Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

The Last Post – Das Ende der Kampfhandlungen

"Susan Philipsz: "War Damaged Musical Instruments (Shellac)" (Ausschnitt) 2015,   Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“Susan Philipsz: “War Damaged Musical Instruments (Shellac)” (Ausschnitt) 2015,
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für diese Soundinstallation ließ Susan Philipsz eine Melodie mit Musikinstrumenten, die u.a. aus einer militärhistorischen Museumssammlung in Großbritannien stammen und die im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie im Krimkrieg in den 1850er-Jahren beschädigt worden waren, einspielen. Das militärische Hornsignal “The Last Post” kündigte den Truppen das Ende der Kampfhandlungen an und wird heute bei Bestattungs- und Erinnerungszeremonien gespielt. Jedes Instrument ist einem Lautsprecher zugeordnet. Die Töne sind fragmentiert zu hören und fügen sich bei der Bewegung durch den Raum akustisch zusammen.

[Quelle: Ausstellungsheft "moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume", Hamburger Bahnhof Berlin, noch bis zum 17. September 2017]

Ein Wintergarten im Hamburger Bahnhof

Marcel Broodthaers: "Un jardin d'hiver – Ein Wintergarten (Aussschnit)" 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Für eine Gruppenausstellung im Palais des Beaux-Art in Brüssel entstand 1974 “Un jardin d’hiver” als erste raumgreifende Arbeit von Marcel Broodthaers. Naturhistorische Stiche spielen auf den enzyklopädischen Anspruch des modernen Naturkunde- und Universalmuseums an, für das die Beutezüge des Kolonialismus eine wesentliche Voraussetzung darstellten. Die domestizierte Natur wird hier zum “Décor”. Der Wintergarten als bourgeoiser (Museums-) Raum steht für die Zähmung und Entpoetisierung des Exotischen in der westlichen Welt.

[F. C. Flick Collection, Text: Ausstellungsheft "moving is in every direction. Environments – Installationen – Narrative Räume", Hamburger Bahnhof Berlin, noch bis zum 17. 09.2017]

Marcel Broodthaers: "Un jardin d'hiver – Ein Wintergarten" (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

 

Marcel Broodthaers: “Un jardin d’hiver” (Aussschnit) 1974, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Rad ab!

"Rad ab!" (Zeche Zollverein, Essen), Foto © Friedhelm Denkeler 2010

“Rad ab!” (Zeche Zollverein, Essen), Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Der Blinde, der die Blinden führt

Peter Buggenhout: "The Blind Leading The Blind; #68", 2015 (Ausschnitt), Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Peter Buggenhout: “The Blind Leading The Blind; #68″, 2015 (Ausschnitt),
Foto © Friedhelm Denkeler 2016

Peter Buggenhouts Skulpturen sind sorgfältig konstruierte Assemblagen aus verworfenen Materialien: Industrieschrott, Alltagsmüll, Bauschutt, überzogen von Staubschichten, die sich scheinbar seit Ewigkeiten angesammelt haben. Seine 2009 begonnene und inzwischen mehr als siebzig Arbeiten umfassende Serie “The Blind Leading The Blind” ist nach dem 1568 entstandenen Gemälde Pieter Bruegels d. Ä. benannt, das einen Zug von sechs gebrechlichen älteren Blinden zeigt, von denen es im biblischen Gleichnis heißt: “Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wenn aber ein Blinder den anderen leitet, so fallen sie beide in die Grube.”

[Courtesy Galerie Konrad Fischer, Text: Ausstellungsheft "Das Kapital – Schuld, Territorium, Utopia", Hamburger Bahnhof Berlin]

Das Problem ist, dass das Problem das Problem ist

Matti Geschonneck zeigt “In Zeiten des abnehmenden Lichts” unspektakulär den Verfall der DDR

Als am 1. Oktober 1989 der DDR-Funktionär Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) an seinem 90. Geburtstag einen Empfang gibt, antwortet er auf die Frage, wie er die politische Lage in der DDR einschätzt “das Problem ist, dass das Problem das Problem ist”. Bruno Ganz spielt seine Rolle als starrsinniger Altstalinist ganz hervorragend, aber ebenso lobend hervorzuheben sind Ausstattung und Requisite; so eine perfekt verfallene, so lebendig vollgestopfte, so “schöne Villa”, hat man selten gesehen. Der Film von Matti Geschonneck (“Sommer vorm Balkon”) handelt vom Ende einer Illusion, von der Auflösung eines Staates, vom Verlust der Heimat und von Idealen.

Filmplakat "In Zeiten des abnehmenden Lichts" mit Bruno Ganz, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Filmplakat “In Zeiten des abnehmenden Lichts” mit Bruno Ganz, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

“kunstundfilm” urteilt, der Film “bündelt wie unterm Brennglas die vielschichtigen und widersprüchlichen Biografien und Mentalitäten, welche die Einzigartigkeit der DDR ausmachten. Ihr vermessener Anspruch, das ‘bessere Deutschland’ zu sein, wird im Augenblick des Dahinscheidens am kenntlichsten: nicht als Polit-Theorie, sondern im Streben und Scheitern ihrer Bewohner – ihre Wünsche und Enttäuschungen wirken bis heute nach. Das ist großes Kino zur Zeitgeschichte, das dem Publikum seine Herkunft nuanciert vor Augen führt. Was hierzulande leider selten vorkommt: Es ist ja viel einfacher, auf tote Nazis einzudreschen.” Am 7. Oktober 1989 wurde in der DDR der 40. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Es war ihr letzter.

