Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Der schwarze Schwan und der (un)perfekte Horror

Natalie Portman in Black Swan zwischen Genie und Wahnsinn

“In dem Psychotriller Black Swan bekommt die junge, aufstrebende Ballerina Nina Sayer (Natalie Portman) die Doppelrolle ihres Lebens: In Schwanensee soll sie sowohl den unschuldigen weißen als auch den dämonischen schwarzen Schwan verkörpern. Während sie die perfekte Besetzung für den weißen Schwan ist, muss sie für den Gegenpart der Figur lernen loszulassen und die dunkle Seite in sich hervorbringen … Ninas Verzweiflung wächst und sie stößt einen ebenso befreienden wie selbstzerstörerischen Prozess an, bei dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Aber ungeachtet aller Gefahren treibt Nina ihre Vorbereitungen für die Premiere des Stücks weiter – denn für sie zählt nur eines: Vollkommenheit.” (so der Pressetext).

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der Verleih kündigt den Film auf dem Filmplakat in einer Unterzeile als “Psycho-erotischen Horror-Thriller” an. Das Wort Horror nahmen wir leider erst direkt vor dem Kino zur Kenntnis! Nina lebt zwischen zwei Welten: rosa Plüschtiere im Kinderzimmer und eine ehrgeizige Übermutter, die wachend davor steht, sowie ein Ballettmeister, der sie zu Höchstleistungen antreibt.

Das Drama zwischen dem weißen und dem schwarzen Schwan, zwischen Gut und Böse müsste hauptsächlich im Kopf stattfinden. Stattdessen hat Regisseur Darren Aronofsky der langsam in den Wahn tanzenden Ballerina einen unnötigen, sehr realistischen Horror ins Drehbuch geschrieben. Und zwar mit der Holzhammermethode, damit auch der letzte Zuschauer begreift, dass er einem faustischen Drama beiwohnt.

Liebe Regisseure: Der Zuschauer ist gebildeter als ihr denkt und würde auch subtile Andeutungen verstehen! Durch diesen Psychothriller-Einschlag verliert der Film gewaltig an Authentizität, und Erotik war weit und breit nicht zu erkennen. Unverständlicherweise weist der zur Verfügung stehende Trailer in keiner Weise auf die bevorstehenden Szenen hin, sondern suggeriert ein klassisches Künstlerdrama zwischen Genie und Wahn.

Mein Fazit: Nicht empfehlenswert, wäre nicht Natalie Portman. “Mit Anmut und feuchten Augen durchmisst Portmans Nina das Martyrium, so glaubhaft – man könnte mit ihr wahnsinnig werden. Wer würde in diesem sich selbst reflektierenden Spiegelkabinett nicht den Blick dafür verlieren, was herbei phantasiert und was real ist, wer Opfer und wer Täter ist? Es ist beeindruckend zu sehen, wie die fragile Unschuld ihre Metamorphose zum stolzen, schwarzen Schwan vollzieht. Natalie Portman ist an dieser großen darstellerischen Aufgabe über sich hinaus gewachsen. Nina Sayers, die alles perfekt machen wollte, zerbricht an ihr, als der Vorhang fällt” so urteilt DIE ZEIT.

DER SPIEGEL schreibt “Sie ist in diesem Jahr das Maß aller Dinge”. Die 29-jährige Natalie Portman hat kürzlich den Golden Globe als beste Drama-Darstellerin erhalten und ist Kandidatin für den Oscar in der Kategorie Beste Weibliche Hauptdarstellerin. Deswegen und vor allem, weil ich ihr Debüt als Zwölfjährige in “Léon – Der Profi” von Luc Besson in bester Erinnerung habe, bin ich überhaupt in diesen Film gegangen.

Meine beiden Begleiterinnen hatten nach dem Kinobesuch aufgrund der Horrorszenen keinen rechten Appetit auf etwas Essbares. Ja, sie wollten sogar ein Drittel des Eintrittspreises zurückfordern, weil sie während dieser Zeit nicht auf die Leinwand gesehen hätten. Nach einer Kaffeepause im Büro eines klugerweise nicht mitgegangenen Menschen entdeckten wir aber den “Jäger und Sammler”, ein neues, schlicht-elegantes Restaurant in der Grundwaldstraße 81 in Schöneberg. Hier gibt es eine kleine, feine Speisekarte mit täglich wechselnden Leibgerichten des Kochs und der Wirt gibt gerne persönlich Auskunft über die ein oder andere Zutat. Das vorzügliche Essen und die schauspielerische Leistung von Natalie Portmann gaben dem Abend einen versöhnlichen Ausklang. Eindrücklich sei noch einmal gesagt, dass Black Swan kein Film für Ballettliebhaber ist!

Das obskure Objekt der Begierde

Die Schöne Helene für 72 Stunden in der Berliner Luft oder
“Eros, C´est la vie”

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Alles ist inzwischen in der Hauptstadt möglich: zum Beispiel direkt nach der After-Show-Party um drei Uhr morgens, ins Museum zu gehen. Die Neue Nationalgalerie hat die obere Halle komplett leer geräumt und zeigt seit dem 27. Januar 2011, 24.00 Uhr, durchgehend für 72 Stunden das Assisted Readymade “Belle Haleine – Eau de Voilette” von Marcel Duchamp.

