Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

“Schlafkrankheit” – Schlaflos in Berlin und Kamerun (Berlinale III)

Ulrich Köhler hat sich mit seinem Wettbewerbsbeitrag verhoben

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Ist die Schlafkrankheit eine Erkrankung zum Einschlafen? Oder trifft das Gegenteil zu? Auf den deutschen Wettbewerbs-beitrag von Ulrich Köhler traf jedenfalls beides zu.

Glücklicherweise lief der Film nachmittags, in der Spätvorstellung wäre ich sicherlich eingenickt (wie einige Besucher in meiner Umgebung) oder ich hätte aus lauter Ärger wegen des schlechten Films, der vielleicht Stoff für einen Kurzfilm oder einen Dokumentarfilm bot, nicht einschlafen können.

Das Spannendste am gesamten Film war die Schlussszene, in der ein Nilpferd grunzend durch den nachtdunklen Urwald zog. Es konnte auch nicht schlafen.

Zur Wiedergutmachung und zum Aufwachen sah ich anschließend noch die außer Konkurrenz laufende Einwanderungskomödie von Yasemin Samderreli  „Almanya – Willkommen in Deutschland“, doch dazu morgen mehr.

Ausschnitte aus dem Film und einem Interview finden Sie hier. Der Film startet am 16. Juni 2011 in den Kinos.

Die Berlinale stellt den Film in ihrem Programm wie folgt vor:

Seit fast 20 Jahren leben Ebbo und Vera Velten in verschiedenen afrikanischen Ländern. Ebbo leitet ein Schlafkrankheitsprojekt. Seine Arbeit füllt ihn aus. Vera hingegen fühlt sich zunehmend verloren in der internationalen Community von Yaounde. Sie leidet unter der Trennung von ihrer Tochter Helen, 14, die in Deutschland ein Internat besucht. Ebbo muss sein Leben in Afrika aufgeben, oder er verliert die Frau, die er liebt. Aber mit jedem Tag wächst seine Angst vor der Rückkehr in ein Land, das ihm fremd geworden ist.

Jahre später. Alex Nzila, ein junger französischer Mediziner mit kongolesischen Wurzeln, reist nach Kamerun. Er soll ein Entwicklungshilfeprojekt evaluieren. Schon lange hat er den Kontinent nicht mehr betreten. Doch statt auf neue Perspektiven trifft er auf einen destruktiven, verlorenen Menschen: Wie ein Phantom entzieht sich Ebbo seinem Gutachter… 

„Margin Call“ – Der Tag, an dem die große Finanzkrise an der Wallstreet ausbrach (Berlinale II)

Ein Bankenthriller mit Kevin Spacey, Jeremy Irons und Demi Moore

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Gestern Morgen beim Studium des Wirtschaftsteils des Tagesspiegels dachte ich für einen kurzen Moment, hier fehlt doch eine Meldung über die Wirtschaftskrise. Der am Abend zuvor gesehene Berlinale-Film im Wettbewerb „Margin Call“ von JC Chandor hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Als „Margin Call“ wird übrigens in der Finanzwelt die Nachschusspflicht bezeichnet, die bei Verlust der festgelegten Mindest-Deckungshöhe angefordert wird. Oder so ähnlich.

Apropos „Nachschuss“: Die Parallelen zum Western „True Grit“ sind verblüffend. In „Margin Call“ agiert ein altgewordener 68er mit langer Mähne in bester Westernmanier als CEO einer Investmentbank. Vom Hippie zum Kapitalisten sozusagen. Auf dem roten Teppich trat Jeremy Irons übrigens mit Cowboy-Stiefeln und Fransen-Lederjacke auf. Das „Finanzcasino“ wird, und das ist eine weitere Parallele zu „True Grit“, von der Männerwelt beherrscht. Die einzige Frau, Demi Moore, wird am Ende „gefeuert“.

