. Zum einen sehen wir Feiningers Zeichnungen und Aquarelle, zum anderen seine Fotografien. Im heutigen Beitrag möchte ich zunächst auf die Fotografien eingehen.

Feininger hielt auf seinen Erkundigungen durch Thüringen und an der Ostsee seine Eindrücke per Skizze in einer Art Tagebuch fest. Erst sehr spät, in seinen Dessauer Bauhausjahren, entdeckte er das Medium Fotografie. Um 1929 fertigte er für die Stadt Halle elf Gemälde an, die in starkem Maße auf den vorher gemachten Fotos der Stadt beruhten. Feininger fotografierte zu dieser Zeit mit seiner 1928 erworbenen ersten Kamera, einer “Voigtländer Bergheil” mit Glasplattennegativen im Format 4,5 x 6 cm. 1931 erwarb er dann eine Leica I Modell A Kamera und fotografierte damit zum ersten Mal mit einem 35 mm Kleinbildfilm. Beide Kameras sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Fotografie spielte am Bauhaus eine große Rolle, vor allem durch das Wirken von Laszlo Moholy-Nagy, aber auch das fotografische Interesse seiner Söhne Andreas und T. Lux bewegte Feininger, sich mit diesem Medium zu beschäftigen. Als Fotograf wurde er damals wie heute kaum wahrgenommen und stellte seine Fotos nie öffentlich aus. Wollte er seinem Sohn Andreas keine Konkurrenz machen? Dieser wurde zu einem der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Feiningers Nachtbilder haben mir am bestens gefallen. Sie zeigen die Stille der Nacht und strahlen eine gewisse Magie aus. Nachtbilder und künstliches Licht, das Spiel von Licht und Schatten übten scheinbar eine große Faszination auf ihn aus. Diese Fotos könnte man auch als Erbe der romantischen Tradition der deutschen Malerei sehen. Feininger experimentierte ebenso mit dem Negativ-Abzug. Aber von dieser Technik war ich noch nie überzeugt und auch bei Feininger habe ich keine hervorzuhebenden Fotos entdecken können.

Viele Fotografien besitzen durch ihre ungewöhnlichen Ausschnitte aus der Wirklichkeit eine in seinen Zeichnungen nicht vorhandene Verfremdung. Schon bald war dem Künstler die produktive Wechselwirkung seines Schaffens zwischen Malerei und Zeichnung einerseits und Fotografie andererseits bewusst, denn er bekannte: “Das Fotografieren hat mir das Sehen auf eine neue Art gesteigert.“

In Berlin sehen wir 76 Fotografien von Feininger (vier Fotos finden Sie hier). Sie sind eingeteilt in die Gruppen “Experimente am Bauhaus”, “Halle 1921-1931″, “Frankreich 1931″, “Schaufenster 1932-1933″, “An der Ostsee 1929-1935″ und “Von Berlin nach New York 1934-1939″. Die Fotos kommen aus den Beständen des Busch-Reisinger Museums der Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge sowie der dortigen Houghton Library. Mein Foto auf dem Plakat im Kulturforum zeigt Lyonel Feininger, fotografiert von seinem Sohn T. Lux Feininger.

www.smb.museum

“Unscharf. Nach Gerhard Richter”

… in der “Hamburger Kunsthalle” in Hamburg (bis 22. Mai 2011)

"Die kleine Riesin nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Die kleine Riesin nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Mit “Unscharf. Nach Gerhard Richter” widmet die Hamburger Kunsthalle dem in der zeitgenössischen Kunst weit verbreiteten Phänomen der Unschärfe erstmals eine umfassende Museumsausstellung.

Wie kein anderer Künstler hat der in Dresden geborene Maler Gerhard Richter (*1932) die Motive seiner Malerei durch Effekte des Verwischens und Verschleierns von Beginn an als unscharf erscheinen lassen. Er setzt das Prinzip der Unschärfe konsequent ein: in seinen figürlichen Gemälden, deren Motive er häufig den populären Printmedien entnimmt, in seinen auf photographischen Vorlagen beruhenden Figuren, Landschaften und Stillleben und nicht zuletzt auch in seiner abstrakten Malerei.

Richter verabsolutiert damit ein Prinzip, das seit dem 15. Jahrhundert Eingang in die Malerei gefunden hat, wie zum Beispiel bei Leonardo da Vinci. Dabei wirft er immer wieder die Frage auf, was ein Bild überhaupt wiedergeben kann, ob es einen Inhalt transportiert oder doch nur seine eigene verführerisch schöne Oberfläche darstellt.

Anhand von Gemälden, Photographien sowie einem frühen, unscharfen Film von Gerhard Richter vertritt die Ausstellung die These, dass sich die Ästhetik der Unschärfe wie ein roter Faden als zentrales Motiv durch sein gesamtes Schaffen zieht.

In dieser Weise ist Gerhard Richter zum Vorreiter für eine ganze Generation geworden. Die Ausstellung zeigt die Auseinandersetzung bedeutender, junger Künstlern mit der Unschärfe anhand von über achtzig exemplarischen Werken. Veranschaulicht wird, auf welch unterschiedliche Art sie sich in den Medien der Malerei, Photographie, Installation und Video mit der Unschärfe beschäftigen, und welche vielfältigen Aspekte und Fragen sich aus dem Thema ergeben.

Häufig sind die Werke Ergebnisse eines komplexen Entstehungsprozesses, der die Grenzen zwischen Malerei und Photographie selbst verschwimmen lässt. Der Bezug der Bilder zu den Motiven, die sie abbilden und ihr Verhältnis zum Betrachter scheint unsicher geworden zu sein. Für die Künstlerinnen und Künstler nach Richter ist diese Verunsicherung zugleich eine Befreiung. Aus ihren individuellen Herangehensweisen entsteht eine sehr vielfältige und faszinierende Bilderwelt der Unschärfe, die zugleich irritierend und verführerisch wirkt.

