Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Alles Kannibalen – oder was?

“Consume, Produce, Die” im “me Collectors Room” in Berlin

Ich habe dich zum Fressen gern. | Auge um Auge, Zahn um Zahn. | Zum Anbeißen schön. | Liebe geht durch den Magen. | Auf die Zunge beißen. | Rache ist Blutwurst. | Ich habe einen Narren an Dir gefressen.

"Eat, Shit And Die" von Dan Attoe, 1975", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Eat, Shit And Die” von Dan Attoe, 1975″,
Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Ausstellung “Alles Kannibalen?” im Berliner me Collectors Room, der Privatkollektion des rheinländischen Sammlers Thomas Olbricht, zeigt in 100 Arbeiten von 40 Künstlern, wie sich die Kunst dem Thema Kannibalismus – im erweiterten Sinne – in Form von historischen Gemälden und Zeichnungen, alten Fotografien und Kultobjekten genähert hat. Gleich in der Lounge finden sich zwei Neon-Arbeiten “Consume, Produce, Die” von Claire Fontaine und “Eat, Shit And Die” von Dan Attoe (siehe mein Foto) zu diesem Thema.

Die meisten Werke bewegen sich zwischen soziologischer Einordnung und der Sensationsgier nach grauenerregendem oder schönem Fleisch, zwischen Francisco de Goyas anklagendem Grafikzyklus “Desastres de la Guerra” und den collagierten/ gemalten Bildern der Kenianerin Wangechi Mutu. Die beiden auf Zuckerwatte-Wolken gebetteten nackten Schönheiten verkörpern die Redewendung “Ich habe dich zum Fressen gern” und Cindy Sherman bietet dem zeitgenössischen Betrachter in “Maria lactans” analog zur christlichen Ikonographie ihre künstliche Brust dar. Und plötzlich steht man vor einem übergroßen Quader aus ekligem Kunststoff-Fleisch (John Isaacs, 1968).

Der Titel der Ausstellung “Alles Kannibalen” bezieht sich auf den Text “Wir sind alle Kannibalen. Das einfachste Mittel, sich mit dem anderen zu identifizieren, ist noch, ihn zu essen” des Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Zur Vernissage soll es übrigens “Rotwein und Gehacktes” gegeben haben. Die Schau, die vorher in Paris zu sehen war, steht unter der kuratorischen Leitung von Jeanette Zwingenberger und geht morgen zu Ende.

Ich habe das Besucherbuch eben durchgesehen und dabei festgestellt, dass viele der Zeichnungen in diesem Buch den Kannibalismus als sexuellen Akt zur Schau stellen. Wäre das kein Anzeichen dafür, dass Kannibalismus heute beim Sex ausgelebt wird? Eine schockierende Einsicht. Ein Besucher

www.me-berlin.com

Dominique Perrault – Kleingarten hinter Glas

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (6 und Schluss)

"Selbst im Kleingarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst im Kleingarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Direkt durch die Giacometti-Halle des “Louisiana – Museum Of Modern Art” (siehe “Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur“) erreicht man den See-Garten. Rund um den See verteilt, finden sich auf verschlungenen Pfaden die Werke von fünf internationalen Architekten. Aldo Rossi (Italien), Ralph Erskine (Großbritannien), Joseph Kleihues (Deutschland), Heikkinen-Komonen (Finnland) und Dominique Perrault (Frankreich) haben ihre Vorstellungen eines Gartenhäuschens auf jeweils sieben Quadratmetern auf ungewöhnliche Weise neu interpretiert. Nur Dominique Perrault nutzte die ihm zur Verfügung stehende Fläche für einen Kleingarten hinter Glas.

www.louisiana.dk

Yayoi Kusama: “The Gleaming Lights of the Souls”

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (5)

"Im Universum von Kusama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Im Universum von Kusama", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Auf dem Kunstspaziergang durch den Skulpturenpark im “Louisiana – Museum Of Modern Art” (siehe “Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur“) trifft man zwischen vielen alten und wunderschönen Bäumen immer wieder auf Galeriegebäude, die durch gläserne Gänge miteinander verbunden sind. Einige der Gebäude weisen ein unterirdisches, zweites Geschoss auf. Dort fanden wir hinter einer Tür die fantastische Installation von Yayoi Kusma “The Gleaming Lights of the Souls”.

