Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Von der Extraction zur Inception

Christopher Nolens Cyberkrimi “Inception” mit noch nie dagewesenen Bildern

“Extraction” Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Wir laufen durch Paris und plötzlich klappen Häuser, Straßen und Parks hoch. Die Stadt faltet sich zu einem endlosen Band. Das haben wir vielleicht auf Bildern von M. C. Escher oder in unseren Träumen gesehen – und jetzt in Christopher Nolens Heist-Movie “Inception”.

Wir sehen einen sich ruhig drehenden Hausflur, in dem Agenten vermeintlich schwerelos miteinander kämpfen, einen Güterzug, der mitten durch die Häuserschluchten von Manhattan rast. Die Szenen sind sehr realistisch, wenn wir sie im Traum erleben und gleichzeitig irreal, wenn wir sie auf der Leinwand sehen.

Leonardo DiCaprio ist Don Cobb, ein Meisterdetektiv der Extraktion. Er “entnimmt” anderen Menschen Geheimnisse aus deren Unterbewusstsein. Jetzt erhält er einen Auftrag, den bisher scheinbar noch niemand durchführte, einen Gedanken in den Kopf eines anderen, in diesen Fall in den eines Konzernerben, einzupflanzen. Er soll auf den Anfangsgedanken (Inception) kommen, sein ererbtes Vermögen aufzuteilen, wie es Cobbs Auftraggeber (ein Konkurrent des Konzernerben) wünscht.

Cobb muss mit seinem Team dafür verschiedene Ebenen des Unterbewusstseins des Opfers passieren, damit die Eingebung für die Zielperson so realistisch wie möglich ist. Auf jeder Ebene des Traumes versetzen sie sich wieder in einen Traumzustand, also ein Traum im Traum. So geht es weiter bis auf die vierte Ebene. Oder noch weiter? Man muss als Zuschauer schon sehr genau aufpassen, auf welcher Ebene der Film gerade spielt.

Erst allmählich ahnt man, dass die Trennung zwischen Traum und Wirklichkeit in “Inception” nicht klar gezogen ist. Die Filmhelden prüfen mit kleinen Totems, ob sie sich in der Realität befinden, zum Beispiel mit Hilfe eines Kreisels, der sich im Traum immer weiter drehen würde, in der Realität aber irgendwann umkippt. Am Ende der Geschichte dreht sich der Kreisel, er kippelt, aber es bleibt offen, ob er umfällt.

Christoper Nolen hat bislang noch nie gesehene, surreale Bilder erfunden – viele davon erinnern an moderne Kunst und zeitgenössische Fotografie – allein deshalb ist es ein großer Film geworden. Wer die drei “Matrix”-Filme der Wachowski-Brüder, die beiden “Kill Bill”-Filme von Quentin Tarantino und James Camerons “Avatar” mag, wird auch Christopher Nolens “Inception” mögen.

Trailer zu ‘Inception’ (in hoher Auflösung 1080p HD ansehen)

Fruta Prohibida

Fruta Prohibida oder: “Die Haut, die war das erste Kleid, das Evas Körper zierte.”
Die Berliner Galerien Tammen, Camera Work und der Verein Berliner Künstler
zeigen im August “Verbotene Früchte”

Werk von Manfred Michael Sackmann

Auf der Vernissage beim VBK am 11.08.2010 mit einem Werk von Manfred Michael Sackmann, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Momentan erlebt der fotografisch interessierte Mensch einen Sommer mit “verbotenen Früchten”. Allerorten stellen Galerien und Museen Kunst mit erotischem Themenbezug aus. In Berlin läuft seit längerem die Ausstellung “Double Sexus” (siehe Artikel vom 24.07.2010), in Wuppertal “150 Jahre Körperbilder in Fotografie und Malerei” (siehe Artikel vom 18.08.2010) und in Hannover zeigt die Kestnergesellschaft “The Valley” von Larry Sultan. Larry Sultan fotografierte die Drehorte der kalifornischen Pornofilmindustrie, die sich zur Filmproduktion in amerikanischen Privathäusern einmieteten.

Karl-Heinz Schmid schreibt in der Sommerausgabe der “Kunstzeitung”, dass sich dieser Trend alle zwei Jahre wiederholt und dass er sich auch beim Rundgang auf der “Art Basel” ausmachen lässt. Auch an Europas größtem Galerienstandort Berlin gibt es “Nacktes” zu sehen: Die fulminante Ausstellung “Körpernah – Akte/Nudes” in der Tammen-Galerie, die Sommerpausen-Ausstellung “NUDES – Positionen der Aktphotographie” bei Camera-Work und im Verein Berliner Künstler (VBK) die Vereinsschau “AKTionale – Das nackte Sein”. Alle drei Berliner Ausstellungen möchte ich nun in einem Zug vorstellen.

Tammen-Galerie: “Körpernah – Akte/Nudes” verlängert bis 5. September 2010

Die Schau bei Tammen ist eine der besten zusammengestellten Aktausstellungen, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Das ist sicherlich auch dem Gastkurator Dr. Enno Kaufhold zu verdanken, den sich der Galerist Werner Tammen hinzuholte. Während bei Camera Work Männer nur eine Nebenrolle spielen, ist das Verhältnis bei Tammen ausgewogener. Die Fotografie spielt eine große Rolle, aber es sind auch andere Kunstgattungen vertreten, die sich in der Ausstellung vorteilhaft ergänzen.

Die Liste der 25 ausgestellten Künstler mit Kunstwerken aus den letzten zwei Jahrzehnten ist lang, aber für jeden ist in den großzügigen Räumlichkeiten Platz für eine ausreichende Übersicht der jeweiligen Werkgruppe. Unter anderen sind dies: Tina Bara, Michel Comte, Amin El Dib, Elliot Erwitt, Rainer Fetting, Abe Frajndlich, Clemes Gröszer, Boris Mikhailov, Manfred Paul, Gundula Schulze Eldowy, Annegret Soltau und Bert Stern.

Für mich war der der Fotograf Abe Frajndlich eine Neuentdeckung. Allerdings weniger wegen seiner bekannten Porträts von Prominenten, sondern wegen seines Werkes “Eros Interna”. “‘Eine Private Odyssee’ nennt Abe Frajndlich seine Arbeit an ‘Eros Interna’, dessen Bilder in seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Fotograf entstanden. Frauenkörper, Bäume, Erde, Wolken, Skulpturen, und Graffiti sind die Materie, aus der Abe Frajndlich seine Zauberformel ‘Eros Interna’ komponiert hat.” (aus dem Klappentext des Buch “Eros Interna”, Umschau/Braus Verlag, 1999). Das gleichnamige Buch ist leider nur noch antiquarisch erhältlich. In der Ausstellung selbst sind allerdings nur Frajndlich neueste Werke aus dem Jahr 2010 zu sehen. Sie sind mir zu direkt auf die Schaulust eingestellt. Vielleicht hätten sie im kleineren Format besser gewirkt.