Es handelt sich um den Parfumflakon “Un Air Embaumé” (Duftende Luft) der Firma Rigaud, den Marcel Duchamp 1921 “modifizierte”, indem er das ursprüngliche Etikett durch den neuen Schriftzug “Belle Haleine – Eau de Voilette” ersetzte. Auf der Rückseite der Verpackung signierte er das Werk in Anspielung auf “Eros, c’est la vie” mit seinem Pseudonym “Rrose Sélavy”.

Belle Haleine oder Schöner Atem verweist auf die Schöne Helene aus der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach und somit auf die schönste Frau der Welt an sich. Auf dem neu entworfenen Flakon-Etikett hat Duchamp zusätzlich ein von Man Ray gemachtes Foto angebracht, das ihn selbst in Frauenkleidern zeigt.

Ob das Parfum noch duftet, konnte ich während meines Besuches leider nicht feststellen. Der Flakon steht unter einem riesengroßen, gläsernen Panzer, der dieselben Maße wie Nofretetes Schutzhaube im Neuen Museum aufweist. Damit wird die Belle Haleine als Ikone der Neuzeit auf eine Stufe mit der schönen Nofretete als Ikone der Antike gestellt.

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Marcel Duchamp entwickelte in den 1910er Jahren sein Konzept der Readymades. Kraft “seines Amtes” erklärte er Serienprodukte, die industriell hergestellt wurden, zu Kunstwerken. Berühmteste Beispiele sind das umgedrehte Urinal und die Fahrradfelge auf einem Hocker. Das Interesse an den nicht-materiellen Anteilen von Kunst, an einem Konzept und das Nachdenken über Originalität und Autorenschaft haben bis heute großen Einfluss auf die nachfolgenden Künstler.

Das Readymade Belle Haleine befand sich zuletzt im Nachlass von Yves Saint Laurent und ist der einzige im Original erhaltene Flakon. Im Februar 2010 wurde er bei Christie’s in Paris für 7,9 Millionen Euro (sic!) versteigert. Der Käufer ist nicht bekannt. Auch Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, verriet den Sammler nicht.

Während die Nofretete im Neuen Museum nicht mehr fotografiert werden darf, dürfen sich die Besucher in der Neuen Nationalgalerie bei freiem Eintritt noch bis heute Abend, 24.00 Uhr, von der Schönen Helene “ein Bild machen”.

Als Elvis noch mit Puppen spielte …

… und ich bereits auf einer Fahrradtour im Harz war

"In der Jugendherberge Braunlage", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

“In der Jugendherberge Braunlage”, Foto © Friedhelm Denkeler 1962

Vor 50 Jahren kam Elvis Presley mit dem Song “Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart)” in die deutschen Hitparaden. Elvis war während seiner Armeezeit in Deutschland auf das Lied “Muss i denn …” aufmerksam geworden.

Nach seiner Stationierung drehte er 1960 den Film “G.I.-Blues”, in dem er “Wooden Heart” in der Kulisse eines Kasperle-theaters sang:

Elvis Presley: ”Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart”.

Im darauffolgenden Jahr kam der Song als Single in Deutschland und England heraus und belegte vordere Plätze in den Hitparaden beider Länder.

Im August 1962 unternahm ich mit einem Freund eine Fahrradtour durch den Harz. Die Stationen unserer Tour waren: Rahden, Minden, Hameln, Hildesheim, Goslar, Harzburg, Torfhaus, Altenau, St. Andreasberg, Braunlage, Bad Gandersheim und Rahden. Wir übernachteten in den jeweiligen Jugendherbergen und in Braunlage hörte ich zum ersten Mal bewusst “Muss i denn …” von Elvis aus dem Kofferradio. Es wurde mein persönlicher Sommerhit 1962. Vielleicht lag es auch daran, dass er einige Zeilen des deutschen Originaltextes enthielt, und er somit verständlich für mich wurde.

Carsten Höllers “Soma” im Hamburger Bahnhof – Kunstwerk oder Doppelblindverfahren?

“Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden.”

"Rentiere mit Volieren", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Rentiere mit Volieren", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Udo Kittelmann, der Generaldirektor der Nationalgalerie Berlin, könnte mittlerweile in Konkurrenz zu einem Zoodirektor treten. Erst zeigte er die herrlichen, aber zutiefst irritierenden Tieraquarelle von Walton Ford im Hamburger Bahnhof, dann die Installation von Willem de Rooij mit den Vogelstilleben des Altmeisters Melchior d’Hondecoeter in der Neuen Nationalgalerie (siehe hier) und jetzt in der Historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ein lebendes Bild von Carsten Höller. Einen überwältigenden Eindruck hatte ich bereits bei meinem ersten Besuch in der Ausstellung erhalten (siehe hier).