Öffnet man diese Tür, steht man mitten im Universum von Yayoi Kusama. Maximal zwei Personen dürfen gleichzeitig in den komplett schwarzen und verspiegelten Raum gehen. Man steht auf einem schmalen Steg mitten im Wasser und sieht die glänzenden Lichter der “Seelen”, die aus leuchtenden, abwechselnd in verschiedenen Farben sanft scheinenden Kugeln kommen. Die Endlosigkeit der sich spiegelnden Lichter, die über dem Wasser schweben  und die Installation an sich, macht atemlos.

Ich sah auf das rote Muster der Tischdecke, als ich aufblickte, bedeckte dasselbe rote Muster die Decke, die Fenster und die Wände, und schließlich den ganzen Raum, meinen Körper und das Universum. Ich begann mich selbst aufzulösen, und fand mich in der Unbegrenztheit von nicht endender Zeit und in der Absolutheit der Fläche wieder. Ich reduzierte mich auf ein absolutes Nichts. Yayoi Kusama

 www.louisiana.dk, Yayoi Kusama auf Wikipedia

Richard Serra – Das Tor in der Schlucht

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (4)

"Richard Serra: The Gate in the Gorge, 1986", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Richard Serra: The Gate in the Gorge, 1986", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der labyrinthische Gang durch den Skulpturenpark im “Louisiana – Museum Of Modern Art” (siehe “Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur“) in Ny Humlebæk, Helsingør, ist ein wichtiger Teil des Museumsbesuches und eine visuelle Erfahrung der besonderen Art. Hinter jeder Ecke erwartet den Besucher ein neuer Blick auf den Øresund oder auf eine Plastik, meist sogar auf beides. Über eine Brücke, die über eine kleine Schlucht führt, erreicht man Richard Serras Stahl-Skulptur “The Gate in the Gorge”. Diese ist in Absprache mit dem Künstler standortspezifisch entstanden und aufgestellt worden. Dieses Konzept trifft auch auf die meisten anderen Skulpturen im Park zu.

Richard Serra, geboren 1939 in San Francisco, wurde insbesondere durch seine monomentalen und tonnenschweren Arbeiten aus wetterfestem Corten-Stahl mit der dafür typischen rostigen Oberfläche, bekannt. So schuf er 1977 für die Documenta VI in Kassel das Werk “Terminal”, vier trapezförmige Platten aus Stahl, die vor dem zentralen Ausstellungsort, dem Fridericianum, aufgestellt zum “Wahrzeichen” der Documenta wurden. Heute steht die Skulptur in Bochum vor dem Hauptbahnhof. Weitere Werke finden Sie in einer Bilderschau auf flickr. Der Kortenstahl, wie er auch genannt wird, bildet unter der Rostschicht eine dichte Sperrschicht aus festhaftenden Sulfaten, die das Werk vor weiterer Korrosion schützen.

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Die Scherben der Schönheit – Die Tell Halaf-Zeit

Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf durch Max von Oppenheim im Pergamonmuseum Berlin

"Palette mit Fragmenten aus Tell Halaf", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Palette mit Fragmenten aus Tell Halaf”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Sechs Monate sind für eine Ausstellung eine lange Zeit. Zum Glück habe ich gestern noch, die heute leider zu Ende gehende, grandiose Ausstellung der 3000 Jahre alten Monumentalskulpturen aus dem Palast vom Tell Halaf sehen können.

Aus 27 000 Fragmenten wurden die im Krieg zerstörten 40 Figuren aus dem privaten Museum des Archäologen Max von Oppenheim wieder rekonstruiert.

Er hatte die Skulpturen von 1913 an aus der Tempelanlage vom Tell Halaf in Syrien ausgegraben und ab 1930 in von ihm finanzierten Ausstellungsräumen in Berlin ausgestellt.

"Berliner Illustrirte Zeitung vom 17.08.1930 mit einem Foto von Martin Munkacsi", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Berliner Illustrirte Zeitung vom 17.08.1930 mit einem Foto von Martin Munkacsi”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Anlässlich der Museumseröffnung in einer ehemaligen Fabrikhalle in Charlottenburg machte der ungarische Fotoreporter Martin Munkacsi ein Foto von Oppenheim.