„Margin Call“ ist ein verdammt guter, sehr empfehlenswerter Film, einem Kammerspiel gleichend, mit wunderbar agierenden Schauspielern. Aber ich verließ den Berlinale-Palast mit einer gewissen Wut (oder war es Resignation?) im Bauch ob der Skrupellosigkeit der Finanzbranche und deren Brokern. Selbst kleinste Ansätze von Moral gehen in der Gier nach Money, Macht und Besitzstandswahrung auf hohem Niveau unter. Eine Änderung zeichnet sich selbst drei Jahre nach der Finanzkrise nicht ab. In einer gläsernen Welt, hoch in den Wolken und über allem thronend, findet der Kontakt zur Welt der Sterblichen maximal im zufälligen Zusammentreffen mit der Putzfrau im hauseigenen Fahrstuhl statt. Wer hier die Außerirdischen sind, ist wohl klar.

Der Thriller vor dem Hintergrund der internationalen Finanzkrise von 2008 spielt in der New Yorker Wall Street – in den Büros einer bedeutenden Investmentbank während jener entscheidenden 24 Stunden, die dem Eingeständnis ihres finanziellen Bankrotts vorangehen. Hier wird dem jungen Analysten Peter Sullivan nach Durchsicht der Akten schlagartig klar, dass die Bewertungen, auf denen das Geschäftsmodell der Firma beruht, fehlerhaft sind, und dass die Aktiva im Hypothekengeschäft nicht jenen Wert besitzen, der in den Büchern ausgewiesen ist. Im Gegenteil: Sie haben das Unternehmen an den Rand des Ruins gebracht.

Im Laufe der Nacht verbreitet sich diese Einsicht unter den führenden Mitarbeitern, die zusammenkommen, um die Bank zu retten. Zu ihnen gehören der erfahrene Börsianer Sam Rogers, sein Vorgesetzter Jared Cohen, die Risikoanalystin Sarah Robertson sowie der Firmenchef John Tuld, der mit dem Helikopter eingeflogen wird. Er ist es schließlich, der einen Rettungsplan entwirft: Sobald am Morgen die Börse öffnet, sollen sämtliche „toxischen“ Papiere abgestoßen werden. Dies ist ein Schachzug, der nicht nur für die Wall Street verheerende Folgen hat … (Quelle: Filmbeschreibung)

Ausschnitte aus dem Film und der Pressekonferenz finden Sie hier

Der Eröffnungsfilm der Berlinale: “True Grit” von den Coen-Brüdern (Berlinale I)

Ein alter Zausel (Jeff Bridges), ein aufschneidender Ranger (Matt Damon) und ein Mädchen mit echtem Schneid (Hailee Steinfeld)

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der erste Western, den ich seit ewigen Zeiten im Kino gesehen habe, war der Eröffnungsfilm der 61. Internationalen Filmfestspiele Berlin „True Grit“ von Ehtan und Joel Coen. Wann lief überhaupt das letzte Mal ein Western im Kino? Das muss Jagdgründe her sein. Eine Welturaufführung war es nicht, der Film läuft bereits mit großem Erfolg in den Staaten.

Karten für die Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag zu bekommen, war unmöglich, also sahen wir den Coen-Film gestern Nachmittag in der Wiederholung im Friedrichstadtpalast und auch das nur aufgrund persönlicher Kontakte. Es hat sich gelohnt. „True Grit“ ist ein richtig guter,  sehenswerter Film. Ein gelungener Auftakt zur Berlinale, der sich am späteren Abend mit „Margin Call“ (Kevin Spacey und Jeremy Irons in den Hauptrollen) fortsetzte (Bericht folgt morgen).

Alle Elemente eines klassischen Western sind in „True Grit“ enthalten: Pferde, Pistolen, Goldstücke, ein Marshal und ein Texas-Ranger, Lagerfeuer unterm Sternenhimmel, Bankräuber, weite Prärie, eine Schlangengrube, einsame Holzkaten, winterlicher Wald, Schießereien mit tödlichem Ausgang aus unmöglicher Entfernung und ein weiblicher Racheengel.