Da in Höllers Installation alles zweifach vorhanden ist, sollte ein zweiter Besuch den Eindruck des ersten, sozusagen in einem Doppelblindversuch, verifizieren. Das Zitat “Wir haben das Soma getrunken …” stammt aus der ältesten der vier hinduistischen Gründungsschriften. Das Rezept für den Götterdrink ging allerdings verloren. Sprachwissenschaftler, Botaniker, Ethnologen und jetzt auch ein Künstler versuchen, es wiederzufinden.

“Auf der Suche nach einer anderen Welt geht Höller mit seiner Installation dem Ursprung von Soma nach, einem mythischen Rauschtrank der indogermanischen Veden im 2. Jahrtausend vor Christus. Soma verhalf zu Erkenntnis und Zugang zur göttlichen Sphäre, zu Glück und Siegeskraft. Die überlieferten Schilderungen lassen darauf schließen, dass ein Gewächs den zentralen Inhaltsstoff lieferte; dessen Identität ist jedoch bis heute unklar. Aus botanischer, ethnologischer und etymologischer Sicht könnte es sich um den Fliegenpilz gehandelt haben”, schreiben die Ausstellungsmacher.

"Soma-Rohstoff", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Soma-Rohstoff", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Carsten Höller studierte zunächst in Kiel Agrarwissenschaften und habilitierte sich 1993. Parallel zu seiner Arbeit als Naturwissenschaftler begann er seine künstlerische Laufbahn und integrierte das Experiment als Verfahrensweise in seine künstlerische Arbeit. Den Aufbau einer Versuchsanordnung zitierend, schafft er ein dreidimensionales, lebendes Bild, das sich entlang der Mittelachse in zwei gleiche Hälften teilt. Tiere wurden ausgesucht, um eine vergleichende Studie (im Doppelblindversuch) anzutreten, deren Startpunkt der Fliegenpilz ist und an deren Ende die Wiedergewinnung und Nutzbarmachung des Tranks für den Menschen stehen könnte. In dem von Höller imaginierten Experiment würde den Kanarienvöglen, Mäusen und Fliegen der psychoaktive Urin von Rentieren verabreicht, die zuvor Fliegenpilze verzehrt haben.” Soweit die Ausstellungs-beschreibung, die Höller in einem Video noch weiter präzisiert.

Beim zweiten Besuch tritt trotz aller Magie der Versuchsanordnung ein wenig Ernüchterung ein. Carstens Höllers Werk ist an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt. Meinetwegen soll es ruhig Kunst sein und obwohl der Doppelblindversuch noch nicht abgeschlossen ist, werden viele Fragen zum Ende der Ausstellung am 6. Februar 2011 unbeantwortet bleiben.

Wer hat die Fliegenpilze gegessen? Wer hat das Soma getrunken? Die sanft kämpfenden Rentiere auf der linken Seite oder die wiederkäuenden auf der rechten, die inaktive Stubenfliege oder ist sie bereits tot, die tanzenden Mäuse oder sind sie nur wild auf das Futter, die trillernden Harzer Roller in den Vogelvolieren oder spüren sie schon den Frühling? Plötzlich leuchtet ein helles Licht durch die Halle oder war es der Blitz meiner Kamera? Der Aufseher scheint nichts bemerkt zu haben. Hat das Soma schon gewirkt und habe ich “das Licht” gesehen?

Der Berliner Skulpturenfund im Neuen Museum

Kunstwerke der frühen Moderne bei archäologischen Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus entdeckt

Emy Roeder, "Schwangere", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Emy Roeder, "Schwangere", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Nachdem wir nach der Wieder-Eröffnung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel im Jahr 2009 erstmals den Bau des Architekten und Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler besichtigen konnten, stand jetzt ein erneuter Besuch an.

Das Ziel war, die Sammlungs-Bestände genauer kennenzulernen und die imposanten und behutsam restaurierten Räume ein weiteres Mal genießen zu können. Unter www.neues-museum.de lassen sich herrliche virtuelle Rundgänge durch alle Ebenen und Räume des Gebäudes unternehmen – meist noch ohne davon ablenkende Exponate. Ein weiterer Grund des Museumsbesuches war die Sonderausstellung “Der Berliner Skulpturenfund – ‘Entartete Kunst’ im Bombenschutt”.

"Griechischer Hof im Neuen Museum" Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Griechischer Hof, Neues Museum" Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Es war die Überraschung des Jahres, als im Oktober 2010 bei archäologischen Ausgrabungen in der historischen Mitte von Berlin, anlässlich der U-Bahn-Bauarbeiten für die neue Linie U5, verschollen geglaubte Exponate der von den Nazis beschlagnahmten und in der Ausstellung “Entartete Kunst” gezeigten Werke, gefunden wurden. Diese elf Skulpturen sind momentan im “Griechischen Hof” des Neuen Museums zu bewundern. Man sollte sie sich allein zu Ehren der damals von den Nazis verfemten Künstler anschauen. Zwei Werke möchte ich näher vorstellen.