Er stellte ihn direkt neben eine Figur-tragende Löwenskulptur, die die Monumentalität der rekonstruierten Palastfassade deutlich werden lässt (siehe Foto).

Die aktuelle Berliner Ausstellung im Pergamonmuseum setzt nun dem Sammler und Orientforscher Max von Oppenheim ein würdiges Denkmal.

Wenn der vierte Flügel des Pergamonmuseums im Jahr 2025 zum Kupfergraben hin fertig ist, werden Oppenheims Götter und Fabelwesen ihren endgültigen Platz in Berlin erhalten.

"Löwe aus Tell Halaf", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Löwe aus Tell Halaf”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Vorgehensweise bei den Ausgrabungen ist in dem Film Das Mädchen mit der Karneolkette gut dokumentiert und die Website der Ausstellung “Die geretteten Götter gibt einen weiteren guten Überblick.

“Während die Karamel-Karawane im Schritt marschiert, mussten wir, auf Pferden beritten, jeden Augenblick Abstecher im Galopp zur Rechten und Linken der Route machen, teils zur Erkundung der Gegend, zur Rekognoszierung alter Ruinenorte usw., teil wegen der Feindesgefahr.” [Max von Oppenheim]

“Auch Berlin steckt voller Merkwürdigkeiten. Eines der merkwürdigsten Museen, um das uns die Welt beneiden könnte, einzigartig durch Kunst- und Kulturschätze, wie sie nie wieder gefunden wurden, ist das Tell-Halaf-Museum von Max Freiherrn von Oppenheim.” [aus 'Berlin hört und sieht', 1932]

“Meine Expeditionen führten immer durch mohammedanische Hoheitsgebiete. In islamischen Ländern darf ein Mann fünf Ehefrauen nebeneinander haben. Aus diesem Grund sage ich oft im Spaß zu meinen Freunden: Auch ich habe vier Frauen.

Die Erste ist sehr groß und sehr heiß. Sie hat oft versucht, mit das Leben zu nehmen, aber sie ist immer noch diejenige, die ich am meisten liebe. Sie ist meine geliebte Wüste.

Die Zweite ist interessant, sehr gelehrt und klug. Man nennt sie Erkenntnis oder Forschung. Die Dritte ist sehr schön. Jeder liegt ihr zu Füßen. Sie ist durchaus international. Ihr Name ist Kunst.

Meine vierte Ehefrau ist die große thronende Frau vom Tell Halaf mit dem Lächeln aus der Vergangenheit.” [Max von Oppenheim]

Halt! Zonengrenze!

"Halt! Zonengrenze!", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

"Halt! Zonengrenze!", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

"Auch drüben ist Deutschland", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

"Auch drüben ist Deutschland", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

Heute vor 50 Jahren wurde Berlin durch die Mauer geteilt und wie auf diesen, nahe Braunlage im Harz entstandenen Fotos zu sehen ist, wurde nach und nach die Zonengrenze, der “Eiserne Vorhang”, errichtet. Diese sogenannte “Demarkationslinie” wurde aber bereits seit 1952 verstärkt abgeriegelt. Der Grenzzaun bestand zunächst nur aus einfachem Stacheldraht. Ab 1961 wurde ein nur schwer überwindbarer doppelter Stacheldrahtzaun angebracht. Um die Massenflucht in den Westen zu verhindern, wurden dazwischen Minenfelder und später auch zeitweise Selbstschussanlagen installiert.

Zur Zeit des 13. August 1961 wohnte ich in einem kleinen Ort in Westfalen. Meine Eltern waren an diesem Tag verreist und die Errichtung der Mauer im fernen Berlin bekam ich im Laufe des Tages durch Radiomeldungen mit. Ein Jahr später, im August 1962, unternahm ich mit einem Freund eine Fahrradtour durch den Harz. Wir übernachteten in den Jugendherbergen (siehe auch “Als Elvis noch mit Puppen spielte …“). Während unserer Station in Braunlage machten wir auch einen Ausflug an die Zonengrenze. Die Mauer in Berlin sah ich dann 1968 das erste Mal persönlich. Sie existierte 28 Jahre.