In der Einleitung zur Ausstellung schreibt Dr. Enno Kaufhold: “Der Darstellung des Menschen, insbesondere des nackten Menschen, galt seit Beginn des bildnerischen Gestaltens eine besondere Aufmerksamkeit, aus vielerlei Gründen. Befreit von den Fesseln restriktiver Normen zeigt sich der Akt heute in vielfältigen Formen und das in allen Medien. Die Ausstellung Körpernah – Akte/Nudes möchte genau das exemplarisch zeigen. Gerade das Interferieren unterschiedlichster Ansätze, vom körperlichen Begehren bis zur platonischen Distanz, in Kombination mit den differenzierten Ausdrucksmitteln in den verschiedenen Medien geben ein spannungsreiches Bild von dem, wie Nacktheit heute gesehen und gelebt wird.”

Gestern Abend wurde, thematisch zur Ausstellung passend, eine weitere Kunstgattung dargeboten: Es gab “hörbares”. Evelin Förster (Gesang) und Matthias Binner (Piano) brachten etwas lüsterne Chansons und Texte von Brecht bis Wedekind in den Tammen-Räumlichkeiten unter dem Titel “Erotisches zur Nacht oder Ein Fräulein beklagt sich bitter” zu Gehör. Die Zusammenstellung der Chansons passte bestens zum Thema der Ausstellung und ließe sich auch mit dem von Evelin Förster zitierten Satz “Die Haut, die war das erste Kleid, das Evas Körper zierte” betiteln. Es war ein rundum gelungener Abend!

Camera Work: “NUDES – Positionen der Aktphotographie” bis 28. August 2010

Für ihre Sommerausstellung konnte Camera Work aus dem riesigen Fundus ihrer Fotosammlung eine spannende Überblicksausstellung durch die Geschichte Aktfotografie zusammenstellen. Rund 150 Bilder von über 40 Fotografen sind zu sehen. Ausgesuchte Fotos habe ich in drei Kategorien zusammengestellt:

Das Bekannte: Da viele der ausgestellten Fotos bereits zu Ikonen der Fotografie geworden sind, gab es in dieser Rubrik nicht viel Neues zu sehen: Der Klassiker Edward Weston, die erotischen und provozierenden Aufnahmen von Helmut Newton und Bettina Rheims, Man Ray und Andre Kértesz mit Mehrfachbelichtungen, Solarisationen und Collagen und die beinah abstrakten Detailaufnahmen von Ralph Gibson. Natürlich muss auch Thomas Ruff mit einem verwischten Pornobild für 90.000 EURO (sic!) dabei sein.

Das Neue: Von Larry Sultan sind zwölf Farbfotos aus seiner zwischen 1999 und 2003 entstandenen Arbeit “The Valley” zu sehen. Sie dokumentieren die Einsamkeit und Melancholie hinter den Kulissen der Pornoindustrie.

Das Schönste: Das Buch “Spiegel der Venus” von Wingate Paine befindet sich zwar in meiner Fotobuch-Sammlung, aber die fünf Vintage-Prints in der Größe 30×45 cm, unter anderem “Metamorphose”, habe ich zum ersten Mal im Original gesehen. Auch eine der schönsten Aktaufnahmen überhaupt, zwei Bilder aus meiner Lieblingsserie “Meret Oppenheim mit Louis Marcoussis” von Man Ray aus dem Jahr 1933, sind ausgestellt. Zum Schluss möchte ich noch eine sinnliche Aktaufnahme von Manuel Alvarez Bravo, Titel “Fruta Prohibida”, Mexiko 1976, erwähnen.

Verein Berliner Künstler VBK: “AKTionale – Das nackte Sein bis 5. September 2010”

“Fünfzig Künstler aus Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Iran, Korea, Schottland und Amerika zeigen Arbeiten zum Thema Nacktheit in all ihren Facetten, von Liebe, Hass, Schönheit, Wahnsinn, Trauer, Glück, Gier, Lust, Traum, Flucht, Hoffnung, Perversion, Mord und Tod” (aus dem Einladungstext) in der Galerie des VBK am Schöneberger Ufer.

Zu sehen ist eine riesengroße Bandbreite an Stilen. Bei den Gemälden sind so ziemlich alle Genres vertreten, die es gibt: Alte Meister, Expressionismus, Pop Art und abstrakte Malerei, dazu kommen Fotoarbeiten, Collagen, Skulpturen und Installationen. “Wer sich dafür interessiert, was Berliner Künstler aus dem Verein Berliner Künstler so machen, und wer Aktbilder mag, der kann sich hier einen Überblick verschaffen und sicher auch das eine oder andere finden, das ihm gefällt. Es sind wirklich gute Bilder und Objekte dabei, die man im Übrigen auch kaufen kann.” (Kulturradio).

Manfred Michael Sackmann stellt seine “Lisa” in ihrem “ersten Kleid” aus. Es ist eines der besten Fotos in der Ausstellung. Das “Foto vom Foto” konnte ich gerade noch auf der Vernissage am 11. August machen, danach waren die drei Räumlichkeiten der Galerie total überfüllt und an ein Weiterbewegen war angesichts der tropischen Temperaturen nicht mehr zu denken.

www.galerie-tammen.de, www.camerawork.de, www.vbk-art.de

Die Unmittelbarkeit des Augenblicks

“Unbeachtete Momente – Fotografien 1927 bis 1936″.  Das Lebenswerk von Marianne Breslauer in der Berlinischen Galerie in Berlin-Kreuzberg – verlängert bis 01. 11.2010

Berlinische Galerie

"Berlinische Galerie", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Die Berlinische Galerie in Kreuzberg stellt mit einer Retrospektive der gebürtigen Berlinerin Marianne Breslauer deren Porträtfotografien und das Alltagsleben der Weimarer Republik dem Publikum vor.

Die etwa 130 Bilder stammen zu einem Großteil aus dem Nachlass Marianne Breslauers, den sie der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, überlassen hat, aber auch aus der eigenen Sammlung der Berlinischen Galerie, sowie – ganz kurios – aus der “Sammlung Stefan Thull: Die Krawatte in der Photographie”. Alle Fotos wurden auf Silbergelatinepapier belichtet.

Das Werk von Marianne Breslauer, das sie in zehn Jahren geschaffen hat, ist aus heutiger Sicht zwar bedeutend, aber am Beispiel der gleichfalls ausgestellten Fotos von Marta Astfalck-Vietz zeigt sich exemplarisch, dass Breslauer, als sie die Fotografie aufgab und sich dem Kunsthandel zuwandte, den Höhepunkt ihres fotografischen Schaffens noch nicht erreicht hatte.

Marta Astfalck-Vietz ist zusammen mit neun weiteren Fotografinnen wie z.B. Yva, Steffi Brandl und Lotte Jacobi, die alle große Bedeutung für die Fotografie der Moderne hatten, in einer Ergänzung zu Breslauers Fotos in einem zweitem Teil der Ausstellung, die aus den eigenen Beständen der Berlinischen Galerie zusammengestellt wurde, zu sehen.

Lette-Verein

Zu Beginn der Ausstellung ist Breslauers “Gehilfenstück”, ihre Examensarbeit “Das Porträt, Berlin 1929″ zur Gehilfenprüfung am Lette-Verein, Berlin, zu sehen.