Das obere Foto zeigt ein Fragment der Skulptur “Schwangere” von Emy Roeder aus dem Jahr 1918. Die ursprüngliche Höhe betrug 80 cm. 1920 erhielt sie hierfür den Preis der Preußischen Akademie der Künste. Das Werk aus Terrakotta wurde 1937 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe von den Nazis beschlagnahmt. Emy Roeder nahm 1955 an der ersten “documenta” in Kassel teil.

“Die stilisierte Halbfigur der ‘Schwangeren’ kann als eine der eindrucksvollsten expressionis-tischen Frauendarstellungen in der Bildhauerei gelten. Das Besondere ist, dass sie von einer Frau geschaffen wurde. Die junge Künstlerin mag dabei ihre eigene Lebenssituation in der Partnerschaft mit Herbert Garbe thematisiert haben. Über einem vasenartig gestalteten Körper ragt das ernste, schmale Gesicht mit den riesigen Augen auf. Ein Tuch umfängt den Kopf und bestärkt den madonnenhaften Eindruck der Gestalt.” (aus dem Ausstellungstext).

Marg Moll, "Tänzerin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Marg Moll, "Tänzerin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das zweite Werk besteht aus Messing und ist die “Tänzerin” von Marg Moll, um 1930 entstanden.

“Durch ihren Aufenthalt in Paris 1928 lernte Marg Moll die neuesten kubistischen Entwicklungen in der Bildhauerei kennen. Es gab Kontakte zu Alexander Archipenko, Constantin Brancusi und Ossip Zadkine. Anschließend gestaltete Moll Plastiken in stilisierten Formen mit Art Déco-Anklängen, die häufig in glänzendem Messing ausgeführt wurden; dazu gehört die Tänzerin. Die um 1930 entstandenen Skulpturen können als der Höhepunkt ihres Werkes eingeschätzt werden.” (aus dem Ausstellungstext).

1941 wurde die Skulptur im Spielfilm “Venus vor Gericht” als Ausstattungsstück verwendet, um eine Kunsthandlung mit “entarteter” Kunst zu charakterisieren.

Die beiden Werke von Roeder und Moll wurden in der Ausstellung “Entartete Kunst” in München (1937) und Berlin (ab 1938) gezeigt und galten bisher als verschollen. Neun weitere Skulpturen, mit ähnlicher Geschichte, sind bei den Ausgrabungen gefunden worden und in der Sonderausstellung zu sehen. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie wurde und wird noch immer kontrovers diskutiert, aber allein diese Fundstücke haben ihm schon einen Sinn gegeben.

Nan Goldin – Ihre wilden Jahre in Berlin

Die Berlinische Galerie zeigt “Berlin Work” noch bis zum 28. März 2011.

Nan Goldins Fotografien sind mehr als Bilder ihres Lebens

Mit diesen Fotografien, die teilweise erstmalig öffentlich zu sehen sind, zeigt die Berlinische Galerie (BG), Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, einen guten Überblick über die Werke, die Nan Goldin zwischen 1984 und 2009 während zwei längerer Aufenthalte, teilweise dank eines DAAD-Stipendiums, in Berlin geschaffen hat. In einem Video gibt der Direktor der Berlinischen Galerie, Dr. Thomas Köhler, eine kurze Einführung in die Ausstellung.

"Spitzen-BH", Foto © Friedhelm Denkeler 1999

"Spitzen-BH", Foto © Friedhelm Denkeler 1999

Nan Goldins Farbfotografien zeigen in facettenreicher Üppigkeit ihre “Family of Nan”, in Anspielung auf die legendäre Fotoausstellung “Family of Man” der 1920er Jahre. Berühmt wurde sie durch die Serie “Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit” aus dem Jahr 1986. Goldin lebte in der Subkulturszene Bostons und New Yorks Lower East Side unter Drag Queens, Transvestiten und Homosexuellen. Und immer wieder finden wir Bilder, die Goldin von sich selbst und ihren Freunden gemacht hat. Mit diesen intimen Nahaufnahmen hat sie die Fotografie revolutionär erweitert.

Nan Goldin spricht davon, dass sie ein fotografisches Tagebuch ihres Lebens vorlegt. Das dürfte nicht der einzige Grund sein. Das machen viele Menschen auf der Welt so. Man sollte Künstlern auch nicht unbedingt alles abnehmen, was sie über ihr Werk erzählen. “Bilder zu machen erlaubt einem ja gerade die Möglichkeit, sich an Dinge zu wagen, denen man sich mit Worten nicht nähern kann oder wollte” so Wolfgang Tillmans in einem Artikel des ZEITmagazins. Auch mir fehlen die Worte, den Inhalt von Goldins Werk zu beschreiben oder um mit Susan Sontags Worten zu sprechen, “das wirksamste Element im Kunstwerk ist nicht selten das Schweigen”.