Jean Dubuffet: “Dynamic Manor”

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (3)

"Selbst mit Jean Dubuffets 'Dynamic Manor', 1969/82", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst mit Jean Dubuffets 'Dynamic Manor', 1969/82", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Direkt aus dem “Louisiana – Museum Of Modern Art” tritt man über einen Steg, der über einen kleinen Teich führt, in einen Innenhof mit der Skulptur von Jean Dubuffet “Dynamic Manor” aus dem Jahr 1969/82 (siehe Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur), die praktisch den gesamten Innenhof ausfüllt. Nur ein kleiner Weg führt um die Plastik herum. “Dynamic Manor” ist ein schwarz-weiß bemaltes, felsartiges Gebilde aus Polyester, das beim Umrunden jeweils unterschiedliche Perspektiven bietet.

Der Maler, Bildhauer und Collage-Künstler Jean Dubuffet, der 1985 im Alter von 84 Jahren in Paris starb, war der prominenteste Vertreter der französischen Nachkriegskunst. Er nahm in Kassel an der documenta 2 bis 4 teil und engagierte sich für die Art Brut, die eine autodidaktische und antiakademische Richtung bezeichnet. Seine “Collection de l´Art Brut” in Lausanne ist eine der größten Sammlungen von Kunst sogenannter sozialer Außenseiter. Sie diente ihm oftmals als Vorlage für seine eigene Kunst.

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Arne Quinze: “My Home, My House, My Stilthouse”

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (2)

Arne Quinze: "My Home, My House, My Stilthouse", 2011, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Arne Quinze: "My Home, My House, My Stilthouse", 2011, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Auge sucht nach dem Betreten der Eingangshalle des “Louisiana – Museum Of Modern Art” zugleich den Blick nach draußen, in Richtung auf den Öresund und auf den vor dem Ufer liegenden herrlichen Landschaftspark mit Skulpturen der berühmtesten Bildhauer der Moderne (siehe Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur). Und somit fällt der Blick gleichzeitig auf eine farbig markante und überdimensional große Installation von Arne Quinze: “My Home, My House, My Stilthouse”. Der 1971 in Belgien geborene Quinze sammelt gebrauchte Materialien aus Holz und stellt sie mit Hilfe von fluoreszierenden Malfarben zu Objekten zusammen.

Für das Burning Man-Festival, das alljährliche Freak-Treffen in der Wüste von Nevada, hatte Quinze 2006 eine gigantische, begehbare Sperrholzskulptur entworfen, die am Ende der verrückten Tage abgebrannt wurde. Er bewegt sich als Künstler im Grenzgebiet von Kunst, Architektur und Design und hat für den Umbau des “Bikini-Hauses” in Berlin die künstlerische Leitung übernommen. In Deutschland ist er bisher – Achtung Klatsch und Tratsch! – in erster Linie als der neue Mann an der Seite von Barbara Becker bekannt geworden.

Ich liebe Regeln, denn wenn ich sie erst einmal kenne, weiß ich, wie ich sie umgehen kann. Ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter von Chaos, dem Fehlen eines Systems. Chaos ist der Motor für meine Arbeit als Designer. Ich schaffe Chaos, das für mich am Anfang einer totalen Unabhängigkeit steht. Arne Quinze

Eine Auswahl von Quinzes verrückten “Bauten” finden Sie in der Google-Bildersuche, auf seiner Website und im Video beim Aufbau der Installation “My Home, My House, My Stilthouse” im Louisiana-Museum im Juni 2011.

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Louisiana – Ein geniales Zusammenspiel zwischen Kunst und Natur

Sechs Stunden Louisiana – Sechs Kunstwerke (1)

Alexander Calder 'Little Janey-Waney', 1964/76, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Alexander Calder 'Little Janey-Waney', 1964/76, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Vierzig Minuten mit der Regionalbahn von Kopenhagen entfernt, Richtung Helsingør, liegt in Ny Humlebæk das fantastische “Louisiana – Museum Of Modern Art” mitten in einem herrlichen Landschaftspark mit Skulpturen von Alexander Calder, Joan Miró, Richard Serra, Jean Dubuffet, Jean Arp, Max Ernst oder Louisie Bourgeois direkt am Ufer des Øresund mit Blick auf die schwedische Küste (siehe Foto).

Das Museum ist so konzipiert und in die Landschaft integriert, dass die Grenzen zwischen drinnen und draußen aufgehoben sind. Im Zusammenspiel zwischen Licht und Aussicht, und zwar innerhalb und außerhalb des Museums, wurde unser Ausflug zu einem Spaziergang durch die moderne Kunst nach 1945.

