Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Wiedergeburt aus Schrott

Schwere Skulpturen von Kang Mu-Xiang auf dem Potsdamer Platz

"Gelassenheit (Serenity)", Kang Mu-Xiang, Taiwan, 2016, Potsdamer Platz, Berlin, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Gelassenheit (Serenity)”, Kang Mu-Xiang, Taiwan, 2016, Potsdamer Platz, Berlin,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Kang Mu-Xiang, der Künstler aus Taiwan, ist vor allem für die Nutzung von alten und ausrangierten Stoffen wie Treibholz und recycelten Aufzugskabeln bekannt. Er sieht das verborgene Leben in den vor der Verschrottung stehenden Materialien und rettet sie, indem sie eine neue Bedeutung erhalten; vielleicht ähnlich wie Bildhauer, die die Gestalt der Skulptur bereits im Stein sehen können. Für die Skulpturen auf dem Potsdamer Platz in Berlin benutzte Kang ausgetauschte Fahrstuhl-Stahlseile aus dem ehemals höchsten Gebäude der Welt “Taipei 101“. Unter tausend Grad Celsius hohen Temperaturen werden sie verformt und die starren Kabel verwandeln sich in Skulpturen, die keinen Betrachter unberührt lassen.

Aufruhr in Brooklyn

Instrumentals der frühen Rockgeschichte –
von “The Third Man Theme” zum “Egyptian Reggae” (4)

Heute möchte ich in meiner kleinen Serie “Instrumentals der Rock-Popgeschichte” einen weiteren Song aus dem Jahr 1958 vorstellen: “Rumble” von Link Wray und seinen “Ray Men”. Es ist mit Sicherheit der einzige Instrumental-Song, der jemals von Radio-Stationen verbannt wurde, ohne Texte über Drogen oder Sex (sic!) zu beinhalten.

Der Titel allein, den man mit Aufruhr übersetzen kann, reichte aus, den Song nicht zu spielen, denn er “klang wie die Einladung zu einem Messerkampf” [Rolling Stone]. Um den rauen, verzerrten Klang herzustellen, soll Wray Löcher in den Lausprecher seines Gitarrenverstärkers geschlagen haben und verwandelte ihn damit in eine “Fuzzbox”, die es damals noch nicht gab.

Link Wray: “Rumble”, 1958 (Audio)

"Aufruhr" (Eröffnungsszene aus "The Delicate Delinquent), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Aufruhr” (Eröffnungsszene aus “The Delicate Delinquent), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

 

Aus der heutigen Sicht ist das nicht mehr nachvollziehbar. Aber wenn man sich die Liveaufnahme aus San Francisco von 1974 anhört, wird die Angst der Radiomacher, dass “Rumble” tatsächlich eine Gewalttätigkeit anregen könnte, schon deutlicher. Ein Fan schreibt zum Live-Video “Wray was cool before cool was cool”.

Link Wray: “Rumble”, 1974 (Live)

Im folgenden Video wird der Original-Song von 1958 passenderweise mit einem Ausschnitt aus dem Film: “The Delicate Delinquent” (Der Held von Brooklyn) von Don McGuire mit Jerry Lewis von 1957 unterlegt. Den ganzen Film finden Sie hier.

Link Wray: “Rumble”, 1958 (Video)

Als Fred Lincoln “Link” Wray im Jahr 2005 starb, spielten Bob Dylan und Bruce Springsteen ihm zur Ehre “Rumble” und Pete Townshend sagte, er hätte nie eine elektrische Gitarre gekauft, wenn es nicht Wrays “Rumble” gegeben hätte. 1958 erreichte der Song Platz 16 der “Billboard Hot 100″. Beim “Rolling Stone” landete der Song auf Platz 45 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Er beeinflusste viele Band wie die Yardbirds oder The Who.

Zur Einführung der “Instrumentals der frühen Rock- Popgeschichte” siehe hier.

Die klingenden Gläser von Akamatsu

"Chijikikinkutsu", Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), "Ars Electronica", Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu”, Nelo Akamatsu (JP), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”, Foto © Friedhelm Denkele 2017

“Chijikikinkutsu” ist eine Neuschöpfung aus zwei japanischen Wörtern: Suikinkutzu und Chijiki. Suikinkutzu ist der Name einer Klanginstallation traditioneller japanischer Gärten seit der Edo-Zeit. Chijiki dagegen heißt Geomagnetismus: Magnetische Kräfte, die immer wirken und alles auf der Erde beeinflussen, aber von den menschlichen Sinnen nicht wahrgenommen werden können. “Chijikikinkutsu” besteht aus ca. 500 Wassergläsern und magnetisierten Nadeln, die sich nach Norden ausrichten. Wenn Strom durch die an den Gläsern befestigten Spulen fließt, wird ein vorübergehendes Magnetfeld geschaffen und die Nadeln bringen die Gläser zum Klingen.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

The Heart Of The Beast

Die Kunst der Täuschung von Isaac Monté auf der “Ars Electronica”

"The Art Of Deception" hier: Nr. 18 "The Heart Of The Beast",  Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), "Ars Electronica",  Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“The Art Of Deception” hier: Nr. 18 “The Heart Of The Beast”,
Isaac Monte (BEL), Drive (VW Forum), “Ars Electronica”,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Können Organe zu Design-Objekten werden? Wird man in der Zukunft tatsächlich Organe aus ästhetischen Gründen verändern? Die bereits angewandte Technik der Dezellularisierung markiert den Eintritt in ein neues Zeitalter der synthetischen Biologie: Organe können ihrer Zellinhalte beraubt werden, um ein steriles Gerüst zu hinterlassen, das mit Stammzellen repopularisiert werden kann. Isaac Monté hat für den Abfall bestimmte Schweineherzen dafür zu eleganten Behältnissen für neues Leben verwandelt. Seine Herzen dienen der Veranschaulichung dessen, welche Möglichkeiten die Wissenschaft zur Veränderung des menschlichen Körpers bereits hat.

[Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84, Text: Ausstellungsflyer "Ars Electronica ", Ausstellung noch bis zum 26. Oktober 2017]

Gefährliches Selfie

"Gefährliches Selfie" (Walton Ford: "Bestarium", Hamburger Bahnhof, Auschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Gefährliches Selfie” (Walton Ford: “Bestarium”, Hamburger Bahnhof, Auschnitt),
Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Song des Tages – Cherry Oh Baby

Black and Blue – Das “schwärzeste” Album der Stones

Oh, Cherry, oh Cherry, oh baby/ Doncha know I in need of thee/ You don’t believe it true/ Why don’t you love me, too/ Its so long I been waiting/ For you to come right in/ Now that we are together/ Is make my joy run over [Keith Richard & Mick Jagger: "Cherry Oh Baby"]

Der Titel “Black and Blue” des dreizehnten, 1976 erschienenen Studioalbums der Rolling Stones, ist eine Anspielung auf das deutsche “Grün und Blau schlagen”. Es soll hier für den Einfluss der schwarzen Musik auf die Songs des Albums stehen: “Black” für die Schwarze Musik (Reggae) und “Blue” für die typischen afroamerikanischen Töne, die “Blue Notes”, die den Bluescharakter von Melodien prägen. Die Songs dieser LP weisen besonders viele Einflüsse von Funk-, Blues-, Rock-, Jazz- und Reggae-Musik auf. Man kann deshalb “Black and Blue” als “schwärzestes” Album der Stones ansehen. Die meisten dieser Songs wurden 1975 in den Musicland Studios von Giorgio Moroder in München aufgenommen.

The Rolling Stones: “Cherry Oh Baby”, 1976, (Ersatzlink)

1969 trat Mick Taylor, der seit 1967 bei John Mayall in dessen Band The Bluesbreakers spielte, als Nachfolger für Brian Jones in die Band ein. Fünf Jahre später verließ der introvertierte Musiker die Band wieder; mit den Showmen Mick Jagger und Keith Richards kam er auf Dauer nicht klar. Deshalb waren die Stones im Rahmen der Aufnahmen zum Album “Black and Blue” auf der Suche nach einem neuen Gitarristen. Sie testeten für die anstehenden Aufnahmen unter vielen anderen auch Jeff Beck und Ron Wood. Die Band entschied sich letztlich für Ron Wood als neues Bandmitglied. In “Black and Blue” ist er in den Stücken “Cherry Oh Baby” und “Hey Negrita” bereits als Gitarrist zu hören.

The Rolling Stones: "Black And Blue", Erscheinungsdatum: 20. April 1976, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

The Rolling Stones: “Black And Blue”, Erscheinungsdatum: 20. April 1976, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

 

Der Titel “Cherry Oh Baby” wurde 1983 auch von der 1978 gegründeten multinationalen Reggae- und Popband UB40 aus Großbritannien auf dem Album “Labour of Love” gecovert. Ursprünglich stammt der Song aber von Eric Donaldson. Mit ihm gewann er 1971 den Jamaican Festival Song-Wettbewerb. Der Song ist auf dem Album “Love of the Common People” zu finden. Reggae-Musik nicht unbedingt meine bevorzugte Musikrichtung, da kommt mir der Stil der Stones doch sehr entgegen.

Eric Donaldson: “Cherry Oh Baby”, 1971, (das Original!)

Aus gegebenem Anlass ist “Cherry Oh Baby” heute mein Song des Tages geworden. Man könnte ihn als Reggae-Parodie, als Gag verstehen; bei den Aufnahmen in München hatte die Gruppe sicherlich viel Spaß. Wahrscheinlich ist es der erste Reggae-Song, den sie aufnahmen. “Hey Negrita” ist ähnlich aufgebaut und wurde von Ron Wood angeregt (er wird als Co-Autor erwähnt). Die anderen Albumtitel lassen sich ebenso alle gut hören. Das Album startet mit dem funkygen “Hot Stuff” (“Funk ist der Oberbegriff für eine Spielart ursprünglich afroamerikanischer Musik, die sich Ende der 1960er Jahre aus verschiedenen Einflüssen des Soul, Rhythm and Blues und Jazz entwickelt hat und wiederum Musikstile wie Disco, Hip-Hop und House stark geprägt und beeinflusst hat” [aus: Wikipedia]).

Hand Of Fate” und “Crazy Mama” sind einfach solide Rock-Stücke im typischen Stones-Stil. “Fool to Cry” ist ein Klassiker (die einstige Nr.1-Hit-Single), eine Falsetto-Ballade, die wohl nicht Keith Richards Favorit war, denn als die Stones sie 1976 live spielten soll er eingeschlafen sein. “Melody” ist ein sehr jazziger Song und “Memory Motel” ist für die Stones mit sieben Minuten schon ein langes Stück. Jagger erzählt in der epischen Ballade die Geschichte von Hannah und einer Nacht im Memory Motel und am Strand (gemeint ist Montauk auf Long Island). Nach über vierzig Jahren finde ich das Werk besser denn je, es hat etwas Ungewöhnliches und Abwechslungsreiches und trotzdem klingt es wie ein Konzept. Also nicht nur der Song des Tages, sondern das Album des Monats.

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