Insgesamt werden rund 110 Werke gezeigt: Photographien, Gemälde, Installationen und Filme von 24 national und international bedeutenden Künstlern, zusammen mit etwa 20 ausgewählten Gemälden sowie Photographien und einem Film von Gerhard Richter: Volker Bradke von 1966.

Die an der Ausstellung beteiligten Künstler sind: Pablo Alonso, David Armstrong, Anna und Bernhard Blume, Michael Engler, Wolfgang Ellenrieder, Isca Greenfield-Sanders, Maxine Henryson, Nicole Hollmann, Bill Jacobson, Adam Jankowski, Tamara K.E., Wolfgang Kessler, Karin Kneffel, Peter Loewy, Marc Lüders, Ralf Peters, Qiu Shihua, Gerhard Richter, Ugo Rondinone, Johanna Smiatek, Thomas Steffl, Ernst Volland, Franziskus Wendels, Michael Wesely und Paul Winstanley. (Quelle: Presseerklärung).

Eine Ausstellungsbesprechung erfolgt Mitte April 2011.  www.hamburger-kunsthalle.de

“Gerhard Richter. Bilder einer Epoche”

… im “Bucerius Kunst Forum” in Hamburg (bis zum 15. Mai 2011)

"Unbekannte Schöne nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Unbekannte Schöne nach Gerhard Richter", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Als Gerhard Richter, heute international hochgeschätzt wie kaum ein anderer Künstler, Anfang der sechziger Jahre in den Westen übergesiedelt war, schuf er eine Werkgruppe großformatig gemalter Photos und setzte sich so mit einer  für ihn neuen Welt auseinander.

Heute ist in der Gesamtheit dieser Arbeiten, das Bild einer ganzen Epoche zu entdecken. Das Bucerius Kunst Forum widmet dieser Phase Gerhard Richters die erste Ausstellung des Jahres 2011 und eröffnet damit die Folge der internationalen Ausstellungen zu seinem 80. Geburtstag im Jahr darauf.

Das kontinuierlich im Lauf von 45 Jahren entstandene, große malerische Werk dieses Künstlers haben in den letzten Jahren Ausstellungen gewürdigt, die einzelne charakteristische Themen-Komplexe untersuchten, etwa die Landschaften (Hannover 1998), die Bilder nach Bildern (Humlebæk, Dänemark 2005), die Abstraktion (Köln 2008), die Übermalten Photographien (Leverkusen 2008) oder die Bildnisse (London 2009).

Nun ist es an der Zeit, sich intensiver mit den gemalten Photos der sechziger und siebziger Jahre zu befassen, um sie vor dem Hintergrund des zeitgeschichtlichen Kontextes wesentlich neu zu verstehen. Tatsächlich sehen wir heute in der Gesamtheit von Richters frühen Werken das Bild einer Epoche aus der Perspektive eines Zeitzeugen. So untersucht die Ausstellung, die mit Hilfe der Photographie und ihrer malerischen Wiedergabe geschaffenen Bilder nach ihren historischen und ihren aktuellen Bezügen.

Bislang noch nicht veröffentlichte Bildmaterialien und Texte aus dem Gerhard Richter-Archiv in Dresden, das als Kooperationspartner an dem Projekt mitwirkt, ermöglichen einen neuen Blick auf die Komplexität der Richterschen Bildwelt, in der sich das Banale und das Böse begegnen: die Träume und Sehnsüchte der Zeit, schnelle Autos oder Urlaubsreisen, die persönlichen Erinnerungen, die beklemmende Vergangenheit, die aktuelle Politik sowie auch die trivialen, gleichwohl vielsagenden Gebrauchsgegenstände des Alltags, darunter ein Wäschetrockner oder ein falscher Kronleuchter.

Zum Verständnis der Erinnerungsqualität der Bilder aus den sechziger und siebziger Jahren ist der Zyklus 18. Oktober 1977 (1988) zum Tod der RAF-Mitglieder in Stammheim von zentraler Bedeutung. Als Leihgabe des New Yorker MoMA kommt dieses spektakuläre Hauptwerk Richters noch einmal nach Deutschland und bildet den Höhepunkt der Ausstellung (Quelle: Presseerklärung).

Eine Ausstellungsbesprechung erfolgt Mitte April 2011.  www.buceriuskunstforum.de

Fußnoten am Potsdamer Platz

… oder Gutte(nberg) Zeiten – Schlechte Zeiten

"Ein Paar Fußnoten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Ein Paar Fußnoten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Gestern am Potsdamer Platz an der historischen Ampel um 12.30 Uhr: Meine erste Demonstration seit Jahren. Das Motto: “Gutt Bye! Dem Lügenbaron den Schuh zeigen”. Und tatsächlich, fast alle Teilnehmer hatten nach einem Aufruf über Facebook, Twitter und verschiedene Blogs ein zusätzliches Paar Schuhe dabei oder trugen langgezogene Lügennasen. Am Bundes-”Selbst”verteidigungsministerium in der Stauffenbergstraße endete der Protestzug und hinterließ am Zaun vor dem Gebäude eine ganze Reihe aufgepickter Schuhe.

Das dürfte wohl das erste Mal gewesen sein, dass das islamische Symbol für Schmähung und Verachtung so offensiv in Deutschland gezeigt wurde. Am Abend hörte ich in den Nachrichten den Jura-Professor Dr. Oliver Lepsius, den Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater, sagen: “Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat.“ Weitere Fußnoten dürften folgen!

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