Die ständige Sammlung des Museums weist unter anderem Werke von Alberto Giacometti, Cindy Sherman, Thomas Demand, Gerhard Richter, Andreas Gursky, Richard Long, David Hockney, John Baldessari, Jim Dine, Roy Lichtenstein, Ed Ruscha und Hilla & Bernd Becher auf. Mehrere Sonderausstellungen ergänzten unseren Museumsbesuch: “David Hockney: Me Draw on iPad”, “Louisiana on Paper: Josef Albers”, “Living Frontiers of Architecture III-IV” und “The Louisinan Collection Summer 2011″.

Der Name des Museums geht auf die drei Ehefrauen des Vorbesitzers des ursprünglichen Gebäudes, Alexander Brun, die alle Louise hießen, zurück. Mit der Eröffnung des Museums im Jahr 1958 sollte ein Ort für moderne dänische Kunst geschaffen werden. Der veränderte sich aber bald in eine Stätte für internationale Kunst. Heute ist Louisiana eine private, aber staatlich anerkannte Institution. Ein Drittel des Etats kommt vom Land, der Rest von Sponsoren. Auch für den Ankauf von Kunstwerken ist das Museum auf private Geldgeber angewiesen.

Sechs begeisternde Stunden verbrachten wir im Louisiana und sechs Impressionen, insbesondere aus dem Außenbereich, habe ich für die nächsten Tage geplant. Ein kleiner Vorgeschmack ist auf den beiden Filmen (Video 1, Video 2), sowie auf der Website vom Louisiana – Museum Of Modern Art zu sehen.

“Schenkst der Rose Schweigen ein”

Von Angels Trumpets, Cabbages und Tulips –
Cy Twombly im Museum für Gegenwartskunst in Siegen

Willst du’s, soll’s die Liebe sein/ Du, dein Mund, wir sagens nicht/
Schenkst der Rose Schweigen ein/ Bitttrer, so du’s unterbrichst.

"Junge Pflanze", Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Junge Pflanze”, Polaroid SX-70, Foto © Friedhelm Denkeler 1983

“Das Photo ist wie das Wort: eine Form, die sogleich etwas besagen will” (Roland Barthes). Das “passt” sehr gut zu den Photographien von Cy Twombly, die ich in Siegen im Museum für Gegenwartskunst gesehen habe. Twombly ist durch Malen und Schreiben auf Leinwand bekannt geworden. Vor allem die Antike und ihre Mythologien wurden zu Quellen seiner Bilder.

Ab den 1980er Jahren fertigte er auch Skulpturen aus gefundenen Dingen und einfachen Materialien an. Als Photograph war er aber bisher weniger bekannt. Erst zu Beginn der 1990er Jahre trat er mit seinen Photographien an die Öffentlichkeit.

Die Photos, die von Twombly für den Katalog und die vorangegangene Ausstellung im Münchner Brandhorst-Museum selbst ausgewählt wurden, scheinen einen einfacheren Zugang als seine “Kritzeleien” (wie er sie selbst ironisch bezeichnete) zu ermöglichen: Wir sehen Landschaften, Blumen-Stillleben und Interieurs. Aber diese Hoffnung täuscht: Die Photos sind unscharf, alltäglich, unter- und überbelichtet und scheinen willkürlich ausgesucht worden sein, aber erst auf den zweiten Blick sieht man die herrlich verhaltenen Farben, die Eindrücke und Stimmungen poetisch wiedergeben.

Die Bilder erinnern an die großen Themen der Kunstgeschichte und wirken dadurch altertümlich und zeitlos. Die Poesie der Bilder hängt sicherlich auch mit Twomblys Beschäftigung mit der mediterranen Kultur, den Landschaften und vor allem der Antike und ihrer Mythologien zusammen. Bereits in den ersten Jahren in Italien las er die Gedichte Stéphane Mallarmés, die seine künftigen Arbeiten beeinflussen sollten (siehe Einführungszitat, aus “Rondel”).

Twomblys Arbeiten werden als Verschmelzung von Malerei und Dienstkunst verstanden. Das trifft auf die Werke in Siegen ebenfalls zu. Vielleicht eröffnen sie mir auch einen größeren Zugang zu seinen Hauptwerken. Die Arbeiten im Hamburger Bahnhof in Berlin werde ich mir sicherlich unter diesem Gesichtspunkt noch einmal ansehen.