Ihre Berliner Bilder sind zwischen 1984 und 2009 entstanden. Der Bezug zur Berlinischen Galerie stellt sich nicht nur über den Berlin-Aufenthalt der Künstlerin her. Durch eine Schenkung gelangte im Jahr 1996 die Arbeit “Self-portrait in my blue bathroom” (1992) in die Sammlung der BG. Dieses Bild und weitere acht Fotos finden Sie hier. Auch das umstrittene Foto “Edda and Klara bellydancing”, das wegen Kinderpornografie-Verdachts in Großbritannien schon einmal beschlagnahmt wurde, ist in der Ausstellung zu sehen. Die beiden Töchter der Künstlerin Käthe Kruse tanzen nackt in der Küche. “Wer darin pornografische Züge sieht”, sagt Goldin, “der ist echt krank.” (Zitat “Der Spiegel”).

“Die Ausstellung zeigt in thematischer und chronologischer Form einen Überblick dessen, was Nan Goldin während ihrer ausgiebigen Aufenthalte realisiert hat. Künstlerporträts, Interieurs, Selbstporträts, Stillleben und Straßenszenen geben Einblicke in das Leben einer Bohème jenseits der Klischees. Ihre Fotografien scheinen mit ihrer Schnappschuss-Ästhetik keinen Wert auf den sorgfältig komponierten und ausgeführten Farbabzug zu legen. Sie erhebt Personen zum Bildgegenstand, die eher Außenseiter-Rollen in der Gesellschaft und ihrer visuellen Kultur belegen”, so die Presseinformation der BG.

Vor fast einem Jahr zeigte die C/O-Galerie die große Nan-Goldin-Ausstellung “Poste Restante. Slide Shows/Grids” im Berliner Postfuhramt mit Riesenerfolg. Die derzeitige Ausstellung in der BG haben in den ersten sieben Wochen auch bereits mehr als 20 000 Besucher gesehen. Während bei C/O in allen Räumlichkeiten fantastische Dia-Schauen ihrer Fotos liefen, sind jetzt 72 Farb-Fotos zu sehen, die sehr edel präsentiert werden: Sehr gute Farbprints, bestens gerahmt, auf verschiedenen, dunkelfarbigen Wänden gehängt und so perfekt beleuchtet, dass eine meiner beiden Begleiterinnen sie schon als Dias ansehen wollte. Zurzeit eine der besten Fotoausstellungen in der Hauptstadt. Sehr empfehlenswert.

www.berlinischegalerie.de

Susanne Kriemann – Kunstpreis für zwei Hohlkehlen?

Drei Kunstfreunde in der Museumshalle – ratlos.

“Ashes and broken brickwork of a logical theory” noch bis zum 31.01.2011 in der Berlinischen Galerie

"Hohlkehle 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Hohlkehle 1", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Susanne Kriemann hat für ihre Arbeit den Kunstpreis 2010 der GASAG, der erstmals in Kooperation mit der Berlinischen Galerie vergeben wurde, erhalten. Der Preis wird für einen in Berlin tätigen Künstler, dessen Werk sich an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technik bewegt, alle zwei Jahre vergeben.

Was sehen wir in der Ausstellung als Erstes? Vier große Aufnahmen einer wüstenähnlichen Landschaft, vier Luftbild-Fotos mit Spuren menschlichen Lebens auf im Raum platzierten Tischen, Doppel-Fotos von Stadthäusern im Orient (scheinbar in der heutigen Zeit entstanden), historische Fotos von Beduinen (schwarz/weiß und farbig) und acht Fotografien, auf denen ein Buchumschlag in verschiedenen Ansichten dargestellt ist. Ich bin erstmal ratlos.

Die Übersetzung des Titels “Asche und zerbrochene Ziegel einer logischen Theorie” bringt auch keine Klarheit. Der Einleitungstext im Vorraum hingegen erklärt schon mehr. Des Weiteren gibt es noch einen “DIN A4-Zettel” mit weiterführenden Informationen. Wer ihn geschrieben hat, bleibt unklar: Der Kurator, die Künstlerin, eine Praktikantin? Also, bei den Landschaften handelt sich um Fotos, die Agathe Christie persönlich gemacht hat. Die Schriftstellerin begleitete ihren Mann, einen Archäologen, auf seinen Ausgrabungen in den 1930er Jahren in Mesopotamien.

"Hohlkehle 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Hohlkehle 2", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Aufnahmen aus der Luft sind Fotos von Grabungsfeldern. Die Beduinen selbst waren als Grabungshelfer engagiert und wurden auch von Agatha Christie fotografiert. Die Buchumschläge-Fotos hat Kriemann von der Publikation eines Archäologen “digging up the past” gemacht. Am unklarsten sind die schwarz/weiß-Fotos von sich gegenüberliegenden Häusern in Damaskus, scheinbar von Kriemann selbst fotografiert. An den Haaren herbeigezogen ist hier allerdings die Berufung auf die Bildsprache von Bernd und Hilla Becher.

Noch weiter hergeholt ist die Begründung für Kriemanns Eingriff in den Ausstellungsraum mit den beiden Hohlkehlen (siehe Fotos). Für das Ausstellungsdesign waren das unnütze Kosten. Auch meine Begleitung, zwei Kunsthistorikerinnen, stets guten Willens und bemüht um Verständnis für künstlerische Freiheiten, blieben ratlos. Eine “Nachbesprechung” in den ganz in Lila neu gestalteten Räumen des jetzt empfehlenswerten Cafés der Berlinischen Galerie brachte ebenfalls keine neuen Erkenntnisse.