Letzterer ist allerdings für einen Western eher unüblich. In der Regel agieren dort nur Männer (die Girls im Saloon einmal ausgenommen), aber in „True Grit“ spielt die 14jährige Mattie Ross die Hauptrolle. In der Regel wird auch sehr viel geschossen und wenig geredet, in „True Grit“ ist es eher umgekehrt. Die teilweise witzigen Dialoge, bei denen die weibliche Protagonistin meist wortführend ist, machen daher auch einen wichtigen Teil des Films aus.

Arkansas, 1872. Hier beginnt das Indianergebiet, in das sich Tom Chaney geflüchtet hat. Ihm auf den Fersen ist die 14-jährige Mattie Ross, die Tochter des Farmers, den er erschoss. Sie will den Mörder ihres Vaters vor Gericht bringen – mit eisernem Willen. Hilfesuchend wendet sie sich an den Marshal Rooster Cogburn, dem ein legendärer Ruf vorausgeht. Und das zu Recht: Auf 23 Tote in vier Dienstjahren hat er es gebracht – darunter aber, so Cogburn, „keiner, der es nicht verdient hätte“.

Starrsinnig, betrunken, einäugig: Cogburn mit seinem zerzausten Haar, seiner Augenklappe und seinen abgetragenen Klamotten sieht nicht gerade vertrauenswürdig aus. Doch sucht Mattie ja gerade nach der Entschlossenheit, eine Sache bis zum Ende durchzuziehen. Widerwillig lässt Cogburn sich von Mattie überreden, sie auf die Jagd nach Chaney mitzunehmen – quer durch die gesetzlosen Weiten der Prärie. Doch sie sind nicht allein, denn auch der Texas-Ranger LaBoeuf will den Flüchtigen stellen, um eine Kopfprämie zu kassieren. Und schon bald kommt Mattie dem Mörder ihres Vaters gefährlich nah … (Quelle: Filmbeschreibung)

Den Trailer zum Film finden sie hier. Am 24. Februar startet der Film, der für zehn Oscars nominiert wurde, bei uns in den Kinos.

Der Heilige Wald im Tiergarten

"Heiliger Wald im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Heiliger Wald im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Geheimnis ist keines mehr. Der Schriftzug „Holy Wood“ auf einem 53 Meter langen und 14 Meter hohen Gerüst im Tiergarten ist fertiggestellt (siehe hier) und hat leider nichts mit gleichlautender Traumfabrik gemein. Ein Ökostromanbieter ist dieses Jahr Werbepartner der Berlinale und der Berliner Künstler Ralf Schmerberg hat eine Idee hierzu thematisch umgesetzt. Pünktlich zu Beginn der Internationalen Filmfestspiele Berlin am 10. Februar 2011 wird der Schriftzug heute Abend vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, der gleichzeitig auch Kultursenator ist, eingeweiht. Als Huldigung an den Baum an sich und an den „heiligen“ Wald der Berliner, den Tiergarten, sollen allabendlich Waldbilder darauf projiziert werden. Der Wald im Wald sozusagen. Fortsetzung folgt.

Das letzte Glas ist getrunken – Gary Moore ist gestorben

„So long it was so long ago/ but I’ve still got the blues for you.“

"Das letzte Glas", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

„Das letzte Glas“, Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Am Sonntag starb der irische Bluesrocker Gary Moore unerwartet mit 58 Jahren in seinem Hotelzimmer im spanischen Urlaubsort Estepona an der Costa del Sol. Mit

Gary Moore: „Still got the Blues (for you)“

hatte er 1990 einen Welthit.