Die Photos wurden von Twombly mit einer einfachen Polaroid-Kamera aufgenommen und die Unikate mittels Dry-Print-Verfahren vergrößert (ca. 30×30 cm) und in limitierter Auflage vervielfältigt. Durch das nicht mehr gängige Kopierverfahren erhielten die Bilder eine samtene, diffuse Qualität und wirken grobkörniger. Sie erinnern dadurch an die Stilrichtung des Pictorialismus, der um 1900 versuchte, durch künstliche Effekte die Photographie der Malerei im Rang gleichzustellen.

Cy Twombly, der am 1928 in Lexington (USA) geboren wurde und am 5. Juli 2011 in Rom verstarb, ist eine der geheimnisvollsten Künstlerpersönlichkeiten und ein wichtiger Vertreter des abstrakten Expressionismus. Nach dem Kunststudium in Boston, New York und am legendären Black Mountain College, wo er auch einen Kurs in Photographie belegte, reiste er mit Robert Rauschenberg nach Südamerika, Spanien, Nordafrika und Italien.

Ab 1957 lebte Twombly hauptsächlich in Rom und Gaeta. Sechzig seiner Werke sind in der Sammlung Brandhorst in München und auch im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. 1987 wurde Twombly mit dem Rubenspreis der Stadt Siegen ausgezeichnet und 1995 erhielt er den Goslarer Kaiserring. Die Ausstellung seiner Photographien in Siegen läuft noch bis zum 30. Oktober 2011.

Links: www.museumfuergegenwartskunstsiegen.de und eine Foto-Auswahl durch Google

Ein Museum der Gegenwartskunst in der Provinz?

Die Siegener Sammlung der Rubenspreisträger

"Museum für Gegenwartskunst in Siegen, Eingang mit dem Foto "Tulips" auf der Video-Wand am Museumseingang", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Museum für Gegenwartskunst in Siegen, Eingang mit dem Foto "Tulips" auf der Video-Wand am Museumseingang", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ja, seit 10 Jahren gibt es das Museum für Gegenwartskunst (MGK) in Siegen, mitten in der sogenannten Provinz, das seitdem dauerhaft zeitgenössische Kunst in der Geburtsstadt von Rubens zeigen kann. Die Sammlung von Rubenspreisträgern mit bisher rund 150 Werken und die bemerkenswerten Ausstellungen der letzten zehn Jahre bilden das Rückgrat des Museums.

Die bisherigen Rubenspreisträger von 1957 bis 2007 waren Hans Hartung, Giorgio Morandi, Francis Bacon, Antoni Tàpies, Fritz Winter, Emil Schumacher, Cy Twombly, Rupprecht Geiger, Lucien Freund, Maria Lassnig und Siegmar Polke.

Die aktuelle Ausstellung von Cy Twombly war das eigentliche Ziel meiner Reise nach Siegen. Twombly ist durch Malen und Schreiben auf Leinwand berühmt geworden. Als Photograph war er bisher nur Wenigen bekannt. In Siegen sind nun seine Photographien, die aus Polaroid-Photos entstanden sind, ausgestellt. Fünf Gemälde von Twombly aus der Siegener Sammlung werden gekonnt mit den Photos kombiniert. Eine Ausstellungsbesprechung habe ich für den nächsten Artikel vorgesehen.

Erwähnen möchte ich im Museum für Gegenwartskunst ferner die Industriefotografien und die Siegerländer Fachwerkhäuser von Bernd und Hilla Becher. Bernd Becher selbst wurde in Siegen geboren. Sehr gut gefallen hat mir auch das Werk “Study from the Human Body und Portait” von Francis Bacon, obwohl ich nicht unbedingt ein Fan von Bacons Bildern bin. Von Candida Höfer sind vier großformatige Photos zu sehen, u.a. der “Palazzo Pisani Moretta Venzia I”. Eine in dieser Art bisher noch nie gesehene Arbeit, ist das Werk von Diango Hernández “Il museo delle ombre”. Mit Fundstücken, die er in seiner Heimat Kuba aufgespürt hat, stellt er ein Museum des Schattens vor. Der Raum ist von Abwesenheit ‘erfüllt’, da die Bruchstücke nur als Schatten zu sehen sind.