Sahen wir eine künstlerische Arbeit mit einem kuratorischen Konzept oder umgekehrt? Machen es sich die Künstler heute vielleicht ein bisschen zu einfach? Die Werke bewegen sich scheinbar im Kontext Künstler, Kurator und Wissenschaftler. Jedenfalls scheint das ein neuer Trend zu sein, den ich erstmals in der Ausstellung “Intolerance” von Willem de Rooi und auch in Carsten Höllers “Soma” bzw. “Ein Rentier im Zöllnerstreifenwald“, gesehen habe.

Interdisziplinarität als neues Schlagwort reicht allein nicht aus. Eine Idee muss konsequent nachvollziehbar sein, irgendetwas muss sich mitteilen wollen. Schade, dass trotz des perfekten Ausstellungsdesigns, der beabsichtigte Inhalt nicht sichtbar wurde.

www.berlinischegalerie.de

Schönheiten in schwarz-weiß “On Street”

Peter Lindbergh in der Galerie C|O bis 16. Januar 2011 verlängert

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Die Fotoschau mit Peter Lindbergh (*1944) ist eine der erfolgreichsten seit dem 10-jährigen Bestehen der privaten C/O-Galerie. Mehr als 70.000 Besucher haben die Retrospektive nach der Eröffnung am 25. September 2010 gesehen und ich hatte dank der Verlängerung die Gelegenheit, sie mir noch ein zweites Mal anzusehen (und einen Bericht zu schreiben). Einige Bilder, genauer gesagt 9 von 120, waren bei meinem zweiten Besuch aufgrund einer juristischen Auseinandersetzung verhängt. Es handelt sich um Aufnahmen mit Veruschka Lehndorff. Schade.

Die Ausstellung im ehemaligen Postfuhramt besteht aus drei Teilen: Im ersten Teil befinden sich überwiegend Aufnahmen aus Berlin, da Lindbergh seit über 20 Jahren die Stadt und ihre Bewohner (und Models) fotografiert. Der zweite Teil der Ausstellung “A Selection” besteht aus einer Auswahl aus Lindberghs Werken, die der Kurator Klaus Honnef getroffen hat. Er hat insbesondere jene fotografischen Ikonen herausgesucht, die Lindbergh berühmt machten. Der dritte Teil ist in der ehemaligen Sporthalle des Gebäudes untergebracht und besteht aus den Serien “On Street” und “Looking At”. Lindbergh hat hierzu die klassischen Locations für Modefotos verlassen und fotografiert auf belebten Straßen und Fußgänger-Übergängen, insbesondere in New York.

Ein eher untypisches Foto von Lindbergh ist mein Lieblingsbild, das 1990 für die italienische „Vogue“ entstand: Das Model Helena Christensen trifft auf die kleinwüchsige Stuntfrau Debbie Lee Carrington im Astronautenkostüm, und man weiß nicht genau, wer in Lindberghs Augen hier eigentlich die Hauptrolle spielt (Bild siehe hier). Dieses Foto ist, wie auch alle anderen, in beeindruckender Größe (“wandhoch”) in dunkelbraunem Holzrahmen gehängt und insbesondere in der großen Halle scheinen die Szenen überlebensgroß auf den Betrachter zuzukommen.

Nach Peter Lindbergh zeigt C/O Berlin 187 Bilder aus dem Gesamtwerk von Robert Mapplethorpe. Die Retrospektive konzentriert sich auf seine fotografische Entwicklung, die anhand der frühen Polaroids bis hin zu den späten Stillleben und Porträts von Andy Warhol, Debbie Harry, Grace Jones und Patti Smith nachgezeichnet wird.

Roadtrips zu den Uncommon Places oder: Die Verklärung des Alltäglichen

Stephen Shore, der Pionier der Farbfotografie, bei Sprüth Magers

"Lager mit Runddach", Foto © Friedhelm Denkeler 2009

“Lager mit Runddach”, Foto © Friedhelm Denkeler 2009

Bis in die 1970er Jahre war die Farbfotografie für künstlerisch arbeitende Autoren keine Selbstverständlichkeit. Sie war zu nah an der Ästhetik der Massenmedien und kaum einer der anerkannten Fotografen traute sich an sie heran. Der US-Amerikaner Stephen Shore (*1947) spielte, neben William Eggleston, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Farb-Fotografie in den 1960er und 1970er Jahren. Beide gehören zu den Vorbereitern der “New Color Photography”.

Stephen Shore kenne ich bereits seit 1978 durch eine Gruppenausstellung in der “Werkstatt für Photographie”, Berlin, die Shores Straßenansichten mit den Arbeiten von Frank Gohlke, Joe Deal, Lewis Baltz und Carl Toth konfrontierte. Zwei Jahre später folgte eine Einzelausstellung von Shores “Uncommon Places” in der von Michael Schmidt geleiteten Werkstatt. Seitdem gehört er zu meinen Lieblingsfotografen. Zu meiner damaligen und noch heutigen Freude habe ich den 1982 erschienenen, inzwischen legendären, Fotoband “Uncommon Places” und das Original “Twenty-First Street and Spruce Street, Philadelphia, Pennsylvania, June 21, 1974″ erworben (siehe hier).

