Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Der Schatten des Photographen …

oder: Die Erfindung der Malerei

"Einbein-Schatten", aus der Serie "Schatten und Spiegel", Foto © F'riedhelm Denkeler 1979

“Einbein-Schatten”, aus der Serie “Schatten und Spiegel”, Foto © Friedhelm Denkeler 1979

Der römische Gelehrte und Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (*23 n. Chr., †79 n. Chr.) erzählt in seinem bekanntesten Werk “Naturalis historia” die Geschichte der Tochter des korinthischen Töpfers Dibutates. Ihr Geliebter ging auf eine lange Reise und sie suchte verzweifelt nach einer bleibenden Erinnerung. Heutzutage hätte sie schnell mit ihrem Smartphone ein Foto gemacht, das gibt es bekannterweise aber erst seit 2000 n. Chr. Da sah sie plötzlich den durch eine Lampe verursachten Schatten ihres Geliebten auf der Wand und sie hatte eine Idee.

Die Tochter zeichnete die Umrisse vom Schatten ihres Geliebten im Profil auf der Wand nach. Und wie das in Künstlerfamilien nun einmal ist, hatte ihr Vater noch eine weitere Idee: Er machte anhand des Schattenrisses ein Relief aus gebrannter Tonerde. Der Tochter blieb so die Erinnerung an ihren Geliebten gewahrt. Für Plinius war dies die Geburtsstunde aller Malerei und Plastik.

Den deutschen Maler Eduard Daege (*1805, †1883) kennt nicht unbedingt jeder; seine Malerei kann man als akademisch bezeichnen, aber die Nationalgalerie Berlin besitzt sein bekanntestes Werk: “Die Erfindung der Malerei” aus dem Jahr 1832. Hier hat sich Daege die Erzählung von Plinius zum Vorbild genommen. Der Jüngling scheint kurz davor zu sein, in einen Krieg zu ziehen. Darauf deutet der bereitgelegte Helm am unteren Bildrand hin und seine Scham wird von einem Schwert bedeckt, ansonsten ist der Grieche wie immer nackt und seine Geliebte zumindest halbnackt.

Die deutschen Maler des Klassizismus liebten die Plinius-Geschichte, denn auch sie waren der Meinung, dass sich die Malerei von der scharfen Linie der Zeichnung und nicht von der Farbe herleitete. Man könnte das Bild von Daege aber auch die “Erfindung des Modells” nennen, denn mit der linken Hand richtet die Dibutates-Tochter den Kopf ihres Modells so aus, das sie ihn im Profil zeichnen kann. Zusammengefasst lässt sich sagen: vom Schattenwurf ausgehend kam es zur Zeichnung, dann zum Gemälde und, wenn man so will, zur Photographie, die es nun auch schon seit fast 200 Jahren gibt.

Und die Moral von der Geschicht‘: Erst kommt die Malerei, dann die Photographie [FD]

Eduard Daege: "Erfindung der Malerei" (1832), Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Eduard Daege: “Erfindung der Malerei”, 1832 (Ausschnitt)
Foto © Friedhelm Denkeler 2008

Blaues Fenster – Vom Sturm verweht

Das Felsentor “Azure Window” auf Malta ist eingestürzt

"Azur Window (Blaues Fenster)", Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

“Azur Window (Blaues Fenster)”, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Heute vor 16 Jahren, am 6. April 2001, bin ich noch “todesmutig” über das Felsentor “Azure Window” auf Gozo, der Nebeninsel von Malta an der Küste vor der Ortschaft San Lawrenz, gegangen. Im April 2012 war ein größerer Teil der Decke bereits weggebrochen und das Betreten der Brücke wurde verboten. Während eines Sturms am 8. März 2017 stürzte die 100 Meter lange und 20 Meter hohe Naturattraktion nun komplett ein. Eines der wichtigsten Wahrzeichen von Malta ist dadurch unwiederbringlich verloren gegangen. Die Felsenformation entstand hier vor Millionen Jahren und der Torbogen bildete sich durch das Einstürzen einer Höhle. Der gesamte Komplex der Steilküste war bis vor ungefähr 13.000 Jahren ein Teil der ehemaligen Landbrücke zwischen Europa und Afrika.

"Am Azur Window", Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

“Am Azur Window”, Malta, Nebeninsel Gozo, Foto © Friedhelm Denkeler 2001

Der traurige Frühling

"Der traurige Frühling" (Ausschnitt), 1933, Wilhelm Lachnit, 1899-1962, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Der traurige Frühling” (Ausschnitt), 1933, Wilhelm Lachnit, 1899-1962,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Wilhelm Lachnit malte 1933 nach einer sechswöchigen Gestapo-Haft ein Bild, das er “Der traurige Frühling” nannte. Lachnit als “wacher” Künstler, sah, was kommen würde, während die Deutschen noch mehrheitlich dem “Führer” zujubelten. Teile seines Werkes wurden von den Nationalsozialisten als “Entartete Kunst” eingestuft und beschlagnahmt. Lachnit konnte nur noch eingeschränkt arbeiten und stand unter ständiger Beobachtung der Gestapo.