Eher surrealistisch ist das Foto “Edgar Wallace” von 1927/28 einzuordnen. Eine Szene im Spiegel, im Hintergrund ein Mann mit dem Rücken zur Kamera und im Vordergrund eine ins Bild ragende Hand (die der Fotografin?) geben Rätsel auf. Erwähnenswert ist auch ein Selbstporträt: Im offenen Bademantel neben der Kamera gibt sie zwar die Schönheit ihres Körpers preis, aber nicht ihre Identität

Paris

1929 und 1932 reiste Marianne Breslauer für längere Zeit nach Paris. Sie nahm von Man Ray den Rat an und fotografierte ganz nach ihrer Intuition und entdeckte die Unmittelbarkeit des Augenblicks. Sie fing die klassischen Paris-Themen ein: Straßenszenen, die Boulevards, die Clochards, den Jardin du Luxemburg, aber auch die mondäne Welt der Pferderennen.

In Paris hatte sie neben Man Ray auch Kontakt zu Martin Munkási und Georg Hoyningen-Huene und fotografierte sie. Auch von weiteren Prominenten, wie Erich Maria Remarque, Oskar Kokoschka und Paul Citroen finden sich Bilder, insbesondere von der “neuen” Frau der 1920er Jahre, zu der Kurzhaarschnitt ebenso wie demonstrative Geste gehörten. Auf dem Bild “Défense d’afficher” (Schriftzug auf der Mauer), das um 1936 in Paris entstanden ist, zündet sich eine Frau, obwohl damals verpönt, in aller Öffentlichkeit eine Zigarette an.

Berlin

Ein Block von sechs Fotos erzählt von einem Sommertag im Jahre 1934 in Sacrow bei Potsdam. Breslauer traf sich dort mit ihren Freundinnen im Garten des Sommerhauses der Kunsthistorikerin Grete Ring. Die Freundinnen scherzen und rauchen und räkeln sich beim Sonnenbad auf der Liegewiese.

Palästina

Die 21jährige Marianne Breslauer war auf Einladung ihrer Jugendfreundin Djemilla Nord, der Tochter des ersten deutschen Generalkonsuls, zu deren Hochzeit zwei Monate nach Palästina gereist. Das Porträt der bildhübschen “Djemila”, Jerusalem 1931 ist eines ihrer schönsten und bekanntesten Porträts der Fotografin.

Breslauer fühlte sich in die Märchenwelt aus Tausend und einer Nacht versetzt. In ihren Fotos ist zu spüren, dass sie vom orientalischen Leben, das sich auf den Straßen und in den Gassen der Städte abspielte und von der Andersartigkeit der Menschen, denen sie in der kargen Landschaft begegnete, beeindruckt war.

Spanien

Eine Freundin von Breslauer war die androgyne Schweizer Autorin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach. Mit deren Porträt hätte sie auch einen jungen Mann darstellen können. Breslauer bezeichnete sie als “das schönste Lebewesen, dem ich je begegnet bin”.

Mit Annemarie Schwarzenbach unternahm sie eine Reise nach Spanien. Sie wollten darüber mit Text und Bild berichten. Beide Frauen trafen im Frühling 1933 im Auftrag der Berliner Agentur Academia in Südfrankreich ein, von wo aus sie mit Schwarzenbachs weißem Mercedes ” durch Spanien fuhren. Es entstanden eindrückliche Aufnahmen, die von den kulturellen Besonderheiten des Landes erzählen, den Eigenarten seiner Bewohner und immer wieder Annemarie Schwarzenbach und ihr Auto zeigen.

Amsterdam

Eine der schönsten und stimmungsvollsten Nicht-Porträtaufnahmen hat Breslauer 1932 in Amsterdam gemacht: Aufgehängte Wäsche flattert auf einem Schiff in einer der zahlreichen Grachten im Morgenlicht. In Amsterdam, der Stadt in die sie vor den Nazis flüchtete, heiratete sie 1936 den Kunsthändler Walter Feilchenfeldt. Sie lebten dort bis 1939. Anschließend emigrierten beide in die Schweiz.

Die Kunsthändlerin

Das Fotografieren gab Marianne Breslauer 1937 auf und widmete sich, zusammen mit ihrem Mann, auch in der Schweiz dem Kunsthandel. Als 1953 ihr Mann in Zürich starb, übernahm sie das Geschäft und arbeitete als Marianne Feilchenfeldt von 1966 bis 1990 gemeinsam mit ihrem Sohn Walter zusammen. 1999 hat Marianne Breslauer in Berlin den Hannah-Höch-Preis erhalten. Sie starb im Alter von 92 Jahren am 7. Januar 2001 in Zürich.

www.berlinischegalerie.de

Mit Puppen und Prothesen im Double Sexus

Die erotisch aufgeladenen Werke von Hans Bellmer und Louise Bourgeois in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, Staatliche Museen zu Berlin (Charlottenburg), vom 24.04. bis 15.08.2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Körper verformen sich, lösen sich auf; Gliedmaßen fehlen, andere verdoppeln sich; männliche und weibliche Geschlechtsformen verschmelzen zu androgynen Wesen – ich musste manchmal zweimal hinschauen, ob es das Werk von Hans Bellmer oder Louise Bourgeois war – in der kleinen, aber feinen “Kabinett”-Ausstellung im Marstall des östlichen Stülerbaus gegenüber dem Schloß Charlottenburg. Aufgrund der großen Werbeaktionen für die Ausstellung hatte ich allerdings mehr Werke – insbesondere weitere Photographien von Bellmer mit seinen anarchistisch-erotischen Inszenierungen – erwartet.

Hans Bellmer (1902 Kattowitz – 1975 Paris) interessierte sich weniger für sein Studium an der Technischen Hochschule Berlin, sondern eher für Karl Marx und die Künstler der Dada-Bewegung und die Surrealisten, die er in Paris kennenlernte. Ab den 1930er-Jahren beschäftigte er sich bis zum Lebensende mit erotischen Darstellungen der weiblichen Anatomie. 1934 entstand Bellmers erste Puppe. Auslöser war die mechanische Puppe, die Bellmer in einer Aufführung von Jacques Offenbachs “Hoffmanns Erzählungen” gesehen hatte und wohl auch der Besuch seiner jungen Cousine Ursula, die ihn faszinierte.

Bellmer konstruierte aus Teilen von Schaufensterpuppen und verschiedenen Materialien fetischartige Puppen, die er immer wieder fotografierte und zeichnete. Die Bilder/ die Puppen sind künstlich und zugleich real. Sie rufen die Höhen und Tiefen der – männlichen? – Phantasie hervor. Die Fotografien schickte er an Paul Éluard und André Breton nach Paris, die ihn darauf hin als Surrealisten ansahen. 1934 hatte Bellmers erste Fotoserie “La poupée” große Erfolge, die anschließend auch im  Museum of Modern Art in New York in der Surrealismus-Ausstellung zu sehen waren.