Aus diesem Grund wollte ich die Ausstellung, die bereits gestern zu Ende ging, mit 80 bisher unveröffentlichten Werken aus Shores Serie “Uncommon Places” bei Sprüth Magers, sehen. Es war mein erster Besuch in dieser Galerie. Sie befindet sich in einem Neubau in der Oranienburger Straße. Shore war in einem unfassbar großen Saal zu sehen, allein die Decke dürfte an die sieben Meter hoch sein. Die hier ausgestellten Werke wirkten gegenüber seinen bereits bekannten Farbfotografien eher schwächer: Der tolle “Farbsound” fehlt. Auch die zwischen die Fotos gehängten “Road Trip Journals” (in ähnlicher Größe) empfand ich als störend. Sie hätten besser in eine Ecke “Materialen” gepasst.

Shores Arbeiten sind mit einer Großbildkamera im Format 20 x 25 cm entstanden. Früher zeigte (und verkaufte) er nur Kontaktkopien (also 1:1-Positive von Negativen) von beeindruckender Schärfe und Farbigkeit. Dagegen sind die, wahrscheinlich dem Markt geschuldeten, 50×60-Vergrößerungen bei Sprüth Magers eher “blass” zu nennen.

Stephen Shore konnte bereits mit 14 Jahren (sic!) erste Fotos an das Museum of Modern Art verkaufen. Mit 17 lernte er Andy Warhol kennen und wirkte in dessen “Factory” mit. Mit 24 Jahren hatte er als zweiter lebender Fotograf überhaupt (der erste war Alfred Stieglitz) eine Einzelschau im Metropolitan Museum. Anschließend führten ihn mehrere Reisen durch die Staaten, woraus sich die beiden Serien “American Surfaces” und “Uncommon Places” ergaben. Er fotografierte auf ungewöhnliche Weise alltägliche Orte: sein Motelzimmer, den Frühstücksbagel, Autos, Hunde, Straßen mit Ampelanlagen, Landschaften, die Hauptstraßen der meist menschenleeren Dörfer und Einkaufszentren und deren Parkplätze. Durch genaues Hinsehen versieht er diese Orte mit einer bestimmten Aura. Auszüge aus dem jetzt neu aufgelegten und erweiterten Fotobuch “Uncommon Places” finden Sie hier.

Shores Fotografie schließt das Banale mit dem Mythos Amerika kurz. Darin erinnert sie mehr an amerikanische Literatur denn an Malerei. Im Rhythmus des Films – in Wenders  ”Paris, Texas” oder Adlons “Out of Rosenheim” – begegnet man diesem Blick wieder. Die Fotografie aber hält die Zeit an. Das steigert die Lesbarkeit der Welt.   Thomas Wagner, FAZ, 04.03.1995

Es gibt sie noch – die guten deutschen (Liebes-)Filme

DREI – Eine romantische Komödie, interpretiert von Tom Tykwer

"Delphi Filmpalast mit 'Drei' von Tom Tykwer", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Delphi Filmpalast mit 'Drei' von Tom Tykwer und mit Sophie Rois", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Nach dem eher enttäuschenden Donnersmarck-Film “The Tourist” (siehe meinen Artikel) war ich sehr gespannt, wie der deutsche Filmemacher Tom Tykwer (“Lola rennt” 1998, “Das Parfüm” 2006, “The International” 2009) seinen neuen Film “DREI” umgesetzt hat. Um es schnell zu sagen, der Besuch im Kino hat sich gelohnt. Insbesondere, da meine Lieblingsschauspielerin Sophie Rois die Hauptrolle innehat. Aber auch die beiden männlichen Hauptdarsteller, Sebastian Schipper und Devid Striesow, sind mit ihren Rollen hervorragend besetzt und sehenswert.

Die Handlung in Kurzform: Seit 20 Jahren sind Hanna und Simon ein Paar. Sie leben in Berlin, nebeneinander und miteinander, in mal mehr, mal weniger Harmonie. Beide sind attraktiv, modern, gereift, kinderlos, kultiviert, realistisch. Fremdgehen, Kinderwunsch, Zusammenziehen, Fehlgeburten, Flucht und Rückkehr: die Kulturmoderatorin und der Kunsttechniker haben vieles hinter sich, aber nicht mehr ganz so viel vor. Bis sich beide, ohne voneinander zu wissen, in denselben Mann verlieben. Adam Born, Stammzellen-Forscher. Ein Mensch mit vielen Gesichtern, charmant, geheimnisvoll, ein Mann der Tat, kein Zauderer. Erst lässt sich Hanna mit ihm ein, wenig später auch Simon. Heimlich führen beide ihre Affären mit Adam, nicht ahnend, wie sehr das Geheimnis, das sie voreinander haben, sie miteinander verbindet. Erst als Hanna unverhofft schwanger wird, werden die drei Liebesbeziehungen ernsthaft auf die Probe gestellt.