“Alles Lebendige ist hier gewichen, der Gesichtsausdruck wirkt wie versteinert. Lachnit bedient sich eines allegorischen Vokabulars: In Anspielung auf Botticellis berühmte Primavera verkehrt er die frohe Botschaft mit neusachlicher Nüchternheit in ihr Gegenteil – unterhalb der blutroten Rose sind zwei Äste eines Dornenkranzes zu erkennen, denen auf der anderen Seite die sonderbar makellose, fast wie eine Antenne hervorragende Kugel einer Pusteblume entspricht. Nicht Tod und Wiedergeburt, sondern Passion und Vergeblichkeit sind die traurige Botschaft.” [Quelle: "Räume, Dinge, Menschen – ein Ausstellungsrundgang"]

Wilhelm Lachnit (*1899, † 1962) arbeitete hauptsächlich in Dresden. Nach dem Studium war er als freischaffender Künstler tätig und begann sich für den Sozialismus zu begeistern; 1925 trat er in die KPD ein und gründete die Dresdner ASSO (Assoziation revolutionärer bildender Künstler) mit, die 1933 verboten wurde. Ein großer Teil seines Werkes wurde während eines Bombenangriffes auf Dresden zerstört.

1945 entstand das großformatige Gemälde “Der Tod von Dresden”, das eine weinende Mutter inmitten eines symbolischen Trümmerinfernos zeigt. Die DDR-Kulturfunktionäre lobten das Gemälde als “starke Leistung”, so dass er 1947 als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden tätig sein konnte. Wegen seines als “formalistisch” bezeichneten Stils fiel er zunehmend in Ungnade und gab 1954 schließlich resigniert seine Professur auf.

Lachnit ist fast ein unbekannter Meister des zwanzigsten Jahrhunderts, insbesondere im Westen Deutschlands ist sein Werk kaum bekannt. “Der traurige Frühling” wurde zu DDR-Zeiten von der ostdeutschen Nationalgalerie angekauft und ist zurzeit in der Ausstellung “Surreale Sachlichkeit – Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Nationalgalerie” in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in der Schloßstraße in Charlottenburg noch bis zum 23. April 2017 zu sehen.

Der große Stein von Tonnenheide

Aus der Eiszeit direkt nach Ost-Westfalen

Zugegeben: Es ist nicht der Ayers Rock, der Inselberg, der sich 350 Meter über seinem flachen Umland in der zentral-australischen Wüste erhebt, sondern nur der zehn Meter lange, sieben Meter breite und über drei Meter hohe und 350 Tonnen schwere “Große Stein von Tonnenheide” in Ost-Westfalen, der auf meiner Photographie zu sehen ist.

Der Findling soll während der Eiszeit (Pleistozän/ Saalezeit) vor 200 000 Jahren seinen Weg von Skandinavien bis nach Ost-Westfalen geschafft haben. Dabei hat er “auf dem Rücken” der Gletschermassen 750 Kilometer aus der schwedischen Provinz Bleckinge zurückgelegt, bis er in Tonnenheide “liegen geblieben” ist. Der aus Biotit-Granit bestehende Stein entstand vor etwa einer Milliarde Jahren.

"Der große Stein von Tonnenheide", Foto © Friedhelm Denkeler 1985

“Der große Stein von Tonnenheide”, Foto © Friedhelm Denkeler 1985

In meiner Jugendzeit war der Findling nur mit seiner Kuppe zu sehen, der größte Teil lag unter der Erde. Erst 1981, ich war schon lange in Berlin, wurde er freigelegt und auf dem Hofgelände Klasing Nr. 9 in Rahden-Tonnenheide 70 Meter weiter, unter 200 Jahren alten Eichen – eigentlich müsste man jetzt unter jungen Eichen sagen – mit Hilfe eines auf Ketten fahrenden Krans und eines Autokrans transportiert. Zur Bergung musste ein 300 Jahre alter Fachwerkspeicher, der zu nah am Stein stand, um 80 Meter umgesetzt werden.

Der Tonnenheider Stein weist diverse Bearbeitungsspuren, wie Bohrlöcher auf; schätzungsweise zwanzig Kubikmeter wurden bereits früher abgesprengt. Viele andere Findlinge sind auf diesen Wegen ebenfalls durch Zerstörung, Verwitterung und wirtschaftliche Nutzung (Pflastersteine, Schotter) vorzeitig verlustig gegangen. Man schätzt, dass nach der Eiszeit in Ost-Westfalen Tausend Findlinge (die Steine heißen so, wenn sie größer als vierzig Zentimeter sind) pro Quadrat-Kilometer liegen geblieben sind, davon sind heute vielleicht noch zehn je Quadrat-Kilometer übrig geblieben.