Der im nordirischen Belfast geborene Moore begann bereits mit acht Jahren, Gitarre zu spielen. Eine erfolgreiche Solo-Karriere und die Zusammenarbeit mit Thin Lizzy, George Harrison, Ginger Baker, Jack Bruce, Rory Gallagher, den Beach Boys, Colosseum II und Ozzy Osbourne zeigen die Bandbreite seines Repertoires. Moore ließ sich nicht auf ein Genre festlegen. Er pendelte zwischen Blues und Hardrock und war deshalb ein begehrter Session- und Studiomusiker.

Mit Blues-Alben wie „Still Got The Blues“ feierte er in den letzten beiden Jahrzehnten seine Erfolge. Die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Viel mehr als ein Blues-Gitarrist ist Moore ein Alleskönner, der in den 70er Jahren die Standards der Rockgitarre setzte. Wenn es in seinem Spiel einen konstanten Bezug gibt, dann zu dem perfektionistischen, eloquenten und tremoloseligen Klangideal eines Jeff Beck“.

Geheimnisvolle Schriftzeichen im Tiergarten

"Holy Wood im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Holy Wood im Tiergarten", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Entsteht pünktlich zu Beginn der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vom 10. bis 20. Februar 2011 im Tiergarten in der Nähe des Potsdamer Platzes eine Filiale der Traumfabrik aus Hollywood? Der Schriftzug aus den Bergen über Los Angeles wird bereits montiert. Es scheint aber noch Probleme mit der korrekten Schreibweise zu geben. Handelt es sich um einen Werbegag oder um eine, wie der Tagesspiegel berichtete, politische Aktion? Fortsetzung folgt.

Der schwarze Schwan und der (un)perfekte Horror

Natalie Portman in Black Swan zwischen Genie und Wahnsinn

„In dem Psychotriller Black Swan bekommt die junge, aufstrebende Ballerina Nina Sayer (Natalie Portman) die Doppelrolle ihres Lebens: In Schwanensee soll sie sowohl den unschuldigen weißen als auch den dämonischen schwarzen Schwan verkörpern. Während sie die perfekte Besetzung für den weißen Schwan ist, muss sie für den Gegenpart der Figur lernen loszulassen und die dunkle Seite in sich hervorbringen … Ninas Verzweiflung wächst und sie stößt einen ebenso befreienden wie selbstzerstörerischen Prozess an, bei dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen. Aber ungeachtet aller Gefahren treibt Nina ihre Vorbereitungen für die Premiere des Stücks weiter – denn für sie zählt nur eines: Vollkommenheit.“ (so der Pressetext).

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Black Swan", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Der Verleih kündigt den Film auf dem Filmplakat in einer Unterzeile als „Psycho-erotischen Horror-Thriller“ an. Das Wort Horror nahmen wir leider erst direkt vor dem Kino zur Kenntnis! Nina lebt zwischen zwei Welten: rosa Plüschtiere im Kinderzimmer und eine ehrgeizige Übermutter, die wachend davor steht, sowie ein Ballettmeister, der sie zu Höchstleistungen antreibt.

Das Drama zwischen dem weißen und dem schwarzen Schwan, zwischen Gut und Böse müsste hauptsächlich im Kopf stattfinden. Stattdessen hat Regisseur Darren Aronofsky der langsam in den Wahn tanzenden Ballerina einen unnötigen, sehr realistischen Horror ins Drehbuch geschrieben. Und zwar mit der Holzhammermethode, damit auch der letzte Zuschauer begreift, dass er einem faustischen Drama beiwohnt.

Liebe Regisseure: Der Zuschauer ist gebildeter als ihr denkt und würde auch subtile Andeutungen verstehen! Durch diesen Psychothriller-Einschlag verliert der Film gewaltig an Authentizität, und Erotik war weit und breit nicht zu erkennen. Unverständlicherweise weist der zur Verfügung stehende Trailer in keiner Weise auf die bevorstehenden Szenen hin, sondern suggeriert ein klassisches Künstlerdrama zwischen Genie und Wahn.

