Journal

Berichte aus Berlin zu Photographie und Kunst

Always The Sun

How many times have you woken up and prayed for the rain?/ How many times have you seen the papers apportion the blame?/ Who gets to say?/ Who gets to work and who gets to play?/ I was always told at school, everybody should get the same.

"Always The Sun", Foto © Friedhelm Denkeler 2010

„Always The Sun“, Foto © Friedhelm Denkeler 2010

Passend zu dem heutigen prächtigen Sonnenschein-Tag habe ich den herrlichen Song „Always The Sun“ der „Stranglers“ aus dem Jahr 1986 herausgesucht. Er stammt aus dem Album „Dreamtime“.

1974 schlossen sich drei Musiker im englischen Guildford zunächst als „Guildford Stranglers“ zusammen, bekannt wurden sie dann aber unter dem Namen „The Stranglers“.

Die „Würger“ machten ihrem Namen alle Ehre: Sie prügelten sich mit Journalisten, landeten auch schon mal im Gefängnis und provozierten mit ihren sexistischen Liedtexten in einer „seltsamen Mischung aus Pessimismus und Romantizismus“ („New Musical Express“).

Mit ihrem Debütalbum „Rattus Norvegicus“ machten sie die Ratte zum Punksymbol und ihren größten Hit hatten sie 1981 mit „Golden Brown“ aus dem Album „La Folie“. In viele Songs habe ich heute noch einmal hinein gehört, aber „Always The Sun“ ist und bleibt ihr schönster: „There’s always the sun. Always, always, always the sun“. Das Video finden Sie hier:

The Stranglers:
„Always The Sun“
.

Für die sofortige Freilassung von Ai Weiwei – China setzt ein weiteres Zeichen gegen die Meinungsfreiheit

"Ai Weiweis Template", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

"Ai Weiweis Template", Foto © Friedhelm Denkeler 2007

Von dem chinesischen Künstler Ai Weiwei fehlt seit einer Woche jede Spur

China setzt ein weiteres provokantes Zeichen gegen die Meinungsfreiheit: Von dem weltweit bekannten chinesischen Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei gibt es, nachdem er auf dem Flughafen in Peking am vorigen Sonntag festgenommen wurde, kein Lebenszeichen mehr. Kurz zuvor erst hatte Außenminister Westerwelle die große deutsche Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking eröffnet. Sein Besuch stand also ganz im Zeichen der Kunst und wurde bereits im Vorfeld kontrovers diskutiert. Die chinesische Regierung reichte heute den Grund der Verhaftung nach: Ai Weiwei soll „Wirtschaftsverbrechen“ begannen haben. Das erinnert stark an den Fall „Michail Chodorkowski“ in Russland.

Die Arbeiten des 53-jährigen Ai Weiwei habe ich erstmals auf der „documenta 12“ im August 2007 in Kassel kennengelernt. Dort hatte er eine acht Meter hohe Holzskulptur aus einzelnen, übereinander gestapelten alten chinesischen Holztüren ausgestellt, wobei die dazu gehörenden Häuser dem chinesischen Bauboom zum Opfer fielen. Dieses sogenannte Tor „Template“ vor dem Kasseler Aue-Pavillon wurde kurz vor unserem Besuch von einem Sturm zerstört (siehe mein Foto). Ai Weiwei nahm das relativ gelassen: Sein Werk sei nach dem Zusammenbruch schöner als zuvor, sagte er. Das Werk vor der Zerstörung finden Sie hier.

„Ich empfinde es als eine Brüskierung aller, die an der Ausstellung beteiligt sind – auch des Außenministers. Es drängt sich der Eindruck auf, dass man die Eröffnung der Schau abgewartet hat, um dann eine von langer Hand vorbereitete Aktion zu starten. Vielleicht würden wir es anders wahrnehmen, wenn es in sechs oder zehn Wochen passiert wäre. Dass es passiert ist, während wir buchstäblich auf der Rollbahn standen, das ist besonders frustrierend“, so Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. Er sollte, finde ich, seinen Worten auch Taten folgen lassen und die Berliner Leihgaben für die Pekinger Schau sofort zurückziehen. „Wandel durch Annäherung“ ist ein schönes Schlagwort, aber manchmal ist eine Kritik mit Konsequenzen wirkungsvoller. Wirtschaftsbeziehungen hin oder her!