Kleine Geschichte der Werkstatt für Photographie (5)

1976 bis 1986 – Zehn Jahre, die die Photographie veränderten

Im Jahr 2016 jährte sich zum 40. Mal die Gründung der Werkstatt für Photographie in Berlin-Kreuzberg (1976) und gleichzeitig deren Ende vor 30 Jahren (1986). Aus diesem Anlass habe ich die Photographien rund um die Werkstatt-Aktivitäten aus meinem Bildarchiv ausgewertet und zu einer Serie mit 164 Photographien unter dem Titel “Szenen aus der Werkstatt für Photographie 1976-1986″ zusammengestellt. Eine Auswahl von 35 Bildern finden Sie hier. Heute geht es um die Werkstattorganisation und die Werkstattziele.

7 Werkstattorganisation

Die Werkstatt war in ihrer Organisation während der zehn Jahre ihres Bestehens (1976-1986) ein einzigartiges Gebilde mit Räumen unter dem Dach der Volkshochschule (VHS), völlig unabhängig vom üblichen Betrieb einer VHS (dafür aber mit eigenem Programm), eine Ausbildungsstätte ohne staatlich bestellte Dozenten, ohne staatlichen Abschluss und doch keine Privatschule. Sie ließ sich ohne Aufnahmeprüfung besuchen; die Werkstatt-Dozenten erhielten das übliche Honorar der VHS, für den jeweiligen Leiter der Werkstatt hatte man sich eine Planstelle erhofft, aber entsprechende Mittel wurden nie bewilligt.

Eine Besonderheit waren zusätzliche 6.000 DM pro Jahr, die für Ausstellungen zur Verfügung standen. Das reichte natürlich vorne und hinten nicht. So wurde am 6. Februar 1980 der “Verein der Freunde der Werkstatt für Photographie” unter der Leitung von Jürgen Bienert gegründet. Dadurch gab es zumindest ein paar finanzielle Mittel mehr. Für Einzelprojekte konnten in Ausnahmefällen auch Fremdgelder eingeworben werden. So wurde mein Katalog für die Ausstellung im November 1981 mit einem Drittel Eigenanteil, einem Drittel durch den “Verein” und einem Drittel durch die VHS/ den Senat realisiert.

Ein großer Idealismus und viele ehrenamtliche Tätigkeiten von Hörern und Dozenten waren die eigentlichen “Träger” der Werkstatt. Vielleicht war dies, zumindest damals und vorrübergehend die Voraussetzung dafür, dass sich so eine wegweisende Stätte entwickeln konnte, die erfolgreiche Arbeit leistete und sich über West-Berlin und West-Deutschland hinaus weltweite Anerkennung verdiente – aber diese rein ehrenamtliche Tätigkeit konnte natürlich nicht unbegrenzt weitergehen.

"Workshop mit Larry Fink in der Werkstatt für Photographie", 20. bis 21.09.1980, Foto © Friedhelm Denkeler 1980

“Workshop mit Larry Fink in der Werkstatt für Photographie”, 20. bis 21.09.1980,
Foto © Friedhelm Denkeler 1980

8 Werkstattziele

“Die Photographie ist für mich das adäquate Mittel, unsere Zeit als Dokument glaubwürdig darzustellen. Glaubwürdig deshalb, weil der Mensch zunächst visuell erlebt und dann erst gedanklich antwortet” schreibt Michael Schmidt in der von Allan Porter herausgegebenen Schweizer Zeitschrift “camera” (März 1979). Hier legt Schmidt die Grundlage für seine Dokumentar-Photographie dar. Gleichzeitig enthält der Satz auch den “Widerspruch”, erst kommt der Mensch, also doch auch gleichzeitig subjektive Photographie. Das zeigt sich dann auch in den folgenden Jahren an den beiden Arbeiten “Waffenruhe” (1988) und “EIN-HEIT” (1991) noch deutlicher. Diese Gedanken bestimmten denn auch die weitere Entwicklung der Werkstatt.

Unsere Diskussionen über die Photographie erstreckten sich von den europäischen Klassikern bis hin zur modernen US-amerikanischen Avantgarde. Die Amateur-Fotografie mit ihren süßlichen Bildern und der reine Bildjournalismus war nicht das Ziel der Lehrenden. “Wir bemühen uns, dem Schüler zu helfen, seine Persönlichkeit zu erkennen beziehungsweise zu finden, wobei zwangsläufig die Photographie hinsichtlich ihrer kommerziellen Verwertbarkeit unerheblich wird” (Schmidt ebd.). Die Selbsterkenntnis war der Schwerpunkt der Arbeit, ohne dabei in Gruppentherapie abzugleiten. Das hätten die Dozenten auch nicht leisten können oder wollen. “Jede hervorragende Arbeit ist intuitiv entstanden, jedoch nur in dem Sinne, dass gefühlsmäßig den eigenen Gedanken nachgegangen ist” (Schmidt ebd.).

Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie auf hier auf einer Website.  Fortsetzung folgt