Mein Fazit: Nicht empfehlenswert, wäre nicht Natalie Portman. „Mit Anmut und feuchten Augen durchmisst Portmans Nina das Martyrium, so glaubhaft – man könnte mit ihr wahnsinnig werden. Wer würde in diesem sich selbst reflektierenden Spiegelkabinett nicht den Blick dafür verlieren, was herbei phantasiert und was real ist, wer Opfer und wer Täter ist? Es ist beeindruckend zu sehen, wie die fragile Unschuld ihre Metamorphose zum stolzen, schwarzen Schwan vollzieht. Natalie Portman ist an dieser großen darstellerischen Aufgabe über sich hinaus gewachsen. Nina Sayers, die alles perfekt machen wollte, zerbricht an ihr, als der Vorhang fällt“ so urteilt DIE ZEIT.

DER SPIEGEL schreibt „Sie ist in diesem Jahr das Maß aller Dinge“. Die 29-jährige Natalie Portman hat kürzlich den Golden Globe als beste Drama-Darstellerin erhalten und ist Kandidatin für den Oscar in der Kategorie Beste Weibliche Hauptdarstellerin. Deswegen und vor allem, weil ich ihr Debüt als Zwölfjährige in „Léon – Der Profi“ von Luc Besson in bester Erinnerung habe, bin ich überhaupt in diesen Film gegangen.

Meine beiden Begleiterinnen hatten nach dem Kinobesuch aufgrund der Horrorszenen keinen rechten Appetit auf etwas Essbares. Ja, sie wollten sogar ein Drittel des Eintrittspreises zurückfordern, weil sie während dieser Zeit nicht auf die Leinwand gesehen hätten. Nach einer Kaffeepause im Büro eines klugerweise nicht mitgegangenen Menschen entdeckten wir aber den „Jäger und Sammler“, ein neues, schlicht-elegantes Restaurant in der Grundwaldstraße 81 in Schöneberg. Hier gibt es eine kleine, feine Speisekarte mit täglich wechselnden Leibgerichten des Kochs und der Wirt gibt gerne persönlich Auskunft über die ein oder andere Zutat. Das vorzügliche Essen und die schauspielerische Leistung von Natalie Portmann gaben dem Abend einen versöhnlichen Ausklang. Eindrücklich sei noch einmal gesagt, dass Black Swan kein Film für Ballettliebhaber ist!

Das obskure Objekt der Begierde

Die Schöne Helene für 72 Stunden in der Berliner Luft oder
„Eros, C´est la vie“

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Marcel Duchamp: Belle Haleine – Eau de Voilette", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Alles ist inzwischen in der Hauptstadt möglich: zum Beispiel direkt nach der After-Show-Party um drei Uhr morgens, ins Museum zu gehen. Die Neue Nationalgalerie hat die obere Halle komplett leer geräumt und zeigt seit dem 27. Januar 2011, 24.00 Uhr, durchgehend für 72 Stunden das Assisted Readymade „Belle Haleine – Eau de Voilette“ von Marcel Duchamp.

Es handelt sich um den Parfumflakon „Un Air Embaumé“ (Duftende Luft) der Firma Rigaud, den Marcel Duchamp 1921 „modifizierte“, indem er das ursprüngliche Etikett durch den neuen Schriftzug „Belle Haleine – Eau de Voilette“ ersetzte. Auf der Rückseite der Verpackung signierte er das Werk in Anspielung auf „Eros, c’est la vie“ mit seinem Pseudonym „Rrose Sélavy“.

Belle Haleine oder Schöner Atem verweist auf die Schöne Helene aus der gleichnamigen Operette von Jacques Offenbach und somit auf die schönste Frau der Welt an sich. Auf dem neu entworfenen Flakon-Etikett hat Duchamp zusätzlich ein von Man Ray gemachtes Foto angebracht, das ihn selbst in Frauenkleidern zeigt.