“1953 begegnete Bellmer der an Schizophrenie und Depression leidenden Schriftstellerin Unica Zürn, mit der er bis zu ihrem Lebensende zusammen arbeitete. Sie zogen in das Pariser Hotel L’Espérance, wo sie kaum Freunde und wenig Kontakte hatten, kaum ausgingen, und sich immer mehr von der Außenwelt abschotteten. 1954 erschien in Frankreich die “Geschichte der O” mit einer Lithografie Bellmers auf der Titelseite. 1959 und 1964 wurde Bellmer zur documenta II und documenta III in Kassel eingeladen. 1970 stürzte sich Zürn aus der gemeinsamen Wohnung in Paris in den Tod. Bellmer starb 1975 vereinsamt in Paris” (Quelle: Wikipedia).

Louise Bourgeois Familie hatte in Paris eine Galerie für historische Textilien. “Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen. Wenn jemand immer redet und es sehr weh tut, was die Person sagt, dann kann man sich so ablenken. Man konzentriert sich darauf, etwas mit seinen Fingern zu machen. Diese Figuren waren meine ersten Skulpturen, und sie repräsentieren eine Flucht vor etwas, was ich nicht hören wollte. […] Es war eine Flucht vor meinem Vater. Ich habe zahlreiche Arbeiten zu dem Thema ‘The Destruction of the Father’ gemacht. Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht. Das ist das Motto, das meine Arbeit nährt” (Bourgeois).

“Louise Bourgeois hat sich im Laufe ihres künstlerischen Schaffens mit den unterschiedlichsten Materialien und Techniken auseinandergesetzt. Dabei nimmt sie in einigen Bereichen eine Pionierrolle ein: So ist sie eine der ersten Künstlerinnen, die installativ arbeitete, indem sie ihre Skulpturen als zusammenhängende Teile in einem räumlichen Kontext arrangierte. Ihre Experimentierfreudigkeit führt sie immer wieder zu neuen Verarbeitungsmöglichkeiten und Materialkombinationen. Beispielsweise dienen bei einigen der seit Mitte der neunziger Jahre entstandenen Stofffiguren die verarbeiteten Kleidungsstücke aus Kindheit und Jugend als Fülle sowie als Umhüllung – sie sind Material und Thema, Inhalt und Form” (Quelle: Wikipedia).

1982 fand im Museum of Modern Art Bourgeois erste Retrospektive statt. Für den Katalog fotografierte Robert Mapplethorpe sie mit einem – scheinbar – riesigen Phallus, unter dem Arm. Es handelt sich um ihr Werk “La fillette” (das Mädchen), das zugleich ein  weibliches Wesen mit Vulva ist, die ich erst auf dem zweiten Blick gesehen habe. Mit diesem Werk beginnt die Berliner Ausstellung. Die Doppelgeschlechtlichkeit zieht sich durch ihr ganzes Werk (und das von Hans Bellmer). Internationales Interesse erweckte Bourgeois mit der Teilnahme an der documenta IX in Kassel (1992) und der Biennale in Venedig (1993). Louise Bourgeois ist am 31. Mai 2010 im Alter von 98 Jahren in New York verstorben.

www.doublesexus.org

John Lennon: “Before Elvis, there was nothing!”

“A Star Is Born. Fotografie und Rock seit Elvis” im Museum Folkwang bis 10.10.2010. Viele der Bilder sind im kollektiven Gedächtnis vorhanden

“A Star Is Born”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Zur Geschichte des Rock and Roll gehören auch die visuellen Darstellungen der Rockstars auf Fotos und Titeln der Plattencover, der Magazine und natürlich in Musik-Videos. Viele dieser Bilder sind im kollektiven Gedächtnis, zumindest meiner Generation, vorhanden. Die Bilder sind fast so berühmt wie die Rockstars selbst. Das Essener “Museum Folkwang” zeigt nun in dem Überblick “A Star Is Born” die, insbesondere visuelle, Geschichte des Rock and Rolls von seinen Anfängen der Blues-Ära bis heute.

Zu sehen sind Fotos von bekannten und unbekannten Fotografen, Plattencover, Musik-Zeitschriften und Musik-Videos. In der Ausstellung laufen in den einzelnen Räumen aus “Soundduschen” Musikcollagen und Videos zur Rockgeschichte, unter anderem das Video von “Prince And The Revolution” aus dem Jahr 1985 mit einem seiner besten und schönsten Songs “Raspberry Beret”. Das passende Video habe ich hier gefunden:

Prince: “Raspberry Beret (Ersatzlink)

In der Ausstellung selbst habe ich eine Menge wichtiger Fotografien zur Rockgeschichte vermisst. Zum Beispiel hätte ich gerne die Fotos von Robert Mapplethorpe, die er von Patti Smith für ihre Alben, insbesondere “Horses“, gemacht hat, einmal im Original gesehen. Auch Fotos von Pink Floyd und Robert Plant von Led Zeppelin habe ich nicht gefunden. Diese großen Lücken sind angeblich wegen juristischer Probleme entstanden.

“Man würde nicht nach Lücken suchen, konzentrierte sich die Ausstellung auf exzellente Fotografie, in diesem Fall also auf Bilder, bei denen Fotograf und Star in gleichem Maße zur Schöpfung einer Ikone beitragen. Aber es werden so viele Schnappschüsse, Album- und Magazincover, Filmausschnitte und Hörbeispiele aufgehäuft, dass die besten Fotoarbeiten zu bloßen historischen Dokumenten degradiert werden” (Kölner Stadtanzeiger, 09.07.2010). Einige, erwähnenswerte, gute Fotos möchte ich kurz vorstellen.

Alfred Wertheimer fotografiert 1956 den damals noch unbekannten 21-jährigen Elvis Presley. Ungehindert und ohne Zensur durch Manager oder Plattenfirma zeigen sie den jungen, attraktiven Elvis beim Flirt mit einer Kellnerin, im Studio und auf der Bühne.

Während Wertheimers Bilder Erotik und Lebensfreude ausstrahlen, ist auf dem Bild der Agentur dpa (anonymer Fotograf) der gigantische Bühnenaufbau der Band “U2” im Berliner Olympia-Stadion zu sehen. Bono ist nur zu erkennen, weil er auf der Video-Leinwand groß dargestellt wird. Das Foto gehört aber zu einem der “Spitzen”-Fotos der Ausstellung.

1968 hat Michael Joseph ein zweitätiges Fotoshooting mit den Rolling Stones auf einem verfallenem Anwesen bei Sarum Chase in West Hampstead, dem ehemaligen Zuhause des viktorianischen Gesellschaftsmalers Frank Owen, durchgeführt. Anlass waren die Aufnahmen für das Album “Beggars Banquet”. Mit Beggars Banquet kehrten die Rolling Stones nach ihrem psychedelisch orientierten Album “Their Satanic Majesties Request” zu ihren Wurzeln zurück. Viele dieser Fotos sind bis heute unbekannt. Die Beggars Banquet-Collection war im November 2008 in der Blink Gallery in Soho, London, zu sehen. In der Essener Ausstellung ist eines der “Spitzen”-Fotos ausgestellt, das die Stones an einem riesigen Tisch, in verwegener Kleidung, sitzend und teilweise liegend, während eines mittelalterlichen Gelages zeigt.