Am Donnerstag startete der Ex-Präsident des BDI Hans-Olaf Henkel eine Initiative, in der er Vertreter der Wirtschaft und Politik aufruft, sich für Ai Weiweis Freilassung einzusetzen. Ob Ai Weiwei seine geplante Ausstellung in Berlin am 29. April eröffnen kann, ist allerdings fraglich. Wegen seines politischen und gesellschaftlichen Engagements hatte er schon öfter unter Repressalien durch die chinesischen Behörden zu leiden. Am Brandenburger Tor in Berlin fand heute eine Kundgebung für die sofortige Freilassung von Ai Weiwei statt.

Monday Morning Feels So Bad

Friday On My Mind – The Easybeats 1967 im Jaguar-Club, Herford

Monday morning feels so bad /Everybody seems to nag me /Come on Tuesday I feel better/ Even my old man looks good / Wednesday just won’t go / Thursday goes too slow /I’ve got Friday on my mind
"Die Easybeats im Jaguarclub", Foto © Friedhelm Denkeler 1967

„Die Easybeats im Jaguarclub“, Foto © Friedhelm Denkeler 1967

„Monday Morning Feels So Bad“ habe ich an einem Montag im Jahre 1967 auf dem Weg zur Arbeit sicher auch gedacht. Aber bis zum Samstag, den 8. April 1967 war es ja nicht mehr weit. Und an diesem Tag spielten in der Scala des „Jaguar-Club“ in Herford die „Easybeats“. Von 1966 bis 1970 war dieser Club der bekannteste Beat-Club in Ost-Westfalen. Das wird aber eine eigene Geschichte werden.

Die Bandmitglieder der „Easybeats“ kamen aus Australien und entstammten Familien, die aus Europa nach Australien auswanderten. 1965 wurden sie Australiens erfolgreichste Popband. 1966 zogen sie nach England und hatten 1967 mit „Friday On My Mind“ ihren größten Hit.

In Deutschland kam der Song im Januar 1967 unter die Top Ten. Die „Easybeats“ lösten sich bereits 1969 wieder auf. Von Gary Moore, der im letzten Monat gestorben ist (siehe hier), wurde der Song später gecovert. Auch dieses Video habe ich herausgesucht: Gary Moore: „Friday On My Mind“. Entscheiden Sie selbst, wer den Song am besten interpretiert.

Der Frühling ist ausgebrochen …

"Der Frühling ist ausgebrochen …", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Der Frühling ist ausgebrochen …", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das neue Kunstquartier und die Katzen an der Heidestraße

An diesem Sonntag, dem ersten „echten“ Frühlingstag 2011, haben wir uns das „Entwicklungsgebiet Heidestraße“ einmal genauer angesehen. Das Gebiet war jahrzehntelang ein Niemandsland zwischen Ost und West. Heute liegt es zentral direkt am Hauptbahnhof und an der Dependance der Neuen Nationalgalerie, dem „Hamburger Bahnhof“.

Nach dem Besuch der aktuellen Ausstellung „Berlin Circle“ von Richard Long (demnächst mehr) im Hamburger Bahnhof, stand der Besuch des neuen Kunstquartiers an. Die dort ansässigen Galerien hatten am Sonntag natürlich alle geschlossen. Dadurch war es menschenleer, also fotografisch günstig und ich konnte in aller Ruhe z.B. die Hamburger „Oberhafen-Kantine“ (demnächst mehr) und die nach wie vor pittoreske Gegend fotografieren. Auf dem ehemaligen Bahngelände hat das Cats-Musical-Theater vorrübergehend seine „Zelte aufgeschlagen“ (siehe Foto).