Ob das Parfum noch duftet, konnte ich während meines Besuches leider nicht feststellen. Der Flakon steht unter einem riesengroßen, gläsernen Panzer, der dieselben Maße wie Nofretetes Schutzhaube im Neuen Museum aufweist. Damit wird die Belle Haleine als Ikone der Neuzeit auf eine Stufe mit der schönen Nofretete als Ikone der Antike gestellt.

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Das Objekt der Begierde", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Marcel Duchamp entwickelte in den 1910er Jahren sein Konzept der Readymades. Kraft „seines Amtes“ erklärte er Serienprodukte, die industriell hergestellt wurden, zu Kunstwerken. Berühmteste Beispiele sind das umgedrehte Urinal und die Fahrradfelge auf einem Hocker. Das Interesse an den nicht-materiellen Anteilen von Kunst, an einem Konzept und das Nachdenken über Originalität und Autorenschaft haben bis heute großen Einfluss auf die nachfolgenden Künstler.

Das Readymade Belle Haleine befand sich zuletzt im Nachlass von Yves Saint Laurent und ist der einzige im Original erhaltene Flakon. Im Februar 2010 wurde er bei Christie’s in Paris für 7,9 Millionen Euro (sic!) versteigert. Der Käufer ist nicht bekannt. Auch Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, verriet den Sammler nicht.

Während die Nofretete im Neuen Museum nicht mehr fotografiert werden darf, dürfen sich die Besucher in der Neuen Nationalgalerie bei freiem Eintritt noch bis heute Abend, 24.00 Uhr, von der Schönen Helene „ein Bild machen“.

Als Elvis noch mit Puppen spielte …

… und ich bereits auf einer Fahrradtour im Harz war

"In der Jugendherberge Braunlage", Foto © Friedhelm Denkeler 1962

„In der Jugendherberge Braunlage“, Foto © Friedhelm Denkeler 1962

Vor 50 Jahren kam Elvis Presley mit dem Song „Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart)“ in die deutschen Hitparaden. Elvis war während seiner Armeezeit in Deutschland auf das Lied „Muss i denn …“ aufmerksam geworden.

Nach seiner Stationierung drehte er 1960 den Film „G.I.-Blues“, in dem er „Wooden Heart“ in der Kulisse eines Kasperle-theaters sang:

Elvis Presley: „Muss i denn zum Städtele hinaus (Wooden Heart“.

Im darauffolgenden Jahr kam der Song als Single in Deutschland und England heraus und belegte vordere Plätze in den Hitparaden beider Länder.

Im August 1962 unternahm ich mit einem Freund eine Fahrradtour durch den Harz. Die Stationen unserer Tour waren: Rahden, Minden, Hameln, Hildesheim, Goslar, Harzburg, Torfhaus, Altenau, St. Andreasberg, Braunlage, Bad Gandersheim und Rahden. Wir übernachteten in den jeweiligen Jugendherbergen und in Braunlage hörte ich zum ersten Mal bewusst „Muss i denn …“ von Elvis aus dem Kofferradio. Es wurde mein persönlicher Sommerhit 1962. Vielleicht lag es auch daran, dass er einige Zeilen des deutschen Originaltextes enthielt, und er somit verständlich für mich wurde.

Carsten Höllers “Soma” im Hamburger Bahnhof – Kunstwerk oder Doppelblindverfahren?

„Wir haben das Soma getrunken; wir sind unsterblich geworden, wir haben das Licht gesehen; wir haben die Götter gefunden.“

"Rentiere mit Volieren", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Rentiere mit Volieren", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Udo Kittelmann, der Generaldirektor der Nationalgalerie Berlin, könnte mittlerweile in Konkurrenz zu einem Zoodirektor treten. Erst zeigte er die herrlichen, aber zutiefst irritierenden Tieraquarelle von Walton Ford im Hamburger Bahnhof, dann die Installation von Willem de Rooij mit den Vogelstilleben des Altmeisters Melchior d’Hondecoeter in der Neuen Nationalgalerie (siehe hier) und jetzt in der Historischen Halle des Hamburger Bahnhofs ein lebendes Bild von Carsten Höller. Einen überwältigenden Eindruck hatte ich bereits bei meinem ersten Besuch in der Ausstellung erhalten (siehe hier).