Erwähnungswert ist auch Mick Jagger auf dem Cover der Zeitschrift “Rolling Stone”, Ausgabe 195 vom 11.09.1975. Das Foto ist von Annie Leibovitz und zeigt ihn – meine Interpretation – als Jesus oder die Fotos von David LaChapelle” von Rockstars – erwähnenswert ist “Marilyn Manson: Crossing Guard”. Auch das berühmte Cover-Foto für das Album “Abbey Road” von Iain Stewart Macmillan, auf dem die Beatles über den Zebrastreifen der Abbey Road gehen oder die Fotos von “The Velvet Underground” von Stephen Shore im Original zu sehen, war schön. Gut gefallen hat mir das Foto “Colonel” von Helga Paris aus dem Jahr 1981. Es zeigt einen Rock ‘n Roll-Tänzer mit karierter Anzugsjacke in Aktion. Kurios waren eher die Zuführungsfotos der Stasi von Ost-Punks.

Im letzten Raum waren zeitgenössische Objekte zu sehen und zu hören: Franz Ferdinand mit “Walk Away” (2005), The White Stripes mit “The Hardest Button zu Button” (2003), Coldplay “In My Place” (2002) und die Artic Monkeys mit “Cornerstone” (2009). Die Artic Monkeys kannte ich bisher nur dem Namen nach, Cornerstone ist aber ein toller Song der hier zu finden ist: Artic Monkeys “Cornerstone.

Ohne Mode in Wuppertal

Vom Bromöl-Druck zum Glamour-Foto: 150 Jahre Körperbilder in Fotografie und Malerei bis zum 15.08.2010 im Von der Heydt-Museum

"Selbst mit Plakat NudeVision", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Selbst mit Plakat NudeVision”, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Ein Vierteljahrhundert nach der ersten erfolgreichen Ausstellung “Das Aktfoto. Ansichten vom Körper im Fotografischen Zeitalter” zeigt das Wuppertaler Von der Heydt-Museum jetzt wieder eine Auswahl von Aufnahmen aus der “Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum”. Nachdem ich diese Ausstellung, die damals auch Fotos von mir ausstellte, nicht gesehen hatte, konnte ich jetzt die Ausstellung in Wuppertal sehen. In sieben Kapiteln werden die Möglichkeiten und Höhepunkte der Aktfotografie von ihren Anfängen bis heute “beleuchtet”.

In jedem Raum bzw. zu jedem Thema werden die Fotos mit einem gemalten Akt aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums konfrontiert. Die mehr als 190 Körperbilder, Mappenwerke mit gedruckten Aktstudien sowie Beispiele aus der rund 700 Bände umfassenden Aktbibliothek hier vorzustellen, würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. So beschränke ich mich darauf, pro Kapitel ein subjektiv ausgewähltes Foto ausführlicher vorzustellen und weitere wichtige Fotografien zu erwähnen.

Akademien und Exotik im 19. Jahrhundert

Vincenzo Galdi (1971 Neapel – 1961 Rom). Das freizügigste Foto aus der damaligen Zeit, der “Weibliche Akt” (Kat.-Nr. 41) aus dem Jahr 1891, dürfte sicherlich den malenden Künstlern als Vorlage gedient, aber auch den Markt der Erotika bedient haben. Es führte schließlich auch zu einer Anklage wegen Verbreitung “obszöner” Motive.

Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil neben vielen anonymen Fotografen u.a. von Wilhelm von Gloeden, Eadweard Muybridge, Auguste Belloc, Gaudenzio Marconi, Oscar Gustave Rejlander, Guglielmo Plüschow, dessen “Weiblicher Akt im Schilf” um 1890 auch in der heutigen Zeit hätte entstanden sein können und die “Akademie”-Fotos von Johann Josef Blitz, Nachstellungen von religiösen Szenen, wie die Kreuzabnahme, Beweinung Christi oder Pietà, die als Bildvorlagen für den Künstlerbedarf dienten. Ab 1870/80 entstanden – als Visionen eines irdischen Arkadiens – die ersten Freilichtakte im mediterranen Süden Italiens und Nordafrikas.

Kunstfotografie um 1900

Frank Eugene Smith (1865 New York – 1936 München). Seine Fotogravüre “Adam und Eva” von 1898 war eine der bekanntesten Aktkompositionen der damaligen Zeit und steht für den internationalen Piktorialismus. Zart illuminierte Torsi treten in dem Photo in der Art Rembrandts aus dem Dunkel hervor. Um den malerischen Charakter zu betonen, bearbeitete er seine Negative und Positive mit Radiernadel und Pinsel. Smith gründete 1902 gemeinsam mit Alfred Stieglitz und Edward Steichen die Photo-Secession.

Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil u.a. von Germaine Krull, Elfriede Reichelt, Franz Grainer, Hanna Seewald und Fritz Witzel, dessen Fotos aussehen, als seinen es schwarz/weiß fotografierte Gemälde. Die Fotografen versuchten den menschlichen Körper mit sphärischer Weichzeichnung physisch entrückt als künstlerisches Sujet zu ”adeln”.

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Künstlerische Positionen nach 1945Wynn Bullock (1902 Chicago – 1975 Monterery). Das Foto “Woman und Thistle” aus dem Jahr 1953 ist eine klassische Schwarz-Weiß-Aufnahme. Das Bild eines Farmhauses wird im goldenen Schnitt durch einen Außen-Kamin, links ein weiblicher Akt im Fenster und rechts eine mannshohe Distel im Türrahmen, zweigeteilt. Das Bild ist eines von Bullocks bekannten poetischen Akt- und Landschaftsaufnahmen.

Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil u.a. von Otto Steinert, Herbert List, Lucien Clergue, Heinz Hajek-Halke, Franz Roh, Jerry Uelsmann, Will McBride, Dieter Appelt, Stefan Moses, Jan Sudek, Nan Goldin, Laryy Clark und Timm Ulrichs. Timm Ullrichs hat Bildausschnitte aus Pornoheftchen “abfotografiert”, wobei es sich ausschließlich um Bilder handelt, die in bürgerlicher Umgebung fotografiert wurden und an deren Wänden schmückende Kunstbilder, wie die Mona Lisa, hängen.

Freikörperkultur

Gerhard Riebecke (1878 Sonnenwald/ Lausitz – 1957 Berlin). Das gestochen scharf fotografierte Bild “Paar beim Ausdruckstanz” in der freien Natur ist ein Beispiel für Riebeckes Spezialität, die Herstellung von Sport-, Tanz- und Naturismusfotografien. Seine Fotos gehörten zur Reformbewegung der Freikörperkultur der 1920er Jahre. Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil u.a. von Josef Breitenbach und Guido Mangold. Viele der überlieferten Fotos in diesem Kapitel sind von anonymen Fotografen.