Das Museumsgebäude besteht aus einem Altbau, dem ehemaligen Telegrafenamt und einem Neubauteil. Das gesamte Ensemble wurde vom Architekten Kleihues in das Museum verwandelt. Fazit: Ein Besuch des Museum der Gegenwartskunst in dieser Provinz ist lohnenswert. Die Ausstellung Cy Twombly ist noch bis zum 30. Oktober 2011 zu sehen.

www.museumfuergegenwartskunstsiegen.de

“BERLIN, Blicke” – Ausstellung im Haus am Kleistpark

Entwicklung der Stadtfotografie anhand des Fotopreises Schöneberg

“Die Voraussetzung für das Begreifen der Welt besteht im Erfassen und Miterleben des Nächstliegenden. Die Welt ist auch nur ein Konglomerat aus Provinzen.”

"Kunst im Kunstamt oder Relikte der Baumaßnahmen zum Brandschutz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Kunst im Kunstamt oder Relikte der Baumaßnahmen zum Brandschutz”, Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Dieses Zitat von Janos Frecot im Katalog zur Ausstellung drückt das Konzept des Fotopreises Schöneberg-Tempelhof aus – subjektive Stadtgeschichte. Den Preis gibt es seit 1990 und zur ersten Jury gehörte Janos Frecot, der die Fotoabteilung der Berlinischen Galerie aufgebaut hat. Im Haus am Kleistpark nun beginnt die Ausstellung mit einer “Collage” aus den preisgekrönten Arbeiten aller 22 beteiligten Künstler. Dann aber fällt die Ausstellung für mich in zwei Teile:

Da sind zum einen die eher langweiligen, kleinformatigen, farbigen Fotos, die wenig Feeling aufweisen. Ihnen fehlt das Unsagbare, das ein Kunstwerk ausdrücken muss, damit es über Kunsthandwerk hinausgeht oder wie Susan Sontag sagt “Das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen”. Diese Bilder sind eher lieblos angebracht, weisen kein Passepartout auf und sind ohne Rahmen gehängt: C-Print auf Kappa, Inkjet-Prints auf Forex, C-Print auf Plexiglas und dergleichen mehr.

Zum anderen sehen wir Werke mit ordentlichem Passepartout und Rahmen und vor allem auf Barytpapier und als C-Print. Man erkennt sofort, dass die Künstler ihre Werke schätzen und der Zuschauer sie wohlwollend genießen soll. Beispielhaft möchte ich einige Namen nennen:

Ute und Bernd Eickemeyer mit ihren Porträts von Bewohnern des Crelle-Kiezes “Gesichter einer Straße – Der Crelle-Kiez im Wandel”, 1984-1987. Eickemeyers orientieren sich an historischen Vorbildern, wie sie August Sander in den 1920er Jahren schuf. Karl-Ludwig Lange zeigt die Serie “Gasometer, Berlin Schöneberg”, 1980-1981. Seine Bilder weisen mal mehr und mal weniger ihre eigene melancholische Ästhetik auf (auch: “Von den Brücken – Ein großer, ästhetischer Genuss“). Die hervorragend von Lange abgezogenen Baryt-Prints tun ein Übriges, wie die der anderen Künstler auch, und bis auf Thomas Leuner sind übrigens alle Werke in Schwarz-Weiß. Weiter nenne ich die Arbeiten von André Kirchner “Peripherie und Mitte”, 2006, Winfried Mateykas “Briefe von Unbekannten”, 1993, zum Thema Graffiti und Thomas Leuner mit “Der 148er” aus dem Jahr 1992.

Allein für die letztgenannten Künstler und ihre Werke lohnt sich unbedingt noch der Besuch in der Ausstellung, denn sie ist nur noch bis 7. August 2011 geöffnet. Mehr zum Hintergrund der Ausstellung und zu den beteiligten Künstlern im Artikel zur Ausstellungseröffnung “BERLIN, Blicke” vom 29.05.2001. Mit der Ausstellung “Berlin, Blicke” im Haus am Kleistpark verabschiedet sich, nach fast 30 Jahren, Katharina Kaiser als Leiterin des Kunstamtes.

www.hausamkleistpark-berlin.de

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