Da in Höllers Installation alles zweifach vorhanden ist, sollte ein zweiter Besuch den Eindruck des ersten, sozusagen in einem Doppelblindversuch, verifizieren. Das Zitat „Wir haben das Soma getrunken …“ stammt aus der ältesten der vier hinduistischen Gründungsschriften. Das Rezept für den Götterdrink ging allerdings verloren. Sprachwissenschaftler, Botaniker, Ethnologen und jetzt auch ein Künstler versuchen, es wiederzufinden.

„Auf der Suche nach einer anderen Welt geht Höller mit seiner Installation dem Ursprung von Soma nach, einem mythischen Rauschtrank der indogermanischen Veden im 2. Jahrtausend vor Christus. Soma verhalf zu Erkenntnis und Zugang zur göttlichen Sphäre, zu Glück und Siegeskraft. Die überlieferten Schilderungen lassen darauf schließen, dass ein Gewächs den zentralen Inhaltsstoff lieferte; dessen Identität ist jedoch bis heute unklar. Aus botanischer, ethnologischer und etymologischer Sicht könnte es sich um den Fliegenpilz gehandelt haben“, schreiben die Ausstellungsmacher.

"Soma-Rohstoff", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

"Soma-Rohstoff", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

„Carsten Höller studierte zunächst in Kiel Agrarwissenschaften und habilitierte sich 1993. Parallel zu seiner Arbeit als Naturwissenschaftler begann er seine künstlerische Laufbahn und integrierte das Experiment als Verfahrensweise in seine künstlerische Arbeit. Den Aufbau einer Versuchsanordnung zitierend, schafft er ein dreidimensionales, lebendes Bild, das sich entlang der Mittelachse in zwei gleiche Hälften teilt. Tiere wurden ausgesucht, um eine vergleichende Studie (im Doppelblindversuch) anzutreten, deren Startpunkt der Fliegenpilz ist und an deren Ende die Wiedergewinnung und Nutzbarmachung des Tranks für den Menschen stehen könnte. In dem von Höller imaginierten Experiment würde den Kanarienvöglen, Mäusen und Fliegen der psychoaktive Urin von Rentieren verabreicht, die zuvor Fliegenpilze verzehrt haben.“ Soweit die Ausstellungs-beschreibung, die Höller in einem Video noch weiter präzisiert.

Beim zweiten Besuch tritt trotz aller Magie der Versuchsanordnung ein wenig Ernüchterung ein. Carstens Höllers Werk ist an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt. Meinetwegen soll es ruhig Kunst sein und obwohl der Doppelblindversuch noch nicht abgeschlossen ist, werden viele Fragen zum Ende der Ausstellung am 6. Februar 2011 unbeantwortet bleiben.

Wer hat die Fliegenpilze gegessen? Wer hat das Soma getrunken? Die sanft kämpfenden Rentiere auf der linken Seite oder die wiederkäuenden auf der rechten, die inaktive Stubenfliege oder ist sie bereits tot, die tanzenden Mäuse oder sind sie nur wild auf das Futter, die trillernden Harzer Roller in den Vogelvolieren oder spüren sie schon den Frühling? Plötzlich leuchtet ein helles Licht durch die Halle oder war es der Blitz meiner Kamera? Der Aufseher scheint nichts bemerkt zu haben. Hat das Soma schon gewirkt und habe ich „das Licht“ gesehen?

Der Berliner Skulpturenfund im Neuen Museum

Kunstwerke der frühen Moderne bei archäologischen Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus entdeckt

Emy Roeder, "Schwangere", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Emy Roeder, "Schwangere", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Nachdem wir nach der Wieder-Eröffnung des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel im Jahr 2009 erstmals den Bau des Architekten und Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler besichtigen konnten, stand jetzt ein erneuter Besuch an.