Der männliche Akt

Herbert List (1903 Hamburg – 1975 München). Das schönste Bild in diesem Teil der Ausstellung ist der männliche Rückenakt in Hammamet/ Tunesien aus dem Jahr 1935 mit dem Titel “Junger Araber mit Steppenkerzen”. Trotz dieses Ausstellungsteils, weibliche Akte sind im kollektiven Gedächtnis stärker verhaftet als die männlichen. Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil u.a. von Guglielmo Plüschow, Wilhelm von Gloeden und Will McBride.

Glamour

Bert Stern (1929 Brooklyn – lebt in New York ). Aus diesem Bereich möchte ich die Fotos aus der Foto-Serie “The Last Sitting” mit Marylin Monroe aus dem Jahr 1962 hervorheben. Sie sind während einer mehrtägigen Fotositzung mit der wenig später verstorbenen Marilyn Monroe entstanden. Die Aufnahmen von Bert Stern sind sicherlich Schlüsselbilder in der Geschichte der Aktfotografie. Weitere Fotos finden wir in diesem Ausstellungsteil u.a. von Guido Mangold, André Gelke und – er darf natürlich nicht fehlen – Helmut Newton.

Den Titel dieses Artikel habe ich dem Buch “Ohne Mode – 20 weibliche Aktstudien nach der Natur in Heliogravüre für Künstler und Kunstfreunde” Stuttgart 1902, entlehnt. Meinen Beitrag zur Ausstellungsankündigung zu NudeVisions vom 05.05.2010 finden Sie hier. “Ich versuche den nackten Menschen ohne Hässlichkeit und Hintergedanken darzustellen, so schön und echt wie möglich, immer mit der Perspektive, dass hinter den Dingen noch etwas steht, das wir nicht kennen und was wir doch alle fühlen.” (Germaine Krull, 1924)

www.von-der-heydt-museum.de

Überraschung am frühen Morgen

"Michael Schmidt: Frauen", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Michael Schmidt: Frauen", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Berlin Biennale: Der Fotograf Michael Schmidt im öffentlichen Raum

Das war heute morgen nun doch eine Überraschung: Seit Wochen versuche ich Fotos von Michael Schmidt, die öffentlich auf Plaktwänden aushängen sollen, zu finden. Und dann dies: Direkt vor meiner Haustür hängen auf dem S-Bahnhof Steglitz drei große Fotos auf den Reklametafeln. Es handelt sich um einen künstlerischen Beitrag zur 6. Berlin Biennale. Michael Schmidts fotografische Arbeiten werden während der gesamten Dauer im öffentlichen (Plakate) und medialen Raum (Zeitungen und Zeitschriften) an wechselnden Standorten und in wechselnden Medien zu sehen sein. Die Bilder stammen aus Schmidts Fotoserie “Frauen“ (1997–1999). Die Biennale läuft noch bis zum 8. August 2010.

www.berlinbiennale.de

Born To Be Wild

Easy Rider, der Kultfilm, beschreibt das Lebensgefühl der späten 1960er.
Ein in sich gekehrter Peter Fonda, ein kiffender Dennis Hopper und
ein abenteuerlustiger Jack Nicholson sind Born to be Wild.

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Neben den beiden Filmen Blow Up aus dem Jahr 1966 und Zabriskie Point von 1970, beide von Michelangelo Antonioni, ist insbesondere Easy Rider der Kultfilm, der für mich das Lebensgefühl der späten 1960er Jahre beschreibt. ARTE zeigte gestern Abend im Rahmen des ”Summer Of The 60er” den Fim aus dem Jahr 1969. Es war mein erstes Jahr in Berlin, nachdem ich im Oktober 1968 aus Westfalen hierher zog, mitten in die 68er-Szene mit ihren vielen Uraufführungs- und Programmkinos und den entsprechenden Szene-Lokalen. Aber das wird einmal eine andere Geschichte werden.

Easy Rider, unter der Regie von Dennis Hopper, habe ich seit langem des erste Mal wieder gesehen und war angenehm überrascht, wie “saugut” der Film ist: Tolle Bilder, tolle Musik, eine überzeugende Story, grandiose Landschaftsbilder, eine – aus heutiger Sicht – ruhige, wohltuende Kameraführung und ein Schluss – das spricht eher für einen guten Film – ohne Happyend. Und der Film ist vermutlich das erste Road Movie, das diese Bezeichnung verdient.

Und wir sehen zwei spitzenmäßige Hauptdarsteller: Dennis Hopper als Billy und Peter Fonda als Wyatt und natürlich – in wenigen Szenen – den bereits damals genial agierenden Jack Nicholson als Georg Hansen, der hier sein Filmdebüt hatte. Wenn ich heute an Peter Fonda denke, sehe ich ihn in seiner Rolle in Easy Rider, bei Dennis Hopper denke ich eher an Rollen in jüngeren Filmen, wie Blue Velvet von David Lynch mit Isabella Rossellini aus dem Jahr 1986. Für Dennis Hopper war Easy Rider der erste Film in dem er Regie führte und auch das Drehbuch schrieb – eine erstaunliche Erst-Leistung.

Easy Rider ist einer der ersten Filme, der nicht mit einem speziell für den Film komponierten Soundtrack ausgestattet wurde. Den sollte eigentlich Crosby, Stills & Nash nachliefern. Stattdessen wurden – wie ich finde glücklicherweise – die bereits in der Rohfassung verwendeten zeitgenössischen Lieblingssongs von Peter Fonda verwendet. Und das sind in erster Linie die Songs Born to Be Wild und The Pusher von Steppenwolf, I Wasn’t Born To Follow von The Byrds, If Six Was Nine von The Jimi Hendrix Experience, Ballad of Easy Rider von Roger McGuinn und – passend zu den ruhigen Filmszenen in Easy Rider – The Weight von The Band (der teilweisen Begleitband von Bob Dylan). Das passende Video habe ich hier gefunden:

The Band mit “The Weight” im Film Easy Rider

Easy Rider handelt von zwei Marihuana rauchenden Motorradfahrern, die auf der Suche nach dem geistigen “El Dorado” sind. Wie die früheren Pioniere Amerikas reiten sie von Los Angeles auf ihren umgebauten Harley-Davidsons (Choppern) nach Westen – im Gegensatz zu damals also von Ost nach West. In Arizona werden sie die erste Nacht vom Hotelbesitzer schroff abgewiesen. Sie übernachten am Lagerfeuer. Später campieren sie in einer Hippie-Kommune, mit deren Mädels gibt es einen Ausflug zu den heißen Quellen mit einem idyllischen Bad. Als sie mit ihren Choppern in einer Freiheits-Parade mitfahren, werden sie wegen “unerlaubter Teilnahme an einer Parade” ins Gefängnis gesteckt. Dort schläft Anwalt Hansen (Jack Nicholson) seinen Rausch aus. Dank seiner Beziehungen kommen die Biker frei. Hansen gefällt der Trip der beiden, also kommt er mit. In einem ländlichen Ort in Louisiana flirten die drei mit Mädchen in einem Restaurant. Sie werden von den Männern des Dorfes, einschließlich des Sheriffs, bedroht. Das Trio übernachtet in der Wildnis in der Nähe des Dorfes. Nachts werden sie von den Dorfbewohnern mit Baseball-Schlägern überfallen. Georg Hansen stirbt dabei.