“Ich suche meinen Schatten!”

Die Geschichte vom Jungen, der nicht erwachsen werden will

Liebling, George … als ich vorhin hereinkam, sah ich ein Gesicht am Fenster

Ein Gesicht am Fenster? Ach was!

Das Gesicht … eines kleinen Jungen. Und – ich hab ihn nicht zum ersten Mal gesehen! Ich spürte einen Luftzug, drehte mich um und sah ihn mitten im Zimmer.

Im Zimmer?

Der Junge entwischte. Nur sein Schatten blieb am Fenster hängen.

Mary!

Er war nicht allein. Mit ihm kam eine kleine leuchtende Kugel, sie bewegte sich im Zimmer wie ein Lebewesen.

Sonderbar.

Georg, was hat das alles zu bedeuten?

Ja, – was?

[aus "Peter Pan"]

Berliner Ensemble: "Peter Pan" (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Berliner Ensemble: “Peter Pan” (Erstes Bild) von Robert Wilson, Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Seit der Premiere am 17. April 2013 spielte das Berliner Ensemble (BE) am 5. Juni 2017 zum 75. und zum letzten Mal “Peter Pan oder das Märchen vom Jungen, der nicht groß werden wollte”. Für die Regie, Bühne und das Lichtkonzept war Robert Wilson (*04.10.1941) und für Musik und Songtexte CocoRosie (Sierra und Bianca Casady) verantwortlich. Peter Pan wurde von Sabin Tambrea und Tinkerbell von Christoper Nell gespielt.

Damit geht auch die Ära Claus Peymann (*07.06.1937), seit 1999 Intendant des Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm, zu Ende. Das Stück wird unter der neuen Leitung von Oliver Reese nicht mehr im Repertoire des BE vorhanden sein. Zum Schluss gab es vom Publikum stehende Ovationen für das gesamte Ensemble, das wiederum das Publikum mit musikalischer Zugabe zum Mitsingen aufforderte. Am Ende standen alle und feierten sich gegenseitig mit der bekannten Träne im Knopfloch.

Der TAGESSPIEGEL schrieb anlässlich der Premiere: “Viel Autobiografisches, Unerfülltes steckt in der Story von Peter Pan. Und hier kommt Robert Wilson. Er bringt aus New York den frischen Sound von CocoRosie mit und stellt ein Stück auf die Bühne, das sich nur als original Wilson beschreiben lässt, mit all seinem Slapstick und Surrealismus, seiner Lichtkunst und den typischen schrillen Soundeffekten. Auch bei ihm berührt die Pan-Geschichte tieferen Grund.”

Robert Wilson hat am BE folgende Stücke inszeniert:

Berliner Ensemble: "Peter Pan" (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs), Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Berliner Ensemble: “Peter Pan” (nach dem Schlussapplaus; Die verlorenen Jungs),
Foto © Friedhelm Denkeler 2017

Der Garten, der einmal ein Wald war

Der Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada

Ein neues Portfolio von Friedhelm Denkeler auf der Website “Lichtbilder

"Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada"  Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

“Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada”
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

Hoch über Cala Ratjada thront eine dreistöckige Villa, die sogenannte Casa March, die der ehemalige Sitz des mallorquinischen Bankiers Juan March ist. Er erwarb das Hügelterrain, das den Hafen von Cala Ratjada überblicken lässt, im Jahr 1915 und ließ darauf eine Sommerresidenz erbauen. Interessanter aber ist die Umgebung der Casa March, eine großzügige Gartenanlage, die Jardines de sa Torre Cega mit ihren zahlreichen Skulpturen. Der Garten ist benannt nach einem fensterlosen Turm, der einst an dieser Stelle stand, um die Küste von Cala Ratjada zu überwachen.

Im Jahr 1993 konnten wir den Garten mit den Skulpturen noch besichtigen, acht Jahre später, im November 2001, wurde die Anlage durch einen Tornado verwüstet. Die ausgewachsenen Kiefern wurden wie beim Mikado durcheinander gewirbelt, viele Wege und das Bewässerungssystem waren zerstört. Ein Teil der Skulpturensammlung wurde ins Palau March in Palma verlagert. Die gesamte Anlage blieb über zehn Jahre geschlossen und konnte erst im Sommer 2011 wieder eröffnet werden. Große Freiflächen mit Rasen erinnern noch heute an den Kahlschlag. Das ursprüngliche Konzept, einen Garten inmitten eines Waldes zu konzipieren, konnte nicht vollständig wiederhergestellt werden.

Erstmalig war die Serie “Eine Mallorquinische Nacht” in der Ausstellung “Begrenzte Grenzenlosigkeit” in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25, 10999 Berlin, vom 19. Oktober bis 1. Dezember 1996 und im gleichnamigen Katalog, zu sehen. Auf meiner Website finden sie 20 ausgewählte Doppelbilder aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”.

"Dodekaeder", Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada, Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”, Foto © Friedhelm Denkeler 1993

“Dodekaeder”, Skulpturenpark der Villa March in Cala Ratjada,
Aus der Serie “Eine Mallorquinische Nacht. Cala Ratjada – Photographien aus der Vorsaison”,
Foto © Friedhelm Denkeler 1993

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