Sommerzeit

"Volkspark Potsdam (BUGA-Park)", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2002

"Volkspark Potsdam (BUGA-Park)", aus "Sonntagsbilder", Foto © Friedhelm Denkeler 2002

Auf die Funkuhren ist Verlass – alle Uhren waren heute Morgen eine Stunde im Plus. Zum Ausgleich dafür war mein Thermometer im Minus-Bereich. Also Winter-Temperaturen zur Sommerzeit. Nimmt man den Frühlingsanfang vom letzten Montag hinzu, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Sommer irgendwann kommen.

Die jetzige Regelung mit der Sommer-/Winterzeit gibt es seit 1980. Laut Studien passieren am Montagmorgen nach der Zeitumstellung mehr Verkehrsunfälle als an einem normalen Montag. Deshalb werde ich morgen früh auf den Brandenburger Landstraßen besonders vorsichtig fahren, also nicht schneller als die Polizei erlaubt.

Das Photo stammt aus meinem Portfolio „Sonntagsbilder“. Die gesamte Serie besteht aus 115 Photographien. Sie sind zwischen 2002 und 2005 entstanden. Die Bilder sind auch als gedrucktes Autorenbuch mit 124 Seiten im Format 21 x 21 cm erschienen. Eine Auswahl von 25 Photos finden Sie auf meiner Website www.denkeler-foto.de.

Der Mann mit dem Schlapphut

"Der Mann mit dem Schlapphut", Archiv © Friedhelm Denkeler 1952

"Der Mann mit dem Schlapphut", Archiv © Friedhelm Denkeler 1952

Hermann Schmidt und sein Opel Kadett

Nein, dies ist kein Standfoto aus einem alten Hitchcock-Film, sondern mein vermutlich erstes Foto. 1952 entstanden, zeigt es die Hauptdarsteller Wilhelmine „Mimi“ Schmidt und Heinrich „Heini“ Meinert. Am Steuer eines Vorkriegsmodells des Opel Kadett sehen wir Hermann Schmidt. „Mecki“ befindet sich als Talisman  am Rückspiegel. Wie Sie sehen, gab es bereits damals Product Placement.

Das Kraftfahrzeug stellte die Firma Opel aus Rüsselsheim als Dauerleihgabe zur Verfügung. Drei weitere Standbilder dieser Szene blieben gleichfalls erhalten. Ebenso die 6×9 cm-Negative, die ich in diesen Tagen eingescannt habe. Das Kameramodell ist leider nicht überliefert. Die Außenaufnahmen entstanden in Twiehausen Nr. 37 in Westfalen.

The Apparatjik Light Space Modulator

Eine Mischung zwischen Kunst und Popmusik –

Schattenspiele in der Neuen Nationalgalerie Berlin

"Selbst im Apparatjik Light Space Modulator", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Selbst im Apparatjik Light Space Modulator", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Zwei Wochen lang ist in der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie ein – ja was denn, ein Kunstwerk, eine Installation mit Videos oder eine Musikperformance? – der Künstlergruppe Apparatjik zu sehen. Sie besteht aus vier Musikern: Guy Berryman (London) aus der Band „Coldplay“, Jonas Bjerre (Kopenhagen), Sänger der dänischen Indie-Rocker „Mew“, Magne Furuholmen (Oslo), Keyborder von „a-ha“ und Martin Terefe (London).

„Apparatjik versteht sich als experimentelle Plattform und kooperiert mit einem Pool von Künstlern, Medien-Technikern, Designern, aber auch Wissenschaftlern wie dem Astrophysiker Max Tegmark oder der Kunstwissenschaftlerin Ute Bauer (MIT, Cambridge, USA)“, so der Text der Einladung. Während dieser zwei Wochen gibt die Künstlergruppe 3 Konzerte in der Nationalgalerie. Das dürfte sicher spannender werden als meine Besichtigung des weißen Kubus am Samstagmittag.

Der Kubus steht in der Mitte der ansonsten leeren, oberen Halle der Nationalgalerie und ist mit milchiger Folie überspannt. Um den Kubus herum sind auf dem Boden Spiegel ausgelegt. So hat man herrliche Blicke kreuz und quer durch die Halle (siehe Foto). Auf die Folie werden von innen heraus diverse abstrakte, farbige Bilder projiziert. Besonders in der Dämmerung dürfte dies gut aussehen, denn die Projektionen strahlen durch den Mies van der Rohe-Bau bis in den Stadtraum hinein.