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Je weiter der Ritt geht, desto misstrauischer und hasserfüllter reagieren die Menschen, denen sie begegnen. Nur ein einfacher Farmer und seine mexikanische Frau gewähren Gastfreundschaft und die große Familie lädt sie zu einem gemeinsamen Mahl ein. Billy und Wyatt fahren weiter nach New Orleans in ein Bordell, das ihnen Hansen empfohlen hatte. Mit zwei Prostituierten ziehen sie auf einen Friedhof, auf dem die Einnahme von LSD zu einem psychedelischen Trip führt, der den gewaltsamen Tod der beiden Biker vorwegnimmt. Am nächsten Morgen geht es auf der Landstraße weiter gen Osten. Während der Fahrt werden Wyatt und Billy von zwei autofahrenden “Rednecks” (“rechts”-konservativen Arbeitern) grundlos aus den Sätteln geschossen.

“Ich finde es ist wirklich schwer, frei zu sein, wenn man verladen und verkauft wird wie eine Ware. Aber wehe du sagst jemand, er sei nicht frei – dann ist er sofort bereit, dich zu töten oder dich zum Krüppel zu schlagen, um zu beweisen, dass er frei ist” (Hansen/ Nicholson im Film). Übrigens, die beiden Vornamen – das fiel mir wirklich erst zum Ende meines Textes ein – erinnern natürlich an Wyatt Earp und Billy the Kid, die legendären Western-Helden.

Blackout in New York oder: Die Abwesenheit von Licht

René Burri in der Galerie argus fotokunst, Berlin, 05.06. bis 31.07.2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Der 9. November 1965 ging als Tag des “Northeast Blackouts” in die Geschichte von Nordamerika ein. In der Nacht, in der in ganz New York das Licht ausfiel, startete der Fotograf René Burri eine ”Foto-Expedition”, um die “Abwesenheit von Licht” zu fotografieren. Er wollte die Gelegenheit nutzen, um im Schein von Autoscheinwerfern, Taschenlampen und Kerzen die Stadt und ihre Bewohner zu fotografieren. Eine Nacht lang bannte Burri die Ereignisse der Nacht auf acht Kleinbildfilme. Bisher wurden die Fotos nie veröffentlicht. Erst im letzten Jahr sind sie im Moser-Verlag, München, unter dem Titel “Blackout New York” erschienen.

In diesem Sommer stellt Nobert Bunge in seiner Galerie argus fotokunst, Berlin, Marienstraße 26, diese “Meditation über das Licht” (Hans-Michael Koetzle) erstmalig aus. Neben den “Blackout”-Fotos sind von Burri aus den siebziger Jahren Farbaufnahmen von Straßenszenen in New York zu sehen. Das ungewöhnlichste Bild zeigt in drei Sequenzen ein Model, hoch über den Dächern des alten New York, das sich im Laufen bei einer Modeaufnahme auszieht. Im folgenden Video sprechen René Burri und Hans-Michael Koetzle, der ein Essay für das Buch “Blackout New York” verfasst, über Burris Werk, Insbesondere sind Burris Porträts von Prominenten zu sehen:

Video “Porträts mit Geschichte”

René Burri wurde am 9. April 1933 in Zürich geboren. Er entdeckte seine Freude an der Fotografie bereits als Jugendlicher und ließ sich im Alter von 18 Jahren zum Fotografen ausbilden. 1950 wurde er Meisterschüler des Fotografen Hans Finsler, der im Stil der Neuen Sachlichkeit Burris erste Arbeiten stark beeinflusste. Ab 1955 arbeitete er für die Fotoagentur Magnum und bereiste die ganze Welt. 16 vollgestempelte Reisepässe bezeugen dies. Seine ersten Bildberichte wurden in den Schweizer Zeitschriften “Du” und “Camera” gedruckt. Durch seine Tätigkeit in verschiedensten Genres des Fotojournalismus wurden seine Bildberichte zunehmend auch in international renommierten Magazinen wie Look, Paris Match, Life ,Stern und GEO veröffentlicht. Sein wohl bekanntestes Bild ist das von Che Guevara mit Zigarre (im Video zu sehen). Es wurde zu einer Ikone der Fotografiegeschichte.

“1960 trat René Burri mit einer aufsehenerregenden Reportage und Ausstellung “Die Deutschen” an die Öffentlichkeit. Durch seine “Neutralität” als Schweizer hatte er die Möglichkeit, Bilder sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland aufzunehmen und so die beiden Seiten des geteilten Deutschland aus einem einheitlichen neutralen und unvoreingenommenen Blickwinkel darzustellen. Dieses Material verarbeitete er später zu einem Buch (Erstauflage 1962), dessen Neuauflagen er bis in die Neunziger Jahre um aktuelle Fotos, u.a. des Falls der Berliner Mauer, ergänzte. Damit ist ihm wohl als Einzigem der Versuch geglückt, ein gültiges Bild Deutschlands vor und nach dem Mauerbau sowie vor und nach dem Mauerfall zu zeigen” (Quelle: Wikipedia).

“Burris Bildserie “Blackout New York” ist keine Reportage im herkömmlichen Sinne, keine überlegt gebaute Story. Als Experiment ist sie weniger und mehr zugleich. Burris Zyklus ist ein Versuch, ein Essay im Wortsinn. Eine Meditation über das Licht beziehungsweise dessen Abwesenheit. Eine Reflexion über das Sehen – und damit über die Fotografie selbst.” (Hans-Michael Koetzle).

argus fotokunst

Nude Visions – 150 Jahre Körperbilder in Fotografie und Malerei

Ausstellung im Von der Heydt-Museum Wuppertal
vom 01. Juni bis 15. August 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Foto © Friedhelm Denkeler 2010

In enger Zusammenarbeit mit dem Münchner Stadtmuseum zeigt das Von der Heydt-Museum eine umfassende Ausstellung zum Thema Akt. Denn trotz der medialen Überflutung mit Bildern nackter Körper hat der Mensch im Adamskostüm bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Die Ausstellung lädt den Besucher zu einer Reise durch die Kollektion von Körperbildern aus der Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum ein.

Mehr als 190 Körperbilder, Mappenwerke mit gedruckten Aktstudien sowie zentrale Beispiele aus der rund 700 Bände umfassenden Aktbibliothek aus dem 19. und 20. Jahrhundert werden in sieben Kapiteln von den Anfängen bis heute gezeigt. Diese hervorragenden Werke der Fotografiegeschichte kontrastieren wir mit Gemälden aus der großen Sammlung des Von der Heydt-Museums, so dass die ästhetische Wechselbeziehung zwischen den beiden unterschiedlichen Genres erkennbar wird, die auch Rückschlüsse auf unterschiedliche Wahrnehmungsweisen des Aktes im Verlauf von 150 Jahren zulässt.