Das Ziel war, die Sammlungs-Bestände genauer kennenzulernen und die imposanten und behutsam restaurierten Räume ein weiteres Mal genießen zu können. Unter www.neues-museum.de lassen sich herrliche virtuelle Rundgänge durch alle Ebenen und Räume des Gebäudes unternehmen – meist noch ohne davon ablenkende Exponate. Ein weiterer Grund des Museumsbesuches war die Sonderausstellung „Der Berliner Skulpturenfund – ‚Entartete Kunst‘ im Bombenschutt“.

"Griechischer Hof im Neuen Museum" Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Griechischer Hof, Neues Museum" Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Es war die Überraschung des Jahres, als im Oktober 2010 bei archäologischen Ausgrabungen in der historischen Mitte von Berlin, anlässlich der U-Bahn-Bauarbeiten für die neue Linie U5, verschollen geglaubte Exponate der von den Nazis beschlagnahmten und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigten Werke, gefunden wurden. Diese elf Skulpturen sind momentan im „Griechischen Hof“ des Neuen Museums zu bewundern. Man sollte sie sich allein zu Ehren der damals von den Nazis verfemten Künstler anschauen. Zwei Werke möchte ich näher vorstellen.

Das obere Foto zeigt ein Fragment der Skulptur „Schwangere“ von Emy Roeder aus dem Jahr 1918. Die ursprüngliche Höhe betrug 80 cm. 1920 erhielt sie hierfür den Preis der Preußischen Akademie der Künste. Das Werk aus Terrakotta wurde 1937 in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe von den Nazis beschlagnahmt. Emy Roeder nahm 1955 an der ersten „documenta“ in Kassel teil.

„Die stilisierte Halbfigur der ‚Schwangeren‘ kann als eine der eindrucksvollsten expressionis-tischen Frauendarstellungen in der Bildhauerei gelten. Das Besondere ist, dass sie von einer Frau geschaffen wurde. Die junge Künstlerin mag dabei ihre eigene Lebenssituation in der Partnerschaft mit Herbert Garbe thematisiert haben. Über einem vasenartig gestalteten Körper ragt das ernste, schmale Gesicht mit den riesigen Augen auf. Ein Tuch umfängt den Kopf und bestärkt den madonnenhaften Eindruck der Gestalt.“ (aus dem Ausstellungstext).

Marg Moll, "Tänzerin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Marg Moll, "Tänzerin", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das zweite Werk besteht aus Messing und ist die „Tänzerin“ von Marg Moll, um 1930 entstanden.

„Durch ihren Aufenthalt in Paris 1928 lernte Marg Moll die neuesten kubistischen Entwicklungen in der Bildhauerei kennen. Es gab Kontakte zu Alexander Archipenko, Constantin Brancusi und Ossip Zadkine. Anschließend gestaltete Moll Plastiken in stilisierten Formen mit Art Déco-Anklängen, die häufig in glänzendem Messing ausgeführt wurden; dazu gehört die Tänzerin. Die um 1930 entstandenen Skulpturen können als der Höhepunkt ihres Werkes eingeschätzt werden.“ (aus dem Ausstellungstext).

1941 wurde die Skulptur im Spielfilm „Venus vor Gericht“ als Ausstattungsstück verwendet, um eine Kunsthandlung mit „entarteter“ Kunst zu charakterisieren.

Die beiden Werke von Roeder und Moll wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München (1937) und Berlin (ab 1938) gezeigt und galten bisher als verschollen. Neun weitere Skulpturen, mit ähnlicher Geschichte, sind bei den Ausgrabungen gefunden worden und in der Sonderausstellung zu sehen. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie wurde und wird noch immer kontrovers diskutiert, aber allein diese Fundstücke haben ihm schon einen Sinn gegeben.

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