Tykwer verpackt visuelle Ideen und romantische Spielereien gekonnt in 119 Filmminuten. Er deutet in kurzen Sequenzen sein Wissen über die großen Fragen der Menschheit an, überrascht mit Kamerafahrten und Bild-im-Bild-Szenen. Kurzum, er gibt Kostproben seines Könnens ohne den Zuschauer missionarisch belehren zu wollen.

Den Film sahen wir im Delphi-Filmpalast in der West-City inmitten eines sehr angenehmen Publikums, in einem schönen, großzügigen Kino. Übrigens: Popcorn gibt es im Kino nicht zu kaufen. Also ganz das Gegenteil unseres letzten Kinobesuchs im Cinemaxx. Film und Kino: empfehlenswert. Weitere Informationen:

Kauft nur noch Deutsche Schreibmaschinen … und Overstolz

Welt aus Schrift. Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA.

Ikonographie und Entwicklungsgeschichte der Schrift-Bilder

"Overstolz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Overstolz", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die große, von der Kunstbibliothek kuratierte Ausstellung “Welt aus Schrift – Das 20. Jahrhundert in Europa und den USA” zeigt die typograhischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die Interaktion von Schrift und Bild und die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen freier und angewandter Kunst, die Expansion der Schrift in alle Lebens- und Wahrnehmungsbereiche.

Keine andere Epoche hat einen solchen Reichtum von Schriftformen hervorgebracht, und noch nie war Schrift in einer vergleichbar medialen Vielfalt präsent – im world wide web, in Informations-, Werbe- und Buchmedien, im öffentlichen Raum, in der Mode, in Fotografie, Film und Medienkunst.

Neben angewandten Arbeiten der freien Kunst gilt das Sammelinteresse der Kunst-Bibliothek vor allem den Entwicklungen des Grafikdesigns in den Alltagsmedien wie Zeitschrift, Buch, Zeitung, Plattencover, Inserat und Plakat und darüber hinaus den Beispielen des modernen Kommunikationsdesigns. Meisterwerke wie das Monumentalplakat zu Fritz Langs “Metropolis” von 1927 sind Unikate von Weltrang. In der Ausstellung wird dieses universale Medienarchiv erstmals in seinem ganzen Umfang für die Öffentlichkeit erlebbar.
"Deutsche Schreibmaschinen", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Deutsche Schreibmaschinen", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die fast 600 Exponate werden in sechs Doppeljahrzehnten dargestellt: Der Aufbruch in neue Gestaltungen als Reaktion auf den drohenden Qualitätsverlust im Zeitalter industrieller Druck-Herstellung (1890-1909), die typografischen Innovationen der Moderne (1910-1929), Einflüsse des Art Déco und die Instrumentalisierung der Schrift als politische Botschaft (1930-1949), die Nachkriegsmoderne zwischen swiss style und new bauhaus, die Auflösung der Grenzen zwischen Schrift und Bildender Kunst in Pop Art, Konkreter und Visueller Poesie (1950-1969), die Dekonstruktion der Schrift zwischen Konzeptkunst und Postmoderne (1970-1989) und schließlich die digitale Renaissance der Schrift als Universalmedium einer globalisierten Welt (1990-2009). Quelle: Pressemitteilung der SMB.

Drei (willkürliche) Beispiele habe ich herausgesucht: Ein Werbefaltblatt von Lucian Bernhard “Alles Geld dem Vaterlande” aus dem Jahr 1915 und die Werbeanzeige “Overstolz” von Oskar H.W. Hadank von 1930. Und als Drittes das Platten-Cover der Sex Pistols. Es steht für die Revolution der Schriftbilder in den späten 1970er Jahren durch die Musikkultur von Punk und Techno. All das hat sich in den Zeitschriften wie Rolling Stone, Spex und Frontpage und anderen niedergeschlagen.
"Sex Pistols", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Sex Pistols", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

“Eines der sprechendsten Ausdrucksmittel jeder Stil-Epoche ist die Schrift. Sie gibt nächst der Architektur wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eines Volkes. Wie sich in der Architektur ein voller Schein des ganzen Wogens einer Zeit und äußeren Lebens eines Volkes widerspiegelt, so deutet die Schrift Zeichen inneren Wollens. Sie verrät von Stolz und Demut, von Zuversicht und Zweifel der Geschlechter”, so, etwas pathetisch, 1901 Peter Behrens.

Die Ausstellung in den Sonderausstellungshallen im Kulturforum am Potsdamer Platz, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin-Tiergarten, läuft nur noch bis zum 16. Januar 2011. Wer danach Lust auf eine weitere “Schrift”-Ausstellung hat, kann sich im Kupferstich-Kabinett im Kulturforum noch die Ausstellung “Schrift als Bild. Schriftkunst und Kunstschrift vom Mittelalter bis zur Neuzeit” ansehen (bis 23. Januar 2011).

Eine Führung durch die Ausstellung finden Sie hier.

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