„Die Aufführungen knüpfen in ihrer medialen und performativen Ausrichtung an die visuellen Experimente von László Moholy-Nagy an, der wie Mies van der Rohe, dem Architekten der Neuen Nationalgalerie, am Bauhaus lehrte … Apparatjik bezieht sich damit konkret auf den elektrisch bewegten ‚Licht-Raum-Modulator‘, den Moholy-Nagy im Jahr 1930 geschaffen hatte“, so der Pressetext.

Das Werk ist noch bis zum 25. März 2011 zu sehen. Kleine Filme zum Projekt habe ich hier und hier, sowie ein Interview mit Magne Furuholmen hier entdeckt.  Die beiden nächsten Konzerte finden am 26. Und 27. März 2011 für 29 Euro statt. Das „Light-Space Modulator Mobile“ von Laszlo Moholy-Nagy können Sie hier in Bewegung sehen.

… Harrisburg … Tschernobyl … Fukushima …

"Atomkraft? Nein, danke", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Atomkraft? Nein, danke", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Die Risiken der Atomenergie sind nicht beherrschbar

Während des Autofahrens hörte ich heute im Radio, dass deutsche Atomkraftwerke nicht versichert sind. Warum? Den Versicherungsgesellschaften ist das Risiko zu groß (sic!). Eigentlich gibt es dazu nichts Weiteres zu sagen. Gut, sie sind mit 2,5 Millionen Euro versichert. Für Bagatellunfälle mag das reichen, aber ein GAU würde vielleicht 1000 Milliarden Euro Kosten.

Allein die Laufzeitverlängerung „unserer“ Regierung beschert den Betreibern zusätzliche Gewinne von 119 Milliarden Euro. Müssten die AKW-Betreiber wie jeder Hundebesitzer und jeder Autofahrer eine ausreichende Haftpflichtversicherung abschließen, könnte kein Mensch den Atomstrom bezahlen. Das Problem hätte sich von allein gelöst. Fazit: Die Risiken der Atomenergie mit ihrem unschätzbaren Schadenspotenzial sind nicht beherrschbar. Atomkraft! Nein danke.

Das Paradies liegt im Baumarkt und die Apokalypse bereits hinter uns

„I (don’t) like Mondays“ bei Agathe Snows „All Access World“
im Deutschen Guggenheim (bis zum 30. März 2011)

"Doppelbogen mit Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

"Doppelbogen mit Brandenburger Tor", Foto © Friedhelm Denkeler 2011

Das Deutsche Guggenheim in Berlin hat seit 1997 insgesamt 16 Auftrags-Arbeiten an zeitgenössische Künstler vergeben. Jeff Koons (2000), Bill Viola (2002), Gerhard Richter (2002), John Baldessari (2004), Jeff Wall (2007) und jetzt die New Yorkerin Agathe Snow gehören zu den Auserwählten. Unter dem Motto „I Like Mondays“ ist im Guggenheim jeweils montags der Eintritt frei. Da die Ausstellungen dann meistens sehr voll sind, mag ich das nicht so sehr, aber dieses Mal, bei Agathe Snows „All Access World“ ist das anders. Die Ausstellung kommt durch die zahlreichen Besucher erst so richtig zur Wirkung und lebt auf.

Während der monatelangen Vorbereitung dürfte Snow Stammkundin in den Berliner Baumärkten geworden sein. Ihre Skulpturen und Wandcollagen von Bauwerken und Konsumtempeln aus der ganzen Welt hat sie aus unterschiedlichsten Materialien, wie Pappe, Schaumgummi, Luftpolster, Maschendraht, Zweigen, Stoffen und Fellen, Harz oder Zement zusammengebaut.