Am Beginn der Ausstellung stehen so genannte “Akademien“, Bildtafeln, die Malern, Zeichnern und Bildhauern als Studienvorlagen dienten und sich an kunsthistorischen Vorbildern der Antike und Renaissance orientierten. Aktfotografien entstanden jedoch nicht nur im Dienste der Malerei und Skulptur, sondern folgten auch eigenen künstlerischen Ambitionen. Theodor Her etwa schuf Fotografien, in denen er seine Modelle in historischen Kostümen als Bacchus oder Orientale präsentierte. Solche und ähnliche Aktaufnahmen wurden gewöhnlich im geschützten Atelier arrangiert. Ab 1870/80 entstanden die ersten Freilichtakte, fast ausschließlich im Süden Italiens und in Nordafrika. Fotografen wie Roberto Rive, Wilhelm von Gloeden, Guglielmo Plüschow, Vincenzo Galdi oder Lehnert & Landrock begannen dort ihre Visionen eines irdischen Arkadien zu inszenieren.

Um 1900 wurde das Angebot an Studienvorlagen zur Aktfotografie immer vielfältiger. Mit dieser Massenproduktion hatten die Vertreter des Piktoralismus in ihren Bestrebungen, den Akt als künstlerisches Sujet zu nobilitieren, jedoch wenig gemein. Fotografen wie Frank Eugene, Alfred Stieglitz, Clearence White oder Fritz Witzel haben den Akt in sphärischen weichzeichnerischen Darstellungen wiedergegeben, in denen der menschliche Körper wie ein kostbares Gefäß aufscheint. Mit Hilfe von aufwändigen Druckverfahren wurde die Bildwirkung der Motive verändert, das konkret Physische entzogen und in entrückte Sphären versetzt.

Im Rahmen der Lebensform-Bewegung, die seit Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Deutschland erheblichen Zulauf fand, nahm die Freikörperkultur eine besondere Stellung ein. Das Nacktbaden in Licht, Luft und Wasser gehörte ebenso zu den Aktivitäten wie Kraftsport und Tanz. Eine wirksame Reklame für die Ideale der Naturalisten stellten Aktfotografien dar, die den Körpter in seiner Natürlichkeit feierten. Die künstlerische Fotografie im Umfeld von Neuer Sachlichkeit, Neuem Sehen und Surrealismus führte in den 1920er und 1930er Jahren auch im Bereich der Aktdarstellung zu völlig neuen Bildlösungen. Mehrfachbelichtungen, Solarisation und Collagen, extreme Bildausschnitte und Perspektiven sowie das Spiel mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten gaben der Aktkunst entscheidende Impulse. Der entblößte Körper wurde verfremdet, entmaterialisiert, durchleuchtet, fragmentiert und auf seine prinzipielle Darstellbarkeit hin analysiert.

Der experimentelle Umgang mit der Aktfotografie blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig. Den abstrakt-experimentellen Bildfindungen im Umfeld der „subjektiven Fotografie“ standen in den 1950er und 1960er Jahren Aktbilder von größerer Klarheit und Natürlichkeit gegenüber. Individualität und Haltung werden zugunsten der Erkundung der Körperoberfläche zurückgedrängt. Die im Kontext der Body-Art und Performance arbeitenden Fotokünstler der 1970er Jahre erklärten die Unmittelbarkeit der eigenen körperlichen Erfahrungen zur politischen Notwendigkeit. Im Rückblick betrachtet kommt ihre Arbeit einem letzten großen Ringen mit dem sich auflösenden Sujektbegriff vor der postmodernen Wende gleich.

Eine neue Dimension der Aktdarstellung eröffnete die digitale Fotografie. Doch Körperbilder veränderten sich im digitalen Zeitalter nicht nur infolge der Möglichkeiten ihrer Manipulierbarkeit. Auch die Räume des Privaten werden mittlerweile anders ausgeleuchtet als noch vor 25 Jahren. Die öffentliche Zugänglichkeit von Momenten des Privaten hat zu einer regelrechten „Tyrannei der Intimität“ (Richard Sennett) geführt. Nacktheit im Dschungelcamp oder im Big Brother-Container veränderten unseren Begriff der Intimsphäre grundlegend. Die verborgenen, zum Teil verbotenen Begierden sind einem Exhibitionismus gewichen, der in den Internetforen bis zur pornografischen Selbst- und Fremdentblößung geht. Mit solchen digitalen Pornobildern, die er durch digitale Bearbeitung einer Unschärfe unterzieht, arbeitet der Künstler Thomas Ruff.

Dem Thema Glamourfotografie widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kreierten die Hollywoodstudios neue Bildformen des Glamourösen. In eigenen Fotoabteilungen entstanden mehr oder weniger freizügige Glamourfotografien für die illustrierte Presse. In den 1940er Jahren war eine besondere Variante des Glamourakts gefragt: das Pin-up. Es zeigt die Frauen weniger entrückt, dafür mehr den Bedürfnissen von Männern in Kasernen oder Schiffskojen angepasst. Seit den 1960er Jahren wurde die Bildform des Glamourakts von der Werbung übernommen. Fotografen wie Guy Bourdin oder Cheyco Leidmann spielen für ihre Fotokampagnen in Hochglanzmagazinen mit surrealen Bildwelten. Andere Fotografen wirken hingegen den Tendenzen der Entindividualisierung der Modelle entgegen. André Gelpke etwa porträtierte Tänzerinnen im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli ohne die sonst übliche verführerische Pose als selbstbewusste Frauen.

Im Vergleich zum weiblichen Akt ist der Männerakt weniger stark in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Im 19. Jahrhundert war er als Vorlagenstudie im Rahmen der künstlerischen Ausbildung an Kunstakademien legitimiert. Gesellschaftliche Akzeptanz genossen außerdem sogenannte „Körperkulturen“, wie vor dem Ersten Weltkrieg das Bodybuilding genannt wurde. Die Piktoralisten inszenierten ihre männlichen Modelle häufig als lyrische Motive mit Anklängen an mythologische Themen. Im Zuge einer ersten homosexuellen Emanzipation in der Weimarer Republik entstanden für homosexuelle Künstler gewisse Freiräume zur Veröffentlichung von Männerakten. Überhaupt waren Männerakte in vielen Zeitschriften dieser Zeit präsent, wie Aufnahmen von Herbert List, George Hoyningen-Huene oder Horst P. Horst veranschaulichen. Von einem neuen Selbstbewusstsein seit den 1960er Jahren zeugen die Aufnahmen von Will McBride, Herbert Roettgen und Norbert Przybilla.

“Ohne Zweifel vermag nichts den Blick so auf sich zu lenken, wie der nackte menschliche Körper“. Diese genau einhundert Jahre ältere Äußerung hat bis in die Gegenwart Gültigkeit. Unsere Ausstellung von Aktfotos im Museum macht sich diesen Umstand zunutze und bleibt eine Gratwanderung zwischen Aufklärung, Anregung und Schaulust. Zugleich dokumentiert sie den Wandel von Schönheitsidealen und Moralvorstellungen.

Eine Ausstellungsbesprechung erfolgt im August 2010.

Quelle: Presseerklärung, www.von-der-heydt-museum.de