Für Käufer bietet Snow ihre Werke nach deren Wünschen auch als individuelle Sonderanfertigung an. Wobei die Frage zu klären wäre, ob die in ihren Werken als Kritik angerissene Frage nach der Beliebigkeit und Austauschbarkeit von weltbekannten Bauwerken, nicht dadurch ad absurdum geführt wird. In der Ausstellung selber können Besucher die Objekte, die mit Rollen versehen auf einer Weltkarte stehen, einander neu zuordnen und anfassen. Snow hat den kühlen Raum im Deutschen Guggenheim in ein „Kinderzimmer“ verwandelt. Kinder nehmen das schon einmal zu wörtlich und das Aufsichtspersonal ist stark gefordert.

Die aus Korsika stammende Agathe Snow sieht in ihrer Arbeit die Chance, bei Null anzufangen und ihre eigene Gesellschaft zu schaffen. Ihre Botschaft lautet, wir brauchen die Apokalypse nicht zu fürchten, sie hat bereits stattgefunden. Sortieren wir also die Welt nach eigenem Belieben neu.

Mein Foto zeigt einen Ausschnitt aus Agathe Snows Werk „Arches, Memories Collection, Artist at 10“. Auf Berlin-Woman finden Sie eine weitere Ausstellungsbesprechung. Einen Film (16 min.) mit einem Porträt der Künstlerin Agathe Snow und das Entstehen ihrer Arbeit „All Access World“ finden sie hier.

Kompass – Zeichnungen aus dem MoMA New York

Eine Bestandsaufnahme der „Arbeiten auf Papier“ aus dem Museum of Modern Art im Martin-Gropius-Bau, Berlin

"Akt auf Papier", Foto © Friedhelm Denkeler 1982

"Akt auf Papier", Foto © Friedhelm Denkeler 1982

Ein wenig skeptisch bin ich zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend in den Martin-Gropius-Bau gegangen. Wollen die Kuratoren wie bereits im Sommer 2004 mit dem Etikett „MoMA“ einen erneuten Hype entfachen? Die Online-Eintrittskarten sollen für die ersten Tage schon ausverkauft sein. All das alles ließ Schlimmstes für die Vernissage vermuten: lange Schlangen mit ewigen Wartezeiten wie bei Frieda Kahlo.

Aber alles war, wie es sein sollte: Eine rundum gelungene Eröffnung mit fünf kurzen, prägnanten Ansprachen, darunter der amerikanische Botschafter und Kuratoren aus New York, ein angenehm fachkundiges Publikum und – das ist schließlich das Wichtigste – eine sehr gute Ausstellung mit 250 „Arbeiten auf Papier“ von 120 Künstlern aus dem Fundus der „Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection“, die mittlerweile dem Museum of Modern Art gehört. Die Nadel des „Kompass“ zeigt zwar hauptsächlich gen Westen – New York, Los Angeles, Köln und Düsseldorf sind die Zentren aus denen die meisten Werke stammen – aber man erhält einen sehr guten Überblick über die „Arbeiten auf dem Papier“ nach der Zeit des Kubismus, von 1950 bis heute.

Was wir zu sehen bekommen, hat die Märkische Allgemeine sehr gut zusammengefasst: „… mit Bleistift Gekritzeltes von Joseph Beuys, Zeichnungen aus dem Museum of Modern Art Collagiertes von Martin Kippenberger, Foto- und Papiergeschnetzeltes von Sol LeWitt oder Eva Rothschild. Für seinen ‚Honigstand‘ benutzte Jörg Immendorff Filzstift und Kugelschreiber. Cy Twombly tropfte 2001 Polymerfarben auf ein ungetiteltes Blatt, Sigmar Polke 2003 ebenfalls, nur gegenständlicher. Cady Noland bevorzugte Kopien von Pressebildern. Robert Crumb pinselte ‚The Complete Fritz the Cat‘ mit Tusche. David Hockney fand Grafit für nackte Männer passender. Marcel Odenbach klebte grünstichige Starporträts von Elvis Presley, James Dean oder Marilyn Monroe mit Noten- und Zeitungsfetzen zu einem Birkenwald zusammen und nannte das Ergebnis ‚Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen‘.“

Hat es jemals eine Ausstellung mit solcher Fülle an zeitgenössischen Zeichnungen gegeben? Ich kann mich nicht erinnern. Früher galt die Zeichnung eher als Vorstadium für Gemälde, Skulpturen oder Bauwerke. Inzwischen wird sie als eigenständige Bildgattung anerkannt und geschätzt. Dabei wird der Begriff „Zeichnung“ zu einengend benutzt. Alle Formen der Collage-Technik, bedruckte Elemente, Fotografien und Materialien werden mit einbezogen. Die Grundlage allein ist der Bildträger Papier, deshalb sprechen wir lieber von „Arbeiten auf Papier“.

Fazit: Eine sehr sehenswerte Ausstellung. Voller Esprit und mit bisher nie gesehenen Arbeiten. Deshalb plane ich einen zweiten Besuch und werde dann gerne auf einzelne Werke, bzw. Künstler, die mir besonders gut gefallen haben, eingehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 29. Mai 2011 im Berliner Martin-Gropius-Bau. Einen kleinen Überblick mit 16 Zeichnungen finden Sie hier.

Robert Mapplethorpe und der Mann im Polyesteranzug

Patti Smith: „Ich war Roberts erstes Modell, sein zweites war er selbst!“

Die C|O-Galerie kann bis Ende 2011 im Postfuhramt bleiben.

Retrospektive Robert Mapplethorpe bis zum 1. Mai 2001 verlängert.

Foto © Friedhelm Denkeler 2005

Foto © Friedhelm Denkeler 2005

„Streng sezierend, radikal reduziert – Robert Mapplethorpes Stillleben und Porträts sind ruhige, formal vollendete Kompositionen in klinischer Reinheit. Bewegungen harmonieren bis ins Detail, makellose Körper werden zu Landschaften und explizit sexuelle Handlungen und Nacktheit zu kühlen, fast unerotischen Körperstudien, bei denen die technische Perfektion im Vordergrund steht. Diese auf die Spitze getriebene Ästhetisierung nimmt dem Inhalt seine Schärfe. Sie isoliert und öffnet den Blick auf das Wesentliche. Genau diese Konzentration und Sachlichkeit verleihen seinen Fotografien noch heute eine Aktualität.“

So kündigte die C/O-Galerie die retrospektive Mapplethorpe-Ausstellung an. Eigentlich ist zu Robert Mapplethorpe (1946 bis 1989) alles gesagt worden. Deshalb habe ich hier nur einige Links zu seinen Bildern Selbstporträt mit einem Knaufstock mit silbernen Totenkopf, Mapplethorpes berühmtes Foto „Der Mann im Polyesteranzug“ und Patti Smith und Robert Mapplethorpe in jungen Jahren, gesetzt. In der Ausstellung ist den Portraits von Patti Smith ein eigener Raum gewidmet.

Patti, die zuerst Roberts Geliebte und nach seinem Coming-Out seine Freundin wurde, ist mit dem großartigen und, wie ich finde, ihrem schönstem Portrait zu sehen: Patti mit Anzugsjacke. Dieses Foto ist gleichzeitig auch das Cover-Bild ihrer LP „Horses“ aus dem Jahr 1975. Auch das Foto Patti mit zwei weißen Tauben, das dann das Cover der LP „Waves“ (1979) zierte, ist ausgestellt. Ein weiteres Portrait von Mapplethorpe zeigt Patti auf ihrer LP „Dream Of Life“ (1988).

Die C/O-Galerie sollte ursprünglich die Räume im denkmalgeschützten Postfuhramt zum 31. März 2011 verlassen. Jetzt konnte sie mit dem Investor, einer Immobilien-Entwicklungsgesellschaft (siehe hier), erreichen, das noch bis mindestens zum Ende diesen Jahres der Ausstellungsbetrieb weitergehen kann. Vier weitere Ausstellungen, unter anderem von Fritz Eschen „Berlin unterm Notdach – Fotografien 1945 bis 1955“ (7. Mai bis 19. Juni 2011), können zum Glück noch gezeigt werden.

